Unsere Empfehlungen

Hier stellen wir Ihnen unsere aktuellen Lieblingsbücher vor! Und in unserer Buchhandlung finden Sie die Lesetipps auf allen Büchern, die eine Banderole tragen.

Müllmann auf Schafott
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Müllmann auf Schafott Abdel Hafed Benotman

gebunden

Bissig, krass, hellsichtig, kritisch, unschön, tragisch, witzig…

…ist dieser autobiographische Roman, der direkt den Gedärmen der neueren französischen Geschichte zu entspringen scheint, dessen Kontexte (u.a. Immigration/Emigration, Algerien-Krieg) auch auf andere Kulturen projizierbar ist, gestern wie heute. Mit mal makabrem, mal leichtem Witz wird hier die Geschichte von Menschen fern ihrer Heimat erzählt, die sich eine Heimat in sich erst erschaffen müssen, scheitern, es wieder versuchen – ein Perpetuum mobile.

Eine maghrebinische Familie mit einer Palette an typischen Problemen, die jedoch nicht beschränkt zu werden brauchen auf diesen Typus, diese Nationalität, diese Geographie: Der tyrannische Vater, der seiner im Heimatland verbleibenden Sippe Erfolg vorgaukelt; die Mutter - Analphabetin, die in der soziokulturellen Isolation von Paris in Geistesgestörtheit abgleitet und ihre Kinder misshandelt; die Gewalt innerhalb der Familie – stets von oben nach unten in der patriarchalen Hierarchie; vier sehr ungleiche Kinder, die sich von ihren Fesseln freistrampeln wollen – und scheitern, jeder auf seine Art; religiöser Wahn und barbarische Glaubensakte wie die (oft im privaten Rahmen dilettantisch durchgeführte) Beschneidung, die auch in der Seele tiefe Wunden hinterlassen; Moral und Ehre; Freundschaft und Akzeptanz; Gewalt und Macht.

Dass diese außerordentliche Geschichte nicht nur der Phantasie eines begnadeten Autors entsprungen ist, sondern schlicht dessen Leben erzählt, macht sie noch bewegender. Bis zu seinem Tod 2015 engagierte sich Benotman für soziale Gerechtigkeit und gegen Rassismus, setzte sich kritisch mit dem Konzept der Freiheitsberaubung als Strafform auseinander.

zum Produkt € 22,00*

Drei Wünsche
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Drei Wünsche Laura Karasek

gebunden

Laura Karaseks Beobachtungsgabe ist geradezu unheimlich. Zudem weiß sie ihre Eindrücke auch noch auf eine Art und Weise zu Papier zu bringen, dass sie direkt ins Herz treffen.

Eine wundersame, weise, bezaubernde, aufwühlende, weltverändernde, beglückende Lektüre, in der sich alle Frauen zwischen 15 und 100 wiederfinden können – zumindest ein Stück hier, ein Abschnitt da, von dem jede sagen kann: oh, das handelt ja von MIR!

Eindeutig mein Buch des Jahres: Es bringt uns zum Weinen und lässt uns immer wieder bis auf den Grund der Seele blicken wie in einen beschlagenen Badspiegel – mal klar und deutlich, mal diffus und verstörend. Auf jeden Fall ist der Anblick nicht immer ein angenehmer, wie ich feststellen musste, als ich ganze Passagen aus meinem Leben auf den Seiten dieses Buchs wiederfand. Es kann beschämend und läuternd werden, denn die Autorin ist schonungslos in ihrer Luzidität. Zugleich spendet sie großzügig Lichtblicke und Lösungsoptionen, die man indivuell für sich herauslesen kann. Ich habe selten ein wandelbareres Buch in Händen gehabt. So, wie jede Lektüre einmalige Universen in unserer Vorstellung zu erzeugen vermag, geht dieses hier sogar noch ein Stück weiter.

Dieser Roman macht sich für die Frau stark, ohne didaktisch mit dem moralischen Zeigefinger zu wedeln. Er regt zum Nachdenken ein, schenkt wundervolle Momente der Einsicht, schreit bei wunden Themen auf wie Missbrauch, Rollenzwang, Ausgrenzung.
Stilistisch ein Hochgenuss (der Apfel fällt tatsächlich nicht weit vom Stamm, Herr Karasek), oftmals gekonnt und fast schon delphinhaft verspielt mit der prägnanten Sprache jonglierend, selbstvergessen und mitreißend. Und er tut weh, denn er rüttelt an einem, reißt einem die Augen auf. Die Themen, die hier im Crescendo erklingen, sind Abgründe und lichte Höhen zwischenmenschlicher Beziehungen, Sterben und Verlieren, Trauer und Stärke, Mutter werden und es nicht sein können, Macht und Sex, Gefühle und Väter, Männer und Mütter. In erster Linie geht es hier um: Liebe.

Überzeugende Protagonist*innen, in deren Haut man bisweilen schon steckt, ehe der Sinn des Gelesenen überhaupt eingesickert ist. Die Narration, die Verknüpfungen und Begegnungen sind nachvollziehbar, und dennoch meisterhaft in ihrer Schlichtheit.

Ich empfehle es allen, wirklich ALLEN. Lesen Sie es, schenken Sie es, lassen Sie sich davon verzaubern! Nicht nur für Frauen ;)

zum Produkt € 20,00*

Sie hat Bock
empfohlen von:

Désirée Westphal

Désirée Westphal

Sie hat Bock Katja Lewina

gebunden

Brauchen wir noch ein Buch über Sexualität? Oder, besser gesagt, weibliche Sexualität?
Darüber wurde doch schon alles geschrieben, was wir wissen müssen, richtig?
FALSCH!

Katja Lewina zeigt in 27 Kapiteln, welche Mythen und Klischees unsere Sexualität bis heute prägen und definieren. Wie sexistisch ist unser Sex?

Selbstironisch, persönlich und direkt schreibt sie über das Untenrum, fremdbestimmtes Begehren, Körperbehaarung und andere verquere Schönheitsideale, schaut tief in die Schubladen, die wir alle im Kopf haben – und reißt sie heraus.

Es ist ein gnadenlos ehrliches, hautnahes, unglaublich wichtiges Buch, das Pflichtlektüre für jede*n sein sollte.

Es ist ein Buch, das Augen öffnen, Horizonte erweitern und Leben verändern wird.

Kauft es. Lest es. Verschenkt es. Und, ganz wichtig: Sprecht darüber! Nur so können die Tabus endlich gebrochen werden!

zum Produkt € 20,00*

Dunkelgrün fast schwarz
empfohlen von:

Désirée Westphal

Désirée Westphal

Dunkelgrün fast schwarz Mareike Fallwickl

kartoniert

Endlich im Taschenbuch!

Nach sechzehn Jahren Funkstille steht Raffael eines Abends vor der Tür von Moritz. Sie waren einmal beste Freunde – doch was ist passiert?
Stück für Stück schildert Mareike Fallwickl die Geschichte einer zerstörerischen Freundschaft, lässt ihre Protagonisten Schicht für Schicht ihr Schutzschild ablegen, stellt sie bloß, - facettenreich, unverblümt und dennoch kraftvoll, direkt und poetisch zugleich.
Einmal begonnen, wird man sofort hineingesogen in diesen Tornado aus Einsamkeit und Verbundenheit, Licht und Schatten, Angriff und Abwehr, der einen Nächte durchwachen lässt, bis man nur noch fünf Seiten vor sich hat, die man langsam, fast ehrfürchtig umblättert – einerseits, um zu wissen, wie die Geschichte ausgeht, andererseits auch nicht – denn dann ist das Buch zu Ende.

Selten hat mich ein Buch so gefesselt, vereinnahmt und beeindruckt. Es ist ein Buch, das man nicht nur einmal liest, ein Buch, das lange nachwirkt.

Absolute Leseempfehlung!

zum Produkt € 12,00*

Der Wal und das Ende der Welt
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Der Wal und das Ende der Welt John Ironmonger

kartoniert

"Wer dieses Buch liest, wird die nächste Katastrophe überleben."

Diesen Satz hatte ich meiner Empfehlung bereits im letzten Jahr vorangestellt. Nun möchte - muss - ich erneut auf diesen wichtigen, hellsichtigen und gerade in der jetzigen Zeit so brandaktuellen Roman hinweisen. Lesen Sie dieses Buch, es wird Ihnen in Corona-Zeiten lichte Augenblicke bescheren.

Hinter diesem schmucken Umschlag verbirgt sich ein verblüffendes, zutiefst menschliches, aufwühlendes Buch, das uns Botschaften von immenser Dringlichkeit ans Herz legt.
Das apokalyptische, stringent aktuelle und greifbare Szenario ist Grund und Hintergrund für eine Hymne auf die Menschlichkeit. Als meisterhaft und spannend verfasstes Überlebens-Tool demonstriert der Roman, wie viel Gutes in jedem von uns steckt – und wird hiermit zu einem potenten Hoffnungsmacher.

Das ganze Buch ist sehr dicht und assoziativ, es bieten sich einem immer wieder neue Interpretationsebenen. So werden mythische und biblische Personen als moderne Äquivalente ins Spiel gebracht: Joe wird von einem Wal gerettet, « Cassandra » heißt der Algorithmus, der Modelle von den Abhängigkeiten der Welt erstellt, um die Kursbewegungen vorhersagen zu können. Doch dann prognostiziert das ständig wachsende System einen globalen Kollaps…

Dem Buch liegt ein intensives Studium des hobbeschen Gedankens zugrunde : « Jedes Wirtschaftsmodell basiert auf der Annahme, dass menschliche Wesen sich selbstsüchtig verhalten werden. Egoismus ist bloß eine andere Umschreibung für den Überlebensinstinkt, und das ist eine der positivsten Eigenschaften, die wir besitzen."

Ob sich diese Aussage angesichts der globalen Katastrophe bewahrheitet, wird Joe noch herausfinden müssen. Als eine Grippepandemie die Welt bedroht, versucht er, das beschauliche Dorf am äußersten Ende der Welt (Cornwall), dessen liebenswerte, leicht schrullige Bewohner ihn nach seiner sagenhaften « Auferstehung » aufgenommen hatten, zu retten.

Seine Geschichte wird rückblickend als Legende erzählt – was sie erstaunlicherweise in einem noch authentischeren Licht erscheinen lässt.

« Es heißt ja, man brauche drei Dinge für einen gelungenen Roman: eine gute Geschichte, gute Charaktere und einen guten Schreibstil », sagt John Ironmonger, « Aber ich glaube, es gibt noch ein viertes Element: Ich mag Romane, die meinen Horizont erweitern, die mir etwas Tiefgründiges über die Menschheit erzählen und die mich die Welt mit anderen Augen betrachten lassen. »

Diese vier Dinge bietet « Der Wal und das Ende der Welt » ganz eindeutig. Es bietet zudem ein enormes Lesevergnügen und eine Sehnsucht nach neuen Büchern von Ironmonger, sobald Sie mit dem Buch durch sind. Man kann es aber immer und immer wieder lesen.

zum Produkt € 12,00*

Drei Leben lang
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Drei Leben lang Felicitas Korn

gebunden

Lange, nachdem ich die letzte Seite dieses faszinierenden Romans zu Ende gelesen habe, ebenso wie die Danksagungen und sogar die Copyright-Seite, wollte es mich nicht loslassen. Also habe ich noch einmal zu einigen der Schlüsselpassagen zurückgeblättert… und prompt wie-der den Sog der Geschichte verspürt.

Die drei Handlungsstränge sind, anfangs noch lose, bald schon unabwendbar miteinander verwoben. Da zwischen diesen drei Erzählperspektiven und den jeweiligen Protagonisten immer wieder hin und hergewechselt wird, entsteht ein dynamischer Lesefluss, dessen meisterhafter Entwurf u.a. durch das kurze Öffnen von kleinen assoziativen Fenstern auf die andere Ebene fassbar wird. Der aufmerksame Leser wird sich diese Details auf keinen Fall entgehen lassen.

Sprachlich spiegelt der Roman den Denk- und Aktionsradius sowie den geistigen Zustand des jeweiligen Protagonisten wieder. Er bietet ein pulsierendes Milieuportrait, eine lebensechte Studie der Abgründe des Lebens, einen schwachen Lichtschimmer der Hoffnung.

Worum geht es denn genau in diesem literarischen Vulkan, der sich unter dem harmlosen Cover verbirgt? Um vielerlei.

Eines der zentralen Themen, um das das Geschehen rotiert, ist die Sucht. Die Drogen, um das herum die Akteure ihr Leben herumdrapiert haben, um diesem zu entkommen. Die einen in atavistischer Siegerpose, die anderen in der Gosse, die Dritten unterwegs aus dem einen ins andere.

Zwei Kinder verlieren ihre Eltern bei einem Autounfall. Der 14-jährige Michi will sich nicht damit abfinden, dass er durch Adoption von seiner drei Jahre jüngeren Schwester getrennt werden soll, und sucht verzweifelt nach Lösungen.
Ein anderer Held: Loosi, ein Alkoholiker, der die gesamte Drogenpalet-te durchprobiert hat und sich im aussichtslos erscheinenden Kampf um das schiere Überleben jegliche Illusion verbietet. Doch es gibt Begegnungen, die das Schicksal in eine andere Richtung zu lenken vermögen – wenn man die Chance sieht.
Und dann noch King, ein Frankfurter Drogenbaron auf Kollisionskurs mit dem Drogenzar, dem er nicht nur die Macht, sondern auch die Mätresse abspenstig machen will.

Die Schicksale dieser drei völlig unterschiedlicher Menschen verknüpfen sich auf ungeahnte Weise, kommen sich in die Quere und ins Schleudern, beeinflussen sich gegenseitig. Katastrophen garantiert.

Was mich an diesem Roman am stärksten berührt hat, ist die Einfühlungskraft der Autorin in das kosmische und doch sehr private Verlustempfinden der beiden Kinder. In keinem anderen Buch mit ähnlicher Thematik (Tod der Mutter oder des Vaters oder beider) ist die Wucht des Endgültigen, die unartikulierbare Leere und der Sog des Unwiedergutmachbaren so stark, so drastisch, so nachvollziehbar.

zum Produkt € 22,00*

Long Bright River
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Long Bright River Liz Moore

gebunden

Mickey ist Streifenpolizistin. Als in ihrem Stadtteil ein Frauenmörder eine junge Prostituierte nach der anderen tötet, fürchtet sie nahezu obsessiv, es könne sich um ihre jüngere Schwester Kacey handeln, mit der sie als Kind symbiotisch verbunden gewesen war. Doch Kacey bleibt verschollen.

Diese geschickt als Kriminalroman getarnte emotionale Studie einer dysfunktionierenden Familie packt einen gleich an mehreren Nervenenden. Sie ist zudem ein meisterhaftes und erschütterndes Portrait einer Gesellschaft in der Krise, eine Anklageschrift gegen die Allmacht der Sucht.

Der Roman erzählt spannungsvoll und mit immer wieder überraschenden Wendungen eine ewige Geschichte von Entfremdung und Zuneigung, Hoffnung und Aufgeben, Verlust und Neubeginn. Die Menschen im Inneren dieser Geschichte stehen lebendig und einzigartig vor uns. Die psychoemotionalen Innenwelten dieser überaus plastisch gezeichneten Protagonisten sind fesselnd bis faszinierend, die Dialoge lebendig, die Handlungsstränge intelligent verwoben.

Vor der expressiven Kulisse Kensingtons, jenes Stadtteils Philadelphias, der als Staat der Drogenabhängigen im Staat der Sucht und der Prostitution existiert, wird eine ergreifende Geschichte zweier Schwestern erzählt. Die Frage nach der richtigen Seite der Moral ist nur eine von vielen existenziellen Fragen, die dieses lesenswerte Buch stellt.

zum Produkt € 24,00*

Milena
empfohlen von:

Désirée Westphal

Désirée Westphal

Milena Jorge Zepeda Patterson

gebunden

Ihr Geburtsname ist Alka.
Ihre Entführer nennen sie „Vaca Fina“ – Edelkuh.
Ihr Bordellbesitzer tauft sie Milena.
Sie wird zum Zerrbild männlicher Obsessionen – nur die Flucht in die Literatur bewahrt sie davor, zu zerbrechen.
Als ihr schließlich die Flucht gelingt, wird einem erst die Tragweite ihres zerstörten Lebens klar: Wie verhält man sich, wenn man noch nie mit Leuten zu Abend gegessen hat, die sich einfach mit ihr unterhalten möchten? Die nichts von ihr erwarten, was mit Sex oder Schlimmerem zu tun hat?
Wie genau soll ihr Leben „danach“ aussehen?

Schnörkellos und eindringlich verwebt der preisgekrönte Autor den globalen Menschenhandel mit dem Schicksal einer jungen Kroatin und einer Gruppe von vier Freunden, die ihr aus ganz unterschiedlichen Gründen helfen wollen, zu einem Politthriller, der einen die kompletten 500 Seiten in Atem hält. Mit großer Emotionalität und psychologischer Raffinesse verleiht er diesem komplexen, erschütterndem Thema eine Persönlichkeit, die tief unter die Haut geht: Milenas Geschichte verdient es, gelesen zu werden!

zum Produkt € 24,00*

Bakhita
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Bakhita Véronique Olmi

gebunden

Schon auf den ersten Seiten geht es in diesem herausragenden Roman zur Sache. Das Schicksal eines in die Sklaverei verschleppten und auf alle denkbaren Arten misshandelten Mädchens geht in jedem Augenblick unter die Haut. Zugleich bietet die Autorin Bilder von subtiler Einfachheit und Schönheit.

Es liest sich wie ein Lamentoso und zugleich wie eine Ode an das Leben, mal in murmelndem Singsang, mal sachlich kühl. Der „böse weiße Mann“ braucht (zunächst) gar nicht in Erscheinung zu treten, denn was es an Unaussprechbarem gibt, das man anderen Menschen antun kann, wird von Landsleuten, oft von Stammesbrüdern besorgt. Das Potenzial des Bösen, das der Mensch in sich trägt, ist Gräuel genug, doch gibt es in dieser Geschichte keinen Endpunkt; sie wiederholt sich, mit immer neuen Opfern, Sündenböcken, Tätern, Opportunisten.

Gewalt ist im ersten Teil des Romans das treibende Moment: Dörfer werden angezündet, Kinder werden vergewaltigt, entführt, zu Tode geprügelt, verhungernd am Wegesrand liegen gelassen wie Aas – unaussprechlich. Alle werden über hunderte von Kilometern zu den bedeutenden Sklavenmärkten gebracht, wo sie – die Kleinen, die Schönen, die Kräftigen, sofern sie überlebt haben, entweder grausamen Entmannungen unterzogen werden, um als kostbare Eunuchen gehalten zu werden, als Dienerinnen die Capricen der Herren ertragen müssen, als Huren ausgebeutet werden. Entgegen allen romantischen Vorstellungen von hollywoodscher Solidarität unter den Unterdrückten raubt Olmi uns diese Illusion, denn auch unter den Sklaven herrscht Missgunst und Misstrauen, alle kämpfen um einen Schluck Luft an der kranken Oberfläche des Systems, wie es damals, Ende der 80er Jahre des 19.Jahrhunderts im Sudan – und zweifelsohne auch anderswo – geherrscht hatte.
Bakhita lernt schnell, dass sie ertragen muss, um zu leben, und dass sie leben will, um sich zu erinnern. Immer wieder erlebt sie herzzerreissende Trennungen, als erste die von der Mutter, dann das Weggerissenwerden von Menschen, die sie lieb gewinnt.

„Liebe ist da, wo Anerkennung, Teilhabe und Kraft sind“, lernt Bakhita für sich. Dieses Leitmotiv begleitet sie auf ihrem großen, unglaublichen Lebensweg. Olmi gewährt uns intime Einblicke, lässt uns mit Bakhitas Augen die Welt erkunden, gibt uns die Möglichkeit, den „naiven Blick“, der jedoch ungeheuerlich viel Hellsicht besitzt, über die modernen Gesellschaften mit ihren Gepflogenheiten, Ängsten, Vorurteilen und ihrer Schuld schweifen zu lassen.
Sie wird in Italien, wohin es sie später verschlagen soll, mit dem Vorurteil gegenüber allem Fremden konfrontiert werden. Mit ihrer dunklen Haut und ihrer tiefen Stimme wird sie von den Dorfbewohnern, später von den Städtern zunächst gefürchtet, später begafft, noch später verehrt. Diesen Prozess des Gewöhnens muss Bakhita immer wieder durchlaufen, doch nie an seinem Ende ankommen.

Bakhita wird ihren eigenen Namen, den ihre Mutter liebevoll geflüstert hat, als sie ihr schönes Haar flocht, erst im Sterben wiederfinden. Sie wird ihre ebenfalls in die Sklaverei entführte Schwester nicht wiedersehen, sie wird Zeit ihres langen Lebens eine Traurigkeit verspüren. Aber sie wird die Liebe, die sie in sich trägt, an Kinder weitergeben. Diese moretta wird hunderte von Kindern prägen und ihnen einen kleinen Sonnenstrahl in das weite Leben mitgeben.

Einfühlsam, sprachgewaltig, prägnant und weise kreiert Olmi ein ganzes Universum, das einen jeden anspricht, ja nicht ungerührt lassen kann.
Ein Buch, das aufwühlt, wachrüttelt, fassungslos macht. Ich empfehle es allen, die nicht gleichgültig gegenüber Unfreiheit, Ungleichheit und Ungerechtigkeit, kurz, dem „universellen Elend“ sind.

PS: Es sei noch gesagt, dass Joséphine Bakhita, die Protagonistin dieses Romans, tatsächlich gelebt hat. Dieses Buch zeichnet und fühlt ihr Leben auf eine authentische und respektvolle Weise nach.

zum Produkt € 25,00*

Verkettung glücklicher Umstände
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Verkettung glücklicher Umstände Sophie Bassignac

kartoniert

So harmlos, wie es aussieht, ist dieses Buch mitnichten.
Subtil und nicht ohne ein vielfaches Augenzwinkern bringt die Autorin Menschen- und Verhaltenstypen zusammen, sorgt für vordergründige Lacheffekte, schafft zugleich aber eine nährstoffreiche Basis für ernste Gedankengänge. Die leicht klischeehaften, aber unerwartet frisch-lebendigen Protagonisten bewegen sich in bekannten und doch Überraschungen bietenden Situationen, aus denen die meisten von ihnen verändert hervorgehen werden.

Die Rahmenhandlung bietet ein Kunstraub in einer Provinzstadt, die, wie es eben üblich ist, eifersüchtig und neidisch nach der Metropole schielt. Das Museumsmilieu mit seinen skurrillen, verrückten, schüchternen, größenwahnsinnigen Künstlern war schon zu allen Zeiten ein dankbares Thema. Und die Kleinstadtatmosphäre ist bis ins kleinste Detail meisterhaft eingefangen.

Eine gescheiterte Beziehung, eine hoffnungslose Liebe, eine hoffnungsvolle, sich anbahnende Liebe : Ohne ins Triviale zu verfallen webt Bassignac kunst- und lustvoll daraus eine luftige Geschichte, deren Lektüre auf wundersame Weise Glückshormone freisetzt.

Im Original lautet der Titel « Höflichkeitsabstand » - das ist jener Abstand, den manche der Protagonisten nicht einzuhalten fähig oder gewillt sind, wohingegen andere sich bewusst isolieren. Denn auch darum geht es hier : Sich auf den anderen einlassen, loslassen, Neues wagen.

zum Produkt € 12,00*

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