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In den Abhandlungen über die Fabel entfaltet Gotthold Ephraim Lessing eine präzise Theorie jener kleinen, scheinbar einfachen Gattung, die im 18. Jahrhundert als Prüfstein aufklärerischer Poetik galt. Lessing bestimmt die Fabel nicht als bloßes Tiermärchen, sondern als sinnlich einleuchtenden Einzelfall, in dem eine allgemeine moralische Wahrheit anschaulich wird. Gegen rhetorische Ausschmückung und allegorische Überladung fordert er Kürze, Klarheit, Wahrscheinlichkeit und zwingende Zweckmäßigkeit. Im Dialog mit Äsop, Phädrus, La Fontaine und zeitgenössischen deutschen Fabeldichtern wird die Schrift zu einem Schlüsseltext der literarischen Aufklärung. Lessing, 1729 geboren und 1781 gestorben, war Dramatiker, Kritiker, Übersetzer und einer der schärfsten Denker der deutschen Literatur. Seine Beschäftigung mit der Fabel erwuchs aus demselben Impuls, der auch seine Dramentheorie und Religionskritik prägte: Literatur soll urteilsfähig machen, nicht belehren durch Autorität, sondern durch Einsicht. Als Gegner dogmatischer Regelpoetik suchte er nach Formen, in denen Vernunft, Erfahrung und ästhetische Wirkung zusammenfinden. Dieses Buch empfiehlt sich allen, die die Grundlagen moderner Literaturkritik und moralischer Erzählkunst verstehen wollen. Es zeigt Lessing als analytischen Leser und normativen Theoretiker zugleich: nüchtern, streitbar und überraschend aktuell in seiner Frage, wie Dichtung Erkenntnis erzeugt.