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In diesen zehn Erzählungen holt Belinda Cannone mit ihrer großartigen Sprachkunst die an die Ränder der Gesellschaft Gedrängten, die Flüchtenden, Sprachlosen, Ungehörten, Unsichtbaren zurück ins gleißende Licht unserer Aufmerksamkeit; auch solche, die sich bewusst entziehend alle gesellschaftlichen Werte in Frage stellen. Wie die zwanzigjährige Céleste, die mit ihrer Mutter in einem abgelegenen Tal in einer 'Solidaritätsgemeinschaft' lebt, ihr Zuhause verlässt, um im eisigen Wald unterzutauchen, mit den Tieren zu leben. Solche, die in ihrem grausamen Schicksal durch die magische Verbindung zur Natur ihre Stärke entdecken: Wie drei von den Eltern verlassene Geschwister, deren jüngster Bruder von Jugendlichen misshandelt wird und in Todesgefahr 'den Riesen in sich entdeckt'. Bereits in ihrem 2020 erschienenen Roman Vom Rauschen und Rumoren der Welt hat Belinda Cannone sich Außenseitern gewidmet: Jodel und Jeanne - die beide eine sehr besondere Gabe (oder gar Makel?) besaßen, nämlich die Hyperakusis: Um daraus ein auch moralisches Instrument zu machen, bedurfte es gründlicher, nachhaltiger Feinarbeit. In diesen zauberhaft leicht erzählten Geschichten, die tief eindringen in die Abgründe unserer Zeit, bis zurück zum nazibesetzten Frankreich, den Jugoslawienkriegen, den 'europäischen Außengrenzen' wird in jeder der Geschichten eine ganze Welt eingefangen: In der die Verletzlichkeit, wie ein Schatz ergriffen, diese Vulnérables auf einem dünnen Seil über den Abgrund trägt.
Belinda Cannone, Romancière, Essayistin, von sizilianisch-korsischen Eltern in Tunesien geboren, lebt in Paris und in der Normandie. Sie ist eine der großen kritischen Stimmen Frankreichs. Ihre Themen: Feminismus, Antisemitismus, Rassismus. Vielfach preisgekrönt, u.a.: Essay-Preis der Académie franÇaise. 2020 erschien ihr erfolgreicher Roman Vom Rauschen und Rumoren der Welt, nach dem auch ein Hörspiel (WDR) entstand.Über sich selbst sagt sie:Am Anfang ein Erstaunen: Trotz der Banalität, der Reizlosigkeit oder dem geringen Gehalt an Vergnügen des gerade beginnenden Tages habe ich jeden Morgen wieder Lust darauf, aufzustehen.Aufstehen: Bewegung gewordenes Verlangen. Und mit diesem Verlangen das heftige, fast beunruhigende Bewusstsein, dass es nicht vorhanden sein könnte. Eines Morgens könnte ich keine Lust haben aufzustehen (das ist, flüchtig, manchmal vorgekommen). Mein ganzes Leben als Schriftstellerin hat zunächst darin bestanden - und wird sicherlich bis zum Ende darin bestehen -, mir Fragen über die Lust zu leben zu stellen und über sie zu staunen.Mein Leben als Schriftstellerin: Neben diesem Staunen über die Lust muss man sich mit der Gewalt der Welt auseinandersetzen, sie begreifen oder zumindest verarbeiten. Bücher schreiben, um das zu schaffen - für mich eine Form, einen Achttausender nach dem anderen zu erklimmen, sonst ist das Leben nicht intensiv genug.Ein intensives Leben: Es besteht zwar zunächst im Schreiben, muss aber außerdem meiner Vorstellung vom Menschen als einem vollständigen Individuum entsprechen, das heißt Körper und Geist. Also, auch, tanzen (Tango), laufen, schwimmen, gärtnern, einen Teil der Zeit auf dem Land leben. Und lieben. Ich habe mein ganzes Leben so gestaltet, dass ich in größtmöglicher Freiheit leben kann. Ich lasse keine anderen Störungen dieser Freiheit zu als die, die Wirklichkeit und Verantwortung auferlegen.Wirklichkeit und Verantwortung: Wir sind nicht in unserem Ich-Ich eingeschlossen, als isolierte und autonome Individuen. Ich bewohne das gemeinsame Haus, ich umhege es, ich denke es und ich versuche, die darin umgehenden gemeinsamen Geheimnisse zu erfassen, um sie zu nennen. Vor allem: Wir sind Beziehungswesen - in Beziehung zu anderen, aber auch zur Natur, zum Kosmos. Alles, was ich schreibe, geht vom Prinzip des Verflochtenseins aus und zielt darauf ab, die Beziehung zu erforschen.Als Kind hat mein Vater mir gesagt, die Größe eines Mannes, einer Frau rühre daher, die Augen weit zu öffnen und auszusprechen, was man sieht. Das ist mein Bestreben.