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Dreist, wie ich außerhalb meiner Literatur niemals bin, wage ich zu fragen, ob Sigmund Freud sich hässlich fand. Wage ich, mich zu Helga M. Novak ins Boot zu setzen und zu fragen: Hätten andere wirklich so viel mehr aus unseren Leben gemacht? Mehr Zier, mehr Glamour, mehr Behauptung statt Selbstbehauptung, mehr großes Kino als Drahtseilakte entlang der Außenseite? Sei's drum. Ach Helga. "Findling" nannte dich deine Ziehmutter und meinte Findelkind, meinte "Benimm dich". "Jeder Findling ist eine Sonnenuhr für sich", schreibst du in deinen Wald-Gedichten. Worte spenden Trost. Die Wunde bleibt. Im Sinne von Wundmal, Brandmal, Stigma oder Trauma, schön im Sinne von hässlich im Sinne von, es wert sein, gehasst zu werden, im Sinne von Unzier, entstellend, maximal wetterfühlig. Der Schmerz der Erwachsenen darüber, nicht aufgenommen, verstanden, gewollt und geborgen zu sein, hat die emotionale Qualität einer Lebensbedrohung, die in früher Kindheit real war. In fünf Gedicht- und vier Essaykapiteln beschäftigt sich Unzier mit der Wirkmacht von Anfängen, lässt sich triggern durch gewaltvolle globale Entwicklungen und erhält die Hoffnung, dass Neu-Anfänge im Großen und Kleinen noch möglich sind, mühsamst aufrecht. "Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen" war Hannah Arendts Lieblingszitat. Ich halte es hier in Ehren (hoch). - Sibylla Vri-i- Hausmann
Sibylla Vri-i- Hausmann wurde 1979 in Wolfsburg geboren. Sie schreibt Lyrik, Essays und Prosa. In Münster und Berlin studierte sie Literaturwissenschaften, Philosophie und Linguistik, lebte danach drei Jahre in Mostar (Bosnien und Herzegowina) und absolvierte im Anschluss ein zweites Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Als Mitherausgeberin gestaltete sie mehrere Anthologien mit, zuletzt 2023 "Other Writers Need to Concentrate" mit Texten von Autor:innen aus dem gleichnamigen Netzwerk, das sie 2020 mitbegründete. 2018 erschien ihr Lyrikdebüt "3 Falter" im poetenladen Verlag, 2022 folgte "meine Faust" bei kookbooks. Für ihr bisheriges Werk erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter den 2. Feldkircher Lyrikpreis 2013, den Orphil-Debütpreis 2018, das Rainer-Malkowski-Stipendium der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 2022 und den Clemens-Brentano-Preis 2024. Sie ist Mitglied des Netzwerks Lyrik, des PEN Berlin und des Unabhängige Lesereihen e.V. Sie lebt mit zwei Kindern in Leipzig.