Unsere Empfehlungen

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juli

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Schicksal Zeruya Shalev

gebunden

Zeruya Shalev „ Schicksal“
Berlin Verlag 24 €

Das Warten auf den neuen Roman der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev hat sich gelohnt!

In „Schicksal“ entwirft sie eine eindringliche und schmerzhafte Familiengeschichte um zwei Frauen, deren Leben miteinander verknüpft ist, ohne dass sie voneinander wussten. Gleichzeitig erhellt sie einen eher unbekannten Aspekt der israelischen Geschichte.

Die Architektin Atara lebt zusammen mit Mann und Sohn. Die beiden hatten vor Jahren ihre jeweiligen Ehepartner verlassen, weil es „die“ große Liebe war. Vieles, was Atara zustößt, betrachtet sie seither unter dem Aspekt der Strafe für die Zerstörung zweier Familien. Mittlerweile gibt es viel Streit zwischen Atara und ihrem Mann, der Sohn leidet nach seinem Militäreinsatz unter Depressionen, die Tochter lebt im Ausland und Atara nörgelt sich so durch die Tage.

Als ihr harter und gnadenloser Vater starb, sprach er Atara mit Rachel an und war so zärtlich wie sonst nie. Atara begibt sich auf die Suche nach Rachel, der ersten Frau ihres Vaters, über die nie gesprochen werden durfte. Sie findet sie und lernt die Geschichte der Lechi, einer Widerstandsgruppe aus den Anfängen Israels kennen. Die Lechi kämpften gegen die Briten, sie hatten die Vorstellung, friedlich mit den Arabern leben zu können, wenn erst mal die Besatzungsmacht weg wäre. Verbittert wohnt diese alte Frau nun unter Siedlern, angefeindet von allen. Nach einem dramatischen Ereignis müssen beide einen neuen Weg finden für ihr Leben.

Die Verquickung historischer wie aktueller politischer Themen mit einer individuellen Geschichte gelingt Shalev sehr gut. Sie schreibt introspektiv und detailreich über das Seelenleben der Protagonistinnen.

Ein faszinierendes Buch, das ich allen, die ernsthafte psychologische Romane mögen, ans Herz lege. Ein Muss für Shalev – Fans, aber auch ein guter Einstieg für alle, die es noch werden möchten!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 24,00*

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Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Was, wenn wir einfach die Welt retten? Frank Schätzing

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juni 2021

Frank Schätzing "Was, wenn wir einfach die Welt retten? Handeln in der Klimakrise"
Kiepenheuer & Witsch Verlag
20 €

Auch wenn Schätzing eher als Thrillerautor bekannt ist, handelt es sich hierbei nicht um sein erstes Sachbuch.
Nimmt er dieses Mal den Mund nicht etwas voll - einfach die Welt retten? Einerseits ja, denn so einfach ist es nicht und das weiß er auch. Andererseits nein, denn möglich ist es! Die Anfangsidee des Buches besteht darin, dass wir alle in einem Thriller leben, einem mit wahnsinnig vielen Gefahren, in dem wir als Protagonisten den Ausgang mitgestalten können.

Schätzing beschreibt die aktuelle Situation, in der sich die Erde aufgrund des Klimawandels befindet. Was er da beschreibt, kann und sollte uns Angst machen. Er hat viel recherchiert, das Buch ist faktenorientiert und genügt wissenschaftlichen Ansprüchen. Es gelingt ihm, sehr anschaulich und mit einprägsamen Vergleichen uns Lesern die ganze Misere vor Augen zu führen.

Durch seinen unterhaltsamen Schreibstil liest sich das Buch spannend und sogar lustig. An manchen Stellen war es mir zugegebenermaßen etwas zu flapsig, aber besser so als zu trocken!

Gründe für den Klimawandel, dessen Ausmaß, Möglichkeiten, das Rad noch herumzureißen, die Verantwortung der Einzelnen wie der Politik und Wirtschaft - auf all das geht er ein. Er beschönigt die Situation nicht, aber er bietet Vorschläge dazu, wie uns der Ausweg aus der Katastrophe noch gelingen kann. Praktische Tipps die Veränderung des eigenen Lebensstils betreffend und Hinweise auf politische Handlungsmöglichkeiten verknüpft er mit einem Best Case-Szenario, das mich amüsiert hat und das Hoffnung gibt.

Ist das nun d a s eine große Buch zur Klimakrise? Sicherlich gibt es wissenschaftlichere Bücher, aber es ist ein großartiger Einstieg, der sehr gut verständlich ist und bei dem das Lesen Spaß macht. Ein Buch, das auch noch die letzten Klimaskeptiker zum Nachdenken bringen müsste.

Ein Buch, dem ich einen großen Erfolg wünsche!


Mehr unter: https://www.einfachdieweltretten.com

zum Produkt € 20,00*

Klara und die Sonne Kazuo Ishiguro

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Mai 2021

Kazuo Ishiguro
Klara und die Sonne

Übersetzt: Barbara Schaden
Blessing Verlag 24 €

Ishiguro, Literaturnobelpreisträger und Autor so wunderbarer Bücher wie „Was vom Tage übrig blieb“ oder „Alles was wir geben mussten“ begibt sich mit seinem neuen Roman in die Gefilde der Künstlichen Intelligenz.
Klara ist eine KF, eine künstliche Freundin. Ihre Aufgabe ist es, einsamen Kindern zur Seite zu stehen. Natürlich können sich das nicht alle leisten in dieser – das wird nur dezent angedeutet – Klassengesellschaft.

Klara wird für Josie gekauft, diese, ein schwerkrankes Mädchen und Klara werden tatsächlich Freundinnen. Als Leser:in sieht man die ganze Geschichte mit Klaras Augen. Sie ist intelligent, lernfähig und selbstlos. Andererseits versteht sie die menschliche Welt nicht ganz und zieht immer wieder falsche Schlüsse. So ist sie überzeugt davon, dass die Sonne – Klara ist solarbetrieben – eine Art helfende Gottheit darstellt und sie unternimmt alles, um Klara zu retten.

Ein Nachbarsjunge ist Josies bester Freund und hat einen wichtigen Anteil in dem Roman. Ebenso wie die Mutter, die nach dem Tod ihrer ersten Tochter um Josie bangt und eine sehr eigenwillige Idee zu ihrer Rettung hat: Klara und ein Künstler spielen dabei eine Rolle.

Wer sich von diesem Roman eine technisch-fiktionale Auseinandersetzung mit dem Thema KI erwartet, dürfte enttäuscht werden. Um Technik geht es hier nicht, sondern um die Frage was Menschlichkeit ausmacht.

Ishiguro schreibt hier in einem naiv anmutenden Stil. Immerhin spricht Klara, das Robotermädchen zu uns; doch die Fragen, die sie stellt, sind universell und moralisch relevant.

Ich war beim Lesen – trotz oder wegen? – der eher nüchternen Schreibweise ergriffen und emotional berührt. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Roman aus der Innensicht einer KI bei mir so ein Mitfühlen bis hin zu echten Tränen führen könnte.

Ich bin begeistert von Ishiguros Beobachtungsgabe, der klugen Konstruktion des Romans und seiner Fähigkeit, etwas zum Schwingen zu bringen.

zum Produkt € 24,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Adas Raum Sharon Dodua Otoo

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im April 2021
2021Sharon Dodua Otoo
Adas Raum

Fischer Verlag 22 €

Sharon Dodua Otoo, geboren 972 in London, seit 2006 in Berlin lebend, hatte bei uns in der Buchhandlung 2017 aus dem Buch gelesen, für das sie 2016 mit dem Ingeborg Bachmann Preis ausgezeichnet worden war.

Sicher können sich viele von Ihnen an diese Lesung, die ein echtes Highlight war, erinnern. Sehr gerne hätten wir sie auch 2021 wieder zu uns eingeladen. Aber es geht halt nicht…

Otoo ist Aktivistin in der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“, sie setzt sich besonders gegen Rassismus und für Frauenrechte ein, vor allem aber ist sie Schriftstellerin.

Nach Kurzgeschichten, kurzen Prosa- und journalistischen Texten legt sie mit „Adas Raum“ nun ihren ersten Roman vor.

Ada ist eine Frau, doch es sind vier Adas, deren Leben erzählt wird:
Eine Ada lebt in Ghana (das damals noch nicht so hieß) im 15. Jahrhundert, eine andere ist Ada Lovelace, eine britische Mathematikerin, die Mitte des 19. Jahrhunderts den Vorläufer des Computers entwickelt hatte, eine weitere Ada lebt als Zwangsprostituierte im KZ Dora-Mittelbau 1945, die vierte Ada kommt 2019 aus Ghana nach Berlin, um hier zu studieren.

Doch wer erzählt die Geschichte der vier Adas? Hier erlaubt sich Otoo einen genialen Kunstgriff!

Es ist eine Art „Geist“, der sich mal als Reisigbesen manifestiert, mal als Türknauf, mal als Zimmer oder auch mal als berlinernder Gott. Ebenso wie ein bestimmtes Armband, das in jeder Epche bei jeder der Frauen auftaucht, eine wichtige Rolle spielt, so spielen diese Gegenstände quasi die Rolle des allwissenden Erzählers.

Es geht immer um die Rolle der Frau, um das Leid von Müttern, um Solidarität, um Verbrechen und um Stärke, das klingt allgemein, ist es aber nicht, da jede der Adas genügend „Raum“ erhält, ihre Geschichte entwickeln zu lassen.
Respekt auch vor der sicher nicht einfachen Entscheidung, eine der Adas ins KZ zu versetzen, aber auch das gelingt der Autorin auf eine achtungsvolle und subtile Weise sehr gut.

Ich bin tief beeindruckt von diesem vielschichtigen, literarisch sehr kreativen Roman über vier Frauen quer durch die Jahrhunderte und die Kontinente. Es ist ein Roman, den man konzentriert lesen sollte, dann erschließt sich das ganze Spektrum dieser Adas erst richtig.

zum Produkt € 22,00*

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Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Unter Wasser Nacht Kristina Hauff

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im März 2021
Kristina Hauff
Unter Wasser Nacht

Verlag Hanser blau 20 €

Kristina Hauff, 1965 am Niederrhein geboren, arbeitete als Pressereferentin für ARD und ZDF und am Theater und lebt in Friedenau. Was, noch eine neue Friedenauer Schriftstellerin? Das könnte man so sehen, stimmt aber nicht ganz, denn als Susanne Kliem hat sie schon einige recht erfolgreiche Kriminalromane veröffentlicht.

Die Geschichte handelt von zwei Familien, die Im Wendland auf einem Hof leben, deren früher sehr freundschaftliche Beziehung sich durch den Tod eines Jugendlichen abrupt veränderte.

Sophie und Thies lernten Inga und Bodo im Kampf gegen das Atommülllager im Wendland kennen. Nicht nur der gemeinsame politische Kampf, sondern auch große Sympathie zueinander ließ die beiden Paare zusammenziehen und den Hof gemeinsam betreiben. Sie bekamen Kinder und alles hätte gut sein können. Wäre da nicht die sonderbare Art, in der sich Aaron, Thies‘ und Sophies Sohn, entwickelt hätte. Kann es sein, dass Kinder böse sind? Obwohl sie gute und mitfühlende Eltern und eine intakte Umwelt haben?

Als Aaron stirbt, haben die Eltern nicht nur mit dem unerträglichen Verlust ihres Kindes zu kämpfen, sondern auch mit ihrem schlechten Gewissen und ihren Schuldgefühlen. Waren sie ihrem schwierigen Kind gute Eltern gewesen? Schwingt nicht auch eine gewisse Erleichterung über seinen Tod mit in die tiefe Trauer hinein? Und: wie können sie den Anblick der perfekten Familie gegenüber weiterhin ertragen?

Das Ehepaar verstummt immer mehr, sie können sich gegenseitig nicht helfen. Als Mara im Ort auftaucht, eine Frau aus Christiania, dem Hippie- und Drogenparadies in Kopenhagen, wirbelt diese alles durcheinander. Jede/r der Menschen auf dem Hof fühlt sich zu ihr hingezogen. Gespräche mit ihr brechen etwas auf, das vorher unterdrückt war. Doch ist Mara wirklich eine Hilfe oder bringt sie noch mehr Probleme mit?

In einer sehr einfühlsamen Art schreibt die Autorin einen packenden Roman, der um die Themen Trauerarbeit, Freundschaften, Beziehungen und Liebe kreist, aber auch politische Themen nicht auslässt. Mutig fand ich die Einbeziehung des Themas der schwierigen Liebe zu einem sehr problematischen Kind.

Ich gratuliere zum Genrewechsel und kann „Unter Wasser Nacht“ allen, die gerne gute spannende psychologische Unterhaltungsromane – mit Tiefgang – lesen, sehr ans Herz legen!

zum Produkt € 20,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Frausein Mely Kiyak

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Februar 2021

Mely Kiyak Frausein
Hanser Verlag 18 €

Kiyak, 1976 in Sulingen geboren, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und ist heute Journalistin und Autorin in Berlin. Seit 2013 verfasst sie regelmäßig eine sehr lesenswerte Kolumne für das Maxim-Gorki-Theater und schreibt für die Zeit, die TAZ, die Welt, Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung.

Als Tochter kurdischer Einwanderer aus dem Osten der Türkei beschreibt sie in liebevoller Weise ihren Vater (dem sie bereits ein eigenes, leider vergriffenes Buch gewidmet hat) und das Leben als Kind von bildungsfernen „Gastarbeitern“. Sie erzählt von ihren Cousinen in der Türkei, vom Erwachen ihrer Sexualität, über Freundschaft und Beziehungen, und sie macht sich Gedanken über Deutschland und sein Verhältnis zu Menschen mit Migrationshintergrund.

Bewegend ist auch die sehr persönlich gehaltene Schilderung ihrer drohenden Erblindung, ihren Ängsten diesbezüglich und ihrer geglückten Operation.

Es entsteht das Bild einer sehr besonderen Frau, die, um glücklich zu sein, nicht nur keine Kinder braucht, sondern auch keine Beziehung. Am wohlsten fühlt sie sich mit sich selbst. Der Titel ist etwas irreführend, denn ums Frausein geht es nur insofern, dass Mely Kiyak eben eine Frau ist.

Ist 44 nicht zu jung, um eine Autobiographie zu schreiben? Oder handelt es sich doch eher um ein Essay? Ein Erinnerungsbuch, ein politisches Buch? Alles unwichtig, denn sobald man zu lesen anfängt, will man es nicht mehr zur Seite legen.

Es ist ein sehr mutiges Buch, ehrlich und bewegend. Kiyak ist eine Frau, die auch polemisch, spitzzüngig und explizit politisch sein kann – wenn sie sich beispielsweise gegen Rassismus einsetzt oder für Frauenrechte kämpft – doch in diesem Buch zeigt sie sich von einer sehr nachdenklichen und reflektierten Seite; sie schreibt humor- und liebevoll. Und sie zeigt, dass Frausein schön ist, aber frau sich in keine Richtung pressen lassen muss.
Sehr empfehlenswert – auch für Männer!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 18,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Streulicht Deniz Ohde

gebunden

Deniz Ohde, 1988 in Frankfurt am Main geboren, lebt heute in Leipzig, wo sie auch ihr Germanistik-Studium absolvierte. Sie stand mit ihrem Debütroman nicht nur auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2020, sondern erhielt dafür auch den Aspekte-Literaturpreis und den Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung.

Zuviel Lob für den ersten Roman? Nein, ganz und gar verdientes Lob. Dieses Buch füllt eine Lücke in der deutschen Gegenwartsliteratur - eine Lücke, die beispielsweise in Frankreich durch die Romane von Didier Eribon, Annie Ernaux und Louis Edouard wenn nicht geschlossen, so doch zumindest sichtbar gemacht wurde.

Auch bei dem autobiografischen Roman „Streulicht“ geht es um den Weg der Protagonistin aus einer unterprivilegierten Arbeiterschicht heraus hin zu einer erfolgreichen Akademikerin.

Es handelt sich dabei nicht um einen banalen „Seht her, ich habe es geschafft“–Gestus, sondern um ein genaues und sehr bitteres Aufzeigen vieler Verwundungen und Verletzungen. Als Kind mit Migrationshintergrund erlebte sie zusätzlich zur Scham, die aus der Armut hervor geht, auch immer wieder - oft gut versteckte, aber stets spürbare - rassistische Demütigungen. Doch selbst wenn sie freundlich von Mitschülern oder Mitstudierenden aufgenommen wurde, spürte sie die große Distanz, die durch einen völlig anderen „bildungsfernen“ Hintergrund entstand.

In einer leisen und klaren, sensiblen und nachhaltig ins Leserbewusstsein eindringenden Sprache erzählt sie von einer Parallelwelt, von der der typische Feuilletonleser trotz der räumlichen Nähe meist sehr wenig weiß.

zum Produkt € 22,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Vögel Tarjei Vesaas

gebunden

Tarjei Vesaas, Die Vögel

Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel
Nachwort: Judith Hermann

Guggolz Verlag 23 €

Begeistert bereits von „Das Eisschloss“, das der Guggolz Verlag letztes Jahr veröffentlichte, freute ich mich schon sehr auf dieses Buch. Nun finde ich es fast noch besser als das erste, aber auch das war ja schon großartig! Es ist mir unverständlich, warum Vesaas nicht als einer der ganz Großen der Weltliteratur angesehen wird, das muss – und wird – sich jetzt ändern, wenn auch leider erst posthum.

Die Geschwister Mattis und Helge leben kärglich In einer Waldhütte, es ist Helge die mit ihren Strickarbeiten für den Unterhalt sorgt, Mattis versucht sich hin und wieder als Tagelöhner, doch er taugt nicht zur Arbeit. Seine Gedanken verwirren sich dabei zu schnell. Er wird von den Dorfbewohnern als Dussel bezeichnet und erscheint zurückgeblieben.

Der Autor lässt uns die Welt durch Mattis‘ Augen sehen, wir erleben sein permanentes Gefühl der Unzulänglichkeit und seine Distanz zu den Menschen da draußen, zu den „Klugen“ wie er sie nennt. Doch bei seiner Schwester fühlt er sich gut aufgehoben. Als er selbst den Waldarbeiter Jörgen in die Hütte bringt und damit einen Dritten in die Zweiergemeinschaft, ändert sich alles für ihn. Doch eigentlich hatte sich schon vorher, mit dem Schnepfenstrich, der Flugroute dieser Vögel über ihre Hütte, viel verändert. Mattis ist so mit der Natur verbunden, mit den Vögeln, mit dem Wald und mit dem See, dass das für ihn eine große Bedeutung hat, die Außenstehende nicht verstehen.

Es geht in diesem Roman nicht vorrangig um die Ausgrenzung eines Außenseiters. Auch wenn Mattis nicht „dazu“ gehört, sind die Menschen um ihn herum doch meist freundlich zu ihm. Eine Kanufahrt mit zwei jungen Mädchen wird zu einem schönen Erlebnis, von dem er lange zehrt. Und auch Jörgen möchte ihm seine Schwester nicht
„wegnehmen“.

Dennoch verdichten sich für Mattis die Vorzeichen, dass er nicht mehr erwünscht ist und er trifft eine folgenschwere Entscheidung.

Ein literarisches Meisterwerk in hervorragender Übersetzung!

zum Produkt € 23,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikoleit Max Annas

gebunden

Max Annas, der schon viermal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde, hat dieses Jahr den zweiten Band einer neuen Reihe herausgebracht.

Es handelt sich dabei um Kriminalromane die in der DDR spielen. Den ersten Band „Morduntersuchungskommission: Der Fall Teo Macamo“- den man zwar nicht unbedingt zuerst lesen muss, aber lesen sollte man ihn unbedingt! - gibt es mittlerweile als Taschenbuch.

Jena, 1985: Oberleutnant Otto Castorp ermittelt in einem Fall, bei dem ein junger Mann, ein „Punker“ ermordet aufgefunden wurde. Die Suche nach dem Mörder gestaltet sich nicht nur hinsichtlich des Hauptverdächtigen (der ein Alibi hat) als schwierig, sondern auch in politischer Hinsicht. Die Szene rund um den Punker, der in einer Band spielte, ist dem Staat sowieso sehr suspekt und so werden die Freunde hart rangenommen bei den Verhören. Als dann noch ein weiterer Verdacht aufkommt, bei dem es um einen Stasioffizier und dessen Verwicklungen in ein Kriegsverbrechen während der NS-Zeit geht, sieht sich Otto in seinen Ermittlungen ziemlich allein gelassen von den Kollegen und Vorgesetzten.

Castorp wird nicht als strahlende Heldengestalt gezeigt, sondern er hat selbst Dreck am Stecken, doch er setzt alles daran, den Fall aufzuklären und dabei halbwegs integer zu bleiben.

Bewundernswert wie Annas, der selbst nicht in der DDR lebte, sich in die Thematik hineingefunden hat und wie glaubhaft er diese Zeit in diesem sehr spannenden – zum Teil auch ziemlich harten – Roman vermittelt.
Eine Krimireihe, die sich von den Wohlfühlkrimis (Provence, Bretagne, Alpen – was auch immer) in meinen Augen sehr angenehm unterscheidet und der ich viele Leser und Leserinnen wünsche.

Ich bin gespannt auf weitere Folgen!

zum Produkt € 20,00*

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