Unsere Empfehlungen

Hier stellen wir Ihnen unsere aktuellen Lieblingsbücher vor! Und in unserer Buchhandlung finden Sie die Lesetipps auf allen Büchern, die eine Banderole tragen.

Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie
empfohlen von:

Désirée Westphal

Désirée Westphal

Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie Doris Anselm

gebunden

Doris Anselm wollte eine Seite in der erotischen Literatur zeigen, die es (bisher) kaum gibt:
Ihre Protagonistin – wir erfahren ihren Namen nicht - ist eine moderne Heldin, die Liebe und Sex gut trennen kann. Sie vertraut auf ihren Instinkt, auch gern mit Unbekannten. Hier geht es nicht um eine unschuldige Frau, die durch den überirdisch schönen Bad-Boy mit Sixpack (oder besser noch: Eightpack) sexuell erwacht, es geht nicht um eine sexdürstige Femme fatale, die Männer aus Rache verführt, benutzt und in die Wüste schickt. Nein. Die Hautfreundin hat einfach gerne Sex. Und die Männer haben gerne Sex mit ihr. Das mag sich banal anhören, doch das alles geschieht ohne Machtverhältnisse oder pornographische Schilderungen, verfasst in einer direkten und zugleich kunstvollen Sprache. Mit ihrer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe erschafft die Autorin einfühlsame, erotische und geschmackvolle Begegnungen.
Der Sex ist lustvoll und freizügig, zuweilen schräg, peinlich und mitunter nicht ganz erfüllend. Ganz wie im echten Leben.

Eine Kostprobe gefällig?
Ganz besonders gut gefallen hat mir die Geschichte mit dem „Taucher“, die in einer (nicht ganz so) fiktiven Zukunft spielt, bei der sich die Menschen kaum noch berühren. Alle sind nur mit ihren technischen Gadgets beschäftigt. Die Sexspielzeuge sind mitttlerweile so ausgefeilt, dass das lebende Objekt dagegen nur verlieren kann.
Wie sehr eine einzige Berührung elektrisieren kann, liest sich hier: „Sein Griff, seine Hand, seine Haut maßte sich an, mir etwas mitzuteilen. Es einfach selbst zu tun. Mit dem Daumen strich er über meinen Handrücken. Wie feine Metallspäne begannen die Härchen auf meinem Körper sich nach ihm auszurichten. Zuerst am Handgelenk, dann den Arm hinauf, über Schultern und Rücken, bis sie alle auf ihn zeigten. Sie schienen im Schwarm von mir abheben zu wollen. Oder mit mir. Unter meinen Füßen ließ der Druck der Pflastersteine schon bedenklich nach.“

Meiner Meinung nach ist dies das ehrlichste Buch, das je über Sex geschrieben wurde. Es handelt sich quasi um eine Wiederannäherung, ein Vertrauen der Geschlechter, die einen daran erinnert, wie schön die Lust zwischen Frau und Mann sein kann. Und dass man sich dafür nicht schämen muss.

Ich verneige mich vor Frau Anselm für diese Leistung und wünsche mir mehr davon!

zum Produkt € 20,00*

Maschinen wie ich
empfohlen von:

Roman-Michael Schäfer

Roman-Michael Schäfer

Maschinen wie ich Ian McEwan

gebunden

Es „dudelte das Radio, ein Song der Beatles, die sich nach zwölf Jahren Trennung gerade erst wiedervereinigt hatten.“ Gleichzeitig erlitt die britische Armee im Falklandkrieg eine herbe Niederlage. Moment mal: Hatte weiland nicht Argentinien besagte Auseinandersetzung verloren? Und hatten sich die Beatles nicht bereits 1970 aufgelöst?

Wir schreiben das Jahr 1982, in dem der Falklandkrieg tatsächlich stattfand und von Großbritannien jedoch siegreich beendet wurde. Aber die Beatles? Auch ist Jimmy Carter und eben nicht Ronald Regan Präsident der U.S.A. Gleichzeitig übernehmen immer mehr Roboter Bereiche in der Arbeitswelt. Es gibt bereits das Internet, Smartphones, autonom fahrende Autos, das bedingungslose Grundeinkommen, futuristisch anmutende Medizin und eben Androiden.

Einen der ersten dieser künstlichen Menschen überhaupt hat sich Charlie nach Hause bestellt. Er war schon immer technikaffin und anstatt sich von seinem üppigen Erbe ein nettes Häuschen in einem schönen Londoner Stadtteil zu kaufen, wurde nun der sündhaft teure Android namens Adam geliefert.

Da steht er nun; erschreckend lebensecht. Unterdessen beginnt Charlie mit seiner Nachbarin Miranda eine Liebschaft. Adam ist von Anfang an mit dabei; eine Dreiecksbeziehung ist es jedoch anfangs nicht. Das junge Paar konfiguriert den Androiden nach seinen Vorstellungen; insbesondere dessen quasimenschliche Eigenschaften sind wichtig.

Adam erweist sich als super Haushaltshilfe und ist immer zur Stelle, wenn seine Hilfe gebraucht wird. Er übernimmt Charlies Tätigkeit als Börsenspekulant und sorgt hierdurch für sprudelnde Einnahmen. Auch kann er zu allen Fragen des Lebens, der Gesellschaft, Philosophie, Literatur, Naturwissenschaft und überhaupt zu allem Daten abfragen. Er gleicht einer Mischung aus Alexa, Siri und Wikipedia. Adam kann auch Haikus schreiben und hat Zugriff auf Gerichtsakten. So kommt es dazu, dass er Charlie verrät, Miranda verberge etwas vor ihm.

In der Tat: Miranda wurde drei Jahre zuvor vergewaltigt bzw. hatte im Vollrausch einvernehmlichen Sex mit einen Studienkollegen. Letzterer wird trotz fraglicher Details zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und steht kurz vor der Entlassung. Und er hat Rache geschworen. Verständlich, denn später verrät Miranda, dass der angebliche Vergewaltiger wegen ihrer Falschaussage ins Gefängnis kam.

Das ist jedoch nicht die ganze Wahrheit, denn Miranda hatte den Kommilitonen deshalb in die Vergewaltigungsfalle gelockt, um deren Freundin Mariam zu rächen, die er tatsächlich vergewaltigt hat, und die sich in Folge dessen das Leben genommen hat.

Gleichzeitig gerät das Paar in einen patriotischen Streit über den Falklandkrieg, weshalb beide diese Nacht getrennt verbringen. Nur Miranda bleibt nicht alleine und hat Sex mit dem Androiden. Scheinbar wird die Moralsoftware Adams von der personalisierten Programmierung Mirandas überblendet, hat sie doch eingegeben, dass er sie immer lieben solle. Deshalb verliebt sich Adam auch prompt in Miranda.

Können Maschinen lieben? Haben sie Moral? Gibt es eine Roboterethik? Kann man als Liebhaber eifersüchtig auf einen Androiden sein? Ist es möglich, dass sich künstliche Intelligenz verselbstständigt? Das sind die Fragen, die aufgeworfen werden. Auch entsteht bei anderen Androiden eine Art „Maschinentraurigkeit“; immer dann, wenn diese Dinge wie Umweltzerstörung, Kriege und Grausamkeiten wahrnehmen. Sie schalten auf einen Selbstzerstörungsmodus um oder deaktivieren sich.

Eines Tages fahren Miranda, Charlie und Adam Nach Salisbury, wo der Vergewaltiger wohnt. Dort stellen sie ihn zur Rede, machen ihm die Leiden Mariams bewusst und ringen ihm ein Geständnis ab, das aufgezeichnet wurde, um es der Staatsanwaltschaft zu übergeben.

Was aber passiert, wenn es zum erneuten Prozess kommt? Schließlich hat Miranda die Vergewaltigung auf Wunsch ihrer Freundin all die Jahre verschwiegen. Hat sie sich dadurch mitschuldig am Selbstmord Mariams gemacht? Wäre es anders ausgegangen, hätte die Familie davon erfahren? Auch leistete sie einen Meineid, weshalb auch sie ins Gefängnis kommen könnte. All dies wird beantwortet, nachdem Charlie Adam per Hammerschlag zerstört.

Insgesamt ein meisterhaft arrangierter Roman, der im für McEwan typischen, leichtfüßigen Stil fließend und elegant Wendungen ins Geschehen einwebt. Das Buch berührt, macht nachdenklich und regt zu Gesprächen an. Warum der verdiente englische Autor seine Dystopie ins Jahr 1982 verlegte, und die Vergangenheit nachjustierte, irritiert jedoch; denn einen Mehrwert hat dies nicht.

zum Produkt € 25,00*

Crazy Rich Asians
empfohlen von:

Désirée Westphal

Désirée Westphal

Crazy Rich Asians Kevin Kwan

kartoniert

Waren Sie schon mal in Singapur und haben eine 40-Millionen-Dollar-Hochzeit besucht? Nein?
"Alamaaaak"(1), dann wird es aber höchste Zeit! Es erwartet Sie ein Kulturschock der besonderen Art, wenn zwischen 49-karätigen Ohrringen, privaten Südseeinseln und riesigen Anwesen, die sorgfältig vor Google Earth versteckt werden (schließlich will man nicht als "ya ya" (2) gelten), Generationenkonflikte und intrigante Kleinkriege ausbrechen.
"Wah lan!" (3)
Ist das übertrieben? Teilweise sogar absurd? Weist es gar Ähnlichkeiten mit einer Seifenoper auf?
Ja, ja und ja. Doch es ist eine Seifenoper der Extraklasse, die in eine schrille, schillernde Welt entführt und einfach Spaß macht. Auch die Verfilmung ist sehenswert!
Besonders unterhaltsam sind die satirischen Fußnoten, die einem unter anderem viele chinesische Ausdrücke beibringen:
(1) = drückt Gereiztheit oder Genervtheit aus, ähnlich wie "Um Gottes Willen" oder "Du liebes bisschen"
(2) = arrogant, angeberisch
(3) = "Ach Penis", was je nach Tonlage sämtliche Bedeutungen von "Ach cool" bis "Ach du Scheiße" abdecken kann.

zum Produkt € 20,00*

Rote Vögel
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Rote Vögel Mohammed Hanif

gebunden

In dieser hellsichtigen Farce wird skalpellscharfe Kritik an der US-amerikanischen destruktiv-invasiven und scheinheiligen Politik in Nahost geübt, unwiderstehlich komisch erzählt von einem philosophierenden Hund, einem Teenager und einem abgestürzten Kampfpiloten.

Die Narration ist skurril bis grotesk, aber auch zutiefst erschütternd, da sich hinter dem Vordergründigen Bodenloses auftut, Assoziationen aufzwingen, Unaussprechliches verbalisiert wird.

Das Lachen macht alles noch drastischer. Die Protagonisten sind in ihrer Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit unerhört komisch. Sie wechseln sich in ihrer « Berichterstattung » ab:

ELLIE
Er fliegt lieber Kampfeinsätze in der Wüste, als die Abende mit seiner Frau zu verbringen. Eines Tages stürzt er während seines Einsatzes unter höchst ominösen Umständen ab, und es verschlägt ihn just in das Flüchtlingslager, « Camp » genannt, welches er hätte bombardieren sollen.

Zitat Ellie: „Damit man Decken über brennende Babys werfen kann, braucht man brennende Babys. Wenn ich keine Häuser bombardieren würde, würde man dann Notunterkünfte errichten? Wenn ich nicht Städte dem Erdboden gleichmachen würde, welchen Grund gäbe es dann, Flüchtlingslager zu bauen? Wem würde die ganze Welt dann ihr Mitgefühl zeigen? […] Wenn ich diese Uniform ausziehe und meinen Job an den Nagel hänge, bricht die weltweite Mitleid-Maschinerie zusammen.“

MUTT
Er ist ein mitteilsamer Hund, der gerne Menschenbeine rammelt und der nach einem Stromschlag seine philosophische Ader entdeckt. Die klügsten Gedanken in diesem Buch stammen von diesem Überlebenskünstler.

Zitat Mutt: „Gleichwohl wurde ich in jenem Moment ich selbst. Zuvor war ich nur ein überdurchschnittlich begabter Hund mit niederen Gelüsten, animalischen Trieben und einer Vorliebe für hausgemachtes Essen gewesen, doch jetzt war ich den Rängen der einfachen Streuner enthoben.“

MOMO
Dieser aufmümpfige, kalaschnikowschwingende Teenager will einmal ein großer Unternehmer werden und versucht zunächst, aus Wüstensand Kapital zu schlagen. Doch am allerwichtigsten ist es für ihn, seinen älteren Bruder wiederzufinden. „Bro Ali“ hatte auf dem in der Nähe gelegenen Militärstützpunkt der Amerikaner gearbeitet – bis er eines Tages spurlos verschwand. An diesem Tag hörten auch die Bombardements des Camps auf. Welchen Zusammenhang gibt es da?

Es gesellen sich noch weitere komödienhafte, aus Klischees zusammengebaute, jedoch nicht minder lebensechte Figuren hinzu, wie die engagierte Sozialarbeiterin, die die „Psyche junger Muslime“ erforschen will.

Der Vater ähnelt in seiner servilen, knochenlosen Art ein wenig dem« treuen Hund Ruslan » aus Georgijs Wladimows gleichnamigem Roman (Grandios! Auch nach Ende des Kalten Krieges ein lesenswertes Buch). Auch „Father Dear“ verrichtet seinen Dienst und hält der Diktatur die Treue, nachdem jene schon längst zusammengebrochen ist.

Eine Geschichte mit viel Text zwischen den Zeilen, die unter die Haut geht. Unbedingt lesen!

zum Produkt € 22,00*

GRM
empfohlen von:

Roman-Michael Schäfer

Roman-Michael Schäfer

GRM Sibylle Berg

gebunden

Böse, zynischer - Berg. Oder auch: Despentes, Houllebeq - Berg. Die Reihenfolge deutet es schon an. Mit ihrem neuen Meisterwerk steckt Sibylle Berg die beiden französischen Zeit- und Geistesgenossen in puncto Radikalität, Kompromisslosigkeit und Aussichtslosigkeit locker in die Tasche. Dabei möchte Sibylle Bergs Gesellschaftsroman nicht als Dystopie verstanden werden; vielmehr beschreibt die Autorin laut eigener Aussage die Gegenwart, bzw. das, was den modernen westlichen Staaten in sehr naher Zukunft bevorstehen wird.

"GRM" spielt in England einige Zeit nach dem Brexit. Der Neoliberalismus hat die gesellschaftlichen und sozialen Strukturen zerstört. Es herrscht ein autokratischer Staat. Viele Menschen sind mittlerweile gechipt, die Gesichtserkennung leistet ganze Arbeit und das Bonuspunkte- und Überwachungsprogramm nach chinesischem Vorbild zeigt seine volle Wirkung. Es gilt, positive Karmapunkte zu sammeln.

Bedeutet: Nach außen hin ist das Land scheinbar befriedet, alles geht ruhiger, geordneter und weniger gewalttätig als früher vonstatten, denn hurra: Das bedingungslose Grundeinkommen ist da! Aber wie sieht es im Inneren des Menschen aus? Da sich niemand mehr traut, auch nur geringfügig von der vorgegebenen Norm abzuweichen, kuscht ein Gros der Bevölkerung. Der totale Überwachungsstaat ist Realität geworden.

Denn: Der Staat weiß alles über dich: Schuhgröße, politische Ausrichtung, sexuelle Orientierung, Essgewohnheiten, Bankdaten, Krankenakte, Arbeitgeberinfo, Einkommen, Vorstrafen und vieles mehr. Gibt der Chip nicht alle Daten her, erledigt der biometrische Gesichtsscan den Rest und legt alles offen.

Alles wird erfasst, was dazu führt, dass immer mehr Menschen mit einer Bodycam unterwegs sind, da der Bürger im Fall der Fälle seine eventuelle Unschuld dokumentieren und beweisen möchte. Aber letzen Endes entscheidet das System, ob du nützlich oder schädlich bist.

Die Leute gehen nicht mehr auf die Straße, um gegen das Regime zu protestieren. Ehemalige Hacker haben ihre anarchistischen Pläne fallen gelassen und arbeiten lieber für den Staat; einer der letzten Arbeitgeber, der noch Sicherheit verspricht. Ansonsten wurden und werden viele Menschen durch Roboter ersetzt. Ganze Berufszweige verschwinden; Stellen werden einfach ersatzlos gestrichen. Glücklich kann sich schätzen, wer immerhin einen Einstundenvertrag ergattern durfte.

Die Menschen sind apathisch; aber zum Glück gibt es die Gute-Laune-Pille. Alles Wollen verschwindet; man ist bedingungslos zufrieden; gut für das System. Die Pillen eliminieren das logische Denken und die Kreativität, während Endgeräte bzw. Smartphones die kognitiven Fähigkeiten töten. Verblödete Zombies sind das gewünschte Ergebnis. Gechiptes Handgelenk an den Scanner und es ist bezahlt; am besten via Kryptowährung.

Und damit der Horror kein Ende nimmt, lassen sich manche freiwillig die Hand amputieren. Die mechanische Hand funktioniert einfach besser als die biologische. Und wenn wir schon dabei sind: Wozu benötige ich mein natürliches Bein, wenn es das smarte Bein gibt? Also weg damit!. Selbstoptimierung galore. Die Sexroboter erledigen dann den Rest.

Das Bargeld steht kurz vor der Abschaffung, der Himmel wird mit Chemtrails besprüht und in vielen europäischen Staaten haben die Bevölkerungen konservative oder sogar rechtsnationale Regierungen gewählt, um der befürchteten Umvolkung entgegenzuwirken. Demnach kennt sich Sibylle Berg mit Verschwörungstheorien, die sie en passant mit einflechtet, aus. Überhaupt wird beim Lesen von “GRM“ deutlich, wie umfassend informiert die Autorin einerseits ist und andererseits das Zeitgeschehen intelligent einordnet und in eine nahe Zukunft weiterspinnt.

Viele landen auf der Straße, erkranken, verwahrlosen und siechen dahin. Einige nehmen Drogen und ergehen sich in abartigen sexuellen Praktiken. Auch innerhalb der Familien sieht es nicht besser aus. Dort herrschen Bildungslosigkeit, Verarmung, Gewalt und Missbrauch. Vier dieser Jugendlichen landen auf der Straße im tristen nordenglischen Rochdale. Also machen sich Hannah, Karen, Don und Peter nach London auf, um dem Elend zu entfliehen.

Dort angekommen, finden sie in den Außenbezirken eine stillgelegte Fabrikhalle, wo von gelegentlichen Drohnenflügen abgesehen keinerlei Überwachung stattfindet. Das ideale Refugium, um eine Attacke auf das System zu starten. Also kippen sie Testosteron vernichtende Viren in die Trinkwasserversorgung, ist doch dieses Hormon ihrer Auffassung nach für nicht wenig Leid auf der Welt verantwortlich. Der Plan geht auf, Unlust macht sich in der Bevölkerung breit, es wird friedlicher. Ob das schon die Rettung war?

Ähnlich wie in Bela B Felsenheimers aktuellem Roman „Scharnow“ werden hier die Perspektiven permanent gewechselt. Alle paar Seiten schildert die Autorin in ihrer auktorialen Erzählweise das Empfinden eines anderen Protagonisten. Die Übergänge zwischen dem Erleben der jeweiligen Menschen sind fließend, so dass man das Gefühl hat, es handle sich um ein kollektives Bewusstsein, das hier wahrnimmt. Dabei kultiviert Sibylle Berg einen sarkastischen, nüchternen und knappen Stil – kein Wort zu viel.

Insgesamt ein Roman, der an die Nieren geht, betroffen macht und einem manchmal das Weiterlesen schier unmöglich macht. Ist alles wirklich schon so schlimm? Sibylle Berg würde sagen: Ja!

Ein schwerer Brocken, der erst einmal verdaut werden will. Was für ein Bolzen! Es schreit regelrecht aus den Zeilen heraus. Schaut hin! Informiert euch! Werdet wach! Was gleichzeitig als ein Plädoyer für mehr Mitmenschlichkeit und Empathie verstanden werden kann. Sollte es doch so übel kommen, wie hier beschrieben, können wir nicht behaupten, wir hätten von nichts gewusst. Frau Sibylle hat es uns gesagt.

Krasser Stoff, krasse Autorin und krass intensiv. Wahrscheinlich schon jetzt DER Roman des Jahres 2019. Uneingeschränkte Empfehlung!

zum Produkt € 25,00*

Fünf Tage in Paris
empfohlen von:

Désirée Westphal

Désirée Westphal

Fünf Tage in Paris Tatiana De Rosnay

gebunden

Sintflutartige Regenfälle sorgen für Hochwasser in Paris, wo die frankoamerikanische Familie Malegarde zum 70. Geburtstag des Vaters seit langer Zeit zusammentrifft.

Das Wiedersehen ist herzlich und verhalten zugleich, seit Jahren Unausgesprochenes belastet die Beziehungen untereinander. Stück für Stück erkundet man die Familie, die man am Ende fast so gut zu kennen glaubt wie seine eigene.
Der Vater, Paul, ist ein introvertierter Naturliebhaber, der „Baumflüsterer“ genannt, verheiratet mit der selbstbewussten Amerikanerin Lauren – eine Verbindung, die schon in Pauls Familie für Spannungen gesorgt hat.
Besonders hervorheben möchte ich hier die Verbindung der Geschwister Linden und Tilia, die beide nach dem Lieblingsbaum des Vaters benannt sind. Sie sind beide völlig unterschiedlich und unterhalten sich immer in einem Kauderwelsch aus Englisch und Französisch, das nur sie beide verstehen.
Linden über Tilia: „Sie war schon immer ein Wildfang, die Art von Mädchen, das auf Bäume klettert, auf zwei Fingern pfeift und flucht wie ein Pirat.“
Tilia ähnelt dem Vater äußerlich, während Linden charakterlich stark nach ihm kommt. Er ist der in sich gekehrte, stille Beobachter, der mit seinen Fotografien das ausdrückt, wozu ihm die Worte fehlen. Er fungiert auch als hauptsächlicher Erzähler des Buches, der den schwersten Kampf von allen mit sich austrägt: nie hat er seinem Vater gestanden, dass er homosexuell ist. Als dieser plötzlich einen Schlaganfall erleidet, drängen die jahrelangen Geheimnisse mit gleicher Unaufhaltsamkeit an die Oberfläche wie die Seine über die Ufer tritt.

Stilistisch wird hier weitestgehend auf Dialoge verzichtet und viel indirekte Rede verwendet, was die innere Verfassung der Charaktere hervorragend widerspiegelt. Tatiana de Rosnay hat ein außergewöhnlich gutes Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen und so einen sensiblen, literarisch klangvollen Roman geschaffen, der zutiefst bewegt und nachdenklich stimmt.

zum Produkt € 20,00*

Durch deine Augen
empfohlen von:

Roman-Michael Schäfer

Roman-Michael Schäfer

Durch deine Augen Peter Hoeg

gebunden

Ist es möglich, die Welt durch die Augen eines anderen Menschen zu sehen? Haben wir exakt dieselben Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen wie unser Gegenüber? Fühlen wir uns deckungsgleich in diese Person ein, als wären wir sie? Ist es möglich, wie ein Psychonaut durch das Seelenleben der Mitmenschen zu schwimmen?

Peter, Lisa und Simon ist jene Gabe gottgegeben. Während ihrer frühen Kindheit bemerken sie diese außergewöhnliche Fähigkeit und loggen sich in die Traumwelten ihrer Zeitgenossen ein oder besuchen sich gegenseitig in ihren Träumen. Es gilt Traumata und andere tiefsitzende Blockaden aufzulösen. Und tatsächlich: Im sogenannten wirklichen Leben ändert sich manches zum Positiven.

Jahrzehnte später treffen die Kindheitsfreunde wieder aufeinander. Simon hat einen Selbstmordversuch hinter sich und Peter möchte den verschlossenen Simon irgendwie erreichen, um zu verhindern, dass er es nochmal probiert. Hilfe kommt in Person von Lisa, die mittlerweile eine Neurowissenschaftlerin geworden ist.

Analog zu den übersinnlichen Fähigkeiten ihrer Kindheit hat Lisa technische Apparaturen erfunden, die das Bewusstsein der Menschen scannen. In der Folge wird der Körper des Patienten dreidimensional bzw. holographisch im Raum dargestellt. Anhand von Farben, die sich in der jeweiligen Region des Hologramms zeigen, lässt sich erkennen, wie es im Inneren des Patienten aussieht. Gleichzeitig sind Lisa und Peter mit dem Bewusstsein des Traumatisierten verbunden. Sie leiden im wahrsten Sinne des Wortes mit.

Aber auch Lisa hatte ein Kindheitstrauma, weshalb Peter Høeg auf zwei Ebenen erzählt. Fast schon psychedelisch und übersinnlich wirken die Kindheitssequenzen; andererseits spielt die Handlung im Hier und Jetzt, da sich Lisa in der Gegenwart an ihre Vergangenheit erinnern soll; was gegen Ende des Romans dann auch schrittweise geschieht, denn vorher konnte sie sich nicht mal an Peter und Simon erinnern.

Gleichzeitig wird in dem Roman deutlich, dass es eine Art kollektives Schmerzgedächtnis gibt, in dem sämtliches Leid der Menschheit abgespeichert ist. Die technischen Aparturen scheinen Zugriff auf dieses Gedächtnis zu haben und können anhand der stetig wachsenden Anzahl an Scans immer besser zur Heilung des Patienten beitragen. Dies verweist auf die metaphysische Dimension des Buches, spricht doch auch der weltberühmte spirituelle Weisheitslehrer Eckhart Tolle von einem „Schmerzkörper“, der die Menschheit miteinander verbindet.

Ein gleichsam experimenteller wie spekulativer Roman, der letztlich die Frage stellt, ob sich die Menschheit dereinst dahingehend weiterentwickeln wird, dass sie zu einem Bewusstsein verschmilzt.

zum Produkt € 24,00*

Scharnow
empfohlen von:

Roman-Michael Schäfer

Roman-Michael Schäfer

Scharnow Bela B Felsenheimer

gebunden

Scharnow ist ein Kaff in der brandenburgischen Provinz; nicht unweit von Berlin gelegen. Ergo möchte man meinen, dass hier der Hund begraben liegt, was im wortwörtlichen Sinne auch stimmt – aber hierzu später mehr.

Gar absonderliche Dinge passieren: Ein fliegender Mann reißt Gebäude ein, der sogenannte Pakt der Glücklichen überfällt nackt den hiesigen Supermarkt, ein Blogger stirbt auf unheimliche Weise und zwei Hilfspolizisten erschießen sich gegenseitig. Obendrein wandert auch noch ein schwarzmagisches Buch durch den Ort und wechselt von Besitzer zu Besitzer.

In Scharnow geht der Punk ab – und das kommt nicht von ungefähr, handelt es sich doch beim Autor um die Punklegende Bela B von den Ärzten. Man könnte durchaus skeptisch sein, denn was lässt sich schon großartig vom Debütroman eines Musikers erwarten?

Wer den Roman liest, kann mitnichten literarisch Hochtrabendes erwarten; wen das aber nicht stört, wird mit einen einfallsreichen, äußerst originellen Roman belohnt, dessen Handlung stakkatohaft zwischen den Szenen hin- und herspringt. Hier mal ein Blitzlicht, dort mal ein Abstecher – es ist richtig was los, so dass man schnell den Überblick verlieren könnte.

Diese Vorgehensweise macht aber Sinn, spiegelt sie doch das unvorhersehbare Hereinbrechen der Ereignisse und deren Gleichzeitigkeit wider. Das schafft Geschwindigkeit, was wiederum ein schnelles Lesen evoziert. Der Leser wird sehen: All die mehr oder weniger zeitgleich stattfindenden Zeitstränge verweben sich zusehend zu einem großen Ganzen. Wer dennoch durcheinanderkommen sollte, dem ist mit einem Personenverzeichnis und einer Karte Scharnows geholfen.

Es wird viel gesoffen und geflucht, Spermastalaktiten tropfen von der Decke, ein Punkmädchen verliebt sich in einen Syrer, während der Bund skeptischer Bürger es sich zur Aufgabe gemacht hat, Tiere, die deren Ansicht nach negativen psychischen Einfluss auf das Weltgeschehen nehmen, zu erschießen. Deshalb kommt es dazu, dass eine Supermarktleiterin ihren Hund begräbt. Die Ereignisse nehmen einfach kein Ende.

Summa summarum ein irrwitziger, mit Schenkelklopfern galore versehener und mit abartigen Szenen überzeichneter Roman, der so bildgewaltig ist, dass er regelrecht nach einer Verfilmung schreit. Und eigentlich kann diesen Stoff nur ein Regisseur stilgerecht umsetzen: Quentin Tarantino.

zum Produkt € 20,00*

Rückwärtswalzer
empfohlen von:

Désirée Westphal

Désirée Westphal

Rückwärtswalzer Vea Kaiser

gebunden

Onkel Willi hat sich immer gewünscht, in seinem Heimatland Montenegro begraben zu werden. Dummerweise kostet die Überführung dorthin ein Vermögen. Mangels einer besseren Alternative klemmt sich Neffe Lorenz hinters Steuer des alten Fiats, den tiefgefrorenen Onkel auf dem Beifahrersitz und den drei resoluten Tanten auf der Rückbank.
Denn mit tonnenweise Kirschkuchen und Wiener Charme hat man noch jedes Problem gelöst!

Ein leichtfüßiger, warmherziger Roman über eine Familie, die trotz aller Widrigkeiten und Zankereien wie Pech und Schwefel zusammenhält, und dass die Verstorbenen einen immer irgendwie begleiten - ob man will oder nicht.
Manchmal schräg und humorvoll, zuweilen ernst und berührend, fliegen die Seiten nur so dahin und am Ende ist man traurig, weil man sich gar nicht mehr von den Prischingers verabschieden möchte.

Meine uneingeschränkte Empfehlung zum Weglesen, Schmunzeln und Weiterverschenken!

zum Produkt € 22,00*

Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall
empfohlen von:

Polina Zinoviev

Polina Zinoviev

Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall Domenico Dara

gebunden

Dieses Buch ist wie ein Sonnenstrahl an einem traurigen Tag.

Während die Menschheit sich anschickt, die ersten Schritte auf dem Mond zu machen, macht sich im dörflichen Kalabrien ein einsamer philosophierender Postbote als moderne Version des göttlichen Merkur daran, in die Geschicke seiner Mitmenschen einzugreifen. Mit sanftem Voyeurismus und mächtigem Gerechtigkeitssinn wird er auf diese Weise zum Schmied fremden Glücks, aber auch zum Kämpfer gegen Lüge und Komplott, Ausbeutung und Hass. Dabei sammelt er Zufälle, die ihn am Schluss… doch soll hier nicht zu viel verraten werden.

Es ist eine licht und warmherzig geschriebene Geschichte, Kalabrien und seiner Lebensart zutiefst verbunden. Die meisterhaft und pointiert gezeichneten Personen sind voller Lebenskraft und absolut authentisch, die Dialoge glaubt man singen, schnattern, fließen zu hören. Der Leser befindet sich mittendrin in Girifalco. Und er leidet, amüsiert oder empört sich, feixt und zetert, liebt oder lacht zusammen mit der verführerischen Carmela (die ihre Unterwäsche auf dem Balkon aufhängt), dem blinden Pepè (der noch schöner ist als Marcello Mastroianni und ein Geheimnis hat), dem eigentlich toten Onkel Michele (dem es aber vielleicht doch ganz gut geht), dem tragischen Salvatore (dessen Schrift so sehr der des Postboten ähnelt), der neugierigen Mariannuzza (die möglicherweise eine Spionin ist) und vielen anderen pittoresken Persönlichkeiten.

Bemerkenswert ist auch die Übersetzung, die die zahlreichen kalabresischen Nuancen auch im Deutschen saftig und lebendig klingen lässt. Der feine Humor gesellt sich zur leichten Melancholie, die durch die Zeilen schwingt. Die fast kinematographisch festgehaltenen Momente bannen sich dem Betrachter mit leuchtender Intensität ins Gedächtnis, wie Szenen aus Pasolinis oder Fellinis Meisterwerken.

zum Produkt € 23,00*

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