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Haben Sie sich jemals gefragt, was mit den Figuren geschieht, wenn Sie einen Roman schließen, den Sie gerade gelesen haben? Wahrscheinlich nicht. Sie nehmen als selbstverständlich hin, dass all diese wunderbaren Figuren nichts weiter sind als tote Buchstaben auf Papier. Sie irren sich. Sie haben ein eigenes Leben jenseits dessen, was geschrieben steht. Eigene Persönlichkeiten, Gefühle und Wünsche. Stellen Sie sich nun einen Roman vor, dessen Handlung auf einer Insel spielt, umgeben von einem Meer, das bis zu den Buchdeckeln reicht. Stellen Sie sich den Protagonisten, den Antagonisten, die Geliebte, den Dieb und den Matrosen vor, dazu einige Nebenfiguren wie Martin, den Wirt der einzigen Schenke auf der Insel. Über die Handlung wollen wir nicht sprechen. Sie ist für diese Geschichte ohnehin nebensächlich. Und glauben Sie mir: Jeder Roman, auch dieser hier, hat einen Archivar die körperliche Manifestation des Unterbewusstseins seines Schriftstellers, der die Erzählung zusammenhält. Er taucht in keinem Handlungsablauf auf und ist doch in jedem Wort, jedem Absatz und jeder Seite gegenwärtig. Gehen wir weiter. Stellen Sie sich vor, dass dieser Roman seit mehr als einem Jahr von niemandem geöffnet wurde. Keine einzige Ausgabe. Die Figuren fragen sich besorgt, was mit den Lesern geschehen ist, führen ihr Leben jedoch zunächst ruhig weiter meistens in Martins Schenke und verhalten sich dabei ganz so, wie es ihre Rollen verlangen. Der Protagonist und der Antagonist befinden sich in ihrem ewigen Konflikt. Der Dieb lauert auf eine Gelegenheit, etwas zu stehlen. Der Matrose träumt davon, eines Tages in See zu stechen. Und die Geliebte, die ihr Ehemann jedes Mal umbringt, wenn jemand jene Passage liest, verbringt ihre Zeit lieber in der Bibliothek. Dann beruft der Archivar zum ersten Mal überhaupt eine Versammlung der Hauptfiguren ein. Bei Martin, natürlich. Er eröffnet ihnen, dass eine Eule aus einem anderen Roman eingetroffen ist und schreckliche Nachrichten überbracht hat. Eine Eule? Ja, das habe ich noch nicht erwähnt. Jeder Archivar besitzt eine Eule, die Nachrichten zwischen den Archivaren übermittelt. Sie fliegt mühelos zwischen den Welten das heißt: zwischen den Romanen , damit die Archivare einander beneiden, Vorwürfe machen und ihrer Eitelkeit freien Lauf lassen können. Und die Eule berichtet, dass seit mehr als einem Jahr kein einziger Roman, kein einziges Buch auf der Welt geöffnet wurde. Die Figuren begreifen, dass etwas Schreckliches mit der Außenwelt geschehen sein muss mit der Welt der Leser. Dann eröffnet der Archivar ihnen etwas, das ihnen das Blut in ihren unsterblichen Adern gefrieren lässt. Denn die Figuren sind unsterblich. Ebenso wie die geschriebenen Romane, in denen sie leben. Der Archivar hat den Buchdeckel durchtrennt und befiehlt ihnen, sich für die Reise vorzubereiten. Mit seinem Luftschiff, das die Sätze zusammenhält, werden sie in die Außenwelt aufbrechen in unsere Welt. Sie müssen ihren Schriftsteller finden, den sie voller Ehrfurcht den Schöpfer nennen. Und sie wollen herausfinden, warum die Literatur ihren Sinn zu verlieren scheint. Bald erkennen sie, dass sie nicht die einzigen Figuren sind, die ihre Romane verlassen haben. Aber es sind nicht irgendwelche Figuren. Und dann beginnt alles ...