Buchhandlung Isarflimmern

Unsere Empfehlungen

Nonna
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Nonna

gebunden

Als erwachsener Mann kehrt der Thomas de Padova ins Dorf seiner Sommererinnerungen und seiner Wurzeln zurück, um einen Dialog mit der Großmutter – seiner nonna – zu beginnen.

Wir begeben uns auf eine gemächlich sich die raue Landschaft Apuliens entlangwindende Reise in die Erinnerungen der alten Frau. Während der Augenblicke des Verweilens in der flimmernden Hitze der adriatischen Helle – plötzlich ein Geheimnis, das weit in der Vergangenheit seinen Ursprung hat. Damals, als die Männer des Südens zu Hunderttausenden ins ferne « Lamerica » aufbrachen, um als Billigst-Arbeitskräfte die Ghettos zu füllen ; und später, als das Wirtschaftswunder-Deutschland mit Arbeit lockte.
Liebevoll erzählt, ein Buch voller Wärme. Unbedingt lesen !

zum Produkt € 18,00*

Ein Ire in Paris
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Ein Ire in Paris

gebunden

Ganz große Literatur. Grandios, einfühlsam, mitreißend.

Ein brillant geschildertes Erleben der Okkupation Frankreichs aus der Sicht des jungen Poeten Samuel Beckett, dessen ohnmächtige Sprachlosigkeit in aktiver Gegenwehr Ausdruck findet. Jahre der Entbehrung und der Angst, die sich später in dessen Werk niederschlagen werden. Aus dem gewagten Versuch, durch die Haut Becketts zu empfinden, entstand ein Meisterwerk.

Obzwar die Figur der Geliebten Becketts bisweilen etwas zu schemenhaft gerät (vielleicht ein Versuch, sich vor ihrer späteren Macht über den Schriftsteller zu ducken), sind die im Buch gezeichneten von einer rouaultschen Intensität.
Der Originaltitel „A country road, a tree“ wäre auch im Deutschen angebracht, denn genau so sieht Becketts Lebensabschnitt, der hier offenbart wird, aus: karg, kalt und auf der Flucht. Auf der Flucht vor sich selbst? Vor dem Gelähmtsein angesichts der Gräuel, die über Europa ziehen? Ein schmerzvolles In-sich-Zurückziehen vor der Schreibblockade, die bei einem Schriftsteller subjektiv dem Koma – wenn nicht dem Tod – gleichkommt? Viele Fluchten, die die Autorin Jo Baker zu einer faszinierenden Lektüre inspiriert haben, mit kongenialer Detailliertheit, kostbaren historischen Einblicken und einem großartigen Schreibstil.

zum Produkt € 22,00*

Clean
empfohlen von:

Désirée Westphal

Désirée Westphal

Clean

gebunden

Lexi ist jung, reich und gelangweilt. Ihr Leben besteht aus Partys, Alkohol und Drogen und sie hält das alles für völlig normal. Sie befindet sich also auf dem besten Weg zur Selbstzerstörung.
Ihr Bruder macht ihr allerdings einen Strich durch die Rechnung, als er sie nach einer Überdosis kurzerhand in eine Entzugsklinik bringt, da er um ihr Leben fürchtet.
Davon will Lexi jedoch nichts wissen – 12-Schritte-Programm? Therapie? What the f**ck? Ich bin doch nicht süchtig!
Sie wehrt sich aus Leibeskräften, wird dann aber in ihrem Zimmer auf Entzug gesetzt und muss erstmal vom Heroin runterkommen. Und ab diesem Moment hat das Buch mich vollständig in seinen Bann gezogen.
Wer schon mal auf Drogenentzug war, wird bei den folgenden Seiten zustimmend mit dem Kopf nicken. Wer es noch nicht war, wird es nach der detaillierten Schilderung von Juno Dawson ebenfalls tun können – noch nie wurden die Auswirkungen eines Entzuges so schonungslos, eindringlich und hautnah geschildert wie in diesem Buch (vielleicht mit Ausnahme von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“).
Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen, hier wird nichts beschönigt; es wird geflucht, geschrien, geheult, gekämpft, der eigene Körper wird zum Feind, die eigenen Gedanken zur Folter. Die Autorin hat ausführlich für dieses Buch recherchiert, viel mit ehemalig abhängigen Menschen gesprochen und so kommt auch kein Zweifel daran auf, das alles, was wir hier lesen, die Wahrheit ist. Und das alles ohne erhobenen Zeigefinger.

Als Lexi diese harten Tage überstanden hat, geht es erst so richtig los: Handyverbot, Einzelsitzungen und die gefürchtete Gruppentherapie. Sie nimmt sich vor, so schnell wie möglich aus der Klinik zu verschwinden. Denn süchtig, das sind die anderen Irren, mit denen sie dort sitzt, nicht sie. Auf gar keinen Fall sie – oder?

CLEAN ist kein Buch, das einem mit dem Zaunpfahl einprügelt, wie schlecht Drogen sind oder den Drogenkonsum verherrlicht. Es schildert authentisch, intensiv und hautnah, dass es viele Formen und Facetten der Sucht gibt und sie sich nicht immer genau definieren lässt.
Nicht der Entzug oder die Therapie, also clean werden, ist das Schwerste, sondern der letzte und wichtigste Schritt: Clean bleiben.
Ein außergewöhnliches, wichtiges Buch mit klaren, direkten Worten, das unter die Haut geht und auch nach der letzten Seite lange nachwirkt. Sprachlich und stilistisch ist es dennoch auf hohem Niveau und daher meine uneingeschränkte Leseempfehlung für ALLE ab 15 Jahren.

zum Produkt € 17,99*

Im Sommer
empfohlen von:

Roman-Michael Schäfer

Roman-Michael Schäfer

Im Sommer

gebunden

Karl Ove Knåusgard gilt als schonungsloser, selbstkritischer Chronist seines Lebens und gelangte durch einen autobiographischen, sechsteiligen Romanzyklus zu Weltruhm. Etwas weniger opulent gestaltete sich in der Folge seine Jahreszeiten-Tetralogie aus, die nun mit „Im Sommer“ ihren Abschluss findet.

Wie bereits die drei vorherigen Bände ist auch Buch vier seiner jüngsten Tochter Anne gewidmet, die zum Zeitpunkt der Niederschrift zwei Jahre alt war. Wie Knåusgard bereits in „Im Frühling“ erwähnt, geht es darum, für Anne etwas aus dem Leben ihrer Familie niederzuschreiben, damit sie später einmal, wenn sie selbst lesen kann, etwas von einer Zeit erfährt, an die sie sich nicht erinnern wird.

Dabei kann es ziemlich banal und gewöhnlich zugehen – Familienalltag eben. Man steht auf, frühstückt, fährt zum Kindergarten, wechselt Windeln, räumt auf, mäht Rasen, geht schlafen und immer wieder zündet sich Knåusgard zwischendurch eine Zigarette an. Schön, wenn es dazu eine Tasse Kaffee gibt.

Langweiliger geht es nicht mehr, möchte man meinen. Beschriebene Trivialitäten bilden jedoch nur einen losen Rahmen, in den Knåusgard vielerlei Geistreiches einfügt. Anders als im Vorgängerband „Im Frühling“, der lockerer geordnet war und sich viel öfter direkt an Anne richtet, ist „Im Sommer“ straffer strukturiert.

Zunächst bilden die Monate Juni, Juli und August die naturgemäßen Kapitelüberschriften. In besagten Abschnitten finden sich zum einen klassische Tagebucheinträge, zum anderen gibt es Essays zu vertrauten Dingen, Lebensformen, Begriffen und Naturschauspielen.

Mal erfährt der Leser, was Knåusgard mit Rasensprengern, kurzen Hosen, Mixern und Campingplätzen assoziiert. Dann faszinieren ihn Wespen, Fledermäuse, Katzen, Schnecken, Makrelen oder Wölfe. Hunde mag er hingegen nicht. Dabei geht der Norweger ziemlich nüchtern vor und beginnt den Text gerne mit einer begrifflichen Einführung, so als hätte er in einem Lexikon nachgeschlagen. Andererseits kann es richtig praktisch und anwenderfreundlich werden: Gibt es noch Dinge in puncto Gartengrill und Holzkohle zu klären? Fragen Sie Knåusgard!

Tiefsinnig wird Knåusgard immer dann, wenn er Alltägliches durchleuchtet und hinterfragt. So äußert er sich etwa zu Spielplätzen wie folgt: „Ich kenne die Geschichte der Spielplätze nicht, nehme aber an, dass sie in den Städten ungefähr zu der Zeit entstanden, als die Kindheit zu einem abgegrenzten Teil des Lebenswegs wurde und der Staat gleichzeitig begann, für alle Teile des Lebens Verantwortung zu übernehmen.“ Und er ergänzt, dass „Spielplätze etwas leicht Gezwungenes und Konformes“ bekamen. „Die Spiele der Kinder sollten gewissermaßen in diese Formen gepresst werden, die fertig vorbereitet waren.“

Dann äußert er sich zu Themen wie Tränen, Zynismus oder Intelligenz und driftet sogar ins Naturwissenschaftliche ab, wenn er die Entstehung von Schaum erklärt. Dort, aber auch an anderer Stelle, wird seine Wertschätzung für den Mystiker und Wissenschaftler Emanuel Svedenborg deutlich. Zudem scheint immer wieder der Darwinismus bei Knåusgard durch, während naturmystische Betrachtungen im Geiste eines Novalis‘ oder Eichendorffs einen romantischen Gegenpol hierzu bilden.

In den eigentlichen Tagebucheinträgen geht Knåusgard gerne noch mehr ins Essentielle und erklärt beispielsweise, was er unter schriftstellerischer Wahrheit versteht. Beschreibt er wirklich die Alltäglichkeiten so, dass sie einer objektiven Realität standhalten, oder verfremdet er die Szenen aus dem Familienleben doch schriftstellerisch?

Auch erfährt der Leser immer wieder, was den Norweger antreibt, warum er schreibt und wie er sich selbst einschätzt. Äußerst spannend und entwaffnend ehrlich bzw. selbstkritisch wirkt dies, zumal sich Knåusgard vergleichsweise nur als „guten Schriftsteller“ bezeichnet. Man lese und staune...

Sätze wie „Sämtliche Probleme entstehen in den Beziehungen zu anderen Menschen, und wenn man die Beziehungen zu anderen minimiert, minimiert man damit auch die Probleme“ lassen tief blicken und offenbaren Knåusgards Coping-Strategie, sein Leben zu meistern.

Einfach hatte er es nie; auch ist er kein einfacher Mensch, weshalb er sich gerne zurückzieht. Für ihn ist „eine Depression nichts anderes als eine erstarrte und immobile Raserei, eine Welle, die ans Ufer schlägt und im selben Moment kommt es zu einem Temperatursturz und sie stoppt, auf dem Weg nach vorn, zu Eis gefroren.“

Solche Sentenzen entwickeln eine Sogwirkung, machen neugierig und schon hat Knåusgard den Leser gefangen: Er muss einfach weiterlesen; insbesondere dann, wenn die Sprache so kraftvoll und stilistisch ausgereift wie hier ist.

zum Produkt € 24,00*

Dunkelgrün fast schwarz
empfohlen von:

Désirée Westphal

Désirée Westphal

Dunkelgrün fast schwarz

gebunden

Die gebürtige Salzburgerin Mareike Fallwickl legt mit 475 Seiten einen umfassenden Debütroman vor, der durch die Seitenanzahl und das dunkle Farbenspiel auf dem Cover einschüchternd wirken könnte, welches übrigens perfekt zum Titel passt.

Nach sechzehn Jahren Funkstille steht Raffael eines Abends vor der Tür von Moritz. Sie waren einmal beste Freunde – doch was ist passiert?
Stück für Stück schildert Mareike Fallwickl die Geschichte einer zerstörerischen Freundschaft, lässt ihre Protagonisten Schicht für Schicht ihr Schutzschild ablegen, stellt sie bloß, - facettenreich, unverblümt und dennoch kraftvoll, direkt und poetisch zugleich.
Einmal begonnen, wird man sofort hineingesogen in diesen Tornado aus Einsamkeit und Verbundenheit, Licht und Schatten, Angriff und Abwehr, der einen Nächte durchwachen lässt, bis man nur noch fünf Seiten vor sich hat, die man langsam, fast ehrfürchtig umblättert – einerseits, um zu wissen, wie die Geschichte ausgeht, andererseits auch nicht – denn dann ist das Buch zu Ende.

Selten hat mich ein Buch so gefesselt, vereinnahmt und beeindruckt. Es ist ein Buch, das man nicht nur einmal liest, ein Buch, das lange nachwirkt.

Absolute Leseempfehlung!

zum Produkt € 24,00*

Wir sind dann wohl die Angehörigen
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Wir sind dann wohl die Angehörigen

gebunden

Erinnerungen, die berühren, ohne ins Sentimentale zu verfallen. Ein Buch, das man nicht vergisst, da es aus dem Innersten Gelebtes wiedergibt, aus der oft übergangenen Perspektive eines Kindes. Welche sind die Gedanken und Empfindungen eines in künstliche Isolation gezwungenen Jungen, der sich innerlich stärken muss, seinen entführten Vater vielleicht nie – lebend – wiederzusehen? Dies ist ein wenig beleuchtetes Thema, da die Stimmen der jungen Opfer oft in den großen Spektakeln untergehen. Wie gut, dass dieses erschütternde und zum Nachdenken bewegende Buch geschrieben wurde!

Johann Scheerer erzählt auf berührende und mitreißende Weise von den 33 Tagen um Ostern 1996, als sich sein Vater Jan Philipp Reemtsma in den Händen von Entführern befand, das Zuhause zu einer polizeilichen Einsatzzentrale wurde und kaum Hoffnung bestand, ihn lebend wiederzusehen.

»Es waren zwei Geldübergaben gescheitert und mein Vater vermutlich tot. Das Faxgerät hatte kein Papier mehr, wir keine Reserven, und irgendwo lag ein Brief mit Neuigkeiten.« Wie fühlt es sich an, wenn einen die Mutter weckt und berichtet, dass der eigene Vater entführt wurde? Wie erträgt man die Sorge, Ungewissheit, Angst und die quälende Langeweile? Wie füllt man die Tage, wenn jederzeit alles passieren kann, man aber nicht mal in die Schule gehen, Sport machen, oder Freunde treffen darf? Und selbst Die Ärzte, Green Day und die eigene E-Gitarre nicht mehr weiterhelfen?

zum Produkt € 20,00*

Die geheime Macht der Düfte
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Die geheime Macht der Düfte


Wenn ich heute hoch erhobenen Hauptes durch das Leben gehe, mit achtsam geblähten Nüstern und so viel lebensbewußter als früher, so habe ich es diesem Buch zu verdanken. Es ist ein Plädoyer, nein, eine Liebeserklärung an unser Riechorgan.

Auf eine spannende und informative Weise weiht es uns in die Welt des Riechens ein, teilt erstaunliche und bisweilen auch erschreckende Erkenntnisse mit, unterhält mit historisch Kuriosem und lüftet Branchengeheimnisse.

Ein absoluter Nose-Opener, exzellent recherchiert, fachmännisch präsentiert und spannend erzählt!

zum Produkt € 17,95*

Wiesenstein
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Wiesenstein

gebunden

Es ist, als wohne man einem noch unentdeckten Ibsen-Stück bei. Als Akteur, doch mit ungehindertem Blick in die Seelen der anderen.
In expressive, nachtönende Bilder ist dieses dem wortgewaltigen Gerhart Hauptmann gewidmete Opus gefasst. Der Roman ist auch eine erschütternde Skizze zum Ende des Dritten Reiches. Ätzenden Rauchschwaden des lodernden Dresden bilden den Hintergrund zur labilen Idylle im letzten Zufluchtsort Hauptmanns auf Burg „Wiesenstein“.
Physisch spürbar das In-sich-Zusammenkauern, die Angst vor den neuen Herren. Denn die sich Rächenden wüten um Wiesenstein, die Massaker nehmen kein Ende im Mai 1945, sie wüten weiter und weiter. Zigtausende Rachetote – als ob die bereits Vorhandenen nicht genug seien.
Es ist ein schreckliches, erschütterndes, sprachlos machendes Bild, das Hans Pleschinski entwirft. Es ist kein Buch, das sich einem leicht und verdaulich hingibt, nein, ein jeder Satz verlangt danach, dass der Leser sich damit auseinandersetzt, nicht gedankenlos hinnimmt. Hauptmanns Werke fließen gegen Ende immer stärker in den Texte in, machen Lust, mehr zu lesen und zu erfahren.
Grandios, überwältigend, erschütternd.

zum Produkt € 24,00*

Der Jonas-Komplex
empfohlen von:

Roman-Michael Schäfer

Roman-Michael Schäfer

Der Jonas-Komplex

gebunden

Was haben ein 13-jähriger Schachspieler aus der Steiermark, ein Wiener Schriftsteller und ein recht junger Millionär aus Deutschland gemeinsam? Erstmal nichts.

Thomas Glavinic beschreibt ein Jahr aus deren Leben jeweils mit dem Neujahrstag beginnend. Die Handlungsstränge verlaufen parallel zueinander und interchangieren permanent. Was die drei Protagonisten miteinander zu tun haben und ob sie im späteren Handlungsverlauf sich begegnen werden, bleibt zunächst unklar.

Anno 2015 ist der Wiener Schriftsteller schwer drogen- und alkoholabhängig. Er wechselt Sexualpartnerinnen wie andere Menschen ihre Unterhemden. Er weiß, dass es so nicht weitergehen kann und beschließt seinen Konsum mittels einer Strichliste besser zu kontrollieren.

Als er im Rahmen eines Schriftsteller-Stipendiums nach Carlisle in die Vereinigten Staaten reist, bekommt er sehr schnell Entzugserscheinungen, halluziniert und beginnt sogar zu glauben, dass er in einer Parallelwelt gelandet und eigentlich schon tot ist. Er ist getrieben, ruhelos und findet keinen inneren Ankerpunkt. Einzig die Zeit mit seinem Kind, das meist bei der Exfrau lebt, macht ihn ein wenig glücklich.

Auch der dreizehnjährige Schachspieler führt im Jahr 1985 eine Liste. Jeder, mit dem er zu tun hat, bekommt Plus- oder Minuspunkte; je nachdem, wie er sich verhalten hat. Wenn der liebe Gott mal wieder nicht rettend in das Geschehen eingreift, kann er schon mal tausend Miese bekommen.

Der Jugendliche ist ein Außenseiter, fühlt sich gottverlassen und wird von seiner alkoholabhängigen Ziehmutter sexuell genötigt. Bücher gewähren ihm jedoch einen gewissen Eskapismus von der ermüdenden Realität. In der Gemeinschaft des örtlichen Schachclubs, bei diversen Turnieren oder wenn er den Großvater besucht, blüht er jedoch regelrecht auf.

Auch der Millionär Jonas ist rastlos. Er reist ständig um die Welt und fühlt sich nirgendwo zuhause. Einzige Konstanten in seinem Leben sind sein japanischer Anwalt und Vermögensverwalter Tanaka sowie seine Freundin Marie. Letztere will unbedingt mit ihm zum Südpol reisen.

Um seinem Leben einen tieferen Sinn zu geben, lässt er sich von Tanaka betäuben und irgendwo an den entlegensten Orten rund um den Globus, mit nur wenigen Hilfsmitteln ausgestattet, aussetzen. Jonas muss dann etwa von einer Steilwand in Patagonien oder nackt von einer einsamen Insel irgendwie wieder zurück in die Zivilisation finden. Auch Jonas hat regelmäßig außersinnliche Wahrnehmungen. Immer wieder loggen sich die Seelen verstorbener Freunde und Verwandten in sein Bewusstsein ein.

Zwar führt der Roman die drei Protagonisten im Laufe der Handlung nicht zusammen; verbunden sind sie jedoch durch die Frage nach der eigenen Identität und dem normativen Rahmen der Gesellschaft. Während der Junge zu ängstlich ist, um von der Regel abzuweichen, bricht der Schriftsteller während seiner Exzesse ungewollt mit den Konventionen. Jonas setzt sich hingegen bewusst Gefahren aus und bewegt sich somit absichtlich jenseits des Üblichen.

Allen stellt sich die Frage nach dem Sinn des Seins und die drei wissen nicht so recht, wer sie sind bzw. wer sie sein sollen - oder auch wollen. Zumindest eins ist sicher: Die gesellschaftlichen Konventionen und Rollenvorgaben können für das Trio Infernale kein Vorbild sein. Gerade am Wahnsinn der Welt, den skurrilen Typen und schrägen Begebenheiten von den denen „Der Jonas-Komplex“ erzählt, reiben sich die drei.

Der Begriff „Jonas-Komplex“ meint aber auch eine Theorie des Psychologen Maslow, welche die Angst vor der eigenen Größe und unserem höchsten Potential beschreibt. Genau hierum kreist auch der Roman, denn die drei Protagonisten drohen zu scheitern, weil sie sich dessen, was sie wirklich vermögen, nicht bewusst sind.

Diese Thematik liest sich spannend in einem pulsierenden und wuchtigen Roman, dessen 748 Seiten lodernd aufflackern wie das wahre und intensive Leben selbst.

zum Produkt € 24,99*

Ich denke zu viel
empfohlen von:

Roman-Michael Schäfer

Roman-Michael Schäfer

Ich denke zu viel

kartoniert

Sie denken zu viel, stellen zu viele Fragen und werden von ihrer Umwelt als kompliziert erachtet. Ihr Kopf kommt nie zur Ruhe und am liebsten würden sie den Stecker ziehen, damit ihr Geist endlich aufhört, Gedanken zu produzieren. Auch fühlen sie sich unverstanden und fehl am Platz, so als stammten sie von einem anderen Planeten.

Was gemeinhin mit Hyperaktivität, mangelnder Konzentrationsfähigkeit und den Labels ADHS, Borderline, Schizophrenie oder manischer Depression versehen wird, hat seinen Ursprung in hoher Intelligenz und einer Überaktivität der rechten Gehirnhälfte. Was früher unter dem Sammelbegriff „dysfunktional“ zusammengefasst wurde, bezeichnet die Psychologin Christel Petitcollin als „mental hocheffizient“. Im deutschen Sprachraum spricht man hingegen von „Hochsensibilität“.

In den Köpfen besagter Personen geht es zu wie in einem Ameisenhaufen, so dass sie den stets vorauseilenden und in vielen Abzweigungen mäandernden Gedanken immer hinterherlaufen müssen, diese aber nie zu fassen oder bündeln vermögen. Ständig prasseln neue Informationen herein, die Wahrnehmung ist zu scharf und das Denken zu komplex. Ihnen fallen Details auf, die andere übersehen. Ständig hinterfragen sie alles, so dass es ihnen unmöglich ist, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist.

Mental Hocheffiziente sind hochemotional und hochsensibel. Eben weil sie neurologisch bedingt mehr als andere wahrnehmen, können sie schon von kleinsten Vorfällen aus der Balance gebracht werden. Sie schmecken, riechen, sehen, hören und fühlen intensiver, was sogar synästhetische Eindrücke nach sich ziehen kann. Bei manchen reicht die Wahrnehmung sogar ins Spirituell-Metaphysische.

Das alles ist für die Betroffenen nur schwer auszuhalten; insbesondere dann, wenn auch noch – was keine Seltenheit ist – Schlafstörungen hinzukommen. Beständig rezipieren sie von allem zu viel, was oft zu starken Gefühlsausbrüchen und einer permanenten Überreizung führt. Stimmungsschwankungen vom einem ins andere Extrem sind die Regel, was ihnen das Etikett „Borderline-Persönlichkeit“ verpasst.

Stresssituationen bewältigt der mental Hocheffiziente am besten mittels der Dissoziation, die es ihm ermöglicht, zum Beobachter der Situation zu werden, in der er sich gerade befindet. Auch passen sie sich nach außen hin der Umwelt normgerecht an, so dass ihr Anderssein nicht weiter auffällt. Einerseits verleugnen Hochsensible so ihr wahres Sein, was sie innerlich aushöhlt; andererseits sind sie sehr harmoniebedürftig, weshalb ihnen diese Tarnung guttut.

Weiterhin nehmen mental Hocheffiziente urplötzlich und unfreiwillig die Emotionen ihrer Umwelt in ihr System auf, weshalb Petitcollin von einer „Hyperempathie“ spricht. Daher haben sie Verständnis für andere, die sie deswegen auch nicht verurteilen. Gemütszustand, Erwartungen und Gedanken ihres Gegenübers nehmen sie mittels ihrer feinen Antennen scharf wahr.

Eben weil hochsensible Menschen so viel wahrnehmen, sind sie oft hilfsbereit, altruistisch und warmherzig. Sie stellen hohe Ansprüche an sich selbst, folgen einem hehren Wertesystem, hinterfragen sich und sind selbstironisch. Auch sind sie aufgeschlossen, neugierig, humorvoll und kreativ. Zudem verfügen sie über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, sind integer, ehrlich und authentisch.

Nun geht es in Petitcollins Buch darum, wie sich der mental Hocheffiziente in einer Welt der „Norm-Denker“ zurechtfinden kann. Mit letzteren sind jene gemeint, deren linke Gehirnhälfte dominant ist und nur stufenweise bzw. linear denken können. Sie machen 70 bis 85 Prozent der Bevölkerung aus.

Petitcollin rät den Betroffenen, ihr Denken zu strukturieren, um den mäandernden Gedanken besser folgen zu können. Dies geschieht mittels einer Mindmap. Ein weiterer Schritt ist, die Selbstachtung zurückzugewinnen. Eben diese litt in der Vergangenheit durch die gesellschaftliche Ausgrenzung als Folge des Andersseins und des Unverständnisses der Umwelt, das Hochsensiblen oft widerfuhr.

Letztlich muss der mental Hocheffiziente lernen, in der Welt der Normdenker besser zurechtzukommen. Daher gilt es, die Gehirnfunktionen zu optimieren. Hierbei nennt Petitcollin fünf Grundbedürfnisse, die der Betroffene nun pflegen darf. Schafft er es dann auch noch, sich selbst genug zu sein und Kritik nicht zu nah an sich heranzulassen, kann es gelingen, in einer Welt der von der linken Gehirnhälfte dominierten Menschen gut zurechtzukommen.

Summa summarum ein wissenschaftlich fundiertes, verständliches und spannendes Buch. Es erklärt grundlegende Unterschiede plausibel und schenkt gerade jenen, die sich unverstanden fühlten und dachten, sie seien irgendwie fehl am Platze, ein neues Zuhause.

zum Produkt € 16,00*

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