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Die Psychologie der Erbtante entfaltet in pointierter Kürze eine satirische Typologie familiärer Erwartungshaltungen: Die Tante erscheint weniger als individuelle Figur denn als Projektionsfläche bürgerlicher Besitzfantasien. Mühsam zerlegt mit aphoristischer Schärfe die Moral der Verwandtschaft, in der Zuneigung, Geduld und Pietät vom erhofften Erbe kontaminiert werden. Stilistisch verbindet der Text feuilletonistische Eleganz, kabarettistische Zuspitzung und sozialkritische Diagnose; literarisch steht er im Umfeld der satirischen Moderne, die Alltagsfiguren als Symptome gesellschaftlicher Ordnung liest. Erich Mühsam (1878-1934) war Dichter, Publizist, Bohemien und anarchistischer Aktivist, dessen Werk aus der Spannung zwischen Kunst, Revolte und genauer Menschenbeobachtung lebt. Seine Erfahrungen in Münchner Bohème, politischer Agitation, Gefängnis und publizistischer Polemik schärften seinen Blick für Heuchelei, Autoritätsgläubigkeit und ökonomische Abhängigkeit. Gerade die scheinbar harmlose Erbtante bot ihm ein ideales Versuchsfeld, um Besitzdenken im Intimbereich der Familie bloßzulegen. Empfohlen sei dieses Buch allen Leserinnen und Lesern, die literarische Satire nicht als bloße Unterhaltung, sondern als Erkenntnisinstrument schätzen. Mühsams Text ist knapp, geistreich und unbequem; er macht sichtbar, wie gesellschaftliche Macht in Gesten der Vertraulichkeit wirkt. Wer Interesse an anarchistischer Literatur, Kulturkritik und der Psychologie bürgerlicher Verhältnisse hat, findet hier eine funkelnde, überraschend aktuelle Lektüre.