Unsere Empfehlungen

Die Buchhändlerin empfiehlt im August 2020

exit RACISM
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

exit RACISM Tupoka Ogette

kartoniert

Tupoka Ogette wurde 1980 in Leipzig als Tochter einer deutschen Mathematikstudentin und eines tansanischen Studenten der Landwirtschaft geboren. Mit 8 Jahren floh sie mit ihre Mutter nach West-Berlin; ihr Vater zog nach seinem Studium notgedrungen zurück nach Tansania.

Ogette studierte Afrikanistik und Deutsch als Fremdsprache, anschließend war sie ein Jahr in Tansania als interkulturelle Mediatorin tätig, absolvierte danach ihren Master in Grenoble. Seitdem arbeitet sie als Trainerin und Beraterin für Rassismuskritik und Antirassismus, sie gibt Workshops und hält viele Vorträge. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Künstler Stephen Lawson und ihrer Familie in Berlin.

Für dieses „Buch des Monats" mache ich gleich drei Ausnahmen: Normalerweise bespreche ich eher Belletristik als Sachbücher, normalerweise Hardcover und keine Taschenbuchausgaben, und grundsätzlich nur brandneue Bücher.

„exit RACISM" ist bereits 2018 erschienen und ist als preisgünstiges Taschenbuch mittlerweile bereits in der 8. Auflage erhältlich. Aber: Es war mit Abstand meine interessanteste Urlaubslektüre, die ich Ihnen daher nicht vorenthalten will.

Gut möglich, dass sie glauben, dass Sie ein solches Buch gar nicht lesen müssen und wollen, da Sie ja sowieso kein Rassist sind. Genau das dachte ich ursprünglich auch, deshalb hat mich dieses Buch bei seiner Erscheinung auch nicht angelacht. Erst als durch den schrecklichen Mord an George Floyd das Thema Rassismus in der ganzen Welt mehr Öffentlichkeit erfuhr, und immer mehr Kunden dieses Buch bei uns bestellten, wurde ich darauf aufmerksam.

Für mich war es eine Augen öffnende Lektüre, eine die mir tatsächlich eine andere Blickrichtung nahegebracht hat. Ogette gelingt es, ohne jemandem ein schlechtes Gewissen zu machen, zu vermitteln, dass Rassismus Alltag ist, dass er systemimmanent ist und dass wir alle damit sozialisiert wurden. Rassismus ist eben nicht nur, wenn Menschen anderer Hautfarbe körperlich oder verbal angegriffen werden, sondern setzt bereits viel früher ein. Es sind die vermeintlich kleinen Dinge, die den Alltag von POC (people of colour) so schwierig und anstrengend machen.

Wie der Untertitel „Rassismuskritisch denken lernen" vermuten lässt, vermittelt die Autorin - ähnlich wie in ihren Workshops - Hilfestellungen, seine eigene Art zu denken und wahr zunehmen kritisch zu hinterfragen. Für mich als nicht direkt von Rassismus betroffene Person eröffnete das Buch eine Perspektive, die mir eigentlich so nah ist, und über die ich trotzdem viel weniger wusste, als ich vermutet hätte.

Unterbrochen wird der Text ab und zu durch Links zu Videos oder zu Quellcodes, die einen beispielsweise zu ganzen Filmen (einem hochinteressanten Arte-Film über Kolonialismus etwa) hinleiten. Ich fand das anfangs gewöhnungsbedürftig, einfach weil ich das von anderen Büchern nicht so kannte – und weil es natürlich den Lesefluss etwas stört. Doch habe ich mir die Zeit genommen, alle Links anzusehen und war am Ende überzeugt, denn so wird das Thema sehr gut vertieft. Kleine Warnung: einige dieser Links leiten auf Seiten weiter, die nur auf Englisch sind.

Ich kann das Buch mit bestem Gewissen allen Menschen empfehlen die unsere Gesellschaft besser verstehen lernen möchten und glauben, dass eine Welt ohne Rassismus für uns alle eine bessere und lebenswertere Welt sein wird.

zum Produkt € 12,80*

Ich bleibe hier
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Ich bleibe hier Marco Balzano

gebunden

Marco Balzano
Ich bleibe hier

übersetzt von Maja Pflug
Diogenes Verlag 22 €


Marco Balzano, 1978 in Mailand geboren, ist Schriftsteller und Lehrer. Sein gerade auf Deutsch erschienener Roman „Resto qui“ wurde für den Premio Strega, den wichtigsten italienischen Literaturpreis, nominiert.

Die Geschichte von Trina und ihrer Familie in Südtirol 1930-1950, basiert auf den wahren Begebenheiten des verschwundenen Dorfes Graun im Vinschgau. Trina ist ein aufgewecktes Kind, das das Lesen, die Wörter und die Sprache liebt. Sie lernt Italienisch, was keiner in ihrem deutschen Dorf gutheißt. Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Gebiet von Italien annektiert, 1939 kommt es zum Hitler-Mussolini- Abkommen, das die Einwohner Südtirols dazu zwingt, sich bezüglich der Zugehörigkeit zu entscheiden. Das führt zu großer Uneinigkeit und Brüchen innerhalb der Familien.

Trina heiratet ihre Jugendliebe Erich. Sie werden so glücklich, wie dies in einem Leben möglich ist, das von Härte, unendlich viel Arbeit und politischen Zwangsmaßnahmen gegen die Bevölkerung geprägt ist. Ihr größter Schmerz ist der Verlust ihrer Tochter, die mit anderen Familienmitgliedern nach Deutschland geht.
Der Roman ist als Brief an diese Tochter konzipiert.

Das Dorf soll einem Staudamm weichen. Der Widerstand dagegen gestaltet sich als schwierig. Je nachdem wer in Rom gerade das Sagen hat, wird beim Staudammbau auch mal pausiert, und die Bewohner wagen zu hoffen. Als 1943 die Deutschen das Ruder übernehmen, freuen sich viele Südtiroler. Trina jedoch traut dem Faschismus nicht, egal ob italienisch oder deutsch.

Graun wurde 1950 geflutet - man kann heute noch die Kirchturmspitze sehen.

Dies ist ein wunderbarer Roman zum Eintauchen. Man ist nah bei den Protagonisten, fühlt mit ihnen mit – und lernt nebenbei sehr viel Historisches. Das einfache Leben auf dem Dorf und der Einfluss der großen Politik darauf wird anhand dieser Familiengeschichte eindringlich und bewegend beschrieben.

Ein Buch, das den eigenen Horizont erweitert.

zum Produkt € 22,00*

Zwei Wochen im Juni
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Zwei Wochen im Juni Anne Müller

gebunden

Anne Müller Zwei Wochen im Juni
Penguin Verlag 18 €

Anne Müller wuchs in Schleswig-Holstein und lebt heute in Friedenau. Sie studierte Theater- und Literaturwissenschaften und war als Radiojournalistin und Drehbuchautorin tätig. Sie ist eine echte Bereicherung, eine der neuen Stimmen in der deutschen Literatur.

Zum Inhalt:

Die beiden Schwestern Ada und Toni treffen sich nach dem Tod ihrer Mutter ihrem Elternhaus, einem alten Bauernhaus an der Ostsee, um es auszuräumen und zum Verkauf anzubieten.

Zwei Wochen Zeit haben sie sich dafür gegeben, zwei Wochen, die aus verschiedenen Gründen schwierig werden könnten. Einerseits ist da die Trauer um die Mutter und um das schöne Haus, an dem so viele Erinnerungen hängen, andererseits ist das Verhältnis der Schwestern zueinander nicht das allerbeste. Ada ist Künstlerin und die Geliebte eines verheirateten Mannes – während Toni diejenige ist, die alles gebacken bekommt: Lehrerin, Ehefrau, Mutter, Hausfrau – bei ihr läuft alles immer perfekt nach Plan.

In diesen beiden Wochen bricht beim Betrachten und Aussortieren vieles auf. Die Schwestern lernen auch Facetten ihrer Mutter kennen, die ihnen nicht bewusst waren und einiges aus ihrer aller Vergangenheit wird klarer. Diese intensive Auseinandersetzung mit dem, was früher wichtig war führt bei beiden auch zu einer Klärung ihrer aktuellen Lebensverhältnisse.

Es ist etwas Seltenes und auch Besonderes wenn ein Buch, in dem es um Familienbeziehungen, um Geschwisterbeziehungen und um Liebesverhältnisse geht, richtig gut ist. Nicht schmalzig, pathetisch, kitschig oder gewollt witzig und vermeintlich originell, sondern tatsächlich gefühlvoll, heiter, klug und tiefgehend.
Ein Roman, den man mit Freude und Genuss liest und der es versteht, schwierige Themen wie Tod, Abschiednehmen und das Aufarbeiten alter Familienprobleme zwar ernst zu nehmen, sie aber mit feinsinnigem Humor und einer klaren Leichtigkeit darzustellen.

zum Produkt € 18,00*

Haus der Namen
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Haus der Namen Colm Tóibín

gebunden

Colm Tóibín, Haus der Namen

Übersetzt von Ditte und Giovanni Bandini
Hanser Verlag 24 €

Tóibín, Jahrgang1955, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen irischen Autoren. Spätestens mit seinem Roman „Brooklyn“ wurde er auch einem breiteren Publikum bekannt. In seinem neuesten, auf Deutsch gerade erschienen Roman widmet er sich einem antiken Thema, der Orestie.

Agamemnon bringt seine Tochter Iphigenie den Kriegsgöttern als Opfer dar, seine Frau Klytämnestra sinnt daraufhin auf Rache und tötet ihren Ehemann. Orestes, ihrer beider Sohn wird entführt und bleibt viele Jahre verschollen, während Elektra, die Schwester sowohl um ihre Schwester Iphigenie und ihren Vater trauert und um ihren kleinen Bruder Orest.

Als dieser nach Jahren, die er versteckt gemeinsam mit dem ebenfalls entführten Leander in einem Haus am Meer verbracht hatte, wieder zurückkehrt, sieht er vor allem Lügen und Intrigen im Palast, keiner erzählt ihm die Wahrheit, obwohl jeder sie kennt.

Ich finde es absolut faszinierend wie es dem Autor gelingt, diese zumindest im Kern altbekannte Geschichte als hochexplosives Familiendrama neu zu gestalten.

In jedem Kapitel wird der Handlungsverlauf aus Sicht einer anderen Person geschildert. Liebe, Haß, Angst, Rache, Furcht vor den Göttern, Kriege und vor allem die Unsicherheit, wer wem vertrauen kann – all das verwebt Toibin meisterhaft zu einer dramatischen, bitteren und absolut spannenden Familiengeschichte der ganz besonderen Art.

Bewundernswert fand ich vor allem, dass er eine der Antike angemessene Sprache findet, die aber frisch klingt, die Psychologie der Charaktere nachvollziehbar macht und die den Leser mitnimmt.
Ein Buch, das man atemlos vom ersten Satz bis zum letzten liest. Und danach Lust bekommt, sich dem klassischen Stoff zu widmen.
Ich bin wirklich begeistert!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 24,00*

Die Berglöwin
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Berglöwin Jean Stafford

gebunden

Jean Stafford, Die Berglöwin

Übersetzung: Adelheid und Jürgen Dormagen
Dörlemann Verlag 25 €

Jean Stafford,1915 in Kalifornien geboren, war Pulitzerpreisträgerin. Obwohl „Die Berglöwin“, (1947) von der Kritik enthusiastisch besprochen wurde, ist es mittlerweile lange vergessen.

Ich muss gestehen, dass mir weder die Autorin noch das Buch bekannt waren. Umso schöner, dass der Dörlemann Verlag diesen bemerkenswerten Roman nun neu veröffentlicht hat. Und das nicht nur in einer sehr schön gestalteten Ausgabe, sondern auch noch in einer hervorragenden Übersetzung!

Die Geschwister Ralph, 10 Jahre, und die 8-jährige Molly bilden das Zentrum der Geschichte. Die beiden leben mit ihrer sehr an Konventionen gebundenen Mutter und zwei älteren, nur auf Äußerlichkeiten bedachten Schwestern. Sie fühlen sich - und sind es tatsächlich – unverstanden. Allein der geliebte Großvater, Besitzer einer Ranch in Colorado, hat einen guten Zugang zu den Kindern. Als dieser zu einem der seltenen Besuche kommt, verstirbt er plötzlich. Dieses Ereignis bedeutet das Ende der Kindheit für Molly und Ralph.

Während die Mutter mit den großen Schwestern auf Weltreise geht, verbringen die beiden den Sommer bei ihrem Onkel auf der Ranch. Das Leben dort ist vollkommen anders als das bürgerliche, das sie kennen. Wilde Natur, harte Arbeit, aber auch Einsamkeit – und eine Berglöwin, die zu jagen eine Obsession für Ralph und den Onkel wird.

Molly, hochintelligent, immerzu lesend und schreibend, mit dem Traum, Schriftstellerin zu werden, entfernt sich immer weiter von ihrem Bruder, der doch ihr ein und alles war.

Die komplizierte Beziehung der beiden zueinander, das Einsetzen der Pubertät, die veränderte Wahrnehmung der Welt, all das wird in einer wahrhaft unglaublichen Art und Weise beschrieben.

Neben beeindruckenden Naturbeschreibungen ist es vor allem die psychologischen Dichte, die uns diesen großen Roman bis hin zum dramatischen Ende atemlos lesen lässt.

zum Produkt € 25,00*

Serpentinen
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Serpentinen Bov Bjerg

gebunden

Bov Bjerg, Serpentinen

Classen Verlag, 22 €

Nach Bjergs großem Erfolg „Auerhaus“, das trotz seines Kreisens um das Thema Selbstmord ein eher heiteres und witziges Buch war, legt der Autor mit seinem neuen Roman nun einen ganz anderen Tenor vor.

Ein Vater fährt mit seinem kleinen Sohn in die Berge seiner früheren Heimat. Vordergründig eine Urlaubsfahrt, doch dahinter steckt ein sehr düsterer Gedanke:

Soll er, der einer Familie von männlichen Selbstmördern entstammt, seinen Sohn demselben Los aussetzen? Und ihn damit die gleichen Qualen spüren lassen, an denen er litt und immer noch leidet? Oder soll er ihn und sich während dieser Fahrt auf Serpentinen von dem unausweichlich drohenden düsteren Schicksal erlösen?

Während sich der Junge freut, mit seinem Vater gemeinsame Zeit zu verbringen, begibt sich der Vater auf eine Reise zurück in seine Vergangenheit. Erinnert seinen unglücklichen Großvater und noch stärker seinen unglücklichen Vater, der ein überzeugter Nazi gewesen war. Die beiden besuchen seine demente Mutter und treffen Menschen aus seiner Jugend. Auch sein Freund Frieder aus „Auerhaus“ spielt noch einmal eine Rolle.

Trotz seines Erfolgs beruflicher Art, seiner Ehe, seinem zutiefst geliebten Sohn, trotz seines gelungenen Ausbruchs aus der provinziellen Enge ist er heute ein von düsteren Zweifeln gepeinigter, viel zu viel Alkohol trinkender Mann.

Als Leser folgt man seinem dringenden Fragen - ob es eine Zukunft für ihn und seinen Sohn geben soll oder ob er dem Familienfluch ein Ende setzen soll - mit nervöser Anteilnahme und innerer Spannung.
Stilistisch durch seine Klarheit absolut überzeugend, inhaltlich gerade wegen seiner nachvollziehbaren Ängste hoch authentisch, lesen wir hier einen erschütternden und mitreißenden Text.

Ein starker, ein beunruhigender, ein großer Roman!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,00*

Heute keine Kekse
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Heute keine Kekse Juliette Groß

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Februar 2020

Juliette Groß
Heute keine Kekse
Osburg Verlag 20 €

Juliette Groß, 1970 geboren, ist Schauspielerin und lebt in Hamburg.
Mit „Heute keine Kekse“ hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht.

Claudette ist verliebt in Malik, den sie aus der Schule kennt. Die beiden werden ein – noch sehr junges – Paar. Im weiteren Verlauf geht es um die Beziehung der beiden über viele Jahre hinweg – eine Beziehung, die über erste Liebe, über schwierige, aber auch schöne Zeiten erstreckt, bis sie später zu einer Freundschaft wird. Eine Freundschaft, die intensiviert, aber auch erschwert wird durch einen tragischen Unfall.

Malik wird bei einem Autounfall so schwer verletzt, dass er nach einem halben Jahr im Koma erst wiedererwacht und danach ein schwerer Pflegefall wird. Eine erschütternde Odyssee durch viele Krankenhäuser, Reha-Kliniken und Behinderteneinrichtungen beginnt.
Claudette erzählt in vielen kurzen Rückblicken und sie erzählt zeitversetzt: einmal ist sie Schauspielerin in der Jetztzeit und dann wieder ein junges Mädchen, später eine junge Frau.

Es entsteht ein sehr intensives Bild der Zeit, der 80er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts und besonders eines schwarzen Kapitels dieser Zeit: dem institutionellen Umgang mit behinderten Menschen. Malik war kein einfacher Mensch, die Beziehung war nie problemlos, dennoch widmet Claudette sehr viel ihrer Zeit dem kranken Freund (Ex-Freund, wie sie nicht müde wird zu betonen), der zwar langsam wieder sprechen lernt, aber weiter schwer beeinträchtigt ist.

Seine Ausfälle, seine Grobheiten gegenüber Krankenpflegern sowie auch Freunden gegenüber – es ist nicht ganz klar ob sie in seinem Charakter liegen oder eine Veränderung durch den Unfall sind. Jedenfalls geht es ihm – und den Menschen in seinem Umfeld sehr schlecht.

Es ist ein kleines Wunder, dass sich dieser Roman trotz seines sehr düsteren Themas nicht nur sehr gut lesen lässt, sondern immer wieder auch durch feine Ironie und leisem Humor besticht.

Ich war tief beeindruckt von diesem Erstling, erschüttert und mitgenommen aber auch begeistert von der Intensität und nicht zuletzt von der Erzählweise und dem Stil.
Eine echte Entdeckung in der Flut an Neuerscheinungen!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 20,00*

Die Leben der Elena Silber
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Leben der Elena Silber Alexander Osang

gebunden

Alexander Osang
Die Leben der Elena Silber
Fischer Verlag 24 €

Alexander Osang ist beileibe kein Unbekannter. Der 1962 geborene, mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Journalist (Spiegel) und Schriftsteller ist mir schon öfter (z.B. durch den schönen Roman „Lennon ist tot“) positiv aufgefallen.

Doch mit seinem neuesten Buch „Die Leben der Elena Silber“, das auch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019 stand, hat er sich selbst übertroffen. Vielleicht liegt das auch daran, dass es sein bisher persönlichster Roman ist?

Es handelt sich nicht direkt um seine eigene Familiengeschichte, aber es ist stark an ihr orientiert. Romane, die einem Autor aufgrund der eigenen Biografie besonders wichtig sind, sind nun nicht unbedingt ein Grund dafür, dass ein Text besonders gut gelingt, es könnte ja auch ganz im Gegenteil erst recht in die Hose gehen. Ich freue mich, dass das hier ganz und gar nicht der Fall ist!

Anfang des letzten Jahrhunderts, ein kleiner Ort im noch zaristischen Russland: Viktor Krasnik, ein Handwerker, Bolschewik, wird auf grausame Weise von zaristischen Soldaten hingerichtet. Seine Frau und die zwei Kinder müssen fliehen. Das damals knapp 3-jährige Mädchen Jelena ist die Hauptfigur des Romans, der bis in die Gegenwart, ins Berlin von 2017, hineinreicht.

Konstantin Stein, Jelenas Enkel, ein nicht sehr erfolgreicher Filmemacher auf der Suche nach „seinem Thema“ reist gemeinsam mit seinem Cousin nach Russland, um der Geschichte seiner Familie nachzuspüren. Doch er muss erkennen, dass sehr viel Zeit vergangen ist, vieles nicht mehr nachvollziehbar ist, viele schon verstorben sind und andere nichts sagen wollen oder nichts zu sagen haben. Eigentlich erstaunlich, dass trotzdem das Leben seiner Großmutter, die auf dem Weg von Russland nach Deutschland viel mehr als nur das „J“ am Anfang ihres Namens verloren hat und das ihrer fünf Töchter so lebendig vor den Augen des Lesers entstehen.

Jelena arbeitet im stalinistischen Russland als Übersetzerin, sie verliebt sich – nachdem ihre Jugendliebe in eine andere Stadt verschwunden ist –in den deutschen Ingenieur Robert Silber und folgt ihm nach Deutschland. Und das 1936 – in das Nazi-Berlin in dem gerade die Olympiade stattfindet.

Auf welcher Seite ihr Mann politisch steht, wird nie ganz klar, seine Arbeit findet mehr und mehr im Geheimen statt und er verändert sich zunehmend zum Schlechteren. Bald ist sie alleine mit 5 Kindern, von denen eines dann auch noch in den Kriegs- und Mangeljahren stirbt. Ihr Leben und das ihrer Töchter sind auch beispielhaft für viele Leben die durch Stalinismus, durch Faschismus und Krieg auf vielfältige Weise gebrochen worden sind.

Osang gelingt es, eine ganz und gar persönliche, stellenweise tieftraurige, Geschichte zu schreiben mit beschädigten, dennoch starken Charakteren, mit denen man als Leser mitfühlt. Doch bettet er diese geschickt in die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts mit ein.
Eine wahre Freude für Leser von guten Familiengeschichten wie auch für alle politisch und zeitgeschichtlich Interessierten!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 24,00*

Berlin
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Berlin Jens Bisky

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Dezember 2019

Jens Bisky, Berlin – Biographie einer großen Stadt
Rowohlt Verlag 38 €

Jens Bisky, schrieb nach seinem Studium der Germanistik und der Kulturwissenschaften für die „Berliner Zeitung“, er ist seit Redaktionsleiter für das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung".

Zudem ist er Autor bereits mehrerer Sachbücher.
Mit dem fast 1000-seitigen Werk hat er nun nicht nur eine beeindruckende Fleißarbeit vorgelegt, sondern auch ein in jeder Hinsicht großes Geschichtsbuch, das sicher bald als Standardwerk für Berlin gelten wird.

Erst einmal ist so ein dicker Wälzer ja eher abschreckend, doch man kann das Buch dank seiner übersichtlichen Aufteilung gut in Häppchen lesen und sehr bald hat man auch Lust, immer noch ein wenig weiter zu lesen als man vorgehabt hatte. Bisky schreibt kurzweilig, flüssig und anregend, man braucht also keine Angst vor trockener Lektüre zu haben.

Auch wenn man eigentlich denkt, schon sehr viel über die Geschichte unserer Stadt zu wissen, so wird bei der Lektüre schnell klar, dass es sich lohnt, dieses Wissen zu vertiefen.

Von der ersten Erwähnung Berlins im Jahr 1266 bis heute, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung dieser Stadt, beleuchtet Jens Bisky in 1o Kapiteln die prägendsten historischen Ereignisse. Aufgelockert durch viele schwarz-weiß-Fotos präsentiert sich der Band auch optisch sehr ansprechend.
„Berlin – Biographie einer großen Stadt“ ist eine großartige Bereicherung und gehört in die Bibliothek eines jeden Berliners und jeder Berlinerin – und natürlich auch in von Menschen, die an der Geschichte unserer Stadt interessiert sind.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 38,00*

HERKUNFT
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

HERKUNFT Sasa Stanisic

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im November 2019

Saša Stanišić, Herkunft
Luchterhand Verlag 22 €

Selten habe ich mich so sehr über die Vergabe eines Buchpreises gefreut wie jetzt! Ich hatte bereits im Frühjahr das neue Buch von Stanišić gelesen und halte es für eines der besten Bücher des Jahres.
Stanišić , 1978 in Višegrad geboren lebt heute in Hamburg. Seit seinem Debüt von 2006 „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ ist er eine der wichtigen literarischen Stimmen in Deutschland.

Einen Roman kann man dieses Mosaik aus Familiengeschichte, aus zeitpolitischer Geschichte, aus eigenen Erfahrungen eigentlich nicht nennen, eher ist es ein sehr persönliches Erinnerungsbuch.
Es ist eine Geschichte über Flucht aus einem Land im Bürgerkrieg, aber auch über das nicht immer leichte Ankommen in einer neuen Welt. Seine Jugendjahre in Heidelberg, die erste Liebe, das Leben seiner Eltern in Deutschland, wie auch die neue Rolle als Familienvater spielen eine Rolle, sehr stark auch seine Neigung zu gestalteter Sprache. Nicht nur Deutschland, sondern auch die Literatur wird zu einer neuen Heimat für ihn.

Immer wieder träumt er von seiner Großmutter, sie – und die alte Heimat – rufen ihn. Er geht zurück nach Bosnien, trifft die 87-jährige und erkundet sein Dorf, spricht dort mit Menschen, lernt das Alte noch mal neu kennen und vertieft damit nicht nur seine eigene Geschichte. Die Szenen mit dieser alten Frau gehören für mich zu den besten des ganzen Buches, sehr zart, sehr berührend und sehr liebevoll. Seine andere Großmutter sagte ihm quasi voraus, dass er später „mit Worten“ arbeiten werde, er solle sich immer an die Sprache halten, riet sie ihm.
Das hat Stanisic auf hervorragende Weise getan, er hat mit „Herkunft“ einen richtig großen Text geschrieben, einen lustigen, schmerzhaften, aufschreckenden, politischen und sehr menschlichen Text. Er erzählt von Abschieden, von Verlusten, davon wie Länder verschwinden und Menschen. Aber er macht auch klar dass in unserem Land die Frage nach dem „Wo kommst du her?“ für viele immer noch wichtiger ist als „Wer bist du?“

Er wechselt munter die Zeiten, Orte und auch Erzählperspektiven, das sorgt für Lebendigkeit. Gegen Ende des Buches leistet er sich noch einen kleinen Spaß, indem er die Leser zur aktiven Mitarbeit auffordert. Ein sehr gelungener und kreativer Abschluss dieses an gelungenen und kreativen Stellen reichen Romans.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,00*

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