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Jochen Schimmang hat natürlich nicht wirklich 'Abschied von den Diskursteilnehmern' genommen, wie der Titel seines Buchs von 2024 behauptet. Denn als etablierter und fast schon offizieller Chronist der bundesrepublikanischen - und der eigenen - Geschichte hat er noch 'etwas von der Zeit (zu) retten, in der man nie mehr sein wird', wie Annie Ernaux so schön sagte, und dafür muss ihm die deutsche Literatur dankbar sein. Ob er einen Sonntag im Freibad 1955 aufleben lässt, wo Jugendliche zwischen Horst-Buchholz-Verschnitten und Kriegsversehrten im Radio das Fußballländerspiel in Moskau zwischen den 'Soff-jetz' und der BRD mitverfolgen, ohne wirklich zu verstehen, was vor sich geht; ob er in einer Hommage an seinen Schriftstellerkollegen Jürgen Becker feststellen muss, dass die Nachkriegszeit niemals aufhört; ob er schildert, wie einen gänzlich unverhofft eine Sehnsucht nach Bochum überfallen kann; ob er das Leben und die Versehrungen seines eigenen Vaters (1909-1987) anhand von Bewerbungen und Arbeitszeugnissen nachzeichnet; ob er sich auf die Spuren des solitären Essayisten Christian Linder begibt oder einem Badegast bei der Heimkehr in die See folgt - immer sind seine Erzählungen feine Reminiszenzen, Reverenzen voller Referenzen. Die geübte und geneigte Schimmang-Leserschaft weiß, dass und warum sie das Wort 'Lesevergnügen' nicht benutzen sollte, daher also: 'ein Genuss'.
Jochen Schimmang (*1948) studierte Politische Wissenschaften und Philosophie an der FU Berlin und lebt als freier Schriftsteller und Übersetzer in Oldenburg. 2010 erhielt er den Rheingau Literatur Preis und 2012 den Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar. 2019 wurde Jochen Schimmang mit dem erstmals verliehenen Walter Kempowski Preis für biografische Literatur des Landes Niedersachsen ausgezeichnet, 2021 erhielt er den Italo-Svevo-Preis für sein Lebenswerk. Zuletzt erschien 'Abschied von den Diskursteilnehmern' (2024).