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Die Angst vor den Bomben, eine Kindheit im Krieg - damit beginnen Helmut Lethens Erinnerungen, die durch mehr als sieben Jahrzehnte bundesdeutscher Geschichte führen: der Schock, als er mit achtzehn Jahren in Alain Resnais' Film «Nacht und Nebel» zum ersten Mal mit dem Holocaust konfrontiert ist. Das Gefühl der Befreiung, als er vom biederen Bonn in das viel liberalere Amsterdam zieht, um dort zu studieren. Schließlich das von Aufruhr und Protest aufgewühlte Berlin: Hier demonstriert Lethen 1967 gegen den Besuch des Schahs, und bald agitiert er als Sprecher der Kampagne für ein Kinderkrankenhaus in Kreuzberg an vorderster Front. Die maoistische K-Gruppe schließt Lethen wegen «Versöhnlertums» aus, dennoch trifft ihn der «Radikalenerlass», das Berufsverbot in Deutschland - das sich als unfreiwillige Chance erweist: In den Niederlanden schreibt Lethen die «Verhaltenslehren der Kälte», in denen er das Verhältnis von Geist und Politik im 20. Jahrhundert auf ganz neue und bis heute aktuelle Weise ausgeleuchtet hat.
Helmut Lethen berichtet in seiner Autobiographie, was ihn geprägt hat: von politischen und denkerischen Experimenten, von Weggefährten sowie Ideengebern wie Adorno und Enzensberger. Ein Entwicklungsroman der Bundesrepublik - wie ihn nur noch wenige Intellektuelle zu erzählen vermögen.
Helmut Lethen (1939-2026) zählt zu den prägenden Denkern der Gegenwart und zu den charismatischsten Vertretern der Kulturwissenschaften in Deutschland. Er lehrte in Utrecht und Rostock, bevor er 2007 die Leitung des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien übernahm. Sein Buch 'Verhaltenslehren der Kälte' (1994) gilt als Standardwerk, für 'Der Schatten des Fotografen' erhielt er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse. Über 'Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug' (2020) schrieb die 'Süddeutsche Zeitung': 'Helmut Lethens Lebenserinnerungen lesen sich wie die Autobiographie einer Generation ... Vor allem aber ist das Buch ein echter Bildungsroman.' Zuletzt erschien 'Stoische Gangarten. Versuche der Lebensführung' (2025), 'ein gedankenfunkelnder Essay von persönlicher Dringlichkeit', so die Jury der Sachbuch-Bestenliste von 'Zeit', ZDF und Deutschlandfunk Kultur.