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Der uroborische Impuls ist, wie jeder andere Impuls auch, eine gerichtete Größe, die sich in bestimmten Gestaltverläufen manifestiert und deren Ende herbeizuführen sucht, sodass man sagen kann, Gestaltverläufe dieser Art verzehren sich selbst, während sie sich vollziehen. Somit prägt der uroborische Impuls alles Lebendige, weil dieses, während es lebt, zielsicher auf den eigenen Tod zusteuert, und vollzieht somit ganz stereotyp ein ihm vorgegebenes Programm und kann deshalb auch ganz elementare Verhaltensweisen wie Lachen und Weinen, aber auch so mächtige Gefühle wie Zorn, Scham und Reue von Grund auf prägen. Erworben wird der uroborische Impuls zusammen mit einigen anderen Grundfähigkeiten in der frühkindlichen Fremdelphase und gehört von da an zum normativen Sollbestand personaler Existenz. Wird der je aktuelle Zustand als unangenehm empfunden, wirkt der uroborische Impuls kathartisch, also erleichternd und erlösend und hat deshalb die Theologen dazu verführt, dieses ganz private Widerfahrnis zu heilsgeschichtlichen Schutz-, Rettungs- und Erlösungs-Programm in der Art der Apokatastasis hochzustilisieren. Das teleologische Prinzip der Selbstverzehrung kann aber auch als kannibalische Selbstvernichtung verstanden und ebenso ins Weltgeschichtliche hochstilisiert werden und erscheint dann als ein gigantisches apokalyptisches Welt-Ende- Szenario in der Art von Ragnarök.
Lenz Prütting, Jahrgang 1940, war zunächst Bergmann im Ruhrgebiet, machte dann Abitur und studierte in Erlangen und München Philosophie, Literatur- und Theaterwissenschaft. Nach seiner Promotion über den deutschen Theaterreformer Georg Fuchs arbeitete er zehn Jahre lang am Institut für Theaterwissenschaft der LMU München und wirkte dann an verschiedenen Theatern, zuletzt als Chefdramaturg der Städtischen Bühnen Augsburg. Zahlreiche seiner Werke sind bei K&N erschienen.