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Immersives Theater und immersive Performance gelten oft als Formate der Überwältigung: Das Publikum taucht in eine bestimmte, künstlerisch geschaffene Umgebung ein, wird mitgerissen, verliert sich. Dem setzt Karina Rocktäschel in ihrer Studie eine andere Perspektive entgegen: Sie begreift Immersion als relationale Begegnung, d.h. als ein Aufeinandertreffen von Körpern, Objekten, Räumen und sozialen Kontexten, das je nach Situation unterschiedliche Beziehungen zur Welt, zu anderen Menschen und zu Technologie zur Aushandlung stellt. Damit rücken die materiellen, affektiven und symbolischen Bedingungen immersiver Formate ebenso in den Fokus wie ihre Einbettung in gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse. In insgesamt neun Fallstudien - beginnend mit relationalen Environments in den 1960er Jahren bis zum Onlinetheater in der Gegenwart - untersucht die Autorin, wie immersive Formate spezifische Praktiken des Sorgens entfalten können, die soziale Beziehungen auf andere, nichtnormative Weise hervorbringen, sie zu verändern oder zu reparieren versuchen. Sorge wird dabei, in Anlehnung an feministische Forschung, zunächst als Konzept zur Beschreibung der Reproduktion von Leben verstanden. Die Fallstudien sind bewusst divers gewählt und kontextgebunden analysiert. Sie arbeiten queere Fürsorge und Zugehörigkeit heraus, erläutern, wie relationale Begegnungen in spezifischen Communities Beziehungen bestärken und wie queer-feministische Gegenübungen aussehen können. Sorge für ein 'Andersmachen' erscheint in diesem ästhetischen Rahmen als performative Praktik der Weltherstellung. Das Buch bringt auf diese Weise das kritische Potenzial immersiver Formate für ein 'Andersmachen' sozio-politischer Verhältnisse deutlich zum Vorschein und macht dabei von einer reparativen Methode der Kritik Gebrauch, um sich so jeweils konkreten Lebensverhältnissen zuzuwenden.
Karina Rocktäschel ist seit Oktober 2025 Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) an der Ruhr-Universität Bochum. Dort forscht sie zum Verhältnis von Gewalt und Vulnerabilität in performativen Erinnerungspraktiken, insbesondere in Erinnerungen an gewaltvolle Vergangenheiten, Krieg und sexualisierte Gewalt. Zuvor war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Praedoc) an der Freien Universität Berlin im Sonderforschungsbereich "Affective Societies". Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitete sie im deutsch-britischen Performancekollektiv Gob Squad.