Unsere Empfehlungen

Die Buchhändlerin empfiehlt im März 2021

Unter Wasser Nacht
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Unter Wasser Nacht Kristina Hauff

gebunden

Kristina Hauff
Unter Wasser Nacht

Verlag Hanser blau 20 €

Kristina Hauff, 1965 am Niederrhein geboren, arbeitete als Pressereferentin für ARD und ZDF und am Theater und lebt in Friedenau. Was, noch eine neue Friedenauer Schriftstellerin? Das könnte man so sehen, stimmt aber nicht ganz, denn als Susanne Kliem hat sie schon einige recht erfolgreiche Kriminalromane veröffentlicht.

Die Geschichte handelt von zwei Familien, die Im Wendland auf einem Hof leben, deren früher sehr freundschaftliche Beziehung sich durch den Tod eines Jugendlichen abrupt veränderte.

Sophie und Thies lernten Inga und Bodo im Kampf gegen das Atommülllager im Wendland kennen. Nicht nur der gemeinsame politische Kampf, sondern auch große Sympathie zueinander ließ die beiden Paare zusammenziehen und den Hof gemeinsam betreiben. Sie bekamen Kinder und alles hätte gut sein können. Wäre da nicht die sonderbare Art, in der sich Aaron, Thies‘ und Sophies Sohn, entwickelt hätte. Kann es sein, dass Kinder böse sind? Obwohl sie gute und mitfühlende Eltern und eine intakte Umwelt haben?

Als Aaron stirbt, haben die Eltern nicht nur mit dem unerträglichen Verlust ihres Kindes zu kämpfen, sondern auch mit ihrem schlechten Gewissen und ihren Schuldgefühlen. Waren sie ihrem schwierigen Kind gute Eltern gewesen? Schwingt nicht auch eine gewisse Erleichterung über seinen Tod mit in die tiefe Trauer hinein? Und: wie können sie den Anblick der perfekten Familie gegenüber weiterhin ertragen?

Das Ehepaar verstummt immer mehr, sie können sich gegenseitig nicht helfen. Als Mara im Ort auftaucht, eine Frau aus Christiania, dem Hippie- und Drogenparadies in Kopenhagen, wirbelt diese alles durcheinander. Jede/r der Menschen auf dem Hof fühlt sich zu ihr hingezogen. Gespräche mit ihr brechen etwas auf, das vorher unterdrückt war. Doch ist Mara wirklich eine Hilfe oder bringt sie noch mehr Probleme mit?

In einer sehr einfühlsamen Art schreibt die Autorin einen packenden Roman, der um die Themen Trauerarbeit, Freundschaften, Beziehungen und Liebe kreist, aber auch politische Themen nicht auslässt. Mutig fand ich die Einbeziehung des Themas der schwierigen Liebe zu einem sehr problematischen Kind.

Ich gratuliere zum Genrewechsel und kann „Unter Wasser Nacht“ allen, die gerne gute spannende psychologische Unterhaltungsromane – mit Tiefgang – lesen, sehr ans Herz legen!

zum Produkt € 20,00*

Frausein
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Frausein Mely Kiyak

gebunden

Buch des Monats Februar

Mely Kiyak Frausein
Hanser Verlag 18 €

Kiyak, 1976 in Sulingen geboren, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und ist heute Journalistin und Autorin in Berlin. Seit 2013 verfasst sie regelmäßig eine sehr lesenswerte Kolumne für das Maxim-Gorki-Theater und schreibt für die Zeit, die TAZ, die Welt, Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung.

Als Tochter kurdischer Einwanderer aus dem Osten der Türkei beschreibt sie in liebevoller Weise ihren Vater (dem sie bereits ein eigenes, leider vergriffenes Buch gewidmet hat) und das Leben als Kind von bildungsfernen „Gastarbeitern“. Sie erzählt von ihren Cousinen in der Türkei, vom Erwachen ihrer Sexualität, über Freundschaft und Beziehungen, und sie macht sich Gedanken über Deutschland und sein Verhältnis zu Menschen mit Migrationshintergrund.

Bewegend ist auch die sehr persönlich gehaltene Schilderung ihrer drohenden Erblindung, ihren Ängsten diesbezüglich und ihrer geglückten Operation.

Es entsteht das Bild einer sehr besonderen Frau, die, um glücklich zu sein, nicht nur keine Kinder braucht, sondern auch keine Beziehung. Am wohlsten fühlt sie sich mit sich selbst. Der Titel ist etwas irreführend, denn ums Frausein geht es nur insofern, dass Mely Kiyak eben eine Frau ist.

Ist 44 nicht zu jung, um eine Autobiographie zu schreiben? Oder handelt es sich doch eher um ein Essay? Ein Erinnerungsbuch, ein politisches Buch? Alles unwichtig, denn sobald man zu lesen anfängt, will man es nicht mehr zur Seite legen.

Es ist ein sehr mutiges Buch, ehrlich und bewegend. Kiyak ist eine Frau, die auch polemisch, spitzzüngig und explizit politisch sein kann – wenn sie sich beispielsweise gegen Rassismus einsetzt oder für Frauenrechte kämpft – doch in diesem Buch zeigt sie sich von einer sehr nachdenklichen und reflektierten Seite; sie schreibt humor- und liebevoll. Und sie zeigt, dass Frausein schön ist, aber frau sich in keine Richtung pressen lassen muss.
Sehr empfehlenswert – auch für Männer!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 18,00*

Streulicht
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Streulicht Deniz Ohde

gebunden

Deniz Ohde, 1988 in Frankfurt am Main geboren, lebt heute in Leipzig, wo sie auch ihr Germanistik-Studium absolvierte. Sie stand mit ihrem Debütroman nicht nur auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2020, sondern erhielt dafür auch den Aspekte-Literaturpreis und den Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung.

Zuviel Lob für den ersten Roman? Nein, ganz und gar verdientes Lob. Dieses Buch füllt eine Lücke in der deutschen Gegenwartsliteratur - eine Lücke, die beispielsweise in Frankreich durch die Romane von Didier Eribon, Annie Ernaux und Louis Edouard wenn nicht geschlossen, so doch zumindest sichtbar gemacht wurde.

Auch bei dem autobiografischen Roman „Streulicht“ geht es um den Weg der Protagonistin aus einer unterprivilegierten Arbeiterschicht heraus hin zu einer erfolgreichen Akademikerin.

Es handelt sich dabei nicht um einen banalen „Seht her, ich habe es geschafft“–Gestus, sondern um ein genaues und sehr bitteres Aufzeigen vieler Verwundungen und Verletzungen. Als Kind mit Migrationshintergrund erlebte sie zusätzlich zur Scham, die aus der Armut hervor geht, auch immer wieder - oft gut versteckte, aber stets spürbare - rassistische Demütigungen. Doch selbst wenn sie freundlich von Mitschülern oder Mitstudierenden aufgenommen wurde, spürte sie die große Distanz, die durch einen völlig anderen „bildungsfernen“ Hintergrund entstand.

In einer leisen und klaren, sensiblen und nachhaltig ins Leserbewusstsein eindringenden Sprache erzählt sie von einer Parallelwelt, von der der typische Feuilletonleser trotz der räumlichen Nähe meist sehr wenig weiß.

zum Produkt € 22,00*

Die Vögel
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Vögel Tarjei Vesaas

gebunden

Tarjei Vesaas, Die Vögel

Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel
Nachwort: Judith Hermann

Guggolz Verlag 23 €

Begeistert bereits von „Das Eisschloss“, das der Guggolz Verlag letztes Jahr veröffentlichte, freute ich mich schon sehr auf dieses Buch. Nun finde ich es fast noch besser als das erste, aber auch das war ja schon großartig! Es ist mir unverständlich, warum Vesaas nicht als einer der ganz Großen der Weltliteratur angesehen wird, das muss – und wird – sich jetzt ändern, wenn auch leider erst posthum.

Die Geschwister Mattis und Helge leben kärglich In einer Waldhütte, es ist Helge die mit ihren Strickarbeiten für den Unterhalt sorgt, Mattis versucht sich hin und wieder als Tagelöhner, doch er taugt nicht zur Arbeit. Seine Gedanken verwirren sich dabei zu schnell. Er wird von den Dorfbewohnern als Dussel bezeichnet und erscheint zurückgeblieben.

Der Autor lässt uns die Welt durch Mattis‘ Augen sehen, wir erleben sein permanentes Gefühl der Unzulänglichkeit und seine Distanz zu den Menschen da draußen, zu den „Klugen“ wie er sie nennt. Doch bei seiner Schwester fühlt er sich gut aufgehoben. Als er selbst den Waldarbeiter Jörgen in die Hütte bringt und damit einen Dritten in die Zweiergemeinschaft, ändert sich alles für ihn. Doch eigentlich hatte sich schon vorher, mit dem Schnepfenstrich, der Flugroute dieser Vögel über ihre Hütte, viel verändert. Mattis ist so mit der Natur verbunden, mit den Vögeln, mit dem Wald und mit dem See, dass das für ihn eine große Bedeutung hat, die Außenstehende nicht verstehen.

Es geht in diesem Roman nicht vorrangig um die Ausgrenzung eines Außenseiters. Auch wenn Mattis nicht „dazu“ gehört, sind die Menschen um ihn herum doch meist freundlich zu ihm. Eine Kanufahrt mit zwei jungen Mädchen wird zu einem schönen Erlebnis, von dem er lange zehrt. Und auch Jörgen möchte ihm seine Schwester nicht
„wegnehmen“.

Dennoch verdichten sich für Mattis die Vorzeichen, dass er nicht mehr erwünscht ist und er trifft eine folgenschwere Entscheidung.

Ein literarisches Meisterwerk in hervorragender Übersetzung!

zum Produkt € 23,00*

Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikoleit
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikoleit Max Annas

gebunden

Max Annas, der schon viermal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde, hat dieses Jahr den zweiten Band einer neuen Reihe herausgebracht.

Es handelt sich dabei um Kriminalromane die in der DDR spielen. Den ersten Band „Morduntersuchungskommission: Der Fall Teo Macamo“- den man zwar nicht unbedingt zuerst lesen muss, aber lesen sollte man ihn unbedingt! - gibt es mittlerweile als Taschenbuch.

Jena, 1985: Oberleutnant Otto Castorp ermittelt in einem Fall, bei dem ein junger Mann, ein „Punker“ ermordet aufgefunden wurde. Die Suche nach dem Mörder gestaltet sich nicht nur hinsichtlich des Hauptverdächtigen (der ein Alibi hat) als schwierig, sondern auch in politischer Hinsicht. Die Szene rund um den Punker, der in einer Band spielte, ist dem Staat sowieso sehr suspekt und so werden die Freunde hart rangenommen bei den Verhören. Als dann noch ein weiterer Verdacht aufkommt, bei dem es um einen Stasioffizier und dessen Verwicklungen in ein Kriegsverbrechen während der NS-Zeit geht, sieht sich Otto in seinen Ermittlungen ziemlich allein gelassen von den Kollegen und Vorgesetzten.

Castorp wird nicht als strahlende Heldengestalt gezeigt, sondern er hat selbst Dreck am Stecken, doch er setzt alles daran, den Fall aufzuklären und dabei halbwegs integer zu bleiben.

Bewundernswert wie Annas, der selbst nicht in der DDR lebte, sich in die Thematik hineingefunden hat und wie glaubhaft er diese Zeit in diesem sehr spannenden – zum Teil auch ziemlich harten – Roman vermittelt.
Eine Krimireihe, die sich von den Wohlfühlkrimis (Provence, Bretagne, Alpen – was auch immer) in meinen Augen sehr angenehm unterscheidet und der ich viele Leser und Leserinnen wünsche.

Ich bin gespannt auf weitere Folgen!

zum Produkt € 20,00*

Annette, ein Heldinnenepos
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Annette, ein Heldinnenepos Anne Weber

gebunden

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos
Matthes und Seitz Verlag, 22 €

Die renommierte Romanautorin Anne Weber hat sich mit ihrem neuen Buch etwas Schwieriges vorgenommen: ein Heldinnen-Epos zu schreiben.

Als Weber die 95-jährige Annette Beaumanoir kennenlernt, ist sie von ihr so fasziniert, dass sie ihr Leben nacherzählen will. Ein Leben, das locker auch einen 600-Seiten-Roman füllen könnte, ohne zu langweilen. Doch Anne Weber wählt einen anderen Weg: Sie besingt diese Heldin in einem Epos. Und siehe da - das ist genau der richtige Weg, um diese ungewöhnliche, mutige Frau zu würdigen!

Als junges Mädchen geht Annette in die Résistance, kämpft gegen die Besatzung durch die Nazis und hilft jüdischen Kindern. Anhängerin der kommunistischen Partei, beginnt sie jedoch später an dieser zu zweifeln. Als ihre große Liebe, ebenfalls Mitglied der Resistance, stirbt, glaubt Anne zunächst, nie wieder lieben zu können.

Als sie begreift, dass Frankreich, für dessen Freiheit sie ihr Leben riskierte, selbst ein anderes Land unterdrückt, wird sie zur aktiven Unterstützerin der algerischen Befreiungsfront FLN. Das Urteil von 10 Jahren Gefängnis bringt sie dazu, Frankreich zu verlassen und nach Algerien zu fliehen. Wie bitter auch hier miterleben zu müssen, wie aus der Idee, einen freien demokratischen Staat zu errichten, eine neue Diktatur entsteht.

Anne Weber zitiert Camus, dessen Sisyphos man sich als glücklichen Menschen denken müsse: auch Annette rollte ihr Leben lang den Stein den Berg hinauf. Was mich beim Lesen absolut faszinierte, ist Anne Webers unvergleichlicher Stil, ihre feine, immer treffende und trotz der Tragik dieses Lebens humorvolle Sprache. Ich freue mich sehr, dass Anne Webers Versepos auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis 2020 gelistet ist, sie verdient diesen Preis unbedingt!

zum Produkt € 22,00*

Apeirogon
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Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Apeirogon Colum McCann

gebunden

Colum McCann, 1965 in Dublin geboren, gehört zu den großen amerikanischen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Was ich an ihm besonders bewundere, ist seine literarische Vielseitigkeit.

Sein neuester Roman hat seinen Ursprung in einer wahren Geschichte. Während einer Reise nach Israel lernte er die beiden Freunde Bassam Aramin und Rami Elahan kennen. Ein Palästinenser und ein jüdischer Israeli, die der Gruppe Parents Circle angehören - Eltern von Kindern, die durch den „Konflikt“ getötet wurden. Smadar wurde mit 13 Jahren 1997 durch ein Sprengstoffattentat mitten in Jerusalem getötet. Abir starb 2007 durch die Kugel eines israelischen Soldaten.

Diese beiden Männer bilden das Zentrum des Romans, doch erzählt McCann keine geradlinige Story, sondern wirft Schlaglichter auf viele Themen: Theresienstadt, Zugvögel, Musik, Mathematik – um nur einige zu nennen. Er nennt sein Buch einen „Hybridroman“, eine kaleidoskopartige Verschränkung mehrerer Ansätze. Die Form ist ungewöhnlich, so zählt der Roman 1001 Kapitel – zuerst bis 500 und dann wieder rückwärts. Auch der Titel Apeirogon, eine geometrische Figur mit einer zählbar unendlichen Menge Seiten, gibt einen Hinweis darauf, dass die Form hier auch These ist: alles hat nicht nur eine oder zwei Seiten, sondern unendlich viele.

Man sollte sich von der Form auf keinen Fall abschrecken lassen, denn das Buch liest sich leicht - zumindest stiltechnisch. Inhaltlich geht es manchmal an die Grenze des Erträglichen. Der Schmerz der Eltern und die Verzweiflung über die Besatzung, die vielen Anschläge, über den Unwillen der Politiker, Frieden zu schließen, die gehen ans Herz. Da kann man Tränen vergießen.

Bewundernswert, wie Rami und Bassam sich nicht beirren lassen, immer wieder vor jedem Publikum, das sie anhören möchte, ihre traurige Geschichte zu erzählen. Beeindruckend, wie durch diese Freundschaft letztlich doch so etwas wie Hoffnung entsteht. 600 Seiten, die sich lohnen!

zum Produkt € 25,00*

exit RACISM
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

exit RACISM Tupoka Ogette

kartoniert

Tupoka Ogette wurde 1980 in Leipzig als Tochter einer deutschen Mathematikstudentin und eines tansanischen Studenten der Landwirtschaft geboren. Mit 8 Jahren floh sie mit ihre Mutter nach West-Berlin; ihr Vater zog nach seinem Studium notgedrungen zurück nach Tansania.

Ogette studierte Afrikanistik und Deutsch als Fremdsprache, anschließend war sie ein Jahr in Tansania als interkulturelle Mediatorin tätig, absolvierte danach ihren Master in Grenoble. Seitdem arbeitet sie als Trainerin und Beraterin für Rassismuskritik und Antirassismus, sie gibt Workshops und hält viele Vorträge. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Künstler Stephen Lawson und ihrer Familie in Berlin.

Für dieses „Buch des Monats" mache ich gleich drei Ausnahmen: Normalerweise bespreche ich eher Belletristik als Sachbücher, normalerweise Hardcover und keine Taschenbuchausgaben, und grundsätzlich nur brandneue Bücher.

„exit RACISM" ist bereits 2018 erschienen und ist als preisgünstiges Taschenbuch mittlerweile bereits in der 8. Auflage erhältlich. Aber: Es war mit Abstand meine interessanteste Urlaubslektüre, die ich Ihnen daher nicht vorenthalten will.

Gut möglich, dass sie glauben, dass Sie ein solches Buch gar nicht lesen müssen und wollen, da Sie ja sowieso kein Rassist sind. Genau das dachte ich ursprünglich auch, deshalb hat mich dieses Buch bei seiner Erscheinung auch nicht angelacht. Erst als durch den schrecklichen Mord an George Floyd das Thema Rassismus in der ganzen Welt mehr Öffentlichkeit erfuhr, und immer mehr Kunden dieses Buch bei uns bestellten, wurde ich darauf aufmerksam.

Für mich war es eine Augen öffnende Lektüre, eine die mir tatsächlich eine andere Blickrichtung nahegebracht hat. Ogette gelingt es, ohne jemandem ein schlechtes Gewissen zu machen, zu vermitteln, dass Rassismus Alltag ist, dass er systemimmanent ist und dass wir alle damit sozialisiert wurden. Rassismus ist eben nicht nur, wenn Menschen anderer Hautfarbe körperlich oder verbal angegriffen werden, sondern setzt bereits viel früher ein. Es sind die vermeintlich kleinen Dinge, die den Alltag von POC (people of colour) so schwierig und anstrengend machen.

Wie der Untertitel „Rassismuskritisch denken lernen" vermuten lässt, vermittelt die Autorin - ähnlich wie in ihren Workshops - Hilfestellungen, seine eigene Art zu denken und wahr zunehmen kritisch zu hinterfragen. Für mich als nicht direkt von Rassismus betroffene Person eröffnete das Buch eine Perspektive, die mir eigentlich so nah ist, und über die ich trotzdem viel weniger wusste, als ich vermutet hätte.

Unterbrochen wird der Text ab und zu durch Links zu Videos oder zu Quellcodes, die einen beispielsweise zu ganzen Filmen (einem hochinteressanten Arte-Film über Kolonialismus etwa) hinleiten. Ich fand das anfangs gewöhnungsbedürftig, einfach weil ich das von anderen Büchern nicht so kannte – und weil es natürlich den Lesefluss etwas stört. Doch habe ich mir die Zeit genommen, alle Links anzusehen und war am Ende überzeugt, denn so wird das Thema sehr gut vertieft. Kleine Warnung: einige dieser Links leiten auf Seiten weiter, die nur auf Englisch sind.

Ich kann das Buch mit bestem Gewissen allen Menschen empfehlen die unsere Gesellschaft besser verstehen lernen möchten und glauben, dass eine Welt ohne Rassismus für uns alle eine bessere und lebenswertere Welt sein wird.

zum Produkt € 12,80*

Ich bleibe hier
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Ich bleibe hier Marco Balzano

gebunden

Marco Balzano
Ich bleibe hier

übersetzt von Maja Pflug
Diogenes Verlag 22 €


Marco Balzano, 1978 in Mailand geboren, ist Schriftsteller und Lehrer. Sein gerade auf Deutsch erschienener Roman „Resto qui“ wurde für den Premio Strega, den wichtigsten italienischen Literaturpreis, nominiert.

Die Geschichte von Trina und ihrer Familie in Südtirol 1930-1950, basiert auf den wahren Begebenheiten des verschwundenen Dorfes Graun im Vinschgau. Trina ist ein aufgewecktes Kind, das das Lesen, die Wörter und die Sprache liebt. Sie lernt Italienisch, was keiner in ihrem deutschen Dorf gutheißt. Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Gebiet von Italien annektiert, 1939 kommt es zum Hitler-Mussolini- Abkommen, das die Einwohner Südtirols dazu zwingt, sich bezüglich der Zugehörigkeit zu entscheiden. Das führt zu großer Uneinigkeit und Brüchen innerhalb der Familien.

Trina heiratet ihre Jugendliebe Erich. Sie werden so glücklich, wie dies in einem Leben möglich ist, das von Härte, unendlich viel Arbeit und politischen Zwangsmaßnahmen gegen die Bevölkerung geprägt ist. Ihr größter Schmerz ist der Verlust ihrer Tochter, die mit anderen Familienmitgliedern nach Deutschland geht.
Der Roman ist als Brief an diese Tochter konzipiert.

Das Dorf soll einem Staudamm weichen. Der Widerstand dagegen gestaltet sich als schwierig. Je nachdem wer in Rom gerade das Sagen hat, wird beim Staudammbau auch mal pausiert, und die Bewohner wagen zu hoffen. Als 1943 die Deutschen das Ruder übernehmen, freuen sich viele Südtiroler. Trina jedoch traut dem Faschismus nicht, egal ob italienisch oder deutsch.

Graun wurde 1950 geflutet - man kann heute noch die Kirchturmspitze sehen.

Dies ist ein wunderbarer Roman zum Eintauchen. Man ist nah bei den Protagonisten, fühlt mit ihnen mit – und lernt nebenbei sehr viel Historisches. Das einfache Leben auf dem Dorf und der Einfluss der großen Politik darauf wird anhand dieser Familiengeschichte eindringlich und bewegend beschrieben.

Ein Buch, das den eigenen Horizont erweitert.

zum Produkt € 22,00*

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