Unsere Empfehlungen

Die Buchhändlerin empfiehlt im August 2019

Auf Erden sind wir kurz grandios
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Auf Erden sind wir kurz grandios Ocean Vuong

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im August 2019

Ocean Vuong
Auf Erden sind wir kurz grandios

Übersetzerin: Anne Kristin-Mittag
Hanser Verlag 22€

Ocean Vuong, geboren 1988 in Saigon, kam bereits als Kleinkind in die USA. Für seine Lyrik erhielt er mehrere angesehene Preise. Sein Romandebüt „On earth we‘re briefly gorgeous“, auch im Original dieses Jahr erschienen, wird von der amerikanischen Kritik (New York Times, Guardian etc.) bereits gefeiert. Nun ist es gerade auf Deutsch erschienen.

Der in Ich-Form geschriebene Roman ist ein langer, nie abgeschickter Brief eines jungen Mannes an seine Mutter. Diese Mutter, Vietnamesin, Analphabetin, arbeitet in einem Nagelstudio. Sie wird schlecht bezahlt, hat viele Überstunden und wenig Zeit für ihr Kind. Doch es ist nicht allein die Armut, die das Leben für „Little Dog“, wie sie ihren Sohn nennt, so schwer macht. Es ist die körperliche und auch seelische Gewalt, die sie ihm antut. Sie ist traumatisiert durch den Vietnamkrieg, ihre schizophrene Mutter und den abwesenden amerikanischen Vater, und selbst ein Opfer.

Das schwierige Aufwachsen als Außenseiter („Fall bloß nicht auf. Es reicht schon, dass du vietnamesisch bist.“) in der Schule und in der Nachbarschaft kommt ebenso zur Sprache wie seine Überlebenstaktiken, um als eher schwächliches Kind in einer ihm feindlich gesinnten Umwelt zu bestehen.

Und doch: an vielen Stellen liest sich dieser Brief nicht nur wie eine Anklage, sondern auch wie ein Liebesbrief an seine Mutter. Es gibt Herzzerreißende Stellen, an denen man ihre große Liebe zu ihrem Sohn spürt; ihre Hilflosigkeit, Scham und Trauer.

Als Little Dog älter wird, verliebt er sich in Trevor, einen all-american-white guy, eher machohaft, der auch nicht zugegeben möchte, dass er schwul ist. Doch die Beziehung zwischen den beiden so ungleichen jungen Männern gewinnt an Tiefe und wird zu einer echten Liebesbeziehung. Allerdings unter denkbar schlechten Vorzeichen: Trevors Vater ist Alkoholiker. Trevor selbst wird drogensüchtig. Die Armut ist überall.

Ein intensiver Entwicklungsroman. Gleichzeitig auch ein Coming-Out-Roman, ein Buch über Klassenunterschiede, über Fremdenfeindlichkeit, über Drogen, Gewalt und soziale Ungerechtigkeit? Ja, all das ist dieses Buch. Es erzählt aber auch eindringlich über den Vietnamkrieg und seine Folgen. Über die Schwierigkeit, sich in einer Umgebung, die Sensibilität bei Männern negiert, offen zu sich selbst und seiner Homosexualität zu stehen. Über das, was sich Menschen trotz aller Liebe gegenseitig antun, und – last but not least – über die Weitergabe von Traumata in Familien.

Was Vuongs Debüt auszeichnet ist seine große textliche Virtuosität. Man merkt dem Roman stets an, dass der Autor Lyriker ist. Es gelingen ihm Sätze von solch durchschlagender Kraft, dass ich beim Lesen immer wieder innehalten musste: nochmal lesen, darüber nachdenken, erstaunt und bewundernd. Bemerkenswert fand ich auch, dass er stellenweise sehr explizit und recht rau über Sex schreibt, diese Szenen jedoch nicht plump, sondern literarisch anspruchsvoll wirken.

Ich erlaube mir, den von mir sehr geschätzten Sasa Stanisic zu zitieren, der zu diesem Roman Folgendes schrieb:

"Ein grandioses Buch! Eine Reise in die Vergangenheit, in die Kindheit, nach Vietnam, in die Gewalt und die Liebe."

Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

zum Produkt € 22,00*

Die Nickel Boys
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Nickel Boys Colson Whitehead

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juli 2019

Colson Whitehead
Die Nickel Boys

Übersetzer: Henning Ahrens
Hanser Verlag 23 €

Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, konnte spätestens mit seinem großartigen Buch „Underground Railroad“ auch die deutschen Leser überzeugen, nachdem er schon einige hochrangige Literaturpreise (u.a. den Pulitzerpreis) erhalten hatte.
Mit seinem neuen Roman ist ihm wieder ein tief beeindruckendes Buch gelungen.

Basierend auf einer wahren Geschichte erzählt er von einer Besserungsanstalt in Florida während der 60er Jahre. Man fand auf deren Gelände Knochen von Jungs, die Folterspuren aufwiesen. Offensichtlich wurden diese Kinder heimlich verscharrt.
Whitehead schreibt also über ein reales Ereignis, aber er fiktionalisiert dieses, indem er einen schwarzen Jungen namens Elwood als Protagonisten auswählt.

Elwood lebt bei seiner Großmutter, er ist ein anständiger und kluger Junge, der es – entgegen aller Wahrscheinlichkeit – geschafft hat, auf eine Universität gehen zu dürfen. Doch auf dem Weg dorthin wird er in einem gestohlenen Auto -als Tramper- erwischt und des Diebstahls bezichtigt. Ein schwarzer Jugendlicher musste ja wohl schuldig sein.

So kam er nach Nickel, einer Anstalt, die mit Schule nichts, aber mit einer Folterkammer für unterprivilegierte Jungs sehr viel zu tun hatte.
Seine Erlebnisse dort sind derart, dass einem der Atem stockt. Und das obwohl (oder weil?) sich Whitehead nicht an der Beschreibung von Gewaltszenen weidet, sondern in einer unaufgeregten Weise erzählt.

Von einem tief verwurzelten Rassismus, von Missbrauch und von Chancenlosigkeit. Selbst wenn er nirgends und nie Anklage erhebt, empfand ich das ganze Buch über Zorn, Wut, Trauer – und die Befürchtung, dass nicht alles nur Vergangenheit ist, auch wenn diese Ereignisse vor 50 Jahren stattfanden.

Stilistisch ausgereift, fesselnd und erschütternd!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 23,00*

Gott wohnt im Wedding
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Gott wohnt im Wedding Regina Scheer

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juni 2019

Regina Scheer
Gott wohnt im Wedding
Penguin Verlag
24 Euro



Regina Scheer, Schriftstellerin, Kultur- und Theaterwissenschaftlerin, bekannt durch ihren Roman „Machandel“ schildert in ihrem neuen Buch die Geschichte eines Mietshauses im Wedding. Dieses Haus wird lebendig durch die Erlebnisse seiner Bewohner, sowohl der heutigen wie auch der früheren. Es erzählt somit ein Jahrhundert deutscher Vergangenheit und Gegenwart.

Leo, ein alter Mann, der während der Nazizeit noch rechtzeitig nach Israel floh, kehrt zusammen mit seiner Enkelin Nira für eine Besuch zurück nach Berlin. Zusammen mit seinem besten Freund Manfred war er damals als untergetauchter Jude oft in diesem Haus bei Gertrud, Manfreds Geliebter, Gast gewesen. Doch heute möchte er keinen Kontakt mehr zu ihr, zu viel war damals geschehen, Missverständnisse und ein vermeintlicher Verrat.

Gertrud ist die älteste Bewohnerin des Hauses, in dem alle Mieter heraus gegrault werden sollen, damit der Vermieter gewinnträchtig verkaufen kann. Doch sie stört sich nicht an den Sinti und Roma, die in viel zu kleinen Wohnungen und für zu viel Miete nun das Haus bewohnen, sondern entwickelt freundlichen Kontakt zu manchen. Besonders Leila, die den Ärmeren und Ungebildeteren bei Behördengängen hilft, wird auch ihr zur Stütze. Leila und Nira wiederum freunden sich ebenfalls miteinander an. Doch Gertrud und Leo? Ob sie sich noch einmal treffen und versöhnen?

Das Haus in der Utrechter Straße ist selbst sprechender Protagonist, ein Stilmittel, das mir gut gefiel. Viele Handlungsstränge verknüpft Regina Scheer gekonnt zu einem lebendigen Roman, in dem sie wichtige Aspekte deutscher Geschichte mit aktuellen Themen verbindet: Migration, das Mietenproblem, vor allem aber die damals und heute immer noch miserable Behandlung von Roma und Sinti. Ein bislang in der Belletristik noch ziemlich wenig beachtetes Thema.

Ich wünsche diesem facettenreichen Berlin-Roman ebenso viele Leser wie dem ausgezeichneten Vorgänger „Machandel“. Es handelt sich um einen würdigen Nachfolger.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 24,00*

Runaway
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Runaway Hp Daniels

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Mai 2019:

H.P. Daniels
Runaway
Transit Verlag 20 €

HP Daniels, 1951 in München geboren, lebt seit langem in Berlin. Er schreibt Features, Portraits, Reportagen und Kurzgeschichten für verschiedene Zeitungen und Rundfunksender. Seit 1998 ist er als Musikjournalist für den Tagesspiegel tätig und schreibt dort vor allem über Rock - und Pop-Musik. Daniels, selbst Musiker –jetzt auch Romanautor.

Es ist die Zeit der Proteste gegen die Notstandsgesetze, die Jugend lehnt sich gegen elterliche und andere Autoritäten, wie Lehrer mit Nazivergangenheit, auf. Und es ist die Zeit, in der Rockmusik das Versprechen auf andere Lebensformen verheißt.
Der 16-jährige Petty und sein bester Freund beschließen, aus dem ihnen unerträglichen erscheinenden Alltag mit Spießereltern und verknöcherten Schulstrukturen auszubrechen. Heimlich machen sie sich auf den Weg von München nach Hamburg, wo sie von SDS-„Genossen" im Kampf gegen Notstandsgesetze aufgenommen werden, fleißig Flugblätter verteilen, zu Rocksessions gehen und von einer WG in die nächste umziehen. Petty nimmt Kontakt zu einer Ferienliebe auf, deren Eltern die jungen Leute in ihrer Rebellion unterstützen, während sein Freund immer wieder mit schlechtem Gewissen gegenüber den Eltern kämpft. Zwar denkt Petty auch manchmal an seine Mutter, die nichts von seinem Verbleib weiß, doch er ist gut darin, diese Gedanken von sich zu schieben.

Zu aufregend ist das Leben als Ausreißer. Sie machen Musik, sie zeichnen und schreiben, sie verlieben sich – sie probieren sich aus. Doch die beiden Runaways werden gefunden und müssen nach Hause zurück und auf die Schulbank. Der Roman beginnt und endet mit der Standpauke, die sich Petty von seinem Vater anhören muss.
Doch diesen Hauch von Freiheit, von Rebellion und von toller Musik, den haben sie während dieser Wochen in der Fremde gespürt. Und einmal verspürte Freiheit verschwindet nie mehr ganz wieder aus der Erinnerung und dem weiteren Leben.

H.P. Daniels ist mit diesem Roman eine wunderschöne Coming-of–Age Geschichte, ein moderner Entwicklungsroman, gelungen. Gleichzeitig ist das Buch eine treffende Erinnerung an den Beginn der 68er Bewegung und an die Zeit, in der die Jugend begann, gegen das Establishment zu protestieren. Klar war das Kennenlernen von interessanten Menschen wie rebellierenden Studenten, attraktiven und engagierten Mädchen und das Eintauchen in die Musikszene die Hauptsache für die jugendlichen Protagonisten, aber Politik war ein nicht unbeträchtlicher Teil des Lebens.
Richtig toll an dem Buch fand ich Daniels Humor, die Art wie es uns Leser immer wieder auflachen und mitunter auch eigene Erinnerungen an diese Zeit, an deren Musik und an eigene Träume wach werden lässt. Der Autor begleitet die beiden Jungs zwar mit herrlicher Ironie, er beschreibt Stationen dieser Reise ins Unbekannte mit großer Komik, doch stets auch immer mit Sympathie. Er führt seine jugendlichen Helden nie vor.
Das ist literarischer Rock'n Roll!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 20,00*

Die einzige Geschichte
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die einzige Geschichte Julian Barnes

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im April 2019

Julian Barnes
Die einzige Geschichte
Übersetzung: Gertraude Krueger
Kiepenheuer und Witsch 22 €

Julian Barnes wurde 1946 in Leicester geboren, nach einem Sprachenstudium war er als Journalist tätig. Er ist ein seit langem international anerkannter Schriftsteller, der mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde, für „Vom Ende einer Geschichte“ erhielt er den Man Booker Preis. Er lebt heute in London.

Barnes kann vieles: heiter (Das Leben in 10 ½ Kapiteln oder Flaubert’s Papagei), politisch (Der Lärm der Zeit), essayistisch (Lebensstufen, Am Fenster) und tiefernst literarisch (Vom Ende einer Geschichte oder eben jetzt neu „Die einzige Geschichte“).

Die zentrale Frage ist laut Barnes folgende: „Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage“
Paul ist 19 Jahre, er lebt mit seinen Eltern in einem sehr biederen Village in der Nähe von London. Seine Mutter möchte dass er anständige Mädchen kennen lernt und drängt ihn deshalb sich im Tennisclub anzumelden. Dort lernt er anstelle eines jungen Mädchens Susan kennen, eine verheiratete Frau und Mutter, die 28 Jahre älter als er ist. Die beiden verlieben sich ineinander und – auch wenn die Gerüchte um sie nicht verstummen und sie nach einiger Zeit beide aus dem Tennis-Club hinausgeworfen werden – sie stehen zueinander.

Susan trennt sich – nicht sofort, die Beziehung entwickelt sich langsam und ändert die Intensität – von ihrem Mann, Paul und Susan ziehen gemeinsam nach London.

Das Ganze endet nicht glücklich – aber wer nun denkt dass das ja wohl von Anfang an klar gewesen sei, täuscht sich. Julian Barnes erzählt hier von nichts weniger als von der einzigen Geschichte, der großen Liebesgeschichte, die tief und echt ist. Wer an „Die Reifeprüfung“ denkt oder an Klischees wie „erfahrene Frau weiht jungen in die Geheimnisse der Liebeskunst ein“ liegt falsch. Denn jede Liebe ist anders, ihr Glück ist anders als das von anderen Menschen und auch ihr Scheitern hat seine eigenen Gründe.

Der Hauptgrund für das Scheitern der Beziehung – nach langen gemeinsamen Jahren allerdings – ist nicht der Altersunterschied, sondern der Alkohol, denn Susan wird exzessive Trinkerin. Doch auch das hat natürlich seine eigenen Gründe.

Ich lese diesen Roman, ich fühle mit, ich drücke den beiden den Daumen, ich hoffe, dass diese Liebe gegen alle Konventionen eine Chance hat und ich werde immer trauriger gegen Ende des Buches. „Die einzige Geschichte“ hat mich tief berührt.

Doch ich bin auch höchst beeindruckt von den literarischen Kunstgriffen, so wechselt er die Erzählhaltungen von der Ich-Perspektive über die Du-Perspektive bis hin zur unpersönlichen. Und das passt dann immer punktgenau.

Julian Barnes ist ein großer Künstler, ein toller Schriftsteller und ein echter Menschenkenner – Hut ab!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,00*

Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt Maya Angelou

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im März 2019

Maya Angelou
Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt
Übersetzung: Harry Oberländer
Suhrkamp Verlag 12 €

Es gab einige Bücher, die mich in meiner Jugend geprägt haben. Bücher, die in mir die Begeisterung fürs Lesen und für Literatur geweckt und so verstärkt haben, dass sie mir zu meinem großen Glück immer geblieben ist. Eines dieser absolut prägenden Bücher war Maya Angelous „I know why the caged bird sings“. Deshalb freue ich mich sehr, dass der Suhrkamp Verlag den Roman, nachdem er lange Zeit vergriffen war, wieder neu aufgelegt hat.

Maya Angelou, 1928 in St. Louis geboren, 2014 verstorben, war nicht nur eine der wichtigsten afroamerikanischen Schriftstellerinnen, sondern auch Sängerin, Professorin und Bürgerrechtlerin. Zu ihren Freunden zählten sich James Baldwin, Martin Luther King und Malcolm X. Ihr autobiografischer Roman erschien 1970 im Original, auf Deutsch erstmals 1980.

Als junges schwarzes Mädchen in den 30ern wird Maya gemeinsam mit ihrem Bruder zur Großmutter in einen mehrheitlich weißen Ort im Süden geschickt. Dort wächst sie in deren kleinen Krämerladen in einer Umgebung auf, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Das Leben dreht sich um die Kirchengemeinde und ums Baumwollpflücken. Ihre getrennt lebenden Eltern existieren für die beiden Kinder lange nur als Sehnsuchtsort. Bis sie zu ihrer Mutter nach Kalifornien geholt werden, und sich auch dieser Ort als weniger idyllisch als erhofft herausstellt.
Wie sich Maya trotz größter Schwierigkeiten und dem Leiden unter brutaler, auch sexueller Gewalt und rassistischer Diskriminierung zu einer willensstarken, mutigen jungen Frau entwickelt, wird mit großer Leidenschaft und einer packenden bildmächtigen Sprache erzählt.
Es ist an der Zeit, dass diese Ikone der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, diese großartige Schriftstellerin nun endlich auch bei uns wiederentdeckt wird.

Unbedingt lesenswert – ein echtes „Muss“ !
Elvira Hanemann

zum Produkt € 12,00*

Das Volk der Bäume
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Das Volk der Bäume Hanya Yanagihara

gebunden

Hanya Yanagihara
Das Volk der Bäume

Übersetzung: Stephan Kleiner
Hanser Verlag 25 €

Nach dem großen Erfolg von „Ein wenig Leben“ erscheint nun auch Hanya Yanagiharas Debüt „Das Volk der Bäume“ auf Deutsch.

Wir befinden uns in den 90ern. Dr. Ronald Kubodera beklagt den Niedergang seines Kollegen, dem Nobelpreisträger Dr. Abraham Norton Perina , der des Kindesmissbrauchs an seinen Adoptivkindern bezichtigt wird.

Perina schreibt vom Gefängnis aus seine Erinnerungen auf, die Kubodera mit Anmerkungen und Fußnoten versieht. Der Hauptteil des Buches handelt von seinen wissenschaftlichen Entdeckungen, erst gegen Ende kommt das Thema Adoption und Missbrauch auf.

Norton Perina entdeckt auf der unberührten Insel Ivu’Ivu im Dschungel Menschen, die auf Grund ihres unglaublich hohen Alters sein Interesse wecken.

Auf abenteuerlichen Umwegen findet er heraus, dass das hohe Alter dieser Ureinwohner auf das Verspeisen einer seltenen Schildkrötenart zurückzuführen ist. Hat er ein Rezept zur Unsterblichkeit gefunden?

Er und sein Forscherteam erkunden nun genauestens die Sitten und das Leben der Inselbewohner. Dies liest sich ungeheuer spannend, auch weil das Wirken der Forscher auf die Inselbewohner zwiespältig dargestellt wird.

Der Roman ist klug konstruiert: zunächst die Außensicht durch Perinas Bewunderer Kubodera, dann die Tagebucheinträge, durch die man immer alles aus seiner Sicht heraus sieht und schließlich die überraschende Dekonstruktion dessen, was man bis dahin für wahr hielt. Über weite Strecken glaubt man fast, eine wahre Geschichte zu lesen.

Dieses Buch unterscheidet sich trotz der geteilten Thematik des Kindermissbrauchs stark von Yanagiharas herzergreifendem zweitem Roman, ist aber nahezu genauso gut und beweist, dass sie eine großartige Schriftstellerin mit außergewöhnlicher stilistischer Finesse ist.

Ein ungewöhnliches Buch, im dem ich gerne noch länger gelesen hätte - denn es ist längst nicht so dick wie „Ein wenig Leben“.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 25,00*

Heimat
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Heimat Nora Krug

gebunden

Nora Krug

Heimat

Penguin Verlag 28 €


Nora Krug, Jahrgang 1977, gebürtige Heidelbergerin, ging vor fast 18 Jahren nach New York und lebt dort bis heute mit ihrem jüdisch-amerikanischen Ehemann. Dennoch schreibt, malt und zeichnet sie – denn sie ist sowohl Autorin als auch Illustratorin dieser wunderschönen Graphic Novel – ein Buch über Heimat?!

Dem Buch stellt sie den Satz „Wie kann man verstehen, wer man ist, wenn man nicht weiß, woher man kommt?" voran.

Seit sie nicht mehr in Deutschland lebt, fühlt sie sich deutscher als je und möchte ihrer Geschichte auf die Spur kommen. Sie versucht herauszubekommen, wie das Leben ihrer Großeltern verlief, wieso ihr Großvater seine erfolgreiche Fahrschule eröffnen konnte und welche Rolle der erzwungene Verkauf des jüdischen Unternehmens, bei dem er vorher angestellt war, spielte.

Sie möchte alles über ihren im 2. Weltkrieg sehr jung gefallenen Onkel wissen und warum ihr Vater immer in dessen Schatten stand. Vieles erfährt sie durch genaue Recherche in Archiven, durch Nachfragen bei allen möglichen Menschen, die noch dafür in Frage kommen, aber vieles - beispielsweise das Nicht-Verhältnis ihres Vaters zu seiner Schwester – bleibt unbeantwortet. Zum Reden zwingen kann sie schließlich niemanden.

Über die reine Familienspurensuche hinaus findet sie auch noch sehr viel ergänzendes Material auf Flohmärkten oder übers Internet. Auch die Frage, was „typisch deutsch" sei, beschäftigt sie.

Die Idee, die Geschichte der eigenen Familie –gerade auch während der Nazizeit – zu erforschen, ist nicht unbedingt neu, doch die Art wie Nora Krug dies tut, ist es sehr wohl.

Diese geglückte Mischung aus Zeichnungen, Dokumenten, farbigen Illustrationen, alten Fotos, Gemälden und Collagen ist wunderbar anzuschauen! Ihre Reflexionen, ihre kleinen gedanklichen Nebengleise, ihre Trauer und Scham, aber auch ihre Glücksgefühle versteht sie kongenial textlich und bildnerisch auszudrücken.

Sehr beeindruckend!

Elvira Hanemann


PS: Das Buch ist gleichzeitig auf Deutsch und Englisch erschienen.

zum Produkt € 28,00*

Mittagsstunde
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Mittagsstunde Dörte Hansen

gebunden

Dörte Hansen
Mittagsstunde
Penguin Verlag 22 €

Nach „Altes Land“ ist „Mittagsstunde“ nun der zweite Roman der Autorin.

Ingwer Feddersen ist in einem kleinen Dorf in der Nähe von Husum aufgewachsen, als einer der ganz wenigen schaffte er es, der dörflichen Enge zu entfliehen. Anstatt die Dorfwirtschaft zu übernehmen, studierte er Archäologie und wohnt, mittlerweile 50 Jahre alt, als Hochschuldozent in Kiel. Als seine Großeltern krank und dement werden, nimmt er sich ein Sabbatjahr und geht zurück um sie zu pflegen.

In zeitlichen Rückblicken erzählt Dörte Hansen die Geschichte dieses Dorfes. Sie erzählt vom Leben der Bauern, der Kaufmannsfrau, von den „Verrückten“, von den Festen und vom langsamen Verschwinden dieses – nur scheinbar- idyllischen Dorflebens. Was dieses Buch so großartig macht, ist die Art, wie die Autorin diese Charaktere, ihre Kultur, ihre Riten, die Wortkargheit und alles, was das ländliche Leben ausmacht, mit einer tiefen Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit beschreibt. Sie beschönigt nichts, wer sich hier eine romantische Idylle vorstellt in der ein Hoch aufs tolle Landleben gesungen wird, muss enttäuscht werden.

Väter misshandeln ihre Kinder, das Dorf schweigt! Gehässigkeiten, genaue Kontrolle über Tun und Treiben der Nachbarn, soziale Zwänge, wenig individuelle Freiheiten – all das wird nicht verklärt. Dennoch entwickeln wir Leser gemeinsam mit Ingwer, dem Helden des Romans, eine gewisse Melancholie bei dem Blick auf die Vergangenheit.

Diese Familien – und Dorfgeschichte geht unter die Haut, sie nimmt mit, sie macht wehmütig, doch Dörte Hansens Humor blitzt immer wieder auf – und tröstet. Die vielen plattdeutschen Einsprengsel verleihen dem Text zusätzlichen Charme.

Ein wunderschöner Roman!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,00*

Alle, außer mir
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Alle, außer mir Francesca Melandri

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im November 2018

Francesca Melandri „Alle, außer mir“
Übersetzt von Esther Hansen
Wagenbach Verlag 26 €

Francesca Melandri, gebürtige Römerin, hat mit ihrem dritten Roman einen außerordentlichen – und absolut verdienten – Erfolg erzielt.

Eine Familiengeschichte, die einen Bogen schlägt von Italiens unseliger Verstrickung in den Abessinienkrieg zu Zeiten Mussolinis bis ganz aktuell in die heutige Zeit im Hintergrund der italienischen Flüchtlingspolitik.

Ilaria, eine Lehrerin, findet eines Tages vor ihrer Wohnungstür einen Afrikaner vor, der behauptet, sie sei seine Tante. Sie und ihr Bruder beginnen daraufhin, ihre Familiengeschichte neu zu entdecken. Es stellt sich heraus, dass ihr Vater tatsächlich während der Zeit des Krieges eine Frau in Äthiopien hatte. Leider ist der alte Mann mittlerweile dement und es gestaltet sich schwierig, die ganze Wahrheit herauszufinden.

Mit wechselnden Perspektiven bei den Personen wie auch in den Zeitabläufen erzählt Melandri einen packenden Roman, der sich mit dem Thema Familie – deren Lügen, den Abhängigkeiten, aber auch der Liebe – beschäftigt.

Gleichzeitig bricht sie ein in Italien immer noch vorherrschendes Tabu, indem sie historisch verbürgte aber nicht gern gehörte Wahrheiten über Italiens Besatzung in Äthiopien thematisiert. Auch der Umgang mit den Geflüchteten heute bringt sie kritisch zur Sprache.

Ein sowohl historischer wie auch aktueller Politthriller also? Das wäre eine stark verkürzte Einordnung dieses Buches. Denn Melandri gelingt es, ihren Protagonisten absolut menschliche Züge zur verleihen, sie will nicht nur etwas „rüberbringen“, sondern ihre Charaktere haben Tiefe, sie lieben, sie atmen, sie leben. Ich bin diesmal nicht nur mit vielen Literaturkritikern, sondern auch mit vielen Lesern darin einig, dass das ein großer Wurf ist.
Gerne empfehle ich deshalb denen, die den Roman noch nicht kennen, diese engagierte, spannende und intelligente Geschichtsaufarbeitung!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 26,00*

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