Unsere Empfehlungen

Was wir mit Begeisterung gelesen haben:

Atom
empfohlen von:

Jana Prokop

Atom Steffen Kopetzky

gebunden

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Steffen Kopetzky steht Simon Batley, ein britischer Agent des MI6. Bereits in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts war er als Physikstudent rekrutiert worden für eine Mission in Berlin, die eigentliche Handlung setzt aber 1939 ein. Der vergangene Einsatz wird von seinen Vorgesetzten als größter Erfolg des Geheimdienstes erinnert, während er für Simon mit einer privaten Katastrophe endete. Nie wieder wollte er für den Geheimdienst arbeiten und führt ein beschauliches Leben als Physiklehrer in der englischen Provinz, als ihn sein Führungsoffizier Scully Hamilton aufsucht, weil er gebraucht wird. Der zweite Weltkrieg hat begonnen, England hat Deutschland nach dessen Überfall auf Polen den Krieg erklärt und das britische Volk und die Behörden erwarten einen deutschen Angriff, die Kinder werden aus London aufs Land evakuiert und es gibt Anhaltspunkte, dass die Deutschen neue Wunderwaffen entwickeln. 1940, kurz nach der deutschen Besetzung von Dänemark und Norwegen, trifft eine geheimnisvolle verschlüsselte Nachricht des in Kopenhagen lebenden dänischen Atomphysiker Niels Bohr ein….

„Steffen Kopetzkys spannungsvoller Roman erzählt von der Jagd nach der Atomtechnik, der Spur eines Phantoms – und einem Mann, der zwischen Schuld, Liebe und Hoffnung steht.“ (Klappentext)

Ein Agenten- und Spionageroman, an John Le Carré geschult, aber viel mehr als das. Kopetzkys Romane sind sorgfältig recherchierte Reisen in die Vergangenheit, in denen sich historisch reale Figuren und fiktive Charaktere begegnen, und die auch etwas über unsere Gegenwart erzählen. In „Risiko“ (2025) ging es um die Versuche des deutschen Kaiserreichs, im ersten Weltkrieg arabische Akteure zu einem Dschihad gegen Großbritannien zu bewegen, in „Propaganda“ (2019) erzählte Kopetzky von einer der letzten Schlachten des zweiten Weltkriegs im Hürtgenwald in der Eifel und von einem (nicht erfundenen) deutschen Arzt, dem es gelang, mitten in der Schlacht im Hürtgenwald die Wehrmacht und die Amerikaner zu einem kurzen Waffenstillstand zu bewegen, um die Verwundeten beider Seiten bergen und behandeln zu können. Diesem Arzt begegneten wir in „Monschau“ (2021) wieder, als er 1962 eine Pockenepidemie in der Kleinstadt Monschau in der Eifel bekämpfte. Den Hintergrund von „Atom“ bildet der dramatische Wettlauf um die Atombombe und die Verstrickung der Wissenschaft in die Entwicklung zerstörerischer Technologien.

Wer neugierig geworden ist: Am heutigen Donnerstag (03.04.2025) überträgt der RBB auf Radio 3 von 20:00 bis 21:30 live eine Lesung aus „Atom“ und eine Diskussion mit Steffen Kopetzky.

London zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Eigentlich will Simon Batley nie wieder mit dem britischen Geheimdienst zu tun haben. Jahre zuvor, als Physikstudent in Berlin, arbeitete er ihm zu, naiv und undercover. Das führte zu einer Katastrophe, die Batley nie ganz verstand, auch seine große Liebe zu seiner Kommilitonin Hedi von Treyden endete jäh. Doch der Krieg ändert alles. Agent Batley stößt auf die Spur einer neuen Waffe der Deutschen, von nie gekannter Zerstörungskraft. Bald darauf, instruiert von Niels Bohr und Rudolf Heß, reist er als Spion nach Lissabon - und schließlich ins Dritte Reich. Er will den mysteriösen Hans Kammler aufspüren: Der ist als Chefplaner von unterirdischen Forschungsstätten und geheimen Waffenprogrammen einer der mächtigsten Nazis. Während Batley versucht, vor den Sowjets und den USA an die deutsche Technik und an Kammler zu kommen, folgt er auch einer persönlichen Mission: Er will Hedi wiederfinden und endlich klären, was damals in Berlin geschah.

Steffen Kopetzkys spannungsvoller Roman erzählt von der Jagd nach der Atomtechnik, der Spur eines Phantoms - und einem Mann, der zwischen Schuld, Liebe und Hoffnung steht.

zum Produkt € 26,00*

Verzauberte Vorbestimmung
empfohlen von:

Jana Prokop

Verzauberte Vorbestimmung Jonas Lüscher

gebunden

Der letzte Roman von Jonas Lüscher ("Kraft") ist vor acht Jahre erschienen. Nachdem Lüscher 2020 eine Corona-Infektion nur knapp und durch den intensiven Einsatz moderner Medizin-Technik überlebt hat, meldet er sich mit einem grandiosen Werk zurück. Eingestimmt werden wir durch das Motto "Die Technik wird uns retten und die Liebe auch". Allerdings wird diese Beschwörung der rettenden Kraft der Technik sogleich relativiert, wenn wir im ersten Kapitel einem algerischen Soldaten auf die Schlachtfelder des ersten Weltkriegs folgen, der sich nur knapp vor einem deutschen Giftgasangriff retten kann:

"Sein Geist sagte: kämpfen, rennen, laufen, flüchten. Sein Leib war ein einziges Zittern. Dann ein einzelner klarer Gedanke: Nicht mit ihm. Nicht Teil dieser Maschinerie sein. Nicht mehr rennen, nicht mehr feuern, nicht mehr töten, nicht mehr kämpfen. Einer musste damit aufhören."

Dieses Aufhörenwollen, dieses Sichentziehen wird ein Leitmotiv des Buches sein. Wir folgen dem Schriftstellern und Maler Peter Weiss, dessen frühes Gemälde "Die Maschinen greifen die Menschen an" im Mittelpunkt des Kapitels "Die Menschen greifen die Maschinen an" steht, in dem u.a. die Geschichte der Weberaufstände gegen den Einsatz moderner Maschinerie im 19. Und frühen 20. Jahrhunderts erzählt wird.

Wir folgen dem Ich-Erzähler, der von seinem Überleben einer Corona-Infektion berichtet, als er über Wochen in einem künstlichen Koma lag und wesentliche Körperfunktionen durch Maschinen ersetzt wurden, die ihn retteten. Und wir begleiten ihn in ein phantasmagorisches Ägypten, in dem altägyptische Mythen lebendig werden und der grippekranke, fiebernde Erzähler durch leere moderne Wüstenstädte irrt mit dem mythischem Vogel Ba (mit dem Gesicht des Schriftstellers Peter Weiss) als seiner externalisierten Seele auf der Schulter. Der Erzähler und wir finden uns schließlich in einer dystopischen Zukunft wieder, in der Warnemünde in der Ostsee untergegangen und die als nachputinsches Zeitalter bezeichnet wird. Hier stoßen wir im Ägypten der Zukunft auf die "Angeschlossenen", Menschen, deren Gehirne mit dem Internet verbunden sind und die nicht sterben können, weil ihre Erinnerungen und Persönlichkeiten auf externen Festplatten gespeichert sind, denen im Bedarfsfall neue Körper zugewiesen werden.

Am Ende des Buches wird sich das Motiv des Aufhörens wiederfinden, gewendet gegen den Horror der maschinengestützten Unsterblichkeit. Und es wird die Liebe sein, nicht die Technik, die rettet....

Ein Roman zwar, aber ohne lineare Handlung. Eine Meditation über die rettende und zerstörerische Kraft der modernen Technik, ein souveränes Spiel mit unterschiedlichen Zeitebenen, eine rhythmische Prosa, die fesselt und uns dem Erzähler durch die verschiedensten Episoden bereitwillig folgen lässt. Die Kritik ist zu Recht begeistert:

"Vermutlich wäre es voreilig, nachdem erst das erste Viertel des Jahrhunderts vergangen ist, bereits von einem neuen Jahrhundertroman zu sprechen. Ganz sicher aber hat Jonas Lüscher mit „Verzauberte Vorbestimmung“ einen Roman geschrieben, der nicht nur eindrücklich, präzise und literarisch herausragend von einer wesentlichen Zäsur der jüngsten Vergangenheit erzählt. Jonas Lüscher versteht es auch, diese Erzählung virtuos mit dem historischen und philosophischen Fundament, auf dem wir stehen, zu verweben." (Wiebke Porombka, Deutschlandfunk Kultur)
Von einer Gegenwart, die gern mehr über ihre Zukunft wüsste. Der neue Roman von Jonas Lüscher

Ein algerischer Soldat gerät in den ersten deutschen Giftgasangriff, beschließt, einer müsse damit aufhören, steht auf und geht. Im Kairo der Zukunft beobachtet eine Stand-up-Comedian eine Androidin beim Lachen über ihre Witze. Ein böhmischer Weber wird durch einen automatisierten Webstuhl ersetzt, raubt einen Hammer und attackiert den Apparat. Wovon träumen wir Menschen des Kapitalismus, wovon unsere sich zunehmend gegen uns erhebenden Maschinen? Im einzigartigen Spiegelraum dieses Romans ist kein Konflikt vorbei und noch jede Geschichte möglich. Klug und irrsinnig, komisch und scharf erzählt Jonas Lüscher auf der Höhe seiner Kunst.

zum Produkt € 26,00*

Die Verdorbenen
empfohlen von:

Jana Prokop

Die Verdorbenen Michael Köhlmeier

gebunden

Johann schaut auf sein Leben zurück und erinnert sich an die Frage seines Vaters an sein 6jähriges Ich, was er auf alle Fälle wenigstens einmal in seinem Leben tun wolle. Die gedachte Antwort (Einmal in meinem Leben einen Mann töten) bleibt ungesagt. Die Frage, ob dieser „Lebensplan“ umgesetzt wurde, bleibt für den Leser präsent und treibt den kleinen Roman des großen Erzählers Michael Köhlmeier voran. Aber wir lesen keinen Kriminalroman, sondern eine großartige Erforschung menschlicher Verstrickungen und Irrwege.

„Wie landen die Menschen dort, wo sie mit fünfundzwanzig sind, wo sie mit vierzig sind, wo sie mit sechzig sind? Wie viele Wege legen sie zurück und wissen doch erst im Rückblick, dass es Wege waren? Was macht die Geografie eines Lebens aus?“

Die Romanhandlung spielt im Wesentlichen in den 70erJahren des vergangenen Jahrhunderts. Johann ist (wie Köhlmeier selbst) Student der Politikwissenschaft und Germanistik in Marburg und lernt in dem von ihm geleiteten Tutorium Christiane und Tommi kennen, die seit Jahren ein Paar sind. Zwischen den Dreien beginnt eine hermetische Dreiecksbeziehung, von der Johann rückblickend in einer kalten Distanziertheit berichtet, die an seiner damaligen Liebes- und Empathiefähigkeit zweifeln lässt. Ist es wirklich Liebe, die zu Besessenheit und Verstrickungen führt? Was trieb Johann an?

“Ich bin mir nicht nahe, wenn ich denke, wer ich damals gewesen war. Ich kann mich aus der Entfernung beobachten, als wäre ich ein anderer.“

Ein spannend geschriebener und sehr lesenswerter Blick in menschliche Abgründe. „Eine Erkundung des Bösen“ (Klappentext). Ein Sittengemälde des studentischen Milieus der 70er Jahre, seiner kommunistischen Maskeraden und geheuchelten Libertinagen.

Sie werden Johann, Christiane und Tommi so schnell nicht vergessen.

„Schon lange hat niemand mehr von der existentiellen Merkwürdigkeit, Verzweiflung und Ahnungslosigkeit der Jugend so eindringlich erzählt wie Michael Köhlmeier in diesem großartig düsteren, kleinen Roman.“ (Gerrit Bartels, radio3)

„Michael Köhlmeier hat eine philosophische Erzählung geschrieben. Das Großartige dabei ist: Man merkt es ihr nicht an.“ (Martin Maria Schwarz, HR)
Was entsteht aus Liebe, Besessenheit und Schuld? Michael Köhlmeiers neuer Roman - eine meisterhafte Erkundung des Bösen

Anfang der Siebziger kommt Johann zum Studieren in die Stadt, den Kopf voll wirrer Träume. Er trifft Christiane und Tommi, die ein Paar sind und ihn in ihre Mitte nehmen. Gemeinsam erkunden sie die hellen und die dunklen Seiten der Liebe, gefangen in einem Dreieck, das sich immer enger zuzieht.

Als Johann ein Kind war, fragte sein Vater, ob er einen Wunsch im Leben habe. Und Johann hatte sich nicht getraut zu antworten: 'Einmal im Leben möchte ich einen Mann töten.' Michael Köhlmeiers faszinierender Roman erzählt vom falschen Leben im richtigen. Von vergangener Schuld und lebenslanger Unschuld. 'Die Verdorbenen' lassen niemanden mehr los.

zum Produkt € 23,00*

Kaltes Krematorium
empfohlen von:

Jana Prokop

Kaltes Krematorium József Debreczeni

gebunden

József Debreczeni war ein ungarischer Jude, der bereits vor dem zweiten Weltkrieg als Schriftsteller und Journalist hervortrat. 75 Jahre nach dem Erscheinen liegt sein Bericht aus dem „Land namens Auschwitz“ endlich auf Deutsch vor. Debreczeni musste als Jude zunächst Zwangsarbeit in einem Arbeitsbataillon leisten und wurde im Mai 1944 nach Auschwitz deportiert. Er überstand dort die Selektion, wurde als arbeitsfähig eingeordnet und aus Auschwitz in verschiedene Arbeitslager auf polnischem Boden verbracht. Die Befreiung durch die rote Armee im Mai 1945 erlebte er in dem Zwangsarbeiterlager Dörnhau, das zum Außenlagersystem des Konzentrationslagers Groß-Rosen gehörte. Das titelgebende „Kalte Krematorium“ war die Krankenstation in Dörnhau, die viele nicht und József Debreczeni nur knapp überlebte.

Das Einzelschicksal von József Debreczeni ist Teil der Geschichte der Vernichtung der ungarischen Juden, die nach der Eroberung Ungarns durch Deutschland im März 1944 begann. „Zu diesem Zeitpunkt befanden sich in Ungarn etwa 800.000 Juden in Folge der ungarischen Annexion von Gebieten der Slowakei, Rumäniens und Jugoslawiens. Im Mai 1944 begannen die Deportationen nach Auschwitz-Birkenau. Etwa 424.000 Juden wurden innerhalb von 56 Tagen in Zügen deportiert. Diese Mordkampagne wurde effizient und systematisch von einem nationalsozialistischen Stab unter der Leitung von Adolf Eichmann durchgeführt. Sie wurde durch die volle Kollaboration der ungarischen Behörden bis Juli 1944 ermöglicht.“ (Dokumentation der Gedenkstätte Yad Vashem).

József Debreczeni hat seinen Bericht bereits 1950 vorgelegt. Die Lektüre ist zutiefst erschütternd und doch ist es ein brillanter Text, der von einer professionellen Schärfe der Beobachtung und Analyse ebenso zeugt, wie von einer literarischen Verdichtung und Aufbereitung. Messerscharf beschreibt Debreczeni die stufenweise Entmenschlichung der Gefangenen durch die SS und ihre Lakaien, er analysiert präzise das Herrschaftssystem der Lager, dass dadurch gekennzeichnet war, dass die SS einzelne Gefangene – vorzugsweise solche mit kriminellem Hintergrund – zu einer „Lageraristokratie“ (Debreczeni) aus Lagerältesten, Blockältesten und sonstigen Funktionshäftlingen („Kapos“) gemacht hat, die Privilegien genoss und die alltägliche Repression und Aufrechterhaltung der „Lagerordnung“ übernahm. Und er berichtet schonungslos von dem alltäglichen Grauen, der allgegenwärtigen Gewalt, dem Sadismus der SS, der Niedertracht der zivilen Mitarbeiter der Unternehmen, die Nutznießer der Zwangsarbeit waren; er erzählt vom Hunger, dem Schmutz und dem Gestank. Und er spricht von der menschlichen Solidarität unter den Gefangenen und der verzweifelten Hoffnung, durchzuhalten bis zur endgültigen und 1944 auch für die Gefangenen absehbaren Niederlage Deutschlands.

„József Debreczenis ‚Kaltes Krematorium‘ ist einzigartig. Es lässt sich allenfalls mit Primo Levis ‚Ist das ein Mensch?‘ vergleichen. Doch es steht allein und hebt sich ab. ‚Kaltes Krematorium‘ ist von gnadenloser Präzision. Hier schreibt jemand, der immer schon die Wirklichkeit beobachtet und beschrieben hat. Was Debreczeni erzählt: Es ist nicht auszuhalten, und es gehört doch ausgehalten. Es ist unerträglich, und es muss angenommen werden als Aufgabe. Wir müssen es als unerträglich erkennen und es zu ertragen versuchen. Es ist geschehen und dauert an. Auschwitz setzt alle lineare Zeit aus. Es hat etwas Flirrendes, das vergangen ist und doch da vor unseren Augen in seiner ganzen Abgründigkeit gegenwärtig wird.“ (Carolin Emcke im Nachwort).

„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ (Primo Levi)

Nie wieder ist jetzt!
Die Wiederentdeckung nach 70 Jahren, erstmals auf Deutsch: »Ein literarischer Diamant, scharfkantig und kristallklar«, schreibt die »Times« über József Debreczenis  Erinnerungen an Auschwitz . Sein bewegender Bericht aus den Vernichtungslagern gilt als eines der größten Werke der Holocaust -Literatur. In ihrem Vorwort setzt sich Carolin Emcke mit diesem bewegenden Memoir eines Überlebenden auseinander und reflektiert darüber, was es für uns heute bedeutet, dieses Buch zu lesen.

Der renommierte ungarische Journalist und Dichter József Debreczeni wurde 1944 als Jude nach Auschwitz deportiert, es folgten zwölf albtraumhafte Monate in verschiedenen Konzentrationslagern . Seine letzte Station war das »Kalte Krematorium«, die Krankenbaracke des Zwangsarbeitslagers Dörnhau.

Kurz nach der Befreiung schrieb József Debreczeni seinen Bericht: eine gnadenlose Anklage von höchster literarischer Qualität. Mit präzisen Beschreibungen, dem Mittel der Ironie und mitunter einem beißenden Humor bringt er uns die Menschen nahe, denen er in der Haft begegnet ist und deren Erfahrungen in den Lagern mit dem Verstand kaum zu begreifen sind. Erstmals 1950 auf Ungarisch veröffentlicht, geriet es in Vergessenheit - mehr als 70 Jahre später wurde es in 15 Sprachen übersetzt. »Eine eindringliche Chronik von seltener, beunruhigender Kraft.« The Times »Ein enorm kraftvoller und zutiefst humaner Augenzeugenberciht über den Horror der Lager. Mit lebhaften Beschreibungen vermittelt Debreczeni dem Leser die spezifische, konkrete und mörderische Realität des Holocaust.« Karl Ove Knausgaard »Ein außergewöhnliches Memoir ... ein unvergessliches Zeugnis.« Kirkus Review

zum Produkt € 25,00*

Unmöglicher Abschied
empfohlen von:

Jana Prokop

Unmöglicher Abschied Han Kang

gebunden

Der jüngste Roman der Nobelpreisträgerin von 2024 setzt mit einer Traumsequenz ein. „Es schneite stark. Ich stand auf einem Acker, an dessen Ende sich ein niedriger Berg anschloss. Auf dieser Seite war er vom Fuß bis zur Kuppe mit Tausenden von schwarzen Baumstämmen bestanden, die etwa so dick wie Eisenbahnschwellen und verschieden hoch waren, wie Menschen unterschiedlichen Alters… Ist das hier ein Friedhof?, fragte ich mich“. Die Erzählerin Gyeongha berichtet, dass sie mit ihrer Freundin, der Dokumentarfilmerin und Tischlerin Inseon, seit einigen Jahren geplant hatte, diesen Traum zum Ausgangspunkt eines Kunstprojektes zu machen.

Eines Tages erhält sie einen Anruf ihrer Freundin, die in einer Klinik in Seoul liegt, weil sie sich in ihrer Werkstatt auf der Insel Jeju zwei Finger abgetrennt hat und sich nach der operativen Rekonstruktion einer langwierigen schmerzhaften Behandlung unterziehen muss. Sie bittet Gyeongha, nach Jeju zu reisen, und Inseons weißen Papagei zu retten, der sonst verdursten wird. Gyeongha kommt der Bitte nach und macht sich sofort auf die Reise. Auch auf dieser Reise wird es ununterbrochen schneien und die Grenze zwischen Realität und Traum wird zunehmend verschwimmen.

Korea war in den Jahren zwischen 1948 und 1951 Schauplatz mehrerer traumatischer Massaker an der Zivilbevölkerung, mit denen die antikommunistische Regierung Südkoreas auf einen Aufstand reagierte, der eine vorschnelle Teilung des Landes verhindern wollte. Schauplatz dieser Massaker war unter anderem die Insel Jeju, auf der mehrere zehntausend der Sympathie für den Kommunismus verdächtige Insulaner von der Armee ermordet und zahlreiche Dörfer im Inselinneren niedergebrannt wurden. Die Vorfahren von Inseon waren teils Opfer, teils Zeugen dieser Geschehnisse und die Mutter von Inseon und später Inseon selbst haben sich intensiv mit dieser Geschichte befasst, die in Korea lange tabuisiert war. In den Bericht der Erzählerin über ihre Reise nach Jeju eingestreut lesen wir Tagebuchaufzeichnungen von Inseon und ihrer verstorbenen Mutter sowie Berichte über die jahrzehntelange Suche der Angehörigen nach den sterblichen Überresten der Opfer, die teilweise ins Meer geworfen, teilweise in Bergwerken unterirdisch beseitigt wurden. Dadurch wurde der Abschied der Hinterbliebenen von den Opfern unmöglich.

Gyyeongha gerät auf Jeju in einen Schneesturm und erreicht das Haus ihrer Freundin zu spät, um den Vogel zu retten, beerdigt ihn unter einem Baum, aber als sie am nächsten Morgen erwacht, sieht sie den lebenden Vogel und auch ihre Freundin, die sie im Krankenhaus in Seoul verlassen hatte, ist da. Lesen wir die Fieberphantasien einer Erfrierenden oder einen weiteren Traum?

Han Kang erzählt hochpoetisch von der Macht der Erinnerung, von der Kraft der Freundschaft und von der Vergänglichkeit, für die der alles bedeckende Schnee als Symbol steht. Inseon schreibt in ihrem Tagebuch: „Ich befand mich in einem Zustand, in dem ich nicht mehr überrascht war, herauszufinden, was Menschen anderen Menschen antun können.“ Entgegen manchen Kritiken ist Han Kang aber keine unpolitische Fatalistin. Am Ende ihres Werks steht das Symbol des koreanischen Widerstands, eine Kerze im Becher, und ein neu entzündetes Flämmchen. „Wie ein schlagendes Herz. Wie eine aufbrechende Knospe. Wie der kleinste Vogel der Welt, der seine Flügel ausbreitet.“

Nobelpreis für Literatur 2024

Der neue große Roman von Han Kang

'Unmöglicher Abschied' erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Frauen und beleuchtet zugleich ein jahrzehntelang verschwiegenes Kapitel koreanischer Geschichte

Eines Morgens ruft Inseon ihre Freundin Gyeongha zu sich ins Krankenhaus von Seoul. Sie hatte einen Unfall und bittet Gyeongha, ihr Zuhause auf der Insel Jeju aufzusuchen, weil ihr kleiner weißer Vogel sterben wird, wenn ihn niemand füttert. Als Gyeongha auf der Insel ankommt, bricht ein Schneesturm herein. Der Weg zu Inseons Haus wird zu einem Überlebenskampf gegen die Kälte, die mit jedem Schritt mehr in sie eindringt. Noch ahnt sie nicht, was sie dort erwartet: die verschüttete Geschichte von Inseons Familie, die eng verbunden ist mit einem lang verdrängten Kapitel koreanischer Geschichte. Han Kangs neuer Roman ist eine Hymne an die Freundschaft und das Erinnern, die Geschichte einer tiefen Liebe im Angesicht unsäglicher Gewalt - und eine Feier des Lebens, wie zerbrechlich es auch sein mag.

zum Produkt € 24,00*

Sehr geehrte Frau Ministerin
empfohlen von:

Jana Prokop

Sehr geehrte Frau Ministerin Ursula Krechel

gebunden

Seit ihrem letzten Roman „Geisterbahn“ sind sechs Jahre vergangen und anders als ihre früheren Bücher, die in der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit spielten, ist Ursula Krechels neuer Roman ganz gegenwärtig und – ausgehend von dem am Ende des Textes angegeben Zeitraum des Schreibens (April 22 bis Februar 24) in gewisser Weise visionär.

Ein Roman über Frauen und weibliche Gewalterfahrungen, ein Roman über Mütter und Söhne und ein Roman über unsere Gegenwart. Vier Frauen stehen im Mittelpunkt. Eva Patarak, eine alleinerziehende Mutter, die in einem Kräuterladen arbeitet, der geschlossen wird und die später für eine Hörgeräte-Kette arbeitet. Ihr Sohn Phillip spricht nicht mit ihr, ist Computernerd und sie weiß wenig von ihm und seinem Leben. Im ersten Teil des Romans („Eva“) wird daneben die Geschichte der von ihrem Sohn Nero ermordeten Kaisermutter Agrippina erzählt, ohne dass wir Leser schon ahnen, wie diese Erzählstränge zusammenhängen. Eva wendet sich am Ende des ersten Teil in einem bizarren Brief an die Justizministerin, weil sie den Eindruck gewonnen hat, dass eine Kundin („die Frau mit der roten Mütze“) über sie und ihren Sohn Philipp schreiben will und sie sich dadurch in ihren Rechten verletzt sieht.

Der zweite Teil („ab ovo“) setzt ein mit „O.K., die Frau mit der roten Mütze bin ich“ und damit beginnt zugleich ein faszinierendes Spiel mit den Erzählperspektiven. „Ich“ ist nicht mehr Eva, sondern Silke Aschauer, eine Lateinlehrerin, die mit ihren Schülern Tacitus (über Nero) liest, an Gebärmutterkrebs erkrankt ist, sich bei Eva im Kräuterladen mit Hausmitteln gegen den Chemotherapie-bedingten Haarausfall eindeckt. Silhe lässt und offen, ob sie Eva und ihren Sohn erfunden oder nur beobachtet hat. Im Mittelpunkt des dritten Teils („als ob“) steht die namenlose Justizministerin und eine eindringliche Beschreibung ihres Politikeralltags, durch die unsere Gesellschaft und ihre Zerrissenheit gespiegelt wird. Der Titel des Romans bezieht sich nicht nur auf die zahlreichen Bürgerbriefe, nicht nur von Eva, an die Ministerin, die in den Text eingestreut sind, sondern kann auch als Hommage der Autorin an eine Politikerin gelesen werden, die sich für die Stärkung des Rechtsstaats einsetzt – allen Anfeindungen zum Trotz.

Es wird eine Gewalttat geben und eine Mutter wird von ihrem Sohn gerettet werden – mehr sei hier nicht verraten.

Ursula Krechel ist eine glänzende Erzählerin und Stilistin und so können wir neben der skizzierten Romanhandlung zahlreiche eindrucksvolle und poetische Passagen lesen – über das Beobachten von Kranichen, über Menstruation, über die jüdische Textilindustrie im 19. Jahrhundert und den Übergang von der Scheider- zur Konfektionsware, über die Essener Goldene Madonna, die Deindustralisierung des Ruhrgebiets, die Missbrauchsgeschichte der katholischen Kirche und die Mühen der Ebene des Politikbetriebes, um nur einiges zu nennen.

„Gegen manches autofiktionale Barmen ist dieser hochpolitische Roman ein hochwillkommenes Gegengift“ (Andreas Platthaus, FAZ).

„Eine intensive, tastende Suche über vermeintlich Alltägliches. Und ebenso eine beständige Erkundung dessen, wie sich angemessen literarisch erzählen lässt.“ (Niels Beintker, WDR 3)

„Der Roman ist gewitzt und gleichzeitig rigoros zärtlich – und genau das macht ihn so widerständig.“ (Sarah Murrenhoff, radio3)
Ein radikal gegenwärtiger Roman über die abgründigen Beziehungen zwischen Söhnen und ihren Müttern. Mit einer Sprachkraft, die Staunen macht, erzählt die preisgekrönte Schriftstellerin Ursula Krechel von symbiotischer Mutterschaft, von existenziell gefährdeten Frauen und von politischer Gewalt.

zum Produkt € 26,00*

Egal wohin, Baby
empfohlen von:

Jana Prokop

Egal wohin, Baby Christoph Ransmayr

gebunden

Christoph Ransmayr, Jahrgang 1954, in Oberösterreich geboren, lebt nach langen Reisen in Wien und gilt als einer der größten Gegenwartsautoren deutscher Sprache. Bekannt ist er durch seine großen Romane, wie z.B. „Die letzte Welt“, „Morbus Kitahara“, „Cox oder der Lauf der Zeit“ oder „Der Fallmeister“. Er ist aber auch ein Meister der kleinen Form, für die er in seinem jüngsten Werk eine neue Genrebezeichnung kreiert hat, den „Microroman“.

Ausgehend von siebzig eigenen Schwarz-Weiß-Fotografien, insbesondere von seinen Reisen rund um die Welt, erzählt uns Ransmayr Geschichten, die das Zeug zum großen Roman hätten oder doch den Stoff für große Romane enthalten. Ransmayr versichert, dass die „im Vorübergehen entstandenen n Fotos“ und die Microromane „ausschließlich Tatsachen und Fragmente meines Lebens“ enthalten. Für diese Erzählungen schafft sich Ransmayr in einem einleitenden „Taufschein als Vorwort“ ein Alter Ego namens Lorcan, der von seinen Reisen berichtet, auf denen die Bilder entstanden sind. „Indem hier einer sein Leben als Lorcan zur Sprache bringt und Szenen und Augenblicke daraus mit Schnappschüssen sichtbar macht, befreit er sich vom Gewicht seiner Erinnerungen und verwandelt einen erschöpften Touristen oder einen von Neugier und Fernweh erfüllten Reisenden in einen gelassenen Erzähler“ (Ransmayr im „Taufschein als Vorwort“).

Die Fotos sind Anknüpfungspunkt für teils private Erzählungen, wie ein Foto vom Wilden Fall des oberösterreichischen Flusses Traun, anhand dessen von Lorcans Urgroßvater, der Fallmeister (Schleusenwärter) an der Traun war, und von Ransmayrs Kindheit erzählt wird; Ransmayr-Leser erinnern sich an die Geschichte vom Fallmeister in dem gleichnamigen Roman (2021), der im Untertitel eine „Geschichte vom Töten“ ankündigte.

Ein Foto vom Venusdurchgang gibt Ransmayr Anlass zu einer Meditation über die Zeit und den im Universum möglichen Blick in die Vergangenheit astronomischer Ereignisse, die uns gegenwärtig erscheinen: „Aber der Blick durch das Okular war so unbezweifelbar, als könnte einer den unseligen Donaumonarchen Franz Josef durch ein Teleskop beobachten, wie er in seiner Sommervilla in kurzen Lederhosen die Kriegserklärung an Serbien unterschrieb und damit den Ersten Weltkrieg entfesselte…“. Eine Fassadenspiegelung der Metropolitankathedrale von Santiago de Chile erinnert Lorcan daran, wie der Diktator Pinochet 1973 mit seinen Gefolgsleuten in diesem Gotteshaus dem Allmächtigen für seinen Sieg über den gestürzten demokratisch gewählten Präsidenten Allende dankte. Ein Bild aus dem Inneren der Kathedrale in der portugiesischen Estremadura bildet den Ausgangspunkt für die Nacherzählung einer dramatischen Liebesgeschichte aus dem 14. Jahrhundert.

Das Graffiti am Ingolstädter Bahnhof mit dem Spruch „Egal wohin Baby“ (ohne das Komma im Titel des Romans) lässt Lorcan nicht los: „Eine grenzenlose Liebeserklärung oder ein Programm größter Gleichgültigkeit?“ Als er später am Bahnhof einen Graffiti-Sprayer sieht, will er ihn befragen, aber dieser rennt aufgeschreckt in die Dunkelheit davon: „Das Klackern der Mischkugeln in den Dosen war noch zu hören, als der Dichter schon in der Nacht verschwunden war.“



Jede der teils nur ein oder zwei Seiten langen Geschichten ist von großer Verdichtung und „hypnotisierender Schönheit“ (Denis Scheck). Zu schön, um sie hinter einander weg zu lesen – ein Begleiter durch den Winter.

Siebzig Bilder, siebzig Geschichten, siebzig literarische Meisterstücke Hier macht einer sein Leben in Schnappschüssen sichtbar, überfliegt dabei erzählend Kontinente und Zeiten und bringt die Flüchtigkeit des Augenblicks manchmal ironisch, aber immer mit Leidenschaft und virtuos zur Sprache.

In Erinnerung an das klassische Fotoalbum, in dem unter oft unscharfen Bildern die Abenteuer des Augenblicks in Stichworten dokumentiert wurden, erzählt Christoph Ransmayr in »Egal wohin, Baby« siebzig zu Mikro romanen kondensierte Geschichten zu siebzig seiner Fotografien in Schwarz-Weiß. Jedes Foto eine optische Notiz, geschuldet der Zufälligkeit der Anwesenheit und im Vorübergehen aufgezeichnet mit einem Smartphone oder einer Digitalkamera. Jeder Text zum Bild wird zu einem in sich geschlossenen, ausgefeilten Stück Prosa: zu einem Mikroroman. Denn von Expeditionen in die Augenblicke der Wirklichkeit und in die Grenzenlosigkeit der Phantasie kann auch in wenigen Zeilen erzählt werden - zumal, wenn es mit der Beobachtungsgabe und der Formulierungskunst des welterfahrenen Christoph Ransmayr geschieht. »Christoph Ransmayr ist neugierig auf die Welt und verfügt über eine Sprache, diese Neugier in Texten von hypnotisierender Schönheit ansteckend zu machen.«

Denis Scheck, Druckfrisch

zum Produkt € 28,00*

Ich bin der Bruder von XX
empfohlen von:

Jana Prokop

Ich bin der Bruder von XX Fleur Jaeggy

gebunden

Die Schweizer Autorin Fleur Jaeggy ist endlich auf Deutsch zu entdecken, da der Suhrkamp-Verlag begonnen hat, ihre aus dem Italienischem übersetzten Werke in einer Gesamtausgabe herauszubringen. 2024 hat Jaeggy den renommierten Schweizer Gottfried-Keller-Preis für ihr Werk erhalten und wurde als die „Newcomerin des Jahres“ (SZ) bezeichnet. Indes ist sie bereits 84 Jahre alt, schreibt seit langem nicht mehr und lebt zurückgezogen in Mailand, wo sie Jahrzehnte an der Seite ihres 2021 verstorbenen Ehemanns, des Schriftstellers und Verlegers Roberto Calasso, verbracht hat.

Der schmale Erzählungsband „Ich bin der Bruder von XX“ gibt eine gute Einführung in ihr Werk.

Die Erzählungen sind keine erbauliche Lektüre. Suhrkamp bezeichnet Jaeggy im Klappentext als „Poetin der Verzweiflung und Virtuosin des Schauers“. Ihre meist sehr knappen Texte gehen unter die Haut, wobei der Schrecken nicht aus Übernatürlichem oder Phantastischem kommt, wie bei Poe oder teils auch bei Kafka, sondern aus der nüchternen und präzisen Beschreibung menschlicher Grausamkeiten und Schicksale. Sie seziert menschliche Abgründe, insbesondere in familiären Beziehungen. In „Die perfekte Entscheidung“ hebt die Erzählung an mit den Sätzen: „Der Schmerz, den ihr Sohn ihr zugefügt hat, indem er sich zum Sterben einen Frühlingstag aussuchte, war nicht so groß, wie sie erwartet hatte. So ist er zufrieden, sagte sie. Und fühlte sich fast selbst erleichtert.“ Berichtet wird dann in kühlen Sätzen, wie die Mutter ihren Sohn traumatisierte und wohl letztlich seinen Selbstmord verschuldete.

Manche Erzählungen sind erkennbar autobiographisch grundiert, wenn sie etwa in „Das aseptische Zimmer“ in nur zwei Absätzen von Gesprächen mit einer Ingeborg über das Alter berichtet, die als die mit Fleur Jaeggy befreundete Ingeborg Bachmann erkennbar wird: „Jeden Tag ging ich ins Sant’Eugenio, Abteilung schwere Brandverletzungen. Zweimal betrat ich ein Zimmer, das aseptisch sein musste.“ Sie berichtet von einem Abendessen mit Roberto Calasso und Oliver Sacks („Eine Begegnung in der Bronx“), in der es um die Begegnung mit einem zum Tode auf Gästeauswahl verurteilten Fisch im Aquarium geht: „Ich erinnere mich an seine Gestalt. Seinen Blick. Ich kann ihn nicht retten. Ich verlasse das Restaurant, nachdem ich mich von ihm verabschiedet habe. Ich sage ein paar Worte der Zuneigung. Ich bewege meine Lippen. Wie er. Und adieu.“

Zitiert sei aus der Würdigung durch den Suhrkamp Verlag, die sehr gut die unbedingt lesenswerte Prosa von Fleur Jaeggy trifft:

„Im Erzählraum zwischen Autobiografie und Fiktion verdichten sich immer wieder existenzielle Nöte und Sehnsüchte auf dem Hintergrund einer puritanischen Herkunft. Die familiären Beziehungen von Bruder, Schwester, Eltern, Kind werden wie beim Blick durch ein Kaleidoskop in allen erdenklichen Spielarten erkundet, jenseits von Gut und Böse, jenseits von Ödipus und Antigone. In ihrem gesamten Werk gelingt es der Autorin die existenzielle Zerrissenheit, die Ambivalenz der Liebe und die Ekstasen des Wahns in die kristalline Klarheit einer Sprache zu fassen, deren tiefe Klangfülle dem mystischen Schweigen entsteigt und mit einem untrüglichen Gefühl für Rhythmus verschmilzt.“
»Danken wir den Göttern und dem Teufel für Fleur Jaeggy!« Claire-Louise Bennett

Fleur Jaeggy erzählt von Wahnsinn, Verlust und Mord, vom Fluch, eine Familie zu haben, und von der durch nichts zu vertreibenden Nähe des Todes. Dabei erschafft sie surreale Bilder, die sich in die Seele rammen, Geschichten von kristalliner Schönheit, die von einem bösartigen Zauber beseelt scheinen, champagnerfarbene Welten, die vor stiller Gewalt brodeln.

Fleur Jaeggy ist eine Poetin der Verzweiflung und eine Virtuosin des Schauers: Ihre jenseitigen Geschichten zu lesen, das ist, als würde man sich nackt und kopfüber in ein Gestrüpp aus schwarzen Rosensträuchern stürzen - am Ende kommt man blutüberströmt und geläutert wieder heraus.

zum Produkt € 22,00*

Theodoros
empfohlen von:

Jana Prokop

Theodoros Mircea Cartarescu

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„Der vielleicht verstörendste und großartigste Roman-Brocken der Saison“ (Frank Dietschreit, rbb Radio 3) von einem Autor, der in jeder Rezension als heißer Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wird.

Der Theodoros des Romans ist eine historische Figur und er ist es nicht. Als Thewodros II. war er von 1855 bis 1868 Kaiser von Äthiopien, anfangs mit den Briten verbündet, nachdem er aber als Reaktion darauf, dass Königin Victoria seine Briefe und Hilfsersuchen nicht beantwortete, europäische Geiseln nahm, wurde er zum Ziel einer groß angelegten Rachemission des britischen Weltreiches und nahm sich – angeblich mit einer ihm von Königin Victoria geschenkten Pistole – das Leben, als die Briten seine Festung Magdala eroberten. Cartarescu zitiert in seinem Nachwort einen Brief des rumänischen Politikers und Revolutionärs Ion Ghaci aus dem Jahr 1883, in dem dieser die Vermutung aufgestellt hat, bei Thewodros II. handele es sich um den vom Hof seines (Ghacis) Vaters geflohenen Sohn eines Dieners: „Diese Annahme hat keine reale historische Grundlage, aber sie eröffnet die faszinierende Perspektive einer kontrafaktualen, fiktionalen, mythischen und archetypischen Geschichte“ (Cartarescu).

So schildert uns Cartarescu den Lebensweg von Tudor, dem Sohn einer griechischen Magd und eines rumänischen Vaters, der auf einem Bojarengut in der rumänischen Walachei aufwächst, sich später Räuberbanden anschließt, zum gefürchteten Piraten Theodoros in der Adria und Ägäis wird und schließlich aufgrund eines heimtückischen Identitätstausches zum Kaiser vom Äthiopien wird. Mythisch ist die Erzählung u.a., weil Theodoros zeitlebens nach der Bundeslade sucht und weil in einer grandiosen Parallelmontage die Geschichte von König Salomon und der Königin von Saba und ihres Sohnes Menelik erzählt wird, eine Nacherzählung biblischer Motive, wie man sie seit Thomas Manns Josef-Roman nicht mehr gelesen hat. Nebenbei erzählt der Roman die Geschichte des (Ost-)Christentums und der äthiopischen Kirche und ist voller nacherzählter Märchen und Mythen der rumänischen Tradition. Archetypisch ist der Roman, weil er eine „Studie darüber (ist), wie jemand mit hoffungsvollen Anfängen zum blutrünstigen Despoten wird“ (Christiane Pöhlmann, FAZ).
Erzählt wird die Geschichte von Theodoros in der zweiten Person Singular, Erzählinstanz ist niemand geringeres als die sieben Erzengel, die sich an Theodoros, aber zugleich an den Herrn des jüngsten Gerichts wenden. Cartarescu nennt das Buch sein „Lebensprojekt“, das ihn seit vierzig Jahren beschäftigt habe: „Erst jetzt, in einer Zeit der Depressionen, Konfusionen, Pandemien und Kriege, als ginge es mit der Welt zu Ende, habe ich schließlich die zwei Jahre gefunden, in denen ich, um zu überleben, Theodoros geschrieben habe.“
„Theodoros“ ist poetisch, sinnlich, erotisch, gewalttätig und in einer großartigen Sprache geschrieben, voller übernatürlicher Episoden in der Tradition des magischen Realismus.. Kein Pageturner, aber eine fesselnde Lektüre für lange Winterabende und ein großes Lesevergnügen. Unisono rühmen die Rezensenten die „grandiose“ (FAZ), „glänzende“ (Tagesspiegel) bzw. „makellose“ (SZ) Übersetzung von Ernest Wichner.
„Es kann“, schreibt Cartarescu „in Gesichten, Träumen und Irrsinn, in Märchen und Phantasmen mehr Wahrheit stecken als in den Lieben und Schlachten der wirklichen Welt.“ Und so erzählt uns dieser nur scheinbar aus der Zeit gefallene Roman Geschichten voller Wahrheit über unsere Welt – große Weltliteratur auch ohne Nobelpreis.
"Theodoros" ist Mircea Cartarescus neuer, literarischer und epochaler Roman - nach "Solenoid" geht er auch hier "aufs Ganze" (Burkhard Müller, Die Zeit).
Der Kaiser der Kaiser Afrikas, die englische Königin Victoria, Tudor, ein wissbegieriges Kind, die Königin von Saba: In 33 Kapiteln verschränkt Cartarescu Historisches, Phantastisches, Philosophisches mit schrecklich-schönen Abenteuergeschichten zu nichts weniger als einem Weltganzen, das bis in unsere Zeiten, bis zum Jüngsten Gericht reicht.
"Den Pistolenlauf noch im Mund, das Hirn verstreut auf dem roten Tisch." Ehe die britische Kolonialarmee die Bergfestung Magdala in Schutt und Asche legt und ihn als Geisel nimmt, setzt der äthiopische Kaiser am Ostersonntag des Jahres 1868 seinem Leben ein Ende. Nicht als gekrönter Despot, nicht als plündernder Seeräuber, sondern als Bojarendiener aus der Walachei, heißt es in Mircea Cartarescus neuem epochalen Roman.

zum Produkt € 38,00*

Der Absprung
empfohlen von:

Jana Prokop

Der Absprung Maria Stepanova

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Die russische Lyrikerin Maria Stepanova legt mit „der absprung“ ihren ersten Prosaerzähltext vor. Sie hat Russland 2022 nach dessen Überfall auf die Ukraine verlassen und lebt zur Zeit im Berliner Exil. Im Gespräch mit der ZEIT hat sie berichtet, dass sie nach Kriegsbeginn ein Jahr lang nicht schreiben konnte, Prosa habe sie gerettet, weil sie es ihr ermöglichte, fremde Geschichten zu erzählen.

Sie erzählt von der Schriftstellerin M., die im europäischen Exil in der Stadt B. lebt und zu einem Literaturfestival in einem unbenannten Nachbarland aufbricht, wo sie lesen soll. Auf ihrer Reise geht vieles schief, ihr Zug fällt aus, sie strandet in einem Grenzort, verliert ihr Ladegerät, der Kontakt zum Veranstalter bricht ab – und sie ist erleichtert, streift durch die fremde Stadt, heuert in einem Zirkus als Aushilfe an, nennt sich A. und plant den Absprung in ein anderes Leben.

Eine Erzählung über „fluchtartiges Verschwinden, die Möglichkeit einer radikalen Änderung des Schicksals – oder über die Unmöglichkeit“ (Stepanova). Eine „Allegorie oder sogar Fabel. Die Geschichte von M. könnte auch die Geschichte vieler anderer Menschenaus verschiedenen Ländern sein. Die Katastrophe Russlands ist nicht einmalig“.

Ein Roman über das Exil, die Fremdheit des Exilanten und die zwiespältigen Erwartungen und Reaktionen, denen russische Exilanten ausgesetzt sind. Eine Meditiation über die Verwilderung der Sprache durch das „Untier“, das sich „vom Leiden und der Angst der Menschen ernährt“. Stepanova erzählt poetisch, dicht, auch sehr ironisch und zugleich spannend von dem versuchten Absprung ihrer Protagonistin, die ihr „gleich ist und doch ist sie es nicht.“

zum Produkt € 23,00*