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WIR! ist ein Sachbuch über die Zukunft der Demokratie - und über die Frage, ob die Technologie unserer Zeit längst eine Antwort bereithält, die wir uns noch nicht vorzustellen trauen.
Zu Beginn steht ein Gedanke, der so naheliegend ist, dass man ihn leicht übersieht: Was wäre, wenn die repräsentative Demokratie nie eine Idealform war, sondern lediglich die beste Antwort auf die Bedingungen ihrer Zeit? Im 18. und 19. Jahrhundert, in einer Welt ohne schnelle Kommunikationsnetze, ohne sichere Identifizierung über Distanz und ohne die Möglichkeit, Millionen Menschen gleichzeitig an Entscheidungen zu beteiligen, waren gewählte Vertreter keine Vision, sondern eine Notwendigkeit. Diese Notwendigkeit ist vorbei.
Was fehlt, ist nicht die Technologie als Grundlage eines neuen Systems, das ohne Autoritäten auskommt, sondern der Mut, sie politisch zu denken. Was fehlt, ist die Vorstellungskraft.
Das Buch legt zwei Wege nebeneinander: Der erste analysiert, wie und warum die repräsentative Demokratie entstanden ist - und wo sie heute an strukturelle Grenzen stößt. Warum das Vertrauen in Institutionen seit Jahrzehnten sinkt. Wie politische Systeme bestimmte Persönlichkeitstypen anziehen und andere ausschließen. Und welche Konsequenzen es hat, wenn Entscheidungen über zentrale Fragen wie Krieg und Frieden in Räumen getroffen werden, zu denen die meisten Menschen keinen Zugang haben.
Der zweite Weg zeigt, was Blockchain-Technologie jenseits von Kryptowährungen bedeutet: kryptographisches Vertrauen ohne institutionelle Vermittler, dezentrale Netzwerke statt zentrale Instanzen. Die technische Infrastruktur dafür steht bereit - nicht als Zukunftsvision, sondern als gelebte Realität. Es bräuchte lediglich den politischen Willen, sie gesellschaftlich zu nutzen.
Das Buch wird konkret: Es zeigt, wie eine neue, wahrhaft demokratische Infrastruktur aussehen könnte - mit transparenten Entscheidungsprozessen, flüssiger Delegation, themenbezogenen Abstimmungen und einer Beteiligung, die nicht alle vier Jahre auf ein Kreuz reduziert wird, sondern in Echtzeit funktioniert. Es skizziert einen Weg, auf dem die Bürgerschaft erstmals in der Geschichte echte Souveränität erlangen könnte.
Beide Wege treffen sich in den Geschichten der Figuren, die dieses Buch bevölkern: Jonas, der Lehrer, der Vertrauen weitergibt. Anna, die mit einem lokalen Vorschlag etwas in Bewegung setzt, das größer wird, als sie ahnt. Petra, die Ärztin im Ruhestand, die entdeckt, dass ihr Lebenswerk vielleicht erst jetzt beginnt. Julia, die aus Mexiko einen Förderantrag einreicht - ohne zu wissen, was daraus entstehen wird. Familie Becker, deren unbequeme Meinung endlich Gehör findet. Und Reza, dessen Eltern nie gefragt wurden - und der genau deshalb ein System baut, das fragt.
WIR! ist ein Gedankenexperiment, das ernst genommen werden will: analytisch präzise, technologisch fundiert und zugleich zutiefst menschlich - getragen von der Überzeugung, dass Demokratie keine feste Ordnung ist, die man bewohnt wie ein Haus, das andere gebaut haben. Sie ist ein Prozess. Und er gehört uns allen.
Für Leserinnen und Leser, die sich fragen, ob es wirklich so bleiben muss, wie es ist - und was wir gewinnen könnten, wenn es anders wäre.
Yannic Herrmannsdörfer ist als Filmtonmeister tätig. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich mit Blockchain-Technologie und Governance-Modellen, die neue Formen gesellschaftlicher Organisation ermöglichen können.