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In den Gesellschaftswissenschaften ist häufig von Interessen die Rede - oft in der Annahme, es handele sich dabei um subjektive Präferenzen. Doch unsere Präferenzen sind von gesellschaftlichen Bedingungen geprägt: In schwierigen Lebensumständen arrangieren wir uns und passen unsere Wünsche an das an, was wir für möglich halten. Nicht zuletzt dieses Problem adaptiver Präferenzen zeigt, dass Interessen nicht in subjektiven Präferenzen aufgehen können. Luca Hemmerich entwickelt eine systematische Alternative: eine objektivistische Interessenkonzeption in drei Dimensionen. Unsere Natur als menschliche Wesen versieht uns mit bestimmten fundamentalen Interessen. Die sozialen Strukturen, in denen wir uns bewegen, verleihen uns strukturelle Interessen. Und die kollektiven Akteure, deren Teil wir sind, besitzen eigenständige kollektive Interessen, die über Identifikationsprozesse in unsere individuellen Interessen eingehen können. Im Rückgriff auf Martha Nussbaums Capabilities Approach und auf Debatten in Anthropologie und Sozialontologie zeigt der Autor, dass eine objektivistische Interessenkonzeption sozialwissenschaftliche Erklärungen fundieren und eine überzeugende Form der Gesellschaftskritik begründen kann.
creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Luca Hemmerich, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Politische Theorie und Philosophie des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin.
Inhalt
1. Einleitung 1.1 Problemaufriss: Objektive Interessen? 1.2 Formale Bestimmung des Interessenbegriffs 1.3 Vorgehensweise und Argumentationsgang der Arbeit 2. Zur Kritik subjektivistischer Interessenkonzeptionen 2.1 Einleitung 2.2 Reiner Subjektivismus: Interessen als subjektive Präferenzen 2.3 Instrumenteller Subjektivismus: Interessen als Mittel zur Realisierung subjektiver Präferenzen 2.4 Kontrafaktischer Subjektivismus: Interessen als idealisierte Präferenzen 2.5 Kritik der utilitaristischen Handlungstheorie 2.6 Zwischenspiel: Vom utilitaristischen Akteur zum wirklichen Menschen, oder: Die Tragik des homo oeconomicus 3. Interesse und menschliche Natur: Fundamentale Interessen 3.1 Warum Anthropologie? 3.2 Anthropologie: ein hoffnungsloses Unterfangen? 3.3 Martha Nussbaums früher Capabilities Approach als anthropologisch fundierte Konzeption fundamentaler Interessen 3.4 Kritik und Revision des Capabilities Approach 3.5 Fazit: Fundamentale Interessen 4. Interesse und soziale Struktur: Strukturelle Interessen 4.1 Das Problem struktureller Interessen 4.2 Der Begriff der sozialen Struktur 4.3 Soziale Strukturen und interessenbasierte Erklärungen 4.4 Eine Typologie struktureller Interessen 4.5 Dynamische Lernprozesse: Wie menschliche Akteur:innen ihre Interessen erkennen 4.6 Antwort auf Einwände 4.7 Fazit: Strukturelle Interessen 5. Interesse und kollektives Handeln: Kollektive Interessen 5.1 Das Problem kollektiver Interessen 5.2 Zur Sozialontologie von Kollektiven 5.3 Interessen kollektiver Akteure 5.4 Interessen von Kollektiven ohne Akteursstatus 5.5 Die normative Dimension kollektiver Interessen 5.6 Die explanative Dimension kollektiver Interessen 5.7 Fazit: Kollektive Interessen 6. Implikationen der objektivistischen Interessenkonzeption 6.1 Einleitung 6.2 Begrenzter Revisionismus 6.3 Die normative Funktion: Interessen und Gesellschaftskritik 6.4 Die explanative Funktion: Das Paradox der Beherrschung 6.5 Fazit: Implikationen der objektivistischen Interessenkonzeption 7. Fazit Dank Literatur