Unsere Empfehlungen

Die Buchhändlerin empfiehlt im Februar 2020

Heute keine Kekse
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Heute keine Kekse Juliette Groß

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Februar 2020

Juliette Groß
Heute keine Kekse
Osburg Verlag 20 €

Juliette Groß, 1970 geboren, ist Schauspielerin und lebt in Hamburg.
Mit „Heute keine Kekse“ hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht.

Claudette ist verliebt in Malik, den sie aus der Schule kennt. Die beiden werden ein – noch sehr junges – Paar. Im weiteren Verlauf geht es um die Beziehung der beiden über viele Jahre hinweg – eine Beziehung, die über erste Liebe, über schwierige, aber auch schöne Zeiten erstreckt, bis sie später zu einer Freundschaft wird. Eine Freundschaft, die intensiviert, aber auch erschwert wird durch einen tragischen Unfall.

Malik wird bei einem Autounfall so schwer verletzt, dass er nach einem halben Jahr im Koma erst wiedererwacht und danach ein schwerer Pflegefall wird. Eine erschütternde Odyssee durch viele Krankenhäuser, Reha-Kliniken und Behinderteneinrichtungen beginnt.
Claudette erzählt in vielen kurzen Rückblicken und sie erzählt zeitversetzt: einmal ist sie Schauspielerin in der Jetztzeit und dann wieder ein junges Mädchen, später eine junge Frau.

Es entsteht ein sehr intensives Bild der Zeit, der 80er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts und besonders eines schwarzen Kapitels dieser Zeit: dem institutionellen Umgang mit behinderten Menschen. Malik war kein einfacher Mensch, die Beziehung war nie problemlos, dennoch widmet Claudette sehr viel ihrer Zeit dem kranken Freund (Ex-Freund, wie sie nicht müde wird zu betonen), der zwar langsam wieder sprechen lernt, aber weiter schwer beeinträchtigt ist.

Seine Ausfälle, seine Grobheiten gegenüber Krankenpflegern sowie auch Freunden gegenüber – es ist nicht ganz klar ob sie in seinem Charakter liegen oder eine Veränderung durch den Unfall sind. Jedenfalls geht es ihm – und den Menschen in seinem Umfeld sehr schlecht.

Es ist ein kleines Wunder, dass sich dieser Roman trotz seines sehr düsteren Themas nicht nur sehr gut lesen lässt, sondern immer wieder auch durch feine Ironie und leisem Humor besticht.

Ich war tief beeindruckt von diesem Erstling, erschüttert und mitgenommen aber auch begeistert von der Intensität und nicht zuletzt von der Erzählweise und dem Stil.
Eine echte Entdeckung in der Flut an Neuerscheinungen!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 20,00*

Die Leben der Elena Silber
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Leben der Elena Silber Alexander Osang

gebunden

Alexander Osang
Die Leben der Elena Silber
Fischer Verlag 24 €

Alexander Osang ist beileibe kein Unbekannter. Der 1962 geborene, mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Journalist (Spiegel) und Schriftsteller ist mir schon öfter (z.B. durch den schönen Roman „Lennon ist tot“) positiv aufgefallen.

Doch mit seinem neuesten Buch „Die Leben der Elena Silber“, das auch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 stand, hat er sich selbst übertroffen. Vielleicht liegt das auch daran, dass es sein bisher persönlichster Roman ist?

Es handelt sich nicht direkt um seine eigene Familiengeschichte, aber es ist stark an ihr orientiert. Romane, die einem Autor aufgrund der eigenen Biografie besonders wichtig sind, sind nun nicht unbedingt ein Grund dafür, dass ein Text besonders gut gelingt, es könnte ja auch ganz im Gegenteil erst recht in die Hose gehen. Ich freue mich, dass das hier ganz und gar nicht der Fall ist!

Anfang des letzten Jahrhunderts, ein kleiner Ort im noch zaristischen Russland: Viktor Krasnik, ein Handwerker, Bolschewik, wird auf grausame Weise von zaristischen Soldaten hingerichtet. Seine Frau und die zwei Kinder müssen fliehen. Das damals knapp 3-jährige Mädchen Jelena ist die Hauptfigur des Romans, der bis in die Gegenwart, ins Berlin von 2017, hineinreicht.

Konstantin Stein, Jelenas Enkel, ein nicht sehr erfolgreicher Filmemacher auf der Suche nach „seinem Thema“ reist gemeinsam mit seinem Cousin nach Russland, um der Geschichte seiner Familie nachzuspüren. Doch er muss erkennen, dass sehr viel Zeit vergangen ist, vieles nicht mehr nachvollziehbar ist, viele schon verstorben sind und andere nichts sagen wollen oder nichts zu sagen haben. Eigentlich erstaunlich, dass trotzdem das Leben seiner Großmutter, die auf dem Weg von Russland nach Deutschland viel mehr als nur das „J“ am Anfang ihres Namens verloren hat und das ihrer fünf Töchter so lebendig vor den Augen des Lesers entstehen.

Jelena arbeitet im stalinistischen Russland als Übersetzerin, sie verliebt sich – nachdem ihre Jugendliebe in eine andere Stadt verschwunden ist –in den deutschen Ingenieur Robert Silber und folgt ihm nach Deutschland. Und das 1936 – in das Nazi-Berlin in dem gerade die Olympiade stattfindet.

Auf welcher Seite ihr Mann politisch steht, wird nie ganz klar, seine Arbeit findet mehr und mehr im Geheimen statt und er verändert sich zunehmend zum Schlechteren. Bald ist sie alleine mit 5 Kindern, von denen eines dann auch noch in den Kriegs- und Mangeljahren stirbt. Ihr Leben und das ihrer Töchter sind auch beispielhaft für viele Leben die durch Stalinismus, durch Faschismus und Krieg auf vielfältige Weise gebrochen worden sind.

Osang gelingt es, eine ganz und gar persönliche, stellenweise tieftraurige, Geschichte zu schreiben mit beschädigten, dennoch starken Charakteren, mit denen man als Leser mitfühlt. Doch bettet er diese geschickt in die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts mit ein.
Eine wahre Freude für Leser von guten Familiengeschichten wie auch für alle politisch und zeitgeschichtlich Interessierten!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 24,00*

Berlin
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Berlin Jens Bisky

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Dezember 2019

Jens Bisky, Berlin – Biographie einer großen Stadt
Rowohlt Verlag 38 €

Jens Bisky, schrieb nach seinem Studium der Germanistik und der Kulturwissenschaften für die „Berliner Zeitung“, er ist seit Redaktionsleiter für das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung".

Zudem ist er Autor bereits mehrerer Sachbücher.
Mit dem fast 1000-seitigen Werk hat er nun nicht nur eine beeindruckende Fleißarbeit vorgelegt, sondern auch ein in jeder Hinsicht großes Geschichtsbuch, das sicher bald als Standardwerk für Berlin gelten wird.

Erst einmal ist so ein dicker Wälzer ja eher abschreckend, doch man kann das Buch dank seiner übersichtlichen Aufteilung gut in Häppchen lesen und sehr bald hat man auch Lust, immer noch ein wenig weiter zu lesen als man vorgehabt hatte. Bisky schreibt kurzweilig, flüssig und anregend, man braucht also keine Angst vor trockener Lektüre zu haben.

Auch wenn man eigentlich denkt, schon sehr viel über die Geschichte unserer Stadt zu wissen, so wird bei der Lektüre schnell klar, dass es sich lohnt, dieses Wissen zu vertiefen.

Von der ersten Erwähnung Berlins im Jahr 1266 bis heute, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung dieser Stadt, beleuchtet Jens Bisky in 1o Kapiteln die prägendsten historischen Ereignisse. Aufgelockert durch viele schwarz-weiß-Fotos präsentiert sich der Band auch optisch sehr ansprechend.
„Berlin – Biographie einer großen Stadt“ ist eine großartige Bereicherung und gehört in die Bibliothek eines jeden Berliners und jeder Berlinerin – und natürlich auch in von Menschen, die an der Geschichte unserer Stadt interessiert sind.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 38,00*

HERKUNFT
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

HERKUNFT Sasa Stanisic

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im November 2019

Saša Stanišić, Herkunft
Luchterhand Verlag 22 €

Selten habe ich mich so sehr über die Vergabe eines Buchpreises gefreut wie jetzt! Ich hatte bereits im Frühjahr das neue Buch von Stanišić gelesen und halte es für eines der besten Bücher des Jahres.
Stanišić , 1978 in Višegrad geboren lebt heute in Hamburg. Seit seinem Debüt von 2006 „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ ist er eine der wichtigen literarischen Stimmen in Deutschland.

Einen Roman kann man dieses Mosaik aus Familiengeschichte, aus zeitpolitischer Geschichte, aus eigenen Erfahrungen eigentlich nicht nennen, eher ist es ein sehr persönliches Erinnerungsbuch.
Es ist eine Geschichte über Flucht aus einem Land im Bürgerkrieg, aber auch über das nicht immer leichte Ankommen in einer neuen Welt. Seine Jugendjahre in Heidelberg, die erste Liebe, das Leben seiner Eltern in Deutschland, wie auch die neue Rolle als Familienvater spielen eine Rolle, sehr stark auch seine Neigung zu gestalteter Sprache. Nicht nur Deutschland, sondern auch die Literatur wird zu einer neuen Heimat für ihn.

Immer wieder träumt er von seiner Großmutter, sie – und die alte Heimat – rufen ihn. Er geht zurück nach Bosnien, trifft die 87-jährige und erkundet sein Dorf, spricht dort mit Menschen, lernt das Alte noch mal neu kennen und vertieft damit nicht nur seine eigene Geschichte. Die Szenen mit dieser alten Frau gehören für mich zu den besten des ganzen Buches, sehr zart, sehr berührend und sehr liebevoll. Seine andere Großmutter sagte ihm quasi voraus, dass er später „mit Worten“ arbeiten werde, er solle sich immer an die Sprache halten, riet sie ihm.
Das hat Stanisic auf hervorragende Weise getan, er hat mit „Herkunft“ einen richtig großen Text geschrieben, einen lustigen, schmerzhaften, aufschreckenden, politischen und sehr menschlichen Text. Er erzählt von Abschieden, von Verlusten, davon wie Länder verschwinden und Menschen. Aber er macht auch klar dass in unserem Land die Frage nach dem „Wo kommst du her?“ für viele immer noch wichtiger ist als „Wer bist du?“

Er wechselt munter die Zeiten, Orte und auch Erzählperspektiven, das sorgt für Lebendigkeit. Gegen Ende des Buches leistet er sich noch einen kleinen Spaß, indem er die Leser zur aktiven Mitarbeit auffordert. Ein sehr gelungener und kreativer Abschluss dieses an gelungenen und kreativen Stellen reichen Romans.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,00*

Die Entmieteten
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Entmieteten Synke Köhler

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Oktober 2019

Synke Köhler, Die Entmieteten
Satyr Verlag 23 €


Synke Köhler ,1970 in Dresden geboren, studierte Psychologie, schreibt Texte u.a. für den Freitag, für die TAZ und für Literaturzeitschriften. Sie lebt heute in Berlin.

Mit ihrem Debütroman „Die Entmieteten“ trifft sie mit ihrer Thematik nicht nur einen Nerv der Zeit, sondern sie überzeugt auch literarisch.

Ein Mietshaus im Prenzlauer Berg soll abgerissen werden, damit Platz für lukrativere Bauten entsteht. Doch noch wohnen Menschen in diesem Haus und nicht alle möchten auf das Angebot eingehen, in andere, meist teurere und von der Innenstadt entfernte Wohnungen umzuziehen.
Die Mieter schließen sich zusammen und wehren sich mit den unterschiedlichsten, zum Teil sehr kreativen Aktionen gegen den geplanten Abriss.

Der Roman schlägt einen inhaltlichen Bogen von der Vorwendezeit bis mitten hinein ins heutige gentrifizierte Berlin, er erörtert die damit verbundenen Problematiken wie etwa die Vertreibung alter Menschen aus ihrer vertrauten Umgebung, über die Unmöglichkeit vergleichbare Wohnungen zu akzeptablen Preisen zu finden und die oft üblen Praktiken, Menschen aus ihrem Zuhause heraus zu graulen.

Was für mich aber den Kern des Buches ausmacht, das ist die Art und Weise wie Synke Köhler die Bewohner des Hauses, ihre Beziehungen zu –und untereinander, ihre Vergangenheiten lebendig werden lässt. Der alternde DDR-Rockstar, die junge Studentin, der umtriebige Journalist, zwei alte Ehepaare sowie die Maklerin, die die Bewohner zum Auszug bewegen soll, alle sind interessante Menschen mit glaubhaftem Eigenleben.

Zwischen spitzem Humor, realistischer Situationsdarstellung und Melancholie wechselnd schreibt sie einen sowohl spannenden wie feinfühligen Roman, dem man an keiner Stelle anmerkt, dass er ein Erstling ist. Ein engagiertes Buch, das ich sehr gerne gelesen habe.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 23,00*

Auf Erden sind wir kurz grandios
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Auf Erden sind wir kurz grandios Ocean Vuong

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im August 2019

Ocean Vuong
Auf Erden sind wir kurz grandios

Übersetzerin: Anne Kristin-Mittag
Hanser Verlag 22€

Ocean Vuong, geboren 1988 in Saigon, kam bereits als Kleinkind in die USA. Für seine Lyrik erhielt er mehrere angesehene Preise. Sein Romandebüt „On earth we‘re briefly gorgeous“, auch im Original dieses Jahr erschienen, wird von der amerikanischen Kritik (New York Times, Guardian etc.) bereits gefeiert. Nun ist es gerade auf Deutsch erschienen.

Der in Ich-Form geschriebene Roman ist ein langer, nie abgeschickter Brief eines jungen Mannes an seine Mutter. Diese Mutter, Vietnamesin, Analphabetin, arbeitet in einem Nagelstudio. Sie wird schlecht bezahlt, hat viele Überstunden und wenig Zeit für ihr Kind. Doch es ist nicht allein die Armut, die das Leben für „Little Dog“, wie sie ihren Sohn nennt, so schwer macht. Es ist die körperliche und auch seelische Gewalt, die sie ihm antut. Sie ist traumatisiert durch den Vietnamkrieg, ihre schizophrene Mutter und den abwesenden amerikanischen Vater, und selbst ein Opfer.

Das schwierige Aufwachsen als Außenseiter („Fall bloß nicht auf. Es reicht schon, dass du vietnamesisch bist.“) in der Schule und in der Nachbarschaft kommt ebenso zur Sprache wie seine Überlebenstaktiken, um als eher schwächliches Kind in einer ihm feindlich gesinnten Umwelt zu bestehen.

Und doch: an vielen Stellen liest sich dieser Brief nicht nur wie eine Anklage, sondern auch wie ein Liebesbrief an seine Mutter. Es gibt Herzzerreißende Stellen, an denen man ihre große Liebe zu ihrem Sohn spürt; ihre Hilflosigkeit, Scham und Trauer.

Als Little Dog älter wird, verliebt er sich in Trevor, einen all-american-white guy, eher machohaft, der auch nicht zugegeben möchte, dass er schwul ist. Doch die Beziehung zwischen den beiden so ungleichen jungen Männern gewinnt an Tiefe und wird zu einer echten Liebesbeziehung. Allerdings unter denkbar schlechten Vorzeichen: Trevors Vater ist Alkoholiker. Trevor selbst wird drogensüchtig. Die Armut ist überall.

Ein intensiver Entwicklungsroman. Gleichzeitig auch ein Coming-Out-Roman, ein Buch über Klassenunterschiede, über Fremdenfeindlichkeit, über Drogen, Gewalt und soziale Ungerechtigkeit? Ja, all das ist dieses Buch. Es erzählt aber auch eindringlich über den Vietnamkrieg und seine Folgen. Über die Schwierigkeit, sich in einer Umgebung, die Sensibilität bei Männern negiert, offen zu sich selbst und seiner Homosexualität zu stehen. Über das, was sich Menschen trotz aller Liebe gegenseitig antun, und – last but not least – über die Weitergabe von Traumata in Familien.

Was Vuongs Debüt auszeichnet ist seine große textliche Virtuosität. Man merkt dem Roman stets an, dass der Autor Lyriker ist. Es gelingen ihm Sätze von solch durchschlagender Kraft, dass ich beim Lesen immer wieder innehalten musste: nochmal lesen, darüber nachdenken, erstaunt und bewundernd. Bemerkenswert fand ich auch, dass er stellenweise sehr explizit und recht rau über Sex schreibt, diese Szenen jedoch nicht plump, sondern literarisch anspruchsvoll wirken.

Ich erlaube mir, den von mir sehr geschätzten Sasa Stanisic zu zitieren, der zu diesem Roman Folgendes schrieb:

"Ein grandioses Buch! Eine Reise in die Vergangenheit, in die Kindheit, nach Vietnam, in die Gewalt und die Liebe."

Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

zum Produkt € 22,00*

Die Nickel Boys
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Nickel Boys Colson Whitehead

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juli 2019

Colson Whitehead
Die Nickel Boys

Übersetzer: Henning Ahrens
Hanser Verlag 23 €

Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, konnte spätestens mit seinem großartigen Buch „Underground Railroad“ auch die deutschen Leser überzeugen, nachdem er schon einige hochrangige Literaturpreise (u.a. den Pulitzerpreis) erhalten hatte.
Mit seinem neuen Roman ist ihm wieder ein tief beeindruckendes Buch gelungen.

Basierend auf einer wahren Geschichte erzählt er von einer Besserungsanstalt in Florida während der 60er Jahre. Man fand auf deren Gelände Knochen von Jungs, die Folterspuren aufwiesen. Offensichtlich wurden diese Kinder heimlich verscharrt.
Whitehead schreibt also über ein reales Ereignis, aber er fiktionalisiert dieses, indem er einen schwarzen Jungen namens Elwood als Protagonisten auswählt.

Elwood lebt bei seiner Großmutter, er ist ein anständiger und kluger Junge, der es – entgegen aller Wahrscheinlichkeit – geschafft hat, auf eine Universität gehen zu dürfen. Doch auf dem Weg dorthin wird er in einem gestohlenen Auto -als Tramper- erwischt und des Diebstahls bezichtigt. Ein schwarzer Jugendlicher musste ja wohl schuldig sein.

So kam er nach Nickel, einer Anstalt, die mit Schule nichts, aber mit einer Folterkammer für unterprivilegierte Jungs sehr viel zu tun hatte.
Seine Erlebnisse dort sind derart, dass einem der Atem stockt. Und das obwohl (oder weil?) sich Whitehead nicht an der Beschreibung von Gewaltszenen weidet, sondern in einer unaufgeregten Weise erzählt.

Von einem tief verwurzelten Rassismus, von Missbrauch und von Chancenlosigkeit. Selbst wenn er nirgends und nie Anklage erhebt, empfand ich das ganze Buch über Zorn, Wut, Trauer – und die Befürchtung, dass nicht alles nur Vergangenheit ist, auch wenn diese Ereignisse vor 50 Jahren stattfanden.

Stilistisch ausgereift, fesselnd und erschütternd!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 23,00*

Gott wohnt im Wedding
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Gott wohnt im Wedding Regina Scheer

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juni 2019

Regina Scheer
Gott wohnt im Wedding
Penguin Verlag
24 Euro



Regina Scheer, Schriftstellerin, Kultur- und Theaterwissenschaftlerin, bekannt durch ihren Roman „Machandel“ schildert in ihrem neuen Buch die Geschichte eines Mietshauses im Wedding. Dieses Haus wird lebendig durch die Erlebnisse seiner Bewohner, sowohl der heutigen wie auch der früheren. Es erzählt somit ein Jahrhundert deutscher Vergangenheit und Gegenwart.

Leo, ein alter Mann, der während der Nazizeit noch rechtzeitig nach Israel floh, kehrt zusammen mit seiner Enkelin Nira für eine Besuch zurück nach Berlin. Zusammen mit seinem besten Freund Manfred war er damals als untergetauchter Jude oft in diesem Haus bei Gertrud, Manfreds Geliebter, Gast gewesen. Doch heute möchte er keinen Kontakt mehr zu ihr, zu viel war damals geschehen, Missverständnisse und ein vermeintlicher Verrat.

Gertrud ist die älteste Bewohnerin des Hauses, in dem alle Mieter heraus gegrault werden sollen, damit der Vermieter gewinnträchtig verkaufen kann. Doch sie stört sich nicht an den Sinti und Roma, die in viel zu kleinen Wohnungen und für zu viel Miete nun das Haus bewohnen, sondern entwickelt freundlichen Kontakt zu manchen. Besonders Leila, die den Ärmeren und Ungebildeteren bei Behördengängen hilft, wird auch ihr zur Stütze. Leila und Nira wiederum freunden sich ebenfalls miteinander an. Doch Gertrud und Leo? Ob sie sich noch einmal treffen und versöhnen?

Das Haus in der Utrechter Straße ist selbst sprechender Protagonist, ein Stilmittel, das mir gut gefiel. Viele Handlungsstränge verknüpft Regina Scheer gekonnt zu einem lebendigen Roman, in dem sie wichtige Aspekte deutscher Geschichte mit aktuellen Themen verbindet: Migration, das Mietenproblem, vor allem aber die damals und heute immer noch miserable Behandlung von Roma und Sinti. Ein bislang in der Belletristik noch ziemlich wenig beachtetes Thema.

Ich wünsche diesem facettenreichen Berlin-Roman ebenso viele Leser wie dem ausgezeichneten Vorgänger „Machandel“. Es handelt sich um einen würdigen Nachfolger.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 24,00*

Runaway
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Runaway Hp Daniels

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Mai 2019:

H.P. Daniels
Runaway
Transit Verlag 20 €

HP Daniels, 1951 in München geboren, lebt seit langem in Berlin. Er schreibt Features, Portraits, Reportagen und Kurzgeschichten für verschiedene Zeitungen und Rundfunksender. Seit 1998 ist er als Musikjournalist für den Tagesspiegel tätig und schreibt dort vor allem über Rock - und Pop-Musik. Daniels, selbst Musiker –jetzt auch Romanautor.

Es ist die Zeit der Proteste gegen die Notstandsgesetze, die Jugend lehnt sich gegen elterliche und andere Autoritäten, wie Lehrer mit Nazivergangenheit, auf. Und es ist die Zeit, in der Rockmusik das Versprechen auf andere Lebensformen verheißt.
Der 16-jährige Petty und sein bester Freund beschließen, aus dem ihnen unerträglichen erscheinenden Alltag mit Spießereltern und verknöcherten Schulstrukturen auszubrechen. Heimlich machen sie sich auf den Weg von München nach Hamburg, wo sie von SDS-„Genossen" im Kampf gegen Notstandsgesetze aufgenommen werden, fleißig Flugblätter verteilen, zu Rocksessions gehen und von einer WG in die nächste umziehen. Petty nimmt Kontakt zu einer Ferienliebe auf, deren Eltern die jungen Leute in ihrer Rebellion unterstützen, während sein Freund immer wieder mit schlechtem Gewissen gegenüber den Eltern kämpft. Zwar denkt Petty auch manchmal an seine Mutter, die nichts von seinem Verbleib weiß, doch er ist gut darin, diese Gedanken von sich zu schieben.

Zu aufregend ist das Leben als Ausreißer. Sie machen Musik, sie zeichnen und schreiben, sie verlieben sich – sie probieren sich aus. Doch die beiden Runaways werden gefunden und müssen nach Hause zurück und auf die Schulbank. Der Roman beginnt und endet mit der Standpauke, die sich Petty von seinem Vater anhören muss.
Doch diesen Hauch von Freiheit, von Rebellion und von toller Musik, den haben sie während dieser Wochen in der Fremde gespürt. Und einmal verspürte Freiheit verschwindet nie mehr ganz wieder aus der Erinnerung und dem weiteren Leben.

H.P. Daniels ist mit diesem Roman eine wunderschöne Coming-of–Age Geschichte, ein moderner Entwicklungsroman, gelungen. Gleichzeitig ist das Buch eine treffende Erinnerung an den Beginn der 68er Bewegung und an die Zeit, in der die Jugend begann, gegen das Establishment zu protestieren. Klar war das Kennenlernen von interessanten Menschen wie rebellierenden Studenten, attraktiven und engagierten Mädchen und das Eintauchen in die Musikszene die Hauptsache für die jugendlichen Protagonisten, aber Politik war ein nicht unbeträchtlicher Teil des Lebens.
Richtig toll an dem Buch fand ich Daniels Humor, die Art wie es uns Leser immer wieder auflachen und mitunter auch eigene Erinnerungen an diese Zeit, an deren Musik und an eigene Träume wach werden lässt. Der Autor begleitet die beiden Jungs zwar mit herrlicher Ironie, er beschreibt Stationen dieser Reise ins Unbekannte mit großer Komik, doch stets auch immer mit Sympathie. Er führt seine jugendlichen Helden nie vor.
Das ist literarischer Rock'n Roll!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 20,00*

Die einzige Geschichte
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die einzige Geschichte Julian Barnes

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im April 2019

Julian Barnes
Die einzige Geschichte
Übersetzung: Gertraude Krueger
Kiepenheuer und Witsch 22 €

Julian Barnes wurde 1946 in Leicester geboren, nach einem Sprachenstudium war er als Journalist tätig. Er ist ein seit langem international anerkannter Schriftsteller, der mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde, für „Vom Ende einer Geschichte“ erhielt er den Man Booker Preis. Er lebt heute in London.

Barnes kann vieles: heiter (Das Leben in 10 ½ Kapiteln oder Flaubert’s Papagei), politisch (Der Lärm der Zeit), essayistisch (Lebensstufen, Am Fenster) und tiefernst literarisch (Vom Ende einer Geschichte oder eben jetzt neu „Die einzige Geschichte“).

Die zentrale Frage ist laut Barnes folgende: „Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage“
Paul ist 19 Jahre, er lebt mit seinen Eltern in einem sehr biederen Village in der Nähe von London. Seine Mutter möchte dass er anständige Mädchen kennen lernt und drängt ihn deshalb sich im Tennisclub anzumelden. Dort lernt er anstelle eines jungen Mädchens Susan kennen, eine verheiratete Frau und Mutter, die 28 Jahre älter als er ist. Die beiden verlieben sich ineinander und – auch wenn die Gerüchte um sie nicht verstummen und sie nach einiger Zeit beide aus dem Tennis-Club hinausgeworfen werden – sie stehen zueinander.

Susan trennt sich – nicht sofort, die Beziehung entwickelt sich langsam und ändert die Intensität – von ihrem Mann, Paul und Susan ziehen gemeinsam nach London.

Das Ganze endet nicht glücklich – aber wer nun denkt dass das ja wohl von Anfang an klar gewesen sei, täuscht sich. Julian Barnes erzählt hier von nichts weniger als von der einzigen Geschichte, der großen Liebesgeschichte, die tief und echt ist. Wer an „Die Reifeprüfung“ denkt oder an Klischees wie „erfahrene Frau weiht jungen in die Geheimnisse der Liebeskunst ein“ liegt falsch. Denn jede Liebe ist anders, ihr Glück ist anders als das von anderen Menschen und auch ihr Scheitern hat seine eigenen Gründe.

Der Hauptgrund für das Scheitern der Beziehung – nach langen gemeinsamen Jahren allerdings – ist nicht der Altersunterschied, sondern der Alkohol, denn Susan wird exzessive Trinkerin. Doch auch das hat natürlich seine eigenen Gründe.

Ich lese diesen Roman, ich fühle mit, ich drücke den beiden den Daumen, ich hoffe, dass diese Liebe gegen alle Konventionen eine Chance hat und ich werde immer trauriger gegen Ende des Buches. „Die einzige Geschichte“ hat mich tief berührt.

Doch ich bin auch höchst beeindruckt von den literarischen Kunstgriffen, so wechselt er die Erzählhaltungen von der Ich-Perspektive über die Du-Perspektive bis hin zur unpersönlichen. Und das passt dann immer punktgenau.

Julian Barnes ist ein großer Künstler, ein toller Schriftsteller und ein echter Menschenkenner – Hut ab!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,00*

1 2 ... 10
 
Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt. und ggf. zzgl. Versand