Pierre Bourdieu

Die feinen Unterschiede

Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Neuauflage. Mit Abbildungen, 21 Diagr., 37 Tabellen, im Anhang 1 Fragebogen, 1 Beobachtungspl., Tabellen. 17,9 cm / 11,0 cm / 3,5 cm ( B/H/T )
Buch (Softcover), 912 Seiten
EAN 9783518282588
Veröffentlicht November 2012
Verlag/Hersteller Suhrkamp Verlag
Übersetzer Übersetzt von Achim Russer, Bernd Schwibs
28,00 inkl. MwSt.
Teilen
Beschreibung

»Bourdieus Analyse des kulturellen Konsums und des Kunstgeschmacks ist trotz der hohen Anforderungen, die sie an den Leser stellt, nicht bloß für Sozialwissenschaftler, Kunstschaffende und Philosophen von Interesse, sondern für alle, die geneigt sind, ihre eigenen, meist als selbstverständlich aufgefaßten kulturellen Vorlieben und Praktiken zu prüfen. Auch wenn in unserem Land die Kultur einen weitaus geringeren Stellenwert hat als in Frankreich und die westdeutschen Klassenunterschiede weniger augenscheinlich sind als die französischen, sind doch die Strukturen der Distinktion überraschend ähnlich. Der Reiz und auch das Verdienst des Buches liegen darin, daß Bourdieu immer im Kontakt zur konkreten Alltagswirklichkeit bleibt. Dafür sorgen schon die zwischen die schwierigen theoretischen Ausführungen und die Masse des empirischen Materials häufig eingeschobenen Fallbeispiele. Sie laden den Leser zur Identifikation ein, so daß er nicht bloß außenstehender Beobachter bleibt, sondern sich selbst als Gegenstand der Analyse entdeckt. Dadurch wird die Lektüre der Feinen Unterschiede für alle, die sich darauf einlassen wollen, zu einem spannenden Selbsterfahrungsprozeß.« Joachim Weiner

Portrait

Pierre Bourdieu, am 1. August 1930 in Denguin (Pyrénées Atlantiques) geboren, besuchte dort das Lycée de Pau und wechselte 1948 an das berühmte Lycée Louis-le-Grand nach Paris. Nachdem er die Eliteschule der École Normale Supérieure durchlaufen hatte, folgte eine außergewöhnliche akademische Karriere. Von 1958 bis 1960 war er Assistent an der Faculté des lettres in Algier, wechselte dann nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales. Im selben Jahr begann er, die Reihe Le sens commun beim Verlag Éditions de Minuit herauszugeben und erhielt einen Lehrauftrag an der Ècole Normale Supérieure. Es folgten Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte in Princeton und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Seit 1975 gibt er die Forschungsreihe Actes de la recherche en sciences sociales heraus. 1982 folgte schließlich die Berufung an das Collège de France. 1993 erhielt er die höchste akademische Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird, die Médaille d'or des Centre National de Recherche Scientifique. 1997 wurde ihm der Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen verliehen.
In seinen ersten ethnologischen Arbeiten untersuchte Bourdieu die Gesellschaft der Kabylen in Algerien. Die in der empirischen ethnologischen Forschung gemachten Erfahrungen bildeten die Grundlage für seine 1972 vorgelegte Esquisse d'une théorie de la pratique (dt. Entwurf einer Theorie der Praxis, 1979). In seinem wohl bekanntesten Buch La distinction (1979, dt. Die feinen Unterschiede, 1982) analysiert Bourdieu wie Gewohnheiten, Freizeitbeschäftigungen, und Schönheitsideale dazu benutzt werden, das Klassenbewußtsein auszudrücken und zu reproduzieren. An zahlreichen Beispielen zeigt Bourdieu, wie sich Gruppen auf subtile Weise durch die feinen Unterschiede in Konsum und Gestus von der jeweils niedrigeren Klasse abgrenzen. Mit Le sens pratique (dt. Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, 1987) folgte 1980 eine ausführliche Reflexion über die konkreten Bedingungen der Wissenschaft, in der Bourdieu das Verhältnis von Theorie und Praxis neu zu denken versucht. Ziel dieser Analysen ist es, die »Objektivierung zu objektivieren« und einen Fortschritt der Erkenntnis in der Sozialwissenschaft dadurch zu ermöglichen, daß sie ihre praktischen Bedingungen kritisch hinterfragt.
Seit dem Beginn der 90er Jahre engagiert sich Bourdieu für eine demokratische Kontrolle ökonomischer Prozesse. 1993 rief er zur Gründung einer »Internationalen der Intellektuellen« auf, deren Ziel darin besteht, das Prestige und die Kompetenz im Kampf gegen Globalisierung und die Macht der Finanzmärkte in die Waagschale zu werfen. Die im selben Jahr gegründete Zeitschrift Liber soll dazu ein unabhängiges Forum bieten. Seine politischen Aktivitäten zielen darauf ab, eine Versammlung der "Sozialstände in Europa" einzuberufen, die den europäischen Einigungsprozeß kontrollieren und begleiten soll.
Pierre Bourdieu stirbt am 23. Januar 2002 in Paris.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur deutschen Ausgabe
Einleitung
ERSTER TEIL: GESELLSCHAFTLICHE KRITIK DES GESCHMACKSURTEILS
1. Bildungsadel. Titel und Legitimitätsnachweis
Titel
- Die Wirkung des Titels
- Die ästhetische Einstellung
- Reiner und 'barbarischer' Geschmack
- 'Populäre Ästhetik'
- Ästhetische Distanzierung
- Eine anti-kantianische 'Ästhetik'
- Ethik, Ästhetik und Ästhetizismus
- Neutralisierung und das Universum der Möglichkeiten
- Die Distanz zur Notwendigkeit
- Der ästhetische Sinn als Sinn für die Distinktion
Legitimitätsnachweis
- Stil und Erwerbsstil
- Der 'Gelehrte' und der 'Mann von Welt'
- Erfahrung und Wissen
- Die angestammte Welt
- Geerbtes und erworbenes Kapital
- Die zwei Märkte
- Faktoren und Kräfte
ZWEITER TEIL: DIE ÖKONOMIE DER PRAXISFORMEN
2. Der Sozialraum und seine Transformationen. Klassenlage und soziale Konditionierungen
- Variablen und Variablensysteme
- Die konstruierte Klasse
- Soziale Klasse und Laufbahnklasse
- Kapital und Markt
Ein dreidimensionaler Raum. Die Umstellungsstrategien
- Einstufung, Abstufung, Umstufung
- Umstellungsstrategien und morphologische Veränderungen
- Zeit um zu begreifen
- Eine geprellte Generation
- Der Kampf gegen die Deklassierung
- Die Wandlungsprozesse im Bildungssystem
- Die Konkurrenzkämpfe und die Verschiebung der Struktur
3. Der Habitus und der Raum der Lebensstile
- Die Homologie der Räume
- Form und Substanz
- Drei Arten des Sich-Unterscheidens
- Ungezwungen oder unverfroren?
- Das Sichtbare und das Unsichtbare
- Die Gesamtbereiche der stilistischen Möglichkeiten
4. Die Dynamik der Felder
Das Zusammenspiel von Güterproduktion und Geschmacksproduktion
- Die Wirkung der Homologien
- Wahlverwandtschaften
- Die symbolischen Auseinandersetzungen
DRITTER TEIL: KLASSENGESCHMACK UND LEBENSSTIL
5. Der Sinn für Distinktion
- Aneignungsweisen von Kunst
- Die Varianten des herrschenden Geschmacks
- Der zeitliche Einschnitt
- Temporelle und spirituelle Größen
6. Bildungsbeflissenheit
- Kennen und Anerkennen
- Der Autodidakt und die Schule
- Die Linie und der Hang
- Die Varianten des kleinbürgerlichen Geschmacks
- Das absteigende Kleinbürgertum
- Das exekutive Kleinbürgertum
- Das neue Kleinbürgertum
- Von der Pflicht zur Pflicht zum Genuß
7. Die Entscheidung für das Notwendige
- Der Geschmack am Notwendigen und das Konformitäts-Prinzip
- Herrschaftseffekte
8. Politik und Bildung
- Zensus und Zensur
- Statuskompetenz und Statusinkompetenz
- Das Recht auf Meinungsäußerung
- Die persönliche Meinung
- Produktionsweisen von Meinung
- Sinnverlust und Sinnentstellung
- Moralische und politische Ordnung
- Klassenhabitus und politische Meinung
- Meinungsangebot und Meinungsnachfrage
- Der politische Raum
- Der spezifische Laufbahneffekt
- Politische Sprache
Schluß: Klassen und Klassifizierungen
- Inkorporierte soziale Strukturen
- Begriffsloses Erkennen
- Vom Interesse diktierte Zuschreibungen
- Der Kampf der Klassifikationssysteme
- Realität der Vorstellung und Vorstellung der Realität
Nachschrift: Elemente einer 'Vulgärkritik' der 'reinen' Kritiken
- Der Ekel vor dem 'Leichten'
- 'Reflexions- Geschmack' und 'Sinnen- Geschmack'
- Das verleugnete gesellschaftliche Verhältnis
- Parerga und Paralipomena
- Die Lust am Lesen
Anhang I:
- Einige Überlegungen zur Methode
- Der Fragebogen
- Beobachtungsplan
Anhang II: Zusätzliche Quellen
Anhang III: Die statistischen Daten. Die Erhebung
Anhang IV. Ein Gesellschaftsspiel
Glossar
Bildnachweise
Verzeichnis der Tabellen und Diagramme im Textteil
Namen- und Sachregister

Hersteller
Suhrkamp Verlag
Torstraße 44

DE - 10119 Berlin

E-Mail: info@suhrkamp.de