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Maximilian Harden, der umstrittene Publizist und Intellektuelle des Kaiserreichs, begann im Herbst 1906 eine sensationelle Pressekampagne gegen Fürst Philipp Eulenburg, den besten Freund und zeitweise wichtigsten Berater Kaiser Wilhelms II.: In seiner europaweit beachteten Zeitschrift 'Die Zukunft' unterstellte er dem Fürsten, das Haupt einer Kamarilla zu sein, einer namentlich nie genau definierten Einflussgruppe im Arkanbereich der Reichsleitung, die durch Homosexualität zusammengehalten werde. Der 'Eulenburg-Skandal' erschütterte bis 1909 die Monarchie in Deutschland. Anhand zahlreicher Quellen, darunter rund 5.000 Presseartikel, geht Norman Domeier - in der 2., aktualisierten und erweiterten Auflage seines Standardwerks - dem 'Eulenburg-Skandal' nach und liefert zugleich eine Kulturgeschichte der Politik im Kaiserreich. Er zeigt, dass es weniger um die Homosexualität Eulenburgs ging. Denn der 'Eulenburg-Skandal' gab zum einen die Initialzündung für eine moderne, kritische Öffentlichkeit in Deutschland; zum anderen bot er eine Gelegenheit, den kommenden Weltkrieg nicht nur politisch, militärisch und ökonomisch, sondern auch moralisch zu rechtfertigen.
Norman Domeier, PD Dr. phil., ist DAAD-Gastprofessor an der Karls-Universität Prag und Privatdozent an der Universität Stuttgart.
Vorwort zur 2. Auflage I.Der deutsche Skandal vor aller Welt 1.Die transnationale Entgrenzung des Eulenburg-Skandals 2.Quellen, Methoden, Historiographien 3.Historischer Kontext und Ereignisgeschichte II.Der politische Skandal und die Deutungsmacht der Intellektuellen 1.Halbe Worte und ganze Männer: die Pressekampagne gegen die Eulenburg-Kamarilla 2.Das moralische Überlegenheitsgefühl der wilhelminischen Deutschen 3.Moralisierung der Politik, Polarisierung der Gesellschaft: der politische Skandal 4.Mit dem Segen Bismarcks: Maximilian Hardens Aufstieg zum führenden Intellektuellen und Monarchiekritiker Deutschlands 5.Die Zuspitzung intellektueller Deutungsmacht im Skandal: Der Intellektuelle wird Politiker III.Fließende Übergänge: Politik, Justiz und Presse unter Skandalbedingungen 1.Vom duellierenden Ehrenmann zum prozessierenden Gentleman: der 1. Moltke-Harden-Prozess und die Zivilisierung des Ehrverständnisses 2.60 Duelle vs. 60.000 Gerichtsprozesse: der Erfolg des Weltbildes vom 'Kampf ums Recht' 3.Cause Célèbre: der Sensationsprozess als Forum obrigkeitskritischer Politik 4.Die Transformation lokaler Gerichtsöffentlichkeit in transnationale Presseöffentlichkeit 5.Vierte Gewalt wider Wille: die zunehmende Macht der wilhelminischen Presse IV.Die Politisierung von Ehe, Freundschaft und Sexualität 1.Der Zusammenprall männlicher Unlust und weiblicher Begierde: Eine wilhelminische Ehe wird politisch 2.Von der Belle Époque ins 'Eiserne Zeitalter': die Grenzverschiebung von Freundschaft zu Sexualität 3.Dialektik der Aufklärung: Homophobie als Katalysator heterosexueller Liberalisierung V.Die politische und moralische Legitimationskrise der wilhelminischen Herrschaftselite 1.Der Sturz der Eulenburg-Kamarilla: an den Grenzen von verantwortlicher und unverantwortlicher Politik 2.Facetten modernen Auserwähltheitsglauben: die Aktualisierung des Gottesgnadentums durch Spiritismus 3.Ästhetischer Antisemitismus: der Eulenburg-Skandal als Kampf von Germanentum und Judentum 4.Preußische Fürsten und bayerische Fischer: die Vitalität des Partikularismus im späten Kaiserreich 5.'Es gibt noch Richter - aber nicht in Berlin': das zweischneidige Schwert der Klassenjustiz VI.Deutschlands Außenpolitik und Militär unter dem Verdacht der Homosexualität 1.Die Eulenburg-Kamarilla als frankophile Friedenspartei und homosexuelle Internationale 2.Das Verblassen des Moltke-Mythos und die moralischen Rechtfertigungen eines kommenden Krieges 3.Ernst sein ist alles: zur Ambivalenz von Satire in Zeiten der Prestigepolitik und Kriegsangst VII.Das lange Ende des deutschen Skandals 1.Abdankung oder Abfindung: der Deal zwischen Publizist und Reichskanzler 2.Zusammenfassung 3.Ausblick Dank der 1. Auflage (2010) Quellen und Literatur Ungedruckte Quellen Gedruckte Quellen Literatur