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Palermo, 1930er-Jahre. Ein grausamer, akribisch geplanter Dreifachmord. Der Täter, ein entlassener Büroangestellter auf Rachefeldzug, ist geständig. Die Opfer: sein ehemaliger Vorgesetzter, ein hochgeschätzter Parteifunktionär; ein Buchhalter, sein Nachfolger; die eigene Ehefrau. Nach Wiedereinführung der Todesstrafe scheint die Gesetzeslage eindeutig. Für 'totale Sicherheit' sorgt auch die Regimepropaganda mit der Behauptung, es habe gar keinen Mord gegeben. Tagelang sind die pompösen Bestattungsfeiern das Thema. Der Mordfall kommt vors Schwurgericht in Palermo, wo sich die Türen nur durch 'Freundschaften' öffnen, und trifft dort auf den 'kleinen' Richter. Für ihn ist die Ablehnung der Todesstrafe nicht nur ein unumstößliches Prinzip, sondern ein 'Akt des Glaubens': Allein mit seinem Gewissen zieht er gegen die Übermacht des Staates und seine unmenschlichen Gesetze ins Feld, wissend, dass er sich in seinem Urteil 'der dunkelsten, der verborgensten, eben der hässlichsten Seite seiner selbst stellen muss'; ebenso, dass er damit seine Karriere verspielt. Mit geschliffen ironischer Sprache schildert Sciascia die menschliche Verkommenheit inmitten sizilianischer Lebenswelten und legt im Dialog mit der Weltliteratur den großen Betrugdes faschistischen Systems offen - quasi als Alter Ego des 'kleinen' Richters, der sich in moralischer Übergröße sein gänzlich irrationales Vertrauen in die Menschlichkeit bewahrt. Ein Buch wie ein Vermächtnis.
Einige Lebensetappen des großen Leonardo SciasciaLeonardo Sciascia kam am 8. Januar 1921 zur Welt: in Racalmuto, zwischen Agrigent (Girgenti) und Caltanisetta, inmitten der Schwefelgrubenwelt. Der Vater Pasquale war in die USA ausgewandert, diente freiwillig in der Army, blieb über diese seine Zeit wortkarg und verschlossen sein Leben lang; allenfalls verschaffte er sich in cholerischen Anfällen Luft oder in einem diktatorischen Familienregime, zu dem die 1919 geehelichte Genoveffa Martorelli gehörte und ab 1923 der Bruder Giuseppe, nach dessen Geburt Leonardo ins Haus der Tanten verbracht wird. Der Bruder, in die Fußstapfen des Schwefelgrubenverwaltervaters gezwungen, nimmt sich 1948 das Leben. Leonardo spricht kaum je darüber, zu schwer die Last. Neben der Grundschule las Leonardo schon früh gewichtige Werke, es war die Zeit, da Bücher noch als Lebensmittel verstanden wurden, von Die Brautleute über Casanovas Memoiren bis Stendhal.Mit 14 zog er zusammen mit der Familie nach Caltanisetta, wo er ein istituto magistrale, Schule zur Grundschullehrerausbildung besuchte; dort unterrichtete auch Vitaliano Brancati, Romanschriftsteller und Dramaturg aus Pachino, neue Lektüren für Leonardo waren Caldwell, Hemingway, Dos Passos, Faulkner. 1941 tritt er einen Job als Verwalter eines Getreidelagers an, schreibt sich an der Pädagogischen Hochschule in Messina ein; verlässt sie vorzeitig. 1943 - ist der 2. WK. mit der Landung der Alliierten in Sizilien zu Ende; seine ersten Zeitungsartikel erscheinen. Im Juli heiratet er, gerade 23-jährig, Maria Andronico, im Jahr darauf kommt Laura, 1946 dann Anna Maria zur Welt.1949 - tritt er in Racalmuto seine Stelle als Grundschullehrer an, gründet mit dem Verleger und Buchhändler Salvatore Sciascia, Caltanisetta, die Zeitschrift "Galleria"; aus seinen Notizen eines Grundschullehrers entstehen die Parrocchie di Regalpetra (1956) (dt. mehrere Titel): das sehr berührende Erinnerungspanorama seiner Heimatstadt, die fiktive Realität eines sehr authentischen Siziliens, ein J'accuse des faschistischen Ventennios, der anschließenden Demokratie in all ihrer Unreife und Unehrlichkeit, der Condition humaine nach vollständiger Aushöhlung von Moralität und Gewissen. Verhalten und mächtig zugleich Sciascias Erzählen holt er die schreckliche Wirklichkeit der Salzbauern und Schwefelgrubenarbeiter ans Licht, deren Arbeit, die einzig mögliche, zugleich ihr Todesurteil darstellt; die Schulkinder, in deren Gesichter die Qualen der Väter und die totale Aussichtslosigkeit auf eine wirkliche Zukunft gezeichnet sind.Die zweite Ausgabe erschien 1967 zeitgleich mit dem hier und heute von uns ins Deutsche übersetzten Werk Tod des Inquisitors (1964): die historische Studie eines sogenannten Häretikers, seines idealen Mitbürgers aus Racalmuto, der 1658 den spanischen Inquisitor tötete, just als der ihn in der Folterkammer aufsuchte, und zwar mit seinen eisernen Handschellen (spätere Quellen sprechen von einem Foltereisen): sein Held Diego la Matina, der nach weiteren Folterungen in einem volksfestartigen Autodafé im Jahr auf dem Scheiterhaufen landet, bis zum Ende die Würde des Menschen hochhält, niemals einer nicht ausgewiesenen häretischen Schuld -nichts weiter als ein Menschlichsein, ein Sozialsein - abschwört, vor Gott, gegen Gott argumentiert und diesen als ungerecht bezeichnet.Auf diesen idealen Mitbürger war Sciascia bei den Recherchen zu seinem von vielen als sein bestes bezeichneten Werk gestoßen - das Ägyptische Konzil (1963), bekannt auch als Der arabische Betrug.Sciascias Werk umfasst viele tausend Seiten. Der erste ins Deutsche übersetzte (Kriminal-) Roman war Der Tag der Eule (1961), der erste in Italien, der die Mafia zum Thema hatte,Gewichtig auch Sciascias politische Karriere, die er 1975 als Kommunalpolitiker im Gemeinderat von Palermo begann (1967 war er mit der Familie in den Viale Scaduto nach P. gezogen), 1977 verlässt er unter Polemiken dieses Amt, was sich in Streitgesprächen und -schriften über die Rolle der Intellektuellen gegenüber dem Terrorismus niederschlägt; schreibt für zahlreiche nationale