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Ein feinsinniger Triumpf dichterischer Fantasie über die erdenschwere (Geschlechterrollen-)Realität
Mit frei fabulierender Leichtigkeit und Lust an der biografischen Travestie hat Virginia Woolf diese (wie sie selbst es nannte) 'literarische Eskapade' verfasst - eine furiose Liebeserklärung an ihre intime Freundin Vita Sackville-West. Dank der zeitgemäßen Neuübersetzung von Irma Wehrli lässt sich ein Meisterwerk heiteren Übermuts ganz neu entdecken. Stets mutig dem Ruf seines Herzens zu folgen - dies ist das innigste Begehren von Lord Orlando, der im späten 16. Jahrhundert unter hochgestellten Persönlichkeiten aufwächst und zum Schatz- und Hofmeister von Königin Elisabeth I. avanciert. Von einer moskowitischen Fürstin sitzengelassen, von einer rumänischen Erzherzogin drangsaliert und als Poet gescheitert, flieht er als Sonderbotschafter Hals nach Konstantinopel, wo er während einer Revolution eine ganz unerhörte Verwandlung erfährt: Er erwacht mit unveränderter Identität, doch als Frau und alterslos. Maskuline Stärke und feminine Anmut in sich vereinend, führt Orlando fortan eine ausschweifend-sinnliche Existenz jenseits starrer Geschlechter- und Klassenkonventionen in Adels- wie in Freudenhäusern. Zurück in London, mündet die Metamorphose im Viktorianischen Zeitalters in eine (glückliche) Ehe samt Mutterschaft, aber auch in künstlerischer Anerkennung. 1928, in dem Jahr, da der Roman mit seinem Erscheinen endet, ist Orlando endlich die gefeierte Dichterpersönlichkeit, die sie seit jeher sein wollte. Nach der vielgerühmten Neuausgabe von Mrs. Dalloway 2022 findet die Virginia-Woolf-Renaissance bei Manesse mit Orlando eine gebührende Fortsetzung. 'Für mich war dieses phantasmagorische Leichtgewicht stets ein Handbuch. Ein Reiseführer durch menschliche Erfahrungen, der geistreichste Gefährte, der sich denken lässt. Wenigstens mein erster: die Flaschenpost einer imaginären Freundin.' Tilda Swinton
Virginia Woolf wurde am 25. Januar 1882 in London geboren und wuchs im großbürgerlichen Milieu des viktorianischen Englands auf. Ihr Leben war geprägt von wiederkehrenden psychischen Krisen. 1912 heiratete sie Leonard Woolf. Zusammen gründeten sie 1917 den Verlag "The Hogarth Press". Ihr Haus war eines der Zentren der Künstler und Literaten der Bloomsbury Group. Am 28. März 1941 nahm Virginia Woolf sich, erneut bedroht von einer Verdunkelung ihres Gemüts, das Leben.