Autorin des Monats März
Ulla Lenze

  • 01.03.2020
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Ulla Lenze, 1973 in Mönchengladbach geboren, studierte Musik und Philosophie in Köln und veröffentlichte insgesamt vier Romane, zuletzt »Der kleine Rest des Todes« (2012) und »Die endlose Stadt« (2015). Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Jürgen-Ponto-Preis für das beste Debüt 2003, dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Förderpreis und dem Ernst-Willner-Preis beim Bachmann-Wettbewerb. 2016 erhielt Ulla Lenze für ihr Gesamtwerk den »Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft«.
 

Für ihren neuen Roman »Der Empfänger« hat sie die Lebensgeschichte ihres Großonkels fiktional verarbeitet. Ulla Lenze lebt in Berlin.
Quelle: Klett-Cotta

 

 


Ulla Lenze, Der Empfänger

gebunden

Ein deutscher Auswanderer in New York - im Spionagenetzwerk der deutschen Abwehr Ulla Lenze legt einen wirkmächtigen Roman über die Deutschen in Amerika während des Zweiten Weltkriegs vor. Die Geschichte über das Leben des rheinländischen Auswanderers Josef Klein, der in New York ins Visier der Weltmächte gerät, leuchtet die Spionagetätigkeiten des Naziregimes in den USA aus und erzählt von politischer Verstrickung fernab der Heimat. Vor dem Kriegseintritt der Amerikaner brodelt es in den Straßen New Yorks. Antisemitische und rassistische Gruppierungen eifern um die Sympathie der Massen, deutsche Nationalisten feiern Hitler als den Mann der Stunde. Der deutsche Auswanderer Josef Klein lebt davon relativ unberührt; seine Welt sind die multikulturellen Straßen Harlems und seine große Leidenschaft das Amateurfunken. So lernt er auch Lauren, eine junge Aktivistin, kennen, die eine große Sympathie für den stillen Deutschen hegt. Doch Josefs technische Fähigkeiten im Funkerbereich erregen die Aufmerksamkeit einflussreicher Männer, und noch ehe er das Geschehen richtig deuten kann, ist Josef bereits ein kleines Rädchen im Getriebe des Spionagenetzwerks der deutschen Abwehr. Josefs verhängnisvoller Weg führt ihn später zur Familie seines Bruders nach Neuss, die den Aufstieg und Fall der Nationalsozialisten aus der Innenperspektive erfahren hat, und letztendlich nach Südamerika, wo ihn Jahre später eine Postsendung aus Neuss erreicht. Deren Inhalt: eine Sternreportage über den Einsatz des deutschen Geheimdienstes in Amerika. Stimmen zum Buch »Ulla Lenze verknüpft meisterhaft Familiengeschichte und historischen Stoff, schreibt brillant, lakonisch, zugleich mitreißend über einen freundlichen Mann, der sich schuldig macht, weil er sich wegduckt.« WDR, Claudia Kuhland »Wie keine andere Autorin und kein anderer Autor unserer Generation kann Ulla Lenze in klugen Szenen und wunderbaren Details von der inneren Verfasstheit weit entfernter Orte und ihrer Bewohner erzählen, von sozialen und zwischenmenschlichen Dynamiken und wie beides zusammenhängt. In >Der Empfänger< wendet sie ihr Können erstmals auf einen historischen Stoff an und das Ergebnis ist beeindruckend.« Inger-Maria Mahlke »Wie schafft sie es bloß, über Figuren, die sich selbst verlieren, so zu schreiben, dass man beim Lesen Halt findet?« Lucy Fricke »Ulla Lenze schreibt eine tolle, empfindungsintensive, pathosfreie Prosa. Echt und wahr und ehrlich.« David Wagner »Ich will (...) mal ein Buch nennen, von einer jungen Autorin, das mich erstaunt hat: >Die endlose Stadt< von Ulla Lenze. Diesem Buch merke ich an, dass es Substanz hat.« Uwe Timm zu »Die endlose Stadt«

zum Produkt € 22,00*


Erfahren Sie in unserem Interview mit Ulla Lenze mehr über ihren neuen Roman

Liebe Ulla Lenze, 

herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Buch! Wir haben es mit Genuss gelesen und viel erfahren, sind tief abgetaucht in die Geschichte der beiden Brüder, haben mitgelitten, mitgelebt und mitgehofft. 
Sie haben für den „Empfänger“ die Briefe Ihres Großvaters und Großonkels gelesen und viel recherchiert. Gelingt es Ihnen, die Fakten und Ihre eigene Fiktion auseinanderzuhalten oder hat sich das, was Sie nicht erforschen konnten, mit dichterischer Freiheit zu einem Neuen, das jetzt Ihre Familiengeschichte ist, vermengt?

In meinem Kopf sind die beiden tatsächlich verschmolzen, ich kann sie aber mit einigem Nachdenken wieder trennen. Zum Hintergrund: Einerseits wusste ich weniger über den Großonkel, als es für den Roman erforderlich war, andererseits wusste ich aus den Briefen wiederum interessante Details, die den Roman aber gesprengt hätten. Nachdem ich Josef Kleins Leben rekonstruiert hatte, habe ich mir daher eine eigene Bühne gebaut, um eine freiere Geschichte zu erzählen. Zum Beispiel ist nicht überliefert, dass Josef Klein das afroamerikanisch-muslimische Traditionsgericht Bean Pie aß oder dass er Jazz gehört hat, beides ist aber sehr wahrscheinlich. Er lebte mitten in Harlem, wo Jazzgrößen wie Duke Ellington und Ethel Waters in den Clubs auftraten. Die multikulturelle Welt New Yorks darzustellen, und wie Josef als Einwanderer Teil davon war, das hatte seinen Reiz und ließ sich mit der homogenen Nazi-Kultur der Deutschen spannend kontrastieren.
 

 

Was war die größte Überraschung bei Ihren Recherchen? Wie lange haben Sie recherchiert?

Ein sehr überraschender Moment war, als ich im Archiv der New York Times auf Josef Kleins Gerichtsaussagen stieß; mit diesem Fund hatte ich nicht gerechnet (er habe angeblich nicht gewusst, für wen er arbeitet, so seine recht hilflose Selbstverteidigung).
Die Recherchen zogen sich über zwei Jahre. Mittendrin bin ich nach New York geflogen, um mir die Orte anzuschauen, die mir etwas über ihn erzählen könnten, etwa sein Viertel in Harlem, die Druckerei, das damals deutsche Yorkville, das FBI-Gebäude, die Docks in Red Hook. Besonders eindrücklich war der Besuch auf Ellis Island an einem verschneiten Januartag. Auf dieser Insel vor Manhattan war Josef ab 1945 interniert, ausgerechnet an jenem Ort, wo er 1925 als Einwanderer angekommen war, damals das Tor zur Neuen Welt. In den kahlen Räumen, von denen aus man die Skyline New Yorks und die Freiheitsstatue sehen konnte, war mir Josef Klein plötzlich überraschend nah, ganz gleich, wie problematisch ich sein Verhalten finde. Die Bibliothekare des Museums waren dann ausgesprochen hilfsbereit. Ich war ohne Termin hingefahren, auch aus Unsicherheit, doch nachdem ich leise „Ich habe einen Großonkel, der hier als Nazi-Agent interniert war“ geflüstert hatte, rief man begeistert alle Mitarbeiter herbei, beantwortete mir meine Fragen und suchte Akten heraus. Diese Hilfsbereitschaft ging dann noch über Mail lange weiter. 

 

Ein immer wieder zitierter Lieblingssatz von Josef Klein lautet „Der Reichtum eines Menschen lässt sich daran bemessen, wie viel er entbehren kann, ohne seine gute Laune zu verlieren.“ Konnte Josef für sich zu diesem Satz zurückfinden?

Josefs Briefen aus Costa Rica merke ich an, dass er sich dort sehr wohlfühlt. Er hat in San José eine gute Stelle am geografischen Institut, und er verzichtet schließlich auf die geplante Weiterreise in die USA. Ein zweites Mal lebt er nun in einer fremden Sprache und fremden Welt, und er lässt sich darauf ein. Vielleicht zeigt sein Leben, wie wandlungsfähig manche Menschen sein können, und auch, wie seine Anpassungsfähigkeit, die zuvor problematisch war, ihm hier zugutekommt.
 

Wie lautet Ihr Lieblingssatz, Ihre Lieblingsstelle aus dem Buch?

Mir gefällt die Szene, in der Josef im verarmten Nachkriegsdeutschland Carls wertvolle Kamera auseinanderschraubt, einfach aus technischer Neugier. Beim Zusammenbauen bleibt dann eine Schraube übrig. Diese Episode ist verbürgt, meine Mutter, damals elf Jahre, erinnert sich an vieles aus jenen Monaten, als der Onkel aus Amerika vorübergehend in ihrer Familie gelebt hat. Es gab wegen der Kamera dann einen großen Streit, im Roman hingegen reagiert Carl hier ausnahmsweise einmal mit Humor. 
 

Können Sie Ihren Lesern noch etwas verraten, das nicht im Klappentext steht?

Der folgende Satz steht nicht einmal im Buch, sondern in einem der Briefe. Er ist grammatisch nicht korrekt (Josefs Deutsch hatte nachgelassen), aber ich finde ihn weise und schön. Und da ich mich manchmal frage, wie der echte Josef das wohl fände, zur Romanfigur geworden zu sein, soll er zumindest hier einmal das letzte Wort haben:  
„Wenn man viele Länder oder mit Leuten aus vielen Ländern zusammen gekommen ist, dann ist einem ein neues Land keine Fremde mehr, im Grunde genommen sind die Leute in allen Ländern nicht viel unterschiedlicher.“

Haben Sie herzlichen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben, unsere Fragen zu beantworten! Wir wünschen Ihnen sehr viel Erfolg mit dem Buch und alles Gute!

 

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