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Martin Salander, Kellers letzter Roman, verbindet die Genauigkeit des poetischen Realismus mit einer ernüchterten Analyse der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht der rechtschaffene Kaufmann Martin Salander, der nach geschäftlichen Verlusten in seine Zürcher Heimat zurückkehrt und dort eine Welt vorfindet, in der liberale Ideale, Bildungspathos und republikanische Tugend zunehmend von Spekulation, Karrierismus und moralischer Doppelzüngigkeit untergraben werden. Kellers Stil bleibt anschaulich, ironisch und erzählerisch kontrolliert; zugleich rückt der Roman in den Kontext der späten Realismusliteratur, die gesellschaftliche Wandlungsprozesse nicht verklärt, sondern kritisch durchleuchtet. Gottfried Keller, 1819 in Zürich geboren, kannte die politischen und sozialen Spannungen der Schweiz aus eigener Erfahrung. Als Schriftsteller, Maler, politischer Beobachter und Zürcher Staatsschreiber war er mit den Hoffnungen des Liberalismus ebenso vertraut wie mit seinen praktischen Entstellungen. Martin Salander erscheint daher als Alterswerk eines Autors, der seine republikanischen Überzeugungen nicht preisgibt, sie aber einer strengen Prüfung unterzieht. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die realistische Erzählkunst mit gesellschaftlicher Diagnose verbinden möchten. Es bietet keine bloße Familiengeschichte, sondern ein vielschichtiges Panorama politischer Moral, ökonomischer Versuchung und bürgerlicher Selbsttäuschung.