Alfred Leinemann

Das Markusevangelium. Prolog ohne Himmel.

Das Markusevangelium als Versuchsanordnung und erstes Buch nach Paulus. 1. Auflage
eBook (epub), 158 Seiten
EAN 9783696346119
Veröffentlicht Juni 2026
Verlag/Hersteller BoD - Books on Demand
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Beschreibung

In gewisser Weise erinnert Jesus bei Markus an Gideon, den Mann, der sich zum Dreschen des Getreides im Weinkeller versteckt hat und trotzdem zur Rettung Israels berufen wurde. Ja, das ist ein guter Vergleich - gerade weil er nicht über "Heldengröße" läuft, sondern über eine gebrochene Berufung. Gideon ist kein natürlicher Retter. Er wird nicht auf dem Feld, im Heer oder am Stadttor eingeführt, sondern beim heimlichen Dreschen in der Kelter, also an einem Ort, der für Getreide gar nicht passt. Das Bild ist schon eine kleine Verkehrung: Der Mann, der Israel retten soll, handelt zuerst aus Angst. Er versteckt Nahrung vor Midian. Und genau dort trifft ihn der Engel mit der Zumutung: "Der Herr mit dir, du streitbarer Held." Das ist fast ironisch, in jedem Fall gegen den offensichtlichen Befund. Bei Markus hat Jesus etwas Ähnliches. Er tritt nicht als souveräner Hoheitsheld auf, sondern als einer, der gedrängt, gehetzt, bedrängt wirkt. Er zieht sich zurück, verbietet Rede, weicht aus, wird von Menschenmengen verfolgt, ist müde, gereizt, einsam, missverstanden. Der gemeinsame Punkt wäre also: Die Rettungsfigur erscheint nicht dort, wo man sie erwarten würde, und nicht in der Form, in der man sie erwarten würde. Gideon rettet Israel nicht, weil er heldenhaft wäre. Markus' Jesus wirkt ebenfalls nicht wie ein Gottessohn, sondern wie eine Figur, in der Sendung, Angst, Unruhe und Überforderung beieinanderliegen. Der Retter ist nicht der klassische Held, sondern der unpassende, nervöse, widerständige, überforderte Mensch, durch den dennoch eine geschichtliche Wende läuft. Genau dadurch wird die Figur literarisch stärker. Sie ist nicht groß, weil sie heroisch ist. Sie ist groß, weil sie aus einer Lage kommt, in der Größe eigentlich ausgeschlossen scheint. Das beginnt schon in Kapitel 1. Jesus gerät geradezu in die Ereignisse. Aus Versehen. Ja. Markus erzählt den Anfang nicht wie die planvolle Selbstoffenbarung eines göttlichen Helden, sondern wie ein Hineingeraten. Jesus tritt in Markus 1 fast ohne Vorgeschichte auf. Keine Geburt, keine Kindheit, keine Genealogie, keine Reflexion über Herkunft. Johannes ist da, die Taufe geschieht, der Himmel reißt auf, der Geist fährt auf ihn herab - und sofort treibt ihn derselbe Geist in die Wüste. Das ist nicht gemütlich geführt, sondern gestoßen, hineingeworfen, mitgerissen. leinemann@mailbox.org

Portrait

Dies ist das Dritte und vorerst letzte Buch der Reihe "Ein Atheist liest die Bibel".

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