Unsere Empfehlungen

Zeithain
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Zeithain

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Dezember 2017

Michael Roes
Zeithain
Schöffling Verlag 28 €

Michael Roes ist kein Unbekannter mehr, immerhin ist dies sein zwölfter Roman, doch der ganz große Durchbruch ist bisher ausgeblieben. Ich würde ihm wünschen, dass er mit diesem Roman kommt!

Es geht um Hans Hermann von Katte, den Jugendfreund Friedrichs des Großen. Man erinnert sich: Friedrich war ein sensibler junger Mann, der unglaublich unter seinem strengen Vater litt. Gemeinsam mit seinem Freund Katte möchte er, während eine Militärparade in Zeithain stattfindet, die -so hoffen die beiden – den Vater ablenkt – ins Ausland fliehen. Doch es kommt zur Entdeckung und Katte wird vor den Augen Friedrichs hingerichtet. Dieses einschneidende Erlebnis traumatisiert und verändert Friedrich für immer.

Roes lässt diese historischen Abläufe aus dem Blickwinkel Philip Stanhopes, eines Nachfahren Kattes erzählen. Dieser findet alte Briefe einer Tante, diese bringen ihn dazu, die Orte des Dramas aus dem 18. Jahrhundert aufzusuchen und die alte Geschichte zu rekonstruieren.

Der Autor hat sehr viel und genau recherchiert, doch handelt es sich keineswegs um eine historische Biografie. Viel zu sehr fühlt er sich in sein Romanpersonal ein, verleiht ihm persönliche Gedanken, Gefühle und Tiefe. Manches im Roman ist auch ein wenig surreal, anderes wiederum sehr deftig, gerade was Körperliches anbelangt. Homoerotische Beziehungen waren damals zwar natürlich genau so verbreitet wie heute, aber nur mit sehr viel mehr Unterdrückung und Heimlichkeiten möglich. Wenn es um so in der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeiten ging wie hier, dann war das einfach „unmöglich“.

Michael Roes schreibt die Geschichte aus vielen verschiedenen Perspektiven, seine Sprache ist großartig! Wie er nahtlos hin- und herwechselt zwischen einem eleganten, der damaligen Zeit angepassten kunstvollen Stil und rauem authentischem Jetztzeitjargon, kann ich nur bewundern.

Ein großes absolut überzeugendes Buch!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 28,00*

Tyll
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Tyll

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im November 2017

Daniel Kehlmann „Tyll“
Rowohlt Verlag
22,95 €

Daniel Kehlmann wurde 1975 in Wien geboren, er studierte Germanistik und Philosophie. Man muss ihn spätestens seit seinem bahnbrechenden Erfolg von „Die Vermessung der Welt“ (2005) niemandem mehr vorstellen. Kehlmann schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Vorlesungen und literaturwissenschaftliche Beiträge. Er ist einer der renommiertesten Vertreter der Gegenwartsliteratur.

In seinem neuen Roman spielt Tyll Ulenspiegel die Hauptrolle. Doch schon damit verblüfft uns der Autor, denn der echte Eulenspiegel, falls es ihn wirklich gegeben hat, lebte der Überlieferung nach im frühen 14. Jahrhundert. Kehlmann versetzt ihn aber in den 30-jährigen Krieg, also ins 17. Jahrhundert. Er richtet sich damit nach nach dem weniger bekannten Charles de Costers „Ulenspiegel“

Er erzählt von Leiden, Verfolgung, Inquisition, Hexenjagden, von Folter, Hunger, tiefster Armut, politischen Intrigen, Machtkämpfen und immer wieder von Krieg, Krieg, Krieg.

Der kleine Tyll, Sohn eines für seinen Stand viel zu wissensdurstigen Müllers, muss seine Heimat verlassen, nachdem sein Vater als Ketzer von der Inquisition hingerichtet und seine Mutter vertrieben wurde. Er flieht gemeinsam mit Nele, einem Mädchen aus dem Dorf, die ihm früh schon zugeraten hatte, seine Seiltanzversuche ja nicht aufzugeben, denn es sei immer gut, etwas zu haben, was einen von anderen unterscheidet.
Gemeinsam mit Nele schlägt er sich durch, sie schließen sich Gauklern und dem fahrenden Volk an, Tyll wird bald berühmt und berüchtigt im ganzen Land. Sein unwahrscheinliches Geschick und seine Tricks bringen die Menschen zum Lachen - und das haben sie in diesen bitteren Zeiten mehr als alles andere nötig.
Wir lernen den „Winterkönig“ Friedrich von der Pfalz und seine Frau Elizabeth Stuart kennen , auch Gustav Adolf, den Schwedenkönig und viele andere historische Persönlichkeiten, immer aber auch arme Leute wie Soldaten oder Bergarbeiter. Tyll selbst bleibt ein höchst interessanter und rätselhafter Charakter.
Wer sich einen historischen Aufklärungsroman erhofft, wird möglicherweise unzufrieden sein mit „Tyll“, man „erfährt“ zu wenig über den 30-jährigen Krieg (doch es gibt ja gute Sachbücher darüber). Wer sich jedoch einen packenden, klug konstruierten, gewitzt und elegant geschriebenen Roman erhofft, den man absolut nicht mehr aus der Hand legen mag, der ist hier bestens bedient.
Ein großes Lesevergnügen!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,95*

Die Hauptstadt
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Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Hauptstadt

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Oktober

Robert Menasse „Die Hauptstadt“
Suhrkamp Verlag
24 €

„Die Hauptstadt“ steht zu meiner großen Freude auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Das heißt, das Buch wurde aus 174 Romanen zuerst in die Longlist (mit 20 Titeln) und nun in den engen Kreis (6 Titel) gewählt. Vielleicht hat es ja – wenn Sie dies lesen – schon den Preis gewonnen?
Wenn nicht, dann hätte Robert Menasses neuer Roman ihn meiner Meinung nach jedenfalls absolut verdient gehabt.

Robert Menasse, 1954 in Wien geboren, Germanist, Philosoph, Politikwissenschaftler, vor allem aber Schriftsteller, hat sich schon länger in Essays und Sachtexten mit dem Thema „Europa“ auseinander gesetzt. Mit der literarischen Umsetzung trifft er den Nerv der Zeit.

Wir befinden uns in Brüssel in der Jetztzeit, die Protagonisten spielen alle eine Rolle in der EU – Bürokratie. Eine griechisch-zypriotische Beamtin soll das Image der Europaischen Kommission verbessern. Während sie mit ihrem Mitarbeiter nach einer zündenden Idee sucht (oh ja, und wie diese zünden wird!) läuft ein Schwein durch Brüssel. Die ganze Stadt sucht einen Namen für das Schwein, so als gäbe es keine anderen Probleme.
Doch die gibt es zuhauf: Ränkespiele, Intrigen, persönliche und nationale Eitelkeiten, Karrierismus . Doch es gibt ebenso die ernsthafte Arbeit für ein besseres Europa, auch für eine postnationale Gemeinschaft.
Die Europäische Kommission wird fünfzig, mit einer Jubiläumsfeier soll klar gemacht werden, was eigentlich so wichtig ist an Europa. Dass es nicht nur um wirtschaftliche Auseinandersetzungen geht, sondern um mehr: nie wieder Auschwitz, ein Ende von Nationalismus und Rassismus, gemeinsame Verteidigung von Menschenrechten. Wie jedoch kann das „sexy“ in einer Feier umgesetzt werden?

Menasse versteht es, u.a. mit einem alten Professor der Ökonomie, der zugleich auch Auschwitz-Überlebender ist und mit einem Kommissar, der von einem politisch heiklen Mordfall abgezogen wird, hochinteressante Personen vorzustellen.

Die schnell wechselnden Perspektiven, die vielen Plots werden auf ungemein spannende Weise miteinander verwoben. Beim Lesen entsteht manchmal das Gefühl, man habe einen Krimi der Spitzenklasse vor sich, dann wieder einen kritisch-ironischen, immer auch menschlich bewegenden Gesellschaftsroman.

Literarisch wie politisch relevante Literatur, die von der ersten bis zur letzten Seite großes Lesevergnügen bereitet!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 24,00*

Swing Time
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Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Swing Time

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im September 2017

Zadie Smith
Swingtime
Übersetzt von Tanja Handels
Kiepenheuer und Witsch Verlag 24 €

Zwei kleine Mädchen in London, in einer Sozialsiedlung…
Die Ich – Erzählerin lebt mit ihrer schwarzen Mutter und ihrem weißen Vater zusammen, der Vater ist ein freundlicher, eher schlichter Mensch, die Mutter hingegen überholt ihn immer mehr, sie wird intellektueller, ehrgeiziger und politisch engagierter. Auf Dauer hält diese Beziehung das Auseinanderdriften nicht aus. Das kleine Mädchen liebt beide, doch sie wird sich zeitlebens von ihrer Mutter überfordert fühlen und der Vater wird sich als nicht stark genug erweisen.

Die Handlung setzt ein, als das – namenlos bleibende – Kind im Ballettunterricht auf Tracey trifft. Ein Mädchen mit einem enormen Talent , die den Tanz liebt und ihre Freundin – denn Freundinnen werden sie trotz der Abneigung ihrer Mütter bald werden – dabei mitreißt. Traceys Mutter – keine Spur von Bildungsstreben ist hier zu sehen - ist weiß, ihr Vater schwarz, doch dieser ist ein meist abwesender Vater. Die beiden sehen sich begeistert Tanzfilme an, besonders begeistert sie „Swingtime“ mit Fred Astaire und Ginger Rogers, davon können sie nicht genug bekommen.
Später verlieren sich die Freundinnen aus den Augen, Tracey gelingt es in eine renommierte Tanzschule zu gehen, dazu reicht das Talent der Ich-Erzählerin nicht aus.

Diese wird in ihrem jungen Erwachsenenleben die persönliche Assistentin eines weiblichen Rockstars. Sie zieht mit ihr durch die ganze Welt, sehr oft nach Gambia wo Aimee (die durchaus an Madonna erinnert) nicht nur Musikauftritte hat, sondern sich auch sozial engagiert und Kinder adoptiert. Sehr pointiert zeichnet Smith dieses Jet-Set-Leben mit all seinen Ambivalenzen auf.

Erst viel später trifft die Ich-Erzählerin wieder auf Tracey, mit der sie gebrochen hatte, auch ihre Mutter tritt wieder in ihr Leben ein.
Interessant ist bei dem neuen Roman von Zadie Smith (eine Autorin, die ich seit ihrem großartigen Debüt von 2001 „Zähne zeigen“ sehr schätze!), neben der Handlung auch die ungewöhnliche Erzählhaltung. Normalerweise führen in Ich-Form geschriebene Texte zu einer schnellen Identifizierung mit der Hauptperson. Durch ihre namenlose Anonymität und einem distanzierten Blick auf sich selbst wird das aber hier gebrochen. So sehr man sich auch interessiert für die Freundschaft der jungen Mädchen, für ihre Entwicklung als junge Frauen und für das abwechslungsreiche Leben als Teil einer Star-Truppe, die zwischen Europa, New York und Westafrika in schnellem Wechsel hin- und hersaust, bleibt doch immer ein gewisser Abstand zu den Protagonisten.

Zadie Smiths „Swingtime“ steht auf der Longlist zum Bookerpreis 2017.
Ich drücke ihr und diesem guten Roman die Daumen!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 24,00*

Was man von hier aus sehen kann
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Was man von hier aus sehen kann

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im August 2017

Mariana Leky
Was man von hier aus sehen kann
Dumont Verlag
20 €

Mariana Leky, gelernte Buchhändlerin, studierte u.a. Germanistik, Kulturjournalistik und Kreatives Schreiben, hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht.
Ich bin jedoch sicher, dass ihr mit diesem neuen Roman der Durchbruch gelingen wird, ja eigentlich sogar muss.

Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, dem es so hervorragend gelingt, gleichzeitig ein „Wohlfühlbuch“ zu sein, eines in das man sich so richtig reinkuscheln möchte, und das dennoch mit Phantasie, präzisen Bildern und großartigen Beschreibungen des Romanpersonals überzeugt.
Luise, die Ich-Erzählerin lebt zusammen mit ihrer Großmutter Selma in einem Dorf im Westerwald. Ihre Eltern denken zwar dauernd darüber nach sich zu trennen, doch Luise fühlt sich bei Selma und „dem Optiker“, der eine Art Großvaterersatz für sie ist, wohl und gut aufgehoben.

Bis Selma wieder mal von einem Okapi träumt… Jeder weiß, was das bedeutet: es wird jemand aus dem Dorf sterben! In den nächsten 24 Stunden versuchen alle heimlich, noch schnell unfertige Baustellen in ihrem Leben zu bearbeiten. Obwohl alle – besonders Selma selbst – das Ganze als dummen Aberglauben abtun, stirbt tatsächlich jemand, der Luise sehr nahe steht.

Jahre später tritt ein buddhistischer Mönch in ihr Leben und damit auch die Liebe, die sich sehr kompliziert gestaltet. Ich sage nur „Fernstbeziehung“…
Hört sich bisher nach einer banalen, etwas bemühten Geschichte an? Das hätte ich durchaus auch denken können, doch dagegen steht Mariana Lekys ungewöhnlicher Schreibstil. Spätestens wenn man das Kapitel gelesen hat, in dem sich der Optiker mit seinen inneren Stimmen auseinandersetzt, die ihm abraten, Selma seine Liebe zu gestehen, ist man ihrem Stil verfallen.
Humorvoll, ironisch und dabei warmherzig und intelligent – das ist richtig gut!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 20,00*

Die Geschichte der Bienen
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Geschichte der Bienen

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juli 2017

Maja Lunde
Die Geschichte der Bienen

Übersetzt: Ursel Allenstein
Btb 20 €

Maja Lunde hat für diesen Roman den norwegischen Buchhändlerpreis erhalten.

Die Geschichte, in der es, wie der Titel nahelegt, um Bienen, Bienenzucht und Bienensterben geht, ist in drei Handlungsstränge aufgeteilt. Einmal wird von dem Wissenschaftler William, der Mitte des 19. Jahrhunderts in England einen die Imkerei revolutionierenden Bienenstock erfand, erzählt. Die zweite Handlungsebene spielt in den USA im Jahr 2007. Der Imker George ist betroffen von dem grassierenden Bienensterben. Mit ihm leidet seine ganze Familie und seine Kollegen darunter – und natürlich die Bienen selbst. Der dritte Teil spielt in China im Jahr 2098, die Bienen sind ausgestorben, die Landwirtschaft funktioniert nur dadurch, dass Menschen die Befruchtung der Blüten selbst vornehmen.

Das Konzept des Romanaufbaus mag simpel erscheinen: drei verschiedene Zeiten, drei verschiedene persönliche Schicksale – immer in abwechselnden Kapiteln aufgeteilt. Doch man merkt es dem Buch an, dass sich die Autorin sehr gut über die Materie informiert hat. Und - noch wichtiger bei einem Roman: sie versteht sich aufs Schreiben!

Man fühlt mit dem in Depression verfallenen William mit, man hofft darauf, dass er endlich bereit sein wird, die Hilfe seiner klugen und naturwissenschaftlich begabten Tochter Charlotte anzunehmen. Der sture George, der unbedingt seinen Sohn als Nachfolger für seine Bienenzucht sieht und der dann plötzlich mit leeren Händen dasteht – man möchte ihn schütteln und ihm gute Ratschläge geben. Doch am meisten berührt die Geschichte von Tao, der chinesischen Pflanzenbestäuberin. Bei einem Ausflug fällt ihr dreijähriger Sohn ins Koma. Das Kind wird ihnen weggenommen, die Gegend wird isoliert. Tao verlässt ihren Mann und begibt sich auf die Suche nach den Ursachen und findet sie auch. So viel sei gesagt: auch hier spielen Bienen eine Rolle.

Ein handwerklich gut geschriebener, sehr spannender Roman, der auf ein ernst zu nehmendes Umweltthema hinweist und gleichzeitig die Problematik von Generationenkonflikten verarbeitet.
Ich kann die norwegischen Buchhändler gut verstehen: das Buch hat das Zeug zum Bestseller!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 20,00*

Gott, hilf dem Kind
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Gott, hilf dem Kind

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juni 2017:

Toni Morrison

“Gott, hilf dem Kind”
Übersetzer: Thomas Piltz
Rowohlt Verlag
19, 95 €

Die Nobelpreisträgerin (1993) Toni Morrison (geb.1931) ist die Grande Dame der schwarzamerikanischen Literatur. Aber das ist zu kurz gegriffen, sie ist auch die Grande Dame der amerikanischen Literatur, sie gehört zu den wichtigsten lebenden Schriftstellerinnen.

In ihrem neuen Roman geht es vor allem um zwei Themen: um Rassismus und um Traumatisierungen im Kindesalter, die das Leben noch von Erwachsenen entscheidend bestimmen.

Lula Ann wird tiefschwarz geboren, ihr Vater verlässt deshalb die Familie, die Mutter lehnt sie ab. Dennoch wird Bride, wie sie sich nun nennt, eine beruflich erfolgreiche und attraktive Frau mit viel Geld. Als ihr Freund sie einfach so verlässt, gerät sie in eine schwere Krise. Sie wird zusammengeschlagen, hat einen schweren Autounfall, beobachtet unheimliche Veränderungen an ihrem Körper – ihr Leben bricht auseinander. Erst als sie beschließt, sich auf die Suche nach ihrer großen Liebe zu begeben und sich mit ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen, scheint die Möglichkeit von Glück ganz zart auf.

Auf wenigen Seiten entwirft Morrison eine unendlich verzweigte Geschichte um Kindesmissbrauch der unterschiedlichsten Art, um Verletzungen, um die Schwierigkeiten von Freundschaft und Liebe und um Schuld und Verrat.
Ich bin fasziniert davon, wie es Morrison gelingt viele hochinteressante Lebensgeschichten zwar nur anzudeuten, aber so, dass der Leser sie im Kopf weiterspinnt. Sicher einer der Romane, die im Gedächtnis bleiben und die einen noch lange beschäftigen werden.

Ein bewegendes, an die Nieren gehendes Buch, verstörend und tief beeindruckend.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 19,95*

Ein Mann, der fällt
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Ein Mann, der fällt

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Mai 2017

Ulrike Edschmid
„Ein Mann, der fällt"
Suhrkamp Verlag 20 €

Ulrike Edschmid, 1940 geboren, hat nun nach ihrem wunderbaren Buch „Das Verschwinden des Philip S." von 2013 wieder einen neuen Roman geschrieben.

Eine Frau erzählt von ihrem Partner, der bei der Renovierung ihrer ersten gemeinsamen Wohnung von der Leiter fällt und schwer verletzt wird. Wir befinden uns anfangs in dieser Charlottenburger Wohnung im Jahr 1986, die Frau erzählt in Ich-Form von der Zeit nach diesem Sturz, von dem sehr langsamen Zurückfinden in eine neue Art von Normalität, zu der Hinfallen und Wiederaufstehen gehört. Aber auch das schwierige Angleichen des Lebensrhythmus der beiden Liebenden.

Er, Architekt, der sich der behutsamen Stadtsanierung verschrieben hat und sie, die künstlerisch mit Stoffen arbeitet, bleiben zusammen. Zusammen als Paar aber auch in der Wohnung - trotz Lärms, vielen oft unangenehmen Veränderungen, gefährlicher Nachbarschaft und etlichen Unbilden. Sie beobachten, was um sie herum geschieht. So entsteht neben einer detaillierten Beschreibung der gravierenden Veränderungen, die eine Querschnittslähmung mit sich bringt, auch in Ausschnitten ein Porträt Westberlins während der letzten dreißig Jahre.

Absolut überzeugend finde ich Edschmids minimalistischen Stil. Es gelingt ihr mit wenigen, aber immer genau treffenden Worten alles zu erzählen, was sie sagen möchte. Oft möchte man – an sich guten – Autoren zurufen: „weniger ist oft mehr!" Hier jedoch haben wir eine Schriftstellerin, die das weiß und die das auch kann.

Sie betrachtet, nimmt wahr, sie fasst das Gesehene und Erspürte in Worte, doch sie wertet nicht und gibt den Lesern nicht die Gefühle, die sie beim Lesen empfingen sollen, vor. Gerade dadurch entsteht ein sehr eindringlicher und atmosphärisch dichter Text.

Eines der Bücher, die man am besten laut liest, vorliest und dann gleich nochmal liest. Einfach, weil die Sprache so schön ist.

zum Produkt € 20,00*

Illegal
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Illegal

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im April 2017:

Max Annas
Illegal
Rowohlt Verlag 19,95 €

Max Annas, Journalist, Experte für Film und Jazz, Autor, erhielt kürzlich den Deutschen Krimipreis 2017. Sein brandneuer Krimi „Illegal“ spielt in Berlin, wo Annas auch lebt.

Kodjo kommt aus Ghana und lebt seit Jahren illegal in Berlin. Trotz eines Geschichtsstudiums arbeitet er schwarz als Küchenhilfe. Von seinem Zimmer in einem Abbruchhaus in Moabit aus sieht er wie im Haus gegenüber eine Prostituierte ermordet wird. Entsetzt läuft er zum Haus hinüber und sieht auch noch kurz den Mörder. Völlig konfus erzählt er seinen Freunden davon, er traut sich wegen seines Status als Illegaler nicht, zur Polizei zu gehen.

Einen Tag später steht in der Zeitung, dass ein Schwarzer der Tat verdächtig sei, eine Hausbewohnerin hatte ihn im Hausflur gesehen. Kodjo sucht nun selbst nach dem Mörder, immerhin hatte er ihn und auch sein Auto kurz gesehen.

Die verzweifelte Spurensuche, immer auf der Flucht vor der Polizei und bald auch vor dem Mörder führt durch Moabit, Charlottenburg, Kreuzberg und Neukölln. Am Hermannplatz kommt es dann zu einem spannungsgeladenen Showdown.

„Illegal“ ist eine rasante Mischung aus einem packenden Krimi und einem glaubhaft erzählten Gesellschaftsroman. Der Alltag von Menschen, die sich immerzu verstecken müssen, weil sie offiziell nicht hier sein dürfen, wird in seiner erschreckenden Normalität aufgezeigt.

Nichts erscheint hier übertrieben oder lässt sich in ein simples gut-böse Schema pressen. Kodjo ist nicht vor Krieg und Verfolgung geflohen, er suchte nur ein besseres Leben hier. Ob der Mörder ihm diese Chance lässt? Das sollten Sie selbst herausfinden!

Ich kann jedenfalls einen mitreißenden und spannungsreichenden Berlinthriller versprechen!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 19,95*

4321
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

4321

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im März 2017

Paul Auster: „4 3 2 1“

Übersetzt: Gunkel, Schmitz, Singelmann, Stingl,
Rowohlt Verlag
29,95 €

Paul Auster, 1947 in Newark, New Jersey, geboren, gehört zu den international erfolgreichsten zeitgenössischen amerikanischen Autoren. Er ist mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet, lebt in Brooklyn und hat zwei Kinder.

In diesem über 1200 Seiten starken Roman erzählt Auster die Geschichte von Archie Ferguson, einem amerikanischen Jungen aus Newark. Archie ist der Nachfahre eingewanderter Juden, schon die verrückte Geschichte seines Großvaters und dessen Ankunft in den USA nahm mich spontan für dieses Buch ein. Sofort war ich mittendrin in dieser wunderbaren Familiengeschichte, war traurig mit Archies Mutter, fieberte mit ihrem Mann mit und liebte dieses Kind. Doch dann, plötzlich, im nächsten Kapitel ist alles anders, was vorher Tatsache war, ist jetzt nicht mehr real.

Kein Wunder, denn Auster, dieser begnadete Geschichtenerzähler, erzählt uns vier verschiedene Versionen von Archies Leben, alternative Lebensvariationen. Einmal ist der Vater früh verstorben, ein andermal entwickelt sich dieser zu einem herzlosen Kapitalisten, dann wieder stirbt Archie selbst als Kind, in einer anderen Version ist er homosexuell. Einmal liebt er seine Cousine Amy wie verrückt, in anderen Kapiteln ist sie „nur“ seine beste Freundin.

Die Hauptcharaktere begleiten Archie in jedem dieser Leben, doch wie er und die Interaktionen dieser Menschen sich entwickeln, das ist jedes Mal ganz anders.
Der Roman spielt in den 50ern und 60ern, Zeitgeschichte spielt eine große Rolle: Bürgerrechtsbewegung, Vietnamkrieg, Rassenunruhen – ja, es ist ein sehr politischer Roman. Aber er ebenso ein erotischer, ein Liebes-, ein Familien-und Freundschaftsroman, ein Roman über Literatur, über das Schreiben, über den Sinn des Lebens und – das vor allem - ein hervorragender Entwicklungsroman.

So kompliziert sich die Struktur auch anhören mag, Auster versteht es wunderbar, den Leser mit wenigen Worten sofort in die „richtige“ Version zu versetzen.

Kritiker nennen 4 3 2 1 Austers „Opus Magnum“, ich kann bestätigen, dass sich das bestimmt nicht nur auf das Volumen bezieht. Es ist ein grandioser Roman - ein Muss nicht nur für eingefleischte Auster – Fans!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 29,95*

Mischpoke!
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Mischpoke!

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Februar 2017

Marcia Zuckermann
Mischpoke!
Frankfurter Verlagsanstalt
24 €

Marcia Zuckermann wurde 1947 in Ost-Berlin geboren. Ihr jüdischer Vater überlebte den Holocaust als politischer Gefangener im KZ Buchenwald, ihre protestantische Mutter war als Kommunistin im Widerstand aktiv. 1958 musste die Familie die DDR als Dissidenten verlassen. In West-Berlin absolvierte Marcia Zuckermann eine Ausbildung als Werbewirtin im Verlagswesen und war Mitbegründerin und Geschäftsführerin einer Zeitschrift. Sie lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin.

Mischpoke bedeutet im Jiddischen „Familie“ - und um einen Familienroman, der die Kohanims über 100 Jahre hinweg begleitet, handelt es sich hier auch.

Samuel Kohanim, Sägewerksbesitzer in Westpreußen hat sieben Töchter, die unterschiedlicher nicht sein könnten, es eint sie nur der Wunsch nicht so zu werden wie ihre verhärtete und verbitterte Mutter Mindel.

Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs treiben große Teile der Familie nach Berlin. Zwischen dem roten Wedding und bürgerlichen Modeateliers, Kommunisten und Zionisten lesen wir von Liebesgeschichten, davon mehr unglückliche als glückliche, Mischehen, geliebten und ungeliebten Kindern, Schwestern die sich spinnefeind sind, sich dann aber doch in der Not helfen, Antisemiten und Nazis. Leider lesen wir auch von vielen Toten und von viel Leid, aber wie sollte das bei einer jüdischen Familiengeschichte, die im 20. Jahrhundert spielt, auch anders sein.
Bewundernswert mit wie viel Verve, mit welch tollen Charakterbeschreibungen und auch mit Humor die Autorin die Geschichte ihrer eigenen Familie lebendig macht!

Marcia Zuckermann versteht es hervorragend, mit diesem rasanten, gewitzten und bewegenden Roman einen ganz eigenen und persönlichen Akzent zu setzen. Sie erzählt authentisch über deutsche, polnische und jüdische Zeitgeschichte und findet durch die – leider etwas zu kurz gekommene – Rahmenhandlung auch noch den Bogen zur aktuellen Flüchtlingsdebatte.
Ein lesenswerter Roman!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 24,00*

Rückkehr nach Reims
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Rückkehr nach Reims

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Januar 2017

Didier Eribon
Rückkehr nach Reims
übersetzt von Tobias Haberkorn
Suhrkamp
18.- Euro



Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, lehrt Soziologie an der Universität von Amiens. Er gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen Frankreichs. Eribon wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf. Seine Großmutter war Analphabetin, seine Mutter Putzfrau und Fabrikarbeiterin, sein Vater Hilfsarbeiter. Es galt damals als kompletter Unsinn, wenn ein Kind länger, als es sein musste, zur Schule ging, alle Geschwister gingen mit 14 von der Schule ab und begannen zu arbeiten. Man wählte die Kommunisten, hasste „die da oben“, und man arbeitete sich krank und kaputt.
Als es Eribon dann – mit Hilfe seiner Mutter, die dafür noch mehr arbeitete – gelang, auf die höhere Schule zu gehen und später zu studieren, stürzte ihn das in große innere Konflikte. Alles, Kleidung, Sprache und Ansichten, waren nun anders, als er es kannte. Den Spagat, sich zwischen diesen Welten zu bewegen, schaffte er nicht und floh so früh wie möglich aus Reims und damit aus seinem Herkunftsmilieu. In Paris konnte er nicht nur Philosophie studieren (eine absolut unverständliche Wahl für seine Familie), sondern er konnte auch seine Homosexualität frei ausleben.

Als sein Vater starb, kehrte Eribon, nunmehr Professor für Soziologie, erstmals nach Reims zurück. Gemeinsam mit seiner Mutter betrachtet er alte Fotos und führt die Gespräche, die er längst hätte führen sollen. Für die mit seinem Vater ist es zu spät.

Eribon ist vor allen Dingen darüber erstaunt, dass er sich zwar relativ früh theoretisch, publizistisch und sehr offen mit seiner Homosexualität auseinandersetzen konnte, aber eigentlich nie mit seiner Herkunft aus einem einfachen Arbeitermilieu. Diese soziale Schande wurde von ihm – bis jetzt mit diesem Buch – immer verdrängt.

Neben den soziologischen, philosophischen und menschlichen Aspekten dieser autobiografischen Rückschau ist es vor allem auch die politische, die hier interessiert. Er zeigt klar auf, wie aus wie selbstverständlich immer die Kommunisten wählenden Arbeitern nun den Front National wählende wurden. Wie nicht wahrgenommen, wie abgehängt sich große Teile der Bevölkerung fühlen und warum sie dann auf Feindbilder wie „die Fremden“ hereinfallen, wo es früher eben „die da oben“ waren. Gerade im Hinblick auf die aktuelle Situation in Frankreich – aber auch in Deutschland – liest sich das sehr erhellend.

Eribon schreibt reflektiert und insgesamt gut verständlich, doch manchmal wünschte ich mir bei der Lektüre, Bourdieu oder Foucault gelesen zu haben, sicher wäre da einiges noch klarer geworden.
Eine bereichernde Lektüre!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 18,00*

Licht aus dem Osten
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Licht aus dem Osten

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Dezember 2016:
Peter Frankopan
Licht aus dem Osten
Rowohlt Verlag
Übersetzer: M.Bayer, N. Juraschitz
39,95 €


Peter Frankopan ist Leiter des Zentrums für Byzantinistik an der Universität Oxford und Experte für die Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens.

In seinem bahnbrechenden Geschichtswälzer (848 Seiten) möchte er mit der verzerrten eurozentristischen Darstellung der Geschichte, so wie sie in Europa und Amerika gelehrt und verstanden wird, aufräumen. Er beklagt, dass wir zwar viel wissen über europäische Geschichte, aber wenig über die Weltgeschichte. Auch ist die Gewichtung sehr einseitig: alles Gute kommt aus dem Westen, alles Schlechte aus dem Osten.

Zitat Frankopan „Ohne die Welt zu plündern wäre Europa niemals aufgeblüht: Der Sieger schreibt Geschichte. Und in den letzten drei-, vierhundert Jahren war das westliche Europa der große Gewinner der Weltgeschichte. Das heißt: Unsere Vergangenheit wurde so beschrieben, dass wir uns mit ihr wohlfühlen."

Über diesen Teil der Geschichte, der des Nahen und Mittleren Ostens – ich nenne als Stichworte Mesopotamien, Seidenstraße, Babylon, Irak – mehr zu erfahren, tut uns allen gut! Es mag helfen, heutige Konflikte dort – und auch die europäische Verstrickung darin – ein klein wenig besser zu verstehen.
Frankopan spricht beispielsweise über Alexander den Großen, aber auch kritisch über Sklavenhandel mit der islamischen Welt, der Einfluss auf den Aufstieg Venedigs im Mittelalter hatte.

Sehr erfreulich für uns Leser ist es, dass Frankopan sehr bildhaft und packend zu schreiben versteht. Sicher kein Buch, das man auf einen Satz mal eben so durchliest, aber auch keines, bei dem man widerstrebend ob der Informationsflut steckenbleibt. Die Lektüre macht richtig Freude!


Elvira Hanemann

zum Produkt € 39,95*

Gegen den Hass
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Gegen den Hass

gebunden

Die Buchhändlerin empfielt im November 2016

Carolin Emcke
Gegen den Hass
Fischer Verlag
20 Euro



Die Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2016 (letztes Jahr erhielt Navid Kermani diesen Preis) hat ein neues Buch veröffentlicht. Carolin Emcke, 1967 geboren, promovierte Philosophin, erlangte besonders durch ihre Texte aus Kriegs- und Krisenregionen, die sie zwischen 1998 bis 2013 bereiste Bekanntheit. Ihre Bücher „Von den Kriegen” und „Weil es sagbar ist” handeln von dieser Zeit. Mit „Wie wir begehren” erzählt sie von ihrem eigenen homosexuellen Coming-Out sowie von der politischen und sozialen Bedeutung des sexuellen Handelns.

In „Gegen den Hass” legt sie ein kluges, differenziertes aber auch leidenschaftliches Plädoyer für eine offene Gesellschaft vor. Beginnend mit der Hetzjagd auf Flüchtlinge im sächsischen Clausnitz berührt sie Themen wie die neue Rechte in Gestalt von Pegida und Co., über die Wahrnehmung von dunkelhäutigen Menschen in den USA, erklärt die dortige Black-lifes-matter-Bewegung über die Intoleranz gegen Transgender-Personen bis hin zu der menschenverachtenden Propaganda der IS.

Man könnte meinen, das sei ein sehr weiter Bogen, den sie da spannt und das alles sei auf 240 Seiten nicht abzuhandeln. Doch Carolin Emcke hakt diese Themen auch nicht einfach ab, sondern setzt sie in einen Zusammenhang. Ihre These lautet: Ein Staat, ein Gemeinweisen, ist immer dann am stärksten, wenn er/es offen ist. Je diverser desto sicherer und besser lebt es sich für den Einzelnen, aber auch für das kollektive Wir. Echte Demokratie ist nur dann zu haben, wenn alle in dieser Demokratie Lebenden daran partizipieren, wenn Minderheiten mit Respekt begegnet wird und wenn die Art und Weise wie wir leben, mit allen immer wieder neu ausgehandelt wird. Ein ausführlicher und präziser Anhang lädt ein dazu, sich weiter zu informieren.

Besonders gut gefiel mir ihr „Lob des Unreinen”, ein Essay in dem sie sich mit der hirnrissigen These dass ein möglichst reines unvermischtes Volk (oder auch eine sehr eng ausgelegte Version einer Religion) etwas erstrebenswertes sei. Sie hingegen spricht sich für die kulturelle, religiöse, sexuelle Verschiedenheit in einem säkularen Rechtsstaat aus.

Ein intelligenter, sehr gut lesbarer Appell an jeden Einzelnen, sich drängenden gesellschaftlichen Fragen zu stellen – und sich nicht mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen zu begnügen.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 20,00*

Raumpatrouille
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Raumpatrouille

gebunden

Die Buchhhändlerin empfiehlt im Oktober 2016:

Matthias Brandt
"Raumpatrouille"
Kiepenheuer & Witsch Verlag
18 Euro



Matthias Brandt ist als sehr guter Schauspieler bekannt - und als Sohn von Willy Brandt. Mit dem Geschichtenband „Raumpatrouille“ debütiert er nun als Schriftsteller.
So locker, mit viel trockenem Humor und menschlicher Wärme wie er diese Geschichten aus der eigenen Kindheit geschrieben hat, bin ich mir sicher, dass es unmöglich dabei bleiben wird. Ich jedenfalls hätte große Lust, noch mehr davon zu lesen.

Besonders beeindruckt mich, wie er sehr Privates erzählt, ohne voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen. Zwar gibt es in den vierzehn Kapiteln zwei, in denen bekannte Politiker (Wehner und Lübke) vorkommen, aber das war es dann auch schon. Der Rest erzählt von der Kindheit und dem Aufwachsen in einer rheinischen Kleinstadt in einer Zeit, als man eben Raumpatrouille im Fernsehen sah und Astronaut im Garten und mit „Welthölzern” spielte – was durchaus auch gefährlich sein konnte.

Sicher rührt es an, wenn man die Reise des kleinen Jungen mit seiner Mutter nach Norwegen miterlebt oder ihm der Vater, dem er ein wenig Zeit abtrotzt, ein Buch vorliest. Doch das würde es auch, wenn es sich dabei nicht um Rut und Willy Brandt handelte.

Matthias Brandt fängt witzige und melancholische Momente ein, er erzählt von einem phantasiebegabten Kind, das unter ein wenig anderen Bedingungen als die anderen aufwächst (Personenschutz!), aber er zeigt gleichzeitig eine fast allgemeingültig zu nennende Entwicklung eines Menschen auf, der 1961 in der BRD zur Welt kam.

Interessanterweise kam gleichzeitig auch eine Musik CD von Jens Thomas heraus „Memory Boy”, die von diesem Buch inspiriert wurde. Beides passt sehr gut zusammen. Ein wirklich sehr schöner kleiner Band, dem man ruhig auch mal Menschen, die sonst keine Kurzgeschichten mögen, in die Hand drücken darf!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 18,00*

Die Unvollkommenheit der Liebe
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Unvollkommenheit der Liebe

gebunden

Die Buchhhändlerin empfiehlt im September 2016

Elizabeth Strout
Die Unvollkommenheit der Liebe
Übersetzt von Sabine Roth
Luchterhand Verlag 18.- Euro

Der gerade erschienene Roman der Pulitzer-Preisträgerin hat mich von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert und begeistert.

Lucy Barton, eine New Yorker Schriftstellerin, verheiratet und Mutter zweier Kinder, erkrankt nach einer Operation an einer gefährlichen Infektion. Beschrieben werden die Wochen, in denen sie im Krankenhaus liegt und selten Besuch bekommt. Bis ihre Mutter, mit der sie seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr hatte, auftaucht und mehrere Tage an ihrem Bett sitzt.


Nur von diesen Tagen handelt der Roman, Tage in denen nicht mehr geschieht, als dass sich die beiden über alte Geschichten aus der Kleinstadt unterhalten. So wenig äußere Handlung sich auch abspielt, umso tiefer werden die seelischen Innenräume ausgeleuchtet. Lucy erinnert sich an ihre Kindheit, die von tiefer Armut – und schlimmer – von Kälte, Lieblosigkeit und Angst geprägt war. Sie reflektiert ihre immensen Anstrengungen, sich von diesem traurigen Vermächtnis zu befreien – und ihrer eigenen Familie und ihren Kindern Liebe und Vertrauen in sich selbst zu geben.


Auch wenn ihre Mutter kein Wort über Wesentliches verliert, über den Vater und den gestörten Bruder, sich nicht nach Lucys Leben erkundigt, all das wiegt nicht das große Glück auf, das Lucy empfindet: Ihre Mutter ist bei ihr und sie spricht mit ihr!

Der deutsche Titel mag in die Irre führen, handelt es sich doch um einen tief bewegenden Roman über einen Mutter-Tochter-Konflikt, über die Untiefen einer schwierigen Familie und um den Kampf, davon frei zu kommen. Angst vor dem Tod, Gedanken über die Ehe, ihre Freunde und ihre Töchter ergänzen die im Vordergrund stehenden Kindheitserinnerungen.

Ich habe selten auf so wenigen Seiten eine so intensive Familiengeschichte gelesen, Strout darf sich getrost mit Alice Munro messen – und das ist ein sehr großes Kompliment!

zum Produkt € 18,00*

Sid Schlebrowskis kurzer Sommer der Anarchie und seine Suche nach dem Glück
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Sid Schlebrowskis kurzer Sommer der Anarchie und seine Suche nach dem Glück

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im August 2016

Klaus Bittermann
Sid Schlebrowskis kurzer Sommer der Anarchie und seine Suche nach dem Glück – Ein Ausreißerroman
Edition Tiamat
18 €

Klaus Bittermann, der bei uns schon zweimal zu Gast war („Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol“ und „Alles schick in Kreuzberg“) hat ein neues Buch veröffentlicht. Diesmal sind es keine kurzen witzigen Geschichten und Beobachtungen, sondern ein „richtiger“ Roman.
Der 17-jährige Sid Schlebrowski, der eigentlich einen stinknormalen Namen hat, aber sich nach seinem Idol Sid Vicious, dem Bassisten der Punkband Sex Pistols nennt, hat die Nase voll von seinem Elternhaus und ganz besonders von seinem Vater, einem frustrierten und gewalttätigen Ex-Boxer. Sid springt aus dem Fenster!
Zum Glück liegt das Fenster im Erdgeschoss und er läuft aufs Geratewohl davon, an der Ecke hält er ein Auto an, eine junge Frau (sehr jung, wie man später erfährt ist sie erst 17, hat das Autofahren auf einsamen Waldwegen geübt und natürlich keinen Führerschein) nimmt ihn mit.
Sid ist begeistert – dass sie sich auch noch Nancy nennt, wie Sid Vicious‘ Lebensgefährtin, entzückt ihn noch mehr.
Auch Nancy ist ihrem Elternhaus entflohen, allerdings aus vollkommen anderen Gründen. Nancy ist ein verwöhntes reiches adeliges Mädchen, das sich total ärgert, weil sie zum Geburtstag nicht das ersehnte Rassepferd geschenkt bekommen hat.
Wie man sieht: vollkommen unterschiedliche Ausgangspositionen, dennoch verstehen sich die beiden Ausreißer blendend.
Nun beginnt ein köstliches Roadmovie (der Ausdruck passt hier wirklich, denn man hat die beiden wie in einem Film sehr plastisch vor Augen), das die beiden immer weiter nach Süden führt bis nach Italien. Übernachtet wird in den besten Hotels, Champagner getrunken und auf großem Fuß gelebt. Nancy tritt überall so überzeugend auf, dass weder in den Hotels noch in den Geschäften nach Geld gefragt wird. Und wenn dann doch mal, sind sie schon wieder unterwegs. Das geht lange gut, aber natürlich nicht ewig.
Was aber ist schon ewig?
Sids kurzer Sommer mit Nancy, in dem die jungen Leute Freiheit, Abenteuer und Liebe erleben, gehört für mich mit zu den schönsten Leseüberraschungen des Jahres.
Leichtfüßig, amüsant und herzerwärmend, dennoch an keiner Stelle kitschig, einfach wunderbar!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 18,00*

Was ich euch nicht erzählte
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Was ich euch nicht erzählte

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juli 2016

Celeste Ng
„Was ich euch nicht erzählte“
Übersetzerin: Brigitte Jakobeit
Dtv 19,90 €

Celeste Ng (sprich: Ing), geboren in den USA, chinesischer Herkunft, Harvard-Studentin, gelang mit ihrem Debütroman ein New York Times-Bestseller, der mit vielen Auszeichnungen bedacht und in 20 Sprachen übersetzt wurde.

„Was ich euch nicht erzählte“ ist eines dieser Bücher, die man ohne viel Vorwissen beginnt und die einen dann sofort vollkommen in Beschlag nehmen. Man mag weder arbeiten, noch schlafen, sondern nur noch lesen, lesen, lesen.

Der Klappentextauszug: „Lydia ist tot. Der erste Satz, ein Schlag, eine Katastrophe. Am Morgen des 3. Mai 1977 erscheint sie nicht zum Frühstück. Am folgenden Tag findet die Polizei Lydias Leiche. Mord oder Selbstmord?“ Das lässt einen fälschlicherweise an einen Thriller oder einen Krimi denken.
Vielmehr handelt es sich jedoch um einen psychologischen Familienroman, der unerbittlich aufzeigt, wie Menschen, die sich wahrhaftig lieben, einander dennoch schrecklichen Schaden zufügen können.
Ein allgemeingültiges Thema zwar, das allerdings durch seine Verortung in den 50ern bis 70ern in den USA und durch das Element des Rassismus einen eigenen Aspekt erhält.
Marilyn, eine junge blonde Studentin und ihr junger chinesisch-stämmiger Dozent werden ein Liebespaar, heiraten und bekommen drei Kinder. Nicht nur nach außen hin eine glückliche Familie.

Dennoch: als Lydia, das älteste Kind, verschwindet beginnt die Suche nach Gründen. Wer war Lydia wirklich? Und welche Träume der einzelnen Familienmitglieder wurden durch den gesellschaftlichen Druck (Stichworte: Geschlechterrollen, Rassismus und Erziehungsnormen) zerstört?

Herzzerreißend, traurig und letztendlich doch in gewisser Weise auch tröstlich.
Ein bewegender Roman auf stilistisch hohem Niveau!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 19,90*

Glückskind mit Vater
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Glückskind mit Vater

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juni 2016

Christoph Hein
„Glückskind mit Vater“
Suhrkamp Verlag
22,95 €

Christoph Hein (geb. 1944) ist einer der großen deutschen Schriftsteller. Seit „Der fremde Freund“ 1982 erschien, war jeder seiner weiteren Romane ein Erfolg.
In „Glückskind mit Vater“ erzählt er die Lebensgeschichte von Konstantin Boggosch, einem Jungen, der in der DDR aufgewachsen ist. Seine Mutter nannte ihn ihr „Glückskind“, da ihre Schwangerschaft sie vor Übergriffen der sowjetischen Besatzer geschützt hatte.
Die Kriegsverbrechen seines Vaters, eines SS-Mannes, verfolgen ihn. Obwohl er ihn nie kennen gelernt hatte, bestimmt dieser Konstantins ganzes Leben.
Zwar spricht seine Mutter nicht über den Vater, aber ansonsten tut dies der ganze Ort. Er stößt sehr schnell an die Grenzen, die ihm diese „Sippenhaft“ auferlegt: die anderen Kinder machen sich über ihn lustig, er kann kein Abitur machen, er darf nicht studieren. So schnell wie möglich entflieht er dieser bedrückenden Welt. Die Flucht nach Westdeutschland und - noch abenteuerlicher - wieder zurück in die DDR, ein missglückter Versuch, sich der Fremdenlegion anzuschließen, das sind nur einige seiner abenteuerlichen Lebensstationen.
Jahre in Frankreich unter ehemaligen Angehörigen der Resistance bringen ihm Zufriedenheit, doch auch dort verfolgt ihn der Schatten seines Vaters, für den er sich so schämt, dass er seinen neuen Freunden nicht sein wahres Ich offenbaren mag. Doch was ist sein „wahres Ich“? Ist er wirklich nicht mehr als der Sohn eines Nazi-Verbrechers?
Konstantin gelingt es letztendlich, sein Leben selbst zu gestalten, er wird findet eine gute Frau und wird Schuldirektor. Doch sein „Erbe“ wird ihn nie ganz loslassen.
Mit seiner meisterlichen Erzählweise hält Christoph Hein seine Leser von Anfang bis zum Ende gefangen.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,95*

Dame zu Fuchs
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Dame zu Fuchs

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Mai 2016

David Garnett
Dame zu Fuchs
Übersetzerin: Maria Hummitzsch
Dörlemann Verlag
17 €

David Garnett (1892 – 1981) war ein britischer Schriftsteller und Verleger. Er gehörte zur berühmten Bloomsbury - Group, dem literarischen Kreis um Virginia Woolf.

Die Tebricks sind ein junges, frisch verheiratetes und sehr verliebtes Paar, sie wohnen auf einem schönen ländlichen Anwesen in Oxfordshire.
Bei einem Waldspaziergang geschieht das Unmögliche: der junge Ehemann dreht sich zu seiner Frau um und sieht an deren Stelle eine Füchsin.
Er ist zwar verzweifelt, nimmt sie aber auch in der neuen Gestalt weiterhin als seine geliebte Ehefrau an. Er liebt sie, kümmert sich um sie, versteckt sie zu Hause, entlässt die Dienstboten, kleidet sie an, liest ihr vor und trinkt mit ihr gesittet Tee. Silvia, die nun eine Fähe ist, lässt durch ihr Verhalten erkennen, dass sie für seine Zuwendung dankbar ist und ihn ebenfalls noch liebt.
Doch die langsame Verwilderung Silvias ist nicht aufzuhalten, Richard muss sie letztendlich in die Wälder ziehen lassen. Aber auch dort besucht er sie und ihre Jungen, die sie mit einem „Rivalen“ bekommen hat, oft und beginnt auch die jungen Füchse zu lieben. Wird Richard, der ebenfalls zunehmend verwildert, was wir als Leser schneller bemerken als er selbst, letztendlich auch zum Tier werden?
Garnett schrieb dieses Buch bereits 1922, es begeistert mich besonders wegen seiner eleganten ausgefeilten Sprache, doch noch mehr wegen seiner fantastisch surrealen Geschichte.
Man kann sich einfach nur freuen, dass „Lady into Fox“ wieder - und noch dazu in einer wunderschönen Leinenausstattung – neu veröffentlicht wurde.
Eine echte Entdeckung!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 17,00*

Nachts ist es leise in Teheran
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Nachts ist es leise in Teheran

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im April 2016

Shida Bazyar
Nachts ist es leise in Teheran
Kiepenheuer und Witsch Verlag
19,99€

Shida Bazyar, gelingt mit ihrem Debütroman gleich ein großer Wurf.

Sie wurde 1988 in Hermeskeil / Rheinland- Pfalz geboren, ist in Brandenburg als Bildungsreferentin tätig und lebt in Berlin.
In ihrem Buch erzählt sie von einer iranischen Familie, die kurz nachdem Chomeinis Gottesstaat an die Macht kam, nach Deutschland geflohen war.
In jedem Kapitel schildert ein anderes Familienmitglied aus seinem Blickwinkel heraus seine jeweils eigene Geschichte.
Behsad war ein Linksintellektueller, ein Kommunist, der sich politisch gegen den Schah engagiert hatte. Nach dem Sturz des Schahs war die Freude groß, doch sie währte leider nicht lange. Als sich abzeichnete, dass alle Oppositionellen außer den religiösen Anhängern Chomeinis verfolgt und als sein bester Freund inhaftiert wurde, beschlossen er und seine Familie ins Exil zu gehen.
Nahid, seine literaturbegeisterte Frau, erzählt den nächsten Abschnitt. Das Leben in Deutschland mit deutschen Freunden, der auch kritischen Betrachtung anderer Exiliraner, sowie ihr Heimweh nach Iran wird von ihr sehr vielschichtig beschrieben.
In den folgenden Kapiteln, die oft Jahre dazwischen auslassen, erschließt sich dem Leser das Leben der Kinder des Paares. Besonders beeindruckend gerät die Beschreibung eines Besuchs in Teheran aus Sicht der jugendlichen Laleh. Auch die gescheiterte grüne Revolution 2009 spielt eine nicht unwesentliche Rolle.
Vor unseren Augen entsteht so ein berührender Familienroman, ein Liebesroman und gleichzeitig auch politischer Roman über Themen wie Unterdrückung, Widerstand und Freiheitsliebe.
Mit ihrem schnörkellosen, schlichten und flüssigen Stil schreibt sich Shida Bazyar mühelos in Kopf und Herz der Leser ein.

Ein wundervolles Debüt!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 19,99*

Kommt ein Pferd in die Bar
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Kommt ein Pferd in die Bar

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im März 2016

David Grossman:
„Kommt ein Pferd in die Bar“
Übersetzerin: Anne Birkenhauer
Hanser Verlag
19,90 €

David Grossman. 1954 in Jerusalem geboren, gilt –neben Amos Oz –als der bedeutendste israelische Gegenwartsautor.

Nach einem Studium (Theater und Philosophie) arbeitete er für den Rundfunk. Er schrieb Kinder- und Jugendbücher, Theaterstücke, Romane und Essays. Grossmans zweitältester Sohn starb 2006 im Krieg, einige Tage nachdem David Grossman gemeinsam mit Amos Oz und Abraham B. Jehoshua öffentlich vom damaligen Regierungschef Olmert eine Einstellung der Kämpfe im Libanon verlangte. Grossman ist Friedensaktivist und gilt als Linksintellektueller, der sich in Israel für eine Aussöhnung mit den Palästinensern einsetzt.

Bei Grossmans neuem Roman handelt es sich um die Beschreibung eines einzigen Abends. Ein Stand-Up-Comedian gibt in einer israelischen Kleinstadt seine Abschiedsvorstellung. Dazu lädt er einen alten Jugendfreund, den er ewig nicht gesehen hat, ein. Das Publikum möchte sich amüsieren, doch der Abend, der mit geschmacklosen Witzen - die aber vom Publikum bejubelt werden - beginnt, steigert sich zu einer entsetzlichen Selbstentblößung. Der Komödiant hält sein Publikum - und uns Leser - in Atem, indem er die traumatische Geschichte seiner Kindheit erzählt.

Der Zuhörer, ein Richter, der in seinem Beruf Menschen immer genau betrachtet hat, soll ihn und seine Show aufmerksam beobachten und ihm danach erzählen, was und wen er gesehen hat. Er soll ihn „erkennen“.

Anfangs möchte der Richter, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird, nur weglaufen, die dargebotene Show ist zum Fremdschämen, doch der Wechsel zwischen Klamauk und der sehr persönlichen Geschichte des Dovele Grinstein fasziniert ihn immer mehr. Schließlich muss er erkennen, dass diese Geschichte viel mit ihm selbst zu tun hat.

Auch sitzt eine Frau im Publikum, die sich als jemand, der ihn in seiner Kindheit kannte bezeichnet und sehr verstört ist über den heutigen Zyniker und ihn erinnert, dass er doch „ein guter Junge“ gewesen sei.

Wie schwer das Schicksal diesem „guten Jungen“, Sohn von Holocaust – Traumatisierten, Außenseiter und Auf-den- Händen-Geher mitgespielt hat, erfährt man nach und nach. Viele der Zuhörer, die sich auf einen fröhlich-unterhaltsamen Abend eingestellt hatten, verlassen – je weiter die Show fortschreitet – verärgert den Saal; doch diejenigen die bleiben, werden emotional immer weiter verstrickt.

Man ist als Leser hin - und hergerissen zwischen Abscheu, Mitleid und Faszination. Viele unterschiedliche Gefühle werden wachgerufen, aber klar ist: Langeweile ist nie dabei!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 19,90*

Erschlagt die Armen!
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Erschlagt die Armen!

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Februar 2016

Shumona Sinha
Erschlagt die Armen!
Übersetzerin: Lena Müller
Edition Nautilus
18 €

Shumona Sinha, geboren 1973 in Kalkutta, lebt seit 2001 in Paris. Bis zur Veröffentlichung ihres in Frankreich 2011 erschienen Buches arbeitete sie als Übersetzerin in der Asylbehörde. Wegen des Romans verlor sie ihre Stelle.
Eine junge Frau, Dolmetscherin, schlägt einen Migranten in der Metro mit einer Flasche blutig. Sie wird verhaftet und soll in der Zelle einem Vernehmer, der nur K. genannt wird, die Gründe für ihre Tat erklären.
Da ihr der Grund selbst nicht klar ist, versucht sie sich und K. von ihrer Arbeit und ihren daraus resultierenden widersprüchlichen Gefühlen zu erzählen.
Sie hört sich Tag für Tag die Elendsgeschichten der Menschen an, die in Frankreich um Asyl ersuchen. Geschichten von Gewalt, politischer Verfolgung und Todesangst. Ihre Aufgabe ist es, genau zu übersetzen. D och wenn sie diese Aufgabe erfüllt, wird sie von den Migranten und deren Anwälten als Verräterin angesehen. Verräterin, weil sie selbst eine dunkle Hautfarbe hat, weil sie solidarisch mit den Geflüchteten sein müsste.
Doch nicht alle Geschichten, die erzählt werden sind wahr. Vieles ist auswendig Gelerntes, das ihnen die Menschenhändler eingetrichtert haben und einiges hält genaueren Nachfragen nicht stand.
Der Frau ist klar, dass sich diese Menschen in einer schrecklichen Lage befinden, dass sie sich gezwungen sehen zu lügen, doch sie ist hin – und hergerissen zwischen Mitleid, Ekel und der Sehnsucht danach, nichts mehr mit diesem Konglomerat an Armut, Elend, Lügen und Verrat zu tun zu haben. Sie selbst wird immer unglücklicher in dieser Arbeit, bei der sie zwischen allen Fronten steht.
Shumona Sinha schreibt wortgewaltig und poetisch.
Ein ehrliches Buch, eines das die vielen Facetten der Flüchtlingsproblematik nicht in ein Schwarz-Weiß-Schema presst, sondern klar macht, dass es viele Wahrheiten gibt.

Elvira Hanemann
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zum Produkt € 18,00*

Sepsis
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Sepsis

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Januar 2016:

Klaus Dermutz
Sepsis
KLAK Verlag
14,90 Euro


Klaus Dermutz, 1960 in Judenburg (Österreich) geboren, studierte Philosophie, Theologie und Soziologie in Graz und Berlin. Er schrieb einige Theatermonografien, einem größeren Publikum dürfte er durch sein Buch über Anselm Kiefer „Die Kunst geht knapp nicht unter” bekannt sein. „Sepsis” ist sein erster Roman. Klaus Dermutz lebt mit seiner Familie in Berlin.

Julian Stiche, Anfang 50, verheiratet und Vater eines Sohnes, erkrankt an einer Sepsis und entgeht knapp dem Tode. Fast zwei Wochen schwebt er auf der Intensivstation zwischen Leben und Tod.
Der Roman befasst sich mit der veränderten Sichtweise auf das eigene Leben nach einem so radikalen Einschnitt.

Es geht ihm danach trotz aller Dankbarkeit, noch am Leben zu sein, sowohl körperlich wie auch seelisch schlecht. Viele Gespräche mit Freunden, Verwandten, Ärzten und Therapeuten lassen ihn reflektieren und geben ihm nach und nach neuen Lebensmut. Gleichzeitig erfolgt eine langsame Annäherung an die tibetische Philosophie.

Diese ehrliche und an jeder Stelle nachvollziehbare Auseinandersetzung mit der Krankheit und deren tiefgreifenden Folgen regt zum eigenen Nachdenken an, berührt und geht nahe. Sie geht der Frage nach, was im Leben wirklich wichtig ist.

Klaus Dermutz formuliert in einer klaren und prägnanten Sprache, die zu lesen Freude bereitet.

Ein gutes Buch!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 14,90*

Ein untadeliger Mann
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Ein untadeliger Mann

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Dezember 2015

Jane Gardam
Ein untadeliger Mann
Übersetzerin: Isabel Bogdan
Hanser Verlag 22,90 €

Jane Gardam wurde 1928 in North Yorkshire geboren. Als einzige Schriftstellerin wurde sie gleich zweimal mit dem Whitbread/ Costa Award ausgezeichnet.

„Old Filth“ wird Eddie Feathers genannt, doch das ist nicht etwa ein Hinweis darauf, dass der betagte Herr er in irgendeiner Weise schmutzig sei, sondern es ist die Abkürzung für „Failed In London Try Hongkong“, was eine ironische Beschreibung für diejenigen Anwälte war, die es in die britischen Kolonien verschlagen hatte.

Eddie ist ein britischer Gentleman, wie er im Buche steht, aufrecht, anständig, ein wenig altmodisch. Nach seiner Pensionierung – er war lange Jahre Richter in Hongkong gewesen, zog er mit seiner Frau Betty wieder nach England zurück. Nach Bettys plötzlichem Tod, den er absolut nicht wahrhaben will, erinnert er sich an seine Kindheit und Jugend und macht sich auf den Weg, alte Lebensgefährten zu suchen. Diese Reise in seine Vergangenheit führt uns nach Malaysia, nach Hongkong, aber auch nach Wales, wo er und seine Cousinen als „Raj-Waisen“ von einer entsetzlichen Pflegemutter aufgezogen wurden.

Im hohen Alter wird er einiges über sein bisheriges Leben, darunter auch den Blick auf seine perfekte Ehe revidieren müssen.

Was ist es eigentlich genau, was nur britische Schriftsteller so gut können? Ich weiß es nicht genau, aber dass Jane Gardam eine der großen englischen Autorinnen ist, das kann ich nach der Lektüre mit Sicherheit sagen. Der Roman zeichnet sich durch die gekonnte Verknüpfung von subtilem Humor, Skurrilität und elegantem Stil mit tiefem Gefühl und Herz aus.

„Ein untadeliger Mann“ ist ein meisterhaft komponiertes, ruhiges Buch, das Einblicke in die Kolonialgeschichte bietet, vor allem aber eine herzergreifende Geschichte über Menschen, Freundschaft und Liebe erzählt.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,90*

Gehen, ging, gegangen
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Gehen, ging, gegangen

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im November 2015

Jenny Erpenbeck
„Gehen, ging, gegangen“
Knaus Verlag
19,99 €

Jenny Erpenbeck , 1976 in Ostberlin geboren, studierte nach einer Lehre als Buchbinderin Theaterwissenschaften und Musiktheaterregie. Sie zählt zu den renommierten zeitgenössischen deutschen Schriftstellerinnen.

Jenny Erpenbeck behandelt in ihrem neuesten Roman, der auch auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand, das aktuelle Thema Flüchtlinge in Deutschland. Allerdings ist das nicht - wie man befürchten könnte - eine Art Schnellschuss um mal eben "was Aktuelles" auf den Markt zu werfen, sondern die Autorin schrieb laut eigener Aussage gut zwei Jahre an diesem Roman. Die Tatsache, dass er nun gerade jetzt erscheint, wirkt wie gezielt geplant, ist es aber nicht.

Richard, emeritierter Alt-Philologe, lebt in Berlin. Eigentlich ist er Ost-Berliner, doch die Mauer ist ja nun bereits seit einigen Jahren gefallen.
Richards Frau ist gestorben, seine Geliebte hat ihn verlassen, er lebt alleine in einer schönen großen Wohnung. Er ist nicht direkt einsam, denn er hat einen netten Freundeskreis und seine Hobbies; dennoch hat er vor allem eines: viel Zeit!

Eines Tages, wir befinden uns im Sommer 2014, sieht er auf einem Spaziergang durch Kreuzberg Zelte auf dem Oranienplatz - die Zelte des Refugee-Camps, mit dem Flüchtlinge auf ihre schlimme Situation aufmerksam machen wollten.
Man erinnere sich: dieses Camp hat es tatsächlich lange gegeben, die meisten der dort lebenden Flüchtlinge waren Afrikaner, die über Lampedusa nach Europa kamen. Ihr Status: illegal. Mittlerweile gibt es dieses Camp nicht mehr, diejenigen die dort gelebt haben, sind in alle Winde verstreut, manche leben im Kirchenasyl, andere sind "im Untergrund" verschwunden, wieder andere hoffen immer noch auf Anerkennung.

Richard liest die selbstgeschriebenen Plakate vor den Zelten und hört zu, wie sich Geflüchtete mit einigen ihrer Unterstützer unterhalten. Sein Interesse und seine Neugierde sind nun geweckt: er möchte mehr über diese Menschen herausfinden.

Nur mit einem Schreibblock und einem Stift "bewaffnet" kommt er wieder an den Oranienplatz, er möchte etwas über die Hintergründe erfahren, woher die Leute kommen, was ihre Fluchtgründe sind und was sie sich von Deutschland erhoffen. Erstaunlich wie offen die meisten ihm antworten und wie viel er nach kurzer Zeit bereits erfährt.

Nach und nach ändert sich Richards Gefühl zu dem was er da tut: je näher er einzelne der Männer kennen lernt, desto weniger kann er seine Fragen und Interviews noch als nur objektiv-neutrale Erhebung sehen. Doch auch vor seinem eigenen Heim macht er nicht halt, den Wunsch eines seiner Schützlinge, Klavier spielen zu lernen, mag er nicht abschlagen.

Richard ändert sich, seine Gedanken, sein Leben - auch sein Verhältnis zu seinem Freundeskreis - alles ist im Wandel.

Sicherlich ist es Jenny Erpenbeck ein Anliegen, den Lesern fremde Lebensläufe nahe zu bringen; Lebensläufe die von Krieg, Armut und Bedrohung geprägt sind. Dennoch ist das keinesfalls Sozialkitsch, kein Rührstück - sondern ein sehr gut geschriebener aber dennoch engagierter moderner Roman!



Elvira Hanemann

zum Produkt € 19,99*

Können wir nicht über was anderes reden?
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Können wir nicht über was anderes reden?

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Oktober 2015

Roz Chast

Können wir nicht über was anderes reden?

Rowohlt Verlag

Übersetzt von Marcus Gärtner

19,95 €


Roz Chast zeichnet Cartoons für den "New Yorker", sie, 1954 geboren, wuchs in Brooklyn auf und studierte Malerei an der Rhode Island School of Design. 2014 wurde sie mit dem National Book Critics Circle Award und 2015 mit dem Reuben Award ausgezeichnet.


Roz, eigentlich Rosalind, wendet sich in dieser Graphic Novel einem wichtigen Thema zu: dem Altwerden und Sterben der eigenen Eltern.


Als die Ich-Erzählerin mal wieder ihre alten Eltern, die relativ weit von ihr entfernt wohnen besucht, ist sie entsetzt: der Haushalt ist verwahrlost, die Eltern offensichtlich nicht mehr lange imstande, alleine so weiter zu leben. Doch jedes Gespräch über die Zukunft wird abgeblockt mit dem Satz "können wir nicht über was anderes reden?" Gedanken über den Tod oder auch nur über die Frage ob ein Altersheim oder Pflege zu Hause werden negiert. Doch es ist klar: irgendetwas muss geschehen!


In sensiblen, manchmal lustigen wie auch traurigen Rückblenden erzählt Chaz von der Vergangenheit ihrer Eltern. Sie, jüdische Amerikaner, werden sehr liebevoll mit allen möglichen Schrullen gezeichnet.


Die Autorin selber macht so ziemlich alles an Gefühlen durch: Liebe, Rührung, Verzweiflung, Wut und Sorgen. Sie macht sich Gedanken über das eigene Altern, darüber wie sich ihr Leben ändern wird, wenn ihre Eltern unselbständig werden und auch über das Danach.

Der Zeichenstil erinnert mich an die große Marie Marcks, was Sie gerne als Kompliment an die Zeichnerin verstehen dürfen.


An das Lesen von Graphic Novels muss man sich erst gewöhnen, das mag nicht jeder. Doch wer sich dieser Art des Lesens öffnen möchte, kann hier sehr gut einsteigen: ein guter Text, witzige Zeichnungen und ein Thema, das uns alle angeht!

Anrührend, liebevoll, traurig, witzig und sehr gelungen!


Elvira Hanemann

zum Produkt € 19,95*

Das achte Leben (Für Brilka)
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Das achte Leben (Für Brilka)

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im September 2015

Nino Haratischwili

Das achte Leben (für Brilka)

Frankfurter Verlagsanstalt

1280 Seiten 34 €


Nino Haratischwili wurde 1983 in Tiflis geboren. Sie studierte dort Film und Theater, von 2003 - 2007 studierte sie in Hamburg, wo sie heute lebt, Theaterregie. Ihre ersten beiden Bücher "Juja" (2010) und "Mein sanfter Zwilling" (2011) erreichten Achtungserfolge. Doch erst mit ihrem dritten Buch "Das achte Leben" schreibt sie sich in die Gunst von immer mehr LeserInnen ein. Der Roman findet zunehmend Beachtung und stößt auf Begeisterung.


Es handelt sich um 100 Jahre georgischer Geschichte, dargestellt an einer Familie.

Über sechs Generationen wird die Familie Jaschi begleitet, 8 Personen werden dabei besonders berücksichtigt. Beginnend mit der Geburt Stasias im Jahre 1900 als Tochter eines Schokoladenfabrikanten erzählt die Autorin von unglücklichen Lieben, gescheiterten sowie halbwegs glücklichen Ehen, von Neid und Konkurrenzdenken unter Geschwistern, von menschlichen Missverständnissen, von Angst, Verrat und immer wieder von der Liebe.


Anhand der mitreißenden, leidenschaftlichen, bewegenden, manchmal todtraurigen Lebensgeschichten von Stasia, ihrer schönen Schwester Christine, ihres Mannes Simon und deren Kinder Kostja und Kitty, bis hin zur Ich-Erzählerin Niza und deren Nichte Brilka erlebt man als Leser auch die Geschichte Georgiens.


Auch wenn Stalin nie beim Namen genannt wird, wenn Geheimdienstchef Beria nur als der "kleine große Mann" auftaucht, erspart uns Nino Haratischwili nichts: Oktoberrevolution, Stalins Herrschaft, die brutalen Säuberungen, Folter, Verräter und Faschisten, die Rolle Georgiens innerhalb der Sowjetunion bis hin zum Fall der Mauer - all das wird mit den menschlichen Schicksalen der einzelnen Familienmitgliedern verwoben.


Auch wenn ich eine Scheu vor dicken Büchern habe: keine einzige Seite ist überflüssig! Ich bin begeistert und stelle Nino Haratischwili in eine Reihe mit den ganz großen Schriftstellern.


Das ist ein Roman, der auf die Liste der Weltliteratur kommen wird, und - das wage ich vorherzusagen - bleiben wird.

Ein großartiges Buch!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 34,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann


zum Produkt € *

Havarie
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Havarie

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juli 2015

Merle Kröger

Havarie

Argument Verlag

15 €


Merle Kröger, geboren 1967, hatte für ihren Roman "Grenzfall" bereits den Deutschen Krimipreis erhalten. Sie ist Filmproduzentin, Drehbuch - und Romanautorin und lebt in Berlin.

In ihrer neuesten Veröffentlichung "Havarie" geht sie auf ein Thema ein das tatsächlich aktueller nicht sein könnte: es geht um Flüchtlinge, die übers Mittelmeer versuchen, nach Europa zu kommen.


Ein kleines Schlauchboot voller Flüchtlinge, ein Luxuskreuzfahrtschiff, ein irischer Frachter und ein Schiff der Seenotrettung treffen in einer stürmischen Nacht aufeinander.

Auf diesen vier Schiffen kommen die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Schicksalen zusammen. Für die einen geht es um ihr Überleben, für die andern ist das kleine Schlauchboot eine Art Abwechslung zwischen Bingo spielen, Cocktails schlürfen und auf dem Sonnendeck herum liegen.

Doch so plakativ sich das anhören mag beschreibt Merle Kröger das Thema Flüchtlinge zum Glück nicht!

In schnellen Perspektivwechseln werden elf Menschen und ihre Schicksale vorgestellt: junge Männer aus Algerien und Syrien, eine Sicherheitsbeamtin, eine abgewiesene Asylbewerberin, eine reiche alte Frau im Rollstuhl, die mehr Dinge auf dem Schiff sieht, als man meinen könnte, ein verschwundener Bordmusiker und ein skrupellos ehrgeiziger Sicherheitschef ¿ das sind nur einige der Menschen, die hier wie in einem Mosaik auftauchen (manche tauchen leider auch unter).

Ein Krimi? Ein Thriller? Diese Genrebezeichnungen treffen sicher auch zu, der knappe Stil im schnellen Wechsel sorgt für Spannung - doch für mich ist das viel mehr als ein guter Kriminalroman.

"Havarie" wirft ein Schlaglicht auf eines der dringendsten politischen Probleme unserer Zeit.

Man kann von einem Spannungsroman nicht erwarten, dass er "die Lösung" zeigt, doch dass er den Finger auf die Wunde legt, zum Selber denken anregt, bewegt und dennoch unterhält - all das kann und darf man erwarten.

Merle Kröger gelingt mit diesem Roman ein rasanter und überzeugender Politthriller, dem ich viele Leser wünsche!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 15,00*

Die gleißende Welt
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die gleißende Welt

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juni 2015

Siri Hustvedt


Die gleißende Welt


Übersetzt von Uli Aumüller 22,95 €

Rowohlt


Siri Hustvedt wurde 1955 als Tochter einer Norwegerin und eines Professors für norwegische Geschichte in Minnesota geboren. Sie studierte Literatur und lebt mit ihrem Mann Paul Auster in New York. Ihren größten literarischen Erfolg hatte sie mit "Was ich liebte".


Harriet Burden ist bildende Künstlerin mit Leib und Seele. Durch die Ehe mit dem Kunsthändler Felix Lord stand sie jedoch immer in dessen Schatten. Auch wenn die beiden eine erfüllte Ehe führten, unterstützte Lord sie nie dabei, ihre Kunst bekannter zu machen. Harriet zog die beiden Kinder Ethan und Maisie auf, war der gesamten Kunstszene eine gute Gastgeberin auf Partys, doch ihr eigenes Werk wurde nur in kleinen Galerien ausgestellt.


Nach Felix` Tod wächst in Harriet die Idee, ihre neuen Werke unter männlichem Pseudonymen "an den Mann" zu bringen. Sie will sehen, ob sich ihre Kunst so besser verkaufen würde. Sie hatte vor, nach drei unter fremdem Namen ausgestellten Kunstaktionen, ihre eigene Identität zu offenbaren und so die verlogene Kunstszene mit ihren Vorurteilen und Klischees zu konfrontieren. Dass die gleichen Werke, wenn sie attraktiven jungen Männern anstatt alten übergewichtigen Frauen zugeschrieben werden, einen total anderen Stellenwert bekommen.


Doch diese Idee scheitert letztendlich an ihrer Wahl des dritten Mannes, an einem Künstler namens Rune. Dieser spielt sein eigenes Spiel, eines, von dem sich Harriet nicht mehr erholen wird.

Die verschiedenen Stimmen der Protagonisten - Kinder, Freunde, Psychoanalytikerin, Kunstkritiker - werfen Schlaglichter auf eine schwer zugängliche Frau, die liebende Mutter war, begeisterte Geliebte, Freundin, Zuhörerin, rasende Wüterin, zornige keifende alte Frau, aufbegehrende Kranke und eine begnadete Künstlerin.


Begeistert bin ich von den Beschreibungen der Kunstwerke: Burdens "Erstickungsräume" und ihr Hauptwerk "Drunter", ihre Puppen, die die Temperatur ändern, ihre kleinen Wesen, die in großen Wesen aufgehen - all das wird so genau beschrieben, dass ich meine, ich hätte alles selbst gesehen.


Ein geistreicher, stilistisch ausgefeilter und sehr anspruchsvoller Roman!

zum Produkt € 22,95*

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Elvira Hanemann

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Morgen werde ich zwanzig
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Elvira Hanemann

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Morgen werde ich zwanzig

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Die Buchhändlerin empfiehlt im März 2015

Alain Mabanckou

"Morgen werde ich zwanzig"

Übersetzer aus dem Französischen: Holger Fock und Sabine Müller

Liebeskind Verlag22 €

Alain Mabanckou, 1966 in Ponte Noire im Kongo geboren, lebt heute in Paris und Los Angeles. Für sein Gesamtwerk wurde er mit dem Grand Prix de Littérature der Académie française ausgezeichnet. Seit 2007 unterrichtet er als Professor für frankophone Literatur an der University of California in LA. Die Süddeutsche Zeitung nennt ihn "eine der stärksten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur".


Sein gerade erschienener Roman schildert eine Kindheit im Kongo Ende der 70er Jahre. Die unabhängige Republik ist - zumindest offiziell - sozialistisch. Während im kleinen Radiorecorder, einem begehrten "kapitalistischen" Gut vom Ende Pol Pots und der erzwungenen Flucht des Schahs von Persien berichtet wird, freut sich Michel, dass sein eigenes Land nicht in den Weltnachrichten auftaucht, denn das bedeutet meist nichts Gutes. Während er in naiv-witzigem Ton von seinem Alltagsleben erzählt, erfährt man wie nebenbei auch einiges von der Weltgeschichte. Doch vor allem von seinen Träumen, seiner ersten Liebe, der Sorge um seine Mutter - sein ganz normales Leben eben.


Der kleine Michel ist beschäftigt genug mit den Problemen des Alltags, etwa seiner Angst vor seinem kommunistischen - aber trotzdem reichen - Onkel. Er hasst es bei ihm zum Essen eingeladen zu werden, denn er muss am Esstisch immer dem finster dreinblickenden alten weißen Mann (Lenin) ins Auge blicken. Da guckt er sich noch lieber die "Zwillingsbrüder" Marx und Engels im Profil an. Sein Onkel schenkt ihm jedes Jahr Spielzeuggartengeräte zu Weihnachten, damit er "Bauer" spielen kann, denn die Bauern und die Landwirtschaft werden die noch junge Republik auf ihrem sozialistischen Weg voranbringen. Dass er seinen eigenen Söhnen fernsteuerbare Spielzeugautos schenkt, tut da nichts zur Sache. Immerhin hat der Onkel Michel seinen Nachnamen gegeben, denn sein leiblicher Vater verschwand so früh aus seinem Leben, dass er sich gar nicht an ihn erinnern kann.


Mit seinem Ziehvater Papa Renè ist er aber sehr zufrieden. Seine Mutter Pauline ist dessen Zweitfrau und er bleibt - ganz gerecht verteilt - jeweils eine Woche bei seiner ersten Familie und eine bei Michel und dessen Mutter. Michel mag auch seine Zweitfamilie gerne, die ältere Erstfrau und deren Kinder, die er wie Geschwister ansieht. Doch an Michels Mutter nagt es, dass sie außer Michel keine Kinder hat. Es ist ihr höchstes Bestreben, mit ihrem Ehemann noch Kinder - wenigstens noch eine Tochter - zu bekommen. Dieses Unglück nagt an ihr, die eigentlich sonst eine sehr souveräne und zufriedene Frau ist so sehr, dass sie sich auf den Besuch eines Fetischeurs einlässt. Daraus entsteht dann leider nichts Gutes...

Auch hat Michel zu knabbern an der Eifersucht in Bezug auf seine Freundin Caroline, der Schwester seines besten Freundes. Michels Vorstellung vom Glück ist es, gemeinsam mit Caroline in einem kleinen Häuschen zusammen mit einem Sohn und einer Tochter und einem kleinen schneeweißen Hündchen zu leben. Vor der Tür soll aber bitteschön auch noch ein rotes Auto mit 5 Sitzen auf sie warten. Bis Caroline auf den etwas größeren örtlichen Fußballstar trifft, der sie auch toll findet. Doch unser Michel gibt nicht auf, er versucht sie mit Hilfe Arthur Rimbauds und des Chansonniers Georges Brassens zurück zu gewinnen, was für einen 10- oder 11-jährigen zumindest eine sehr ungewöhnliche Verführungstaktik ist.


Elvira Hanemann

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Elvira Hanemann

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The Drop - Bargeld
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The Drop - Bargeld

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Januar 2015

Dennis Lehane

The Drop - Bargeld

Übersetzer: Steffen Jacobs

Diogenes Verlag

19,90 €


Dennis Lehane, Amerikaner irischer Abstammung, wurde 1965 in Massachusetts geboren. Er arbeitete in den unterschiedlichsten Jobs, etwa als Erntehelfer und Parkplatzwächter, als Chauffeur und Kellner, er half in Buchläden aus. Anspruchsvoller war sicher seine Tätigkeit als therapeutischer Berater für misshandelte und sexuell missbrauchte Kinder, aber auch seine Arbeit mit geistig behinderten Kindern. Später studierte er Creative Writing an der Florida International University.

Seinen ersten Roman "A drink before the war" veröffentlichte er 1994, auf Deutsch erschien das Buch 1999 unter dem Titel "Streng Vertraulich". Lehane erlangte internationale Berühmtheit durch die Verfilmung seiner Romane wie Mystic River oder Shutter Island.

Interessant finde ich auch, dass Lehane einer der Drehbuchschreiber für die wirklich großartige amerikanische Fernsehserie "The Wire" war.

Er ist verheiratet, lebt in Boston, wo auch alle seine Romane spielen und unterrichtet Creative Writing.



Die Geschichte spielt in Boston im Mafia Milieu, ein "Drop" ist ein Lokal, in dem Geld gewaschen wird. Der unscheinbare Barkeeper Bob, der in der Kneipe seines Cousins Marvin arbeitet, gerät in einen Überfall, die Polizei wird dadurch aufmerksam auf Marvins Bar, die fest in der Hand der Tschetschenen - Mafia ist.

Bob, gläubiger Katholik mit einem düsteren Geheimnis, findet in einer Mülltonne einen schwer misshandelten jungen Hund und rettet diesen gemeinsam mit Nadja, einer Frau mit nicht gerade lupenreiner Vergangenheit.


Auch wenn die Rettung des Hundes auf den ersten Blick wenig mit der Mafiageschichte zu tun hat, ist sie doch der Wendepunkt in Bobs Leben. Von nun an beginnt er sich zu wehren: gegen die Mafia und gegen die Polizei, für sich, für Nadja und für den Hund Rocco.

Lehanes knapper und authentischer Stil sorgt für Spannung, aber er schafft es auch, Mitgefühl zu wecken, Witz zu versprühen und auf einem hohen Niveau gut zu unterhalten. Seine Fähigkeit, vielschichtige Charaktere mit wenigen Worten präzise zu beschreiben ist ganz besonders ausgeprägt: hier gibt es kein plattes Gut gegen Böse, sondern jeder ist gut und böse zugleich, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Als Leser zittert man um Bob, auch wenn dieser durchaus seine Schattenseiten hat.


Böse Zungen behaupten, Lehane hätte beim Schreiben schon zu sehr auf den Film gezielt, es handele sich also eher um eine Art Drehbuch als um einen Roman. Ich kann mir zwar schon vorstellen, dass ein Autor dessen Bücher von Leuten wie Clint Eastwood und Martin Scorsese verfilmt wurden, eine neuerliche Verfilmung im Hinterkopf hat, aber ich kann absolut versichern, dass sich "The Drop" keinesfalls wie ein Drehbuch, sondern wie ein guter, sehr flüssig geschriebener Roman liest.


Sicher ist schon klar geworden, dass auch dieses neue Werk Lehanes wieder mein Wohlgefallen gefunden hat. Ich freue mich sehr, dass seine Qualität nicht nachgelassen hat, dass seine Figuren immer sehr komplex und alles andere als eindimensional sind, dass er Fragen nach Moral zwar nie stellt, aber als Leser stellt man sie sich sehr wohl bei der Lektüre.

Mittlerweile meine ich fast, mich in Boston - zumindest im kriminellen Milieu recht gut auszukennen;))


Die Tatsache, dass auch dieser neue Roman wieder sehr spannend ist, könnte fast nebensächlich wirken, aber selbstverständlich gehört eine gehörige Portion Spannung zu einem Krimi (oder Mafia-Thriller) dazu - und Dennis Lehane bedient auch diesen Wunsch.


Das Buch könnte zur "Einstiegsdroge" in Lehanes Werk werden. Diese Art von Drogen befürworte ich voll und ganz!

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Zwei Herren am Strand
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Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Zwei Herren am Strand

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Dezember 2014

Michael Köhlmeier: "Zwei Herren am Strand"


Hanser Verlag 17,90 €


Michael Köhlmeier, der große 1949 in Vorarlberg geborene österreichische Schriftsteller, der uns durch Bücher wie "Abendland" oder "Die Abenteuer des Joel Spazierer" bekannt ist, widmet sich in seinem neuesten Buch einer ganz besonderen Männerfreundschaft.


Winston Churchill und Charlie Chaplin waren tatsächlich befreundet gewesen, das ist historisch belegt. Dies ist umso erstaunlicher, weil beide in nahezu allem unterschiedlich waren: in ihrer politischen Auffassung, in ihrem Geschmack und Lebensstil.


Was beide aber vereinte, waren ihre Gespräche über ein zutiefst privates Problem, über das sie mit ihnen nahestehenden Menschen nicht sprechen konnten. Beide hatte "der schwarze Hund", die Krankheit Depression, fest in ihren Fängen. Ein langer gemeinsamer Strandspaziergang, zu dem sie auch nur zufällig gekommen waren, weil sie beide es bei einer Party nicht ertrugen, sich unter die Menge zu mischen, legte den Grundstein ihrer lebenslangen, nicht immer einfachen, Freundschaft. Immer wenn einer den anderen brauchte, genügte ein kurzer Bescheid, und man kam dem anderen zu Hilfe - auch wenn der gerade auf einem anderen Kontinent lebte.


Köhlmeier weckt in dieser geschickt strukturierten "Dokufiction" großes Interesse an den Menschen, die hinter diesen zeitgeschichtlich "bekannten" und allen gehörenden Figuren stecken. Dieser sowohl stilistisch gelungene wie auch historisch interessante -wenn auch manchmal Fragen nach dem Wahrheitsgehalt offenlassende - Roman nimmt den Leser mit auf lange Wanderungen an Stränden, wo sich die beiden immer wieder auch über die beste Art, sich selbst zu töten, unterhielten. Letztendlich hat diese sonderbare Freundschaft aber beiden geholfen, zu überleben.


Ein erstaunliches Buch, ein gutes Buch!

zum Produkt € 17,90*

Pfaueninsel
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Elvira Hanemann

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Pfaueninsel

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im November 2014

Thomas Hettche "Pfaueninsel"

Kiepenheuer und Witsch Verlag 19,99 €


Thomas Hettche, Jahrgang1964, lebt in Berlin. Er erhielt bereits mehrere hochkarätige Buchpreise für frühere Veröffentlichungen, mit seinem neuen Roman stand er auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.


Mit dieser Geschichte über die Pfaueninsel gestaltete der Autor ein grandioses Genre überschreitendes Werk, das gleichzeitig einen anspruchsvollen historischer Roman, einen sensiblen Entwicklungsroman und einen Gesellschaftsroman in sich vereint.


Die Handlung setzt ein, als Königin Luise bei einem Besuch der Pfaueninsel Anfang des 19. Jahrhunderts auf den kleinwüchsigen Christian stößt und entsetzt das Wort "Monster" ausstößt. Christian erzählt das seiner ebenfalls zwergwüchsigen Schwester Marie - dieses Wort beeinflusst das Leben der Geschwister nachhaltig.


Als Leser erleben wir die Geschichte dieser Insel, die sich immer neu zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit entscheiden muss, aus dem Blickwinkel Maries von deren Kindheit an bis ins hohe Alter.


In einer Zeit, in der sich Könige noch Riesen, Zwerge und exotische Tiere "hielten" um ihren Hof attraktiver zu machen, in der aber auch schon das Ende dieser Epoche anklingt, wirkt Maries Leben bereits wie ein Anachronismus.

Das Verhältnis zwischen Marie und ihrem Bruder Christian ist ein sehr inniges, doch Marie liebt Gustaf, den Sohn ihres Ziehonkels noch mehr. Ein - durchaus auch erotisches Dreiecksverhältnis - beginnt, das in Schmerz, Leid und Tod aufgehen wird.


Ich habe sehr viel wirklich Interessantes über die Geschichte der Pfaueninsel - über Lenné, Schinkel und Fintelmann erfahren, aber das hätte ich in einem guten Sachbuch ja auch. Hettche jedoch schaffte es hier, Informationen in einen tief berührenden und stilistisch hervorragenden Roman zu integrieren.


"Pfaueninsel" gehört für mich zu den schönsten und besten Büchern dieses Jahres!

zum Produkt € 19,99*

Das Tiefland
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Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Das Tiefland

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Oktober 2014

Jhumpa Lahiri " Das Tiefland"

521 Seiten

Rowohlt Verlag

22,95 €



Jhumpa Lahiri, indischer Abstammung, wurde in London geboren, wuchs aber in den USA, in Rhode Island auf. Sie erhielt schon etliche wichtige literarische Auszeichnungen, so den Pulitzer Preis, dem PEN/Hemingway Award und den Commonwealth Writers- Prize.


Der Roman erzählt eine generationenübergreifende Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt die Brüder Subhash und Udayan stehen. Sie wachsen in Tollygunge, dem Tiefland, einer Flußniederung in einem Vorort Kalkuttas auf, die beiden sind sich sehr zugetan und als Kinder unzertrennlich.


Später trennen sich ihre Wege: Udayan, der ebenso wie Subhash sehr an Politik interessiert ist, beide sind "links", wendet sich immer mehr einer Gruppe maoistischer Extremisten zu, während sich Subhash immer mehr entfernt davon. Der pflichtbewusste Sohn und Bruder wird später zum Studium in die USA gehen und dort ein eigenes Leben aufbauen. Doch so ganz "eigen" kann es nicht werden, denn die Familie, die Vergangenheit und eine kurzfristige Rückkehr nach Indien bringen ihn zu einer sehr tiefgreifenden und folgenschweren Entscheidung, die sein ganzes weiteres Leben bestimmen wird.


Udayan verliebt sich und heiratet - gegen den Willen seiner Eltern - Gauri, eine Kommilitonin, die ihm auch politisch nahesteht. Seine Radikalisierung wird ihm zum Verhängnis werden. Nach seinem Tod hinterlässt er die schwangere Gauri, die bei ihren Schwiegereltern lebt, die nichts von ihr wissen wollen und ihr das Kind wegnehmen möchten. Subhash entschließt sich dazu, Gauri mit in die USA zu nehmen, einerseits um ihr zu helfen, andererseits als eine letzte Ehrerweisung an seinen Bruder.


Die Tochter Bela wird ihm mehr und mehr zum Lebensmittelpunkt, er, der gar nicht ihr echter Vater ist, lebt mehr und mehr durch seine Vaterrolle, während Gauri sich dem Familienleben immer mehr entfremdet. Die Lebensstränge Subhashs, Gauris und Belas werden kunstvolle miteinander verflochten, man folgt den Geschichten bereitwillig und gern. Glück? Ja, das gibt es auch, aber es ist spärlich gesät, immer bedroht und dadurch umso wertvoller, wenn es doch immer mal wieder auftaucht.


Ich kann gar nicht genau sagen, was mir am allerbesten gefallen hat. Ist es die das ganze Buch wie eine Grundmelodie durchziehende Melancholie, die Lebensgeschichte dieses anständigen intelligenten und wirklich "guten" Mannes Subhash, der nur selten nach seinem Glück sucht, der sein Leben so akzeptiert wie es ist?

Oder ist es noch viel mehr die spannende Geschichte der Naxalitenbewegung über die ich noch nie etwas gehört hatte?

Was weiß man hierzulande eigentlich von diesem riesengroßen weltpolitisch so bedeutsamen Land? Nicht wirklich viel, dass es dort eine eigene Art 68er Bewegung gegeben hatte, war mir beispielsweise völlig unbekannt. Auch die Art wie die offizielle Politik - trotz der ja noch nicht gar so lange erreichten Unabhängigkeit - die Menschen enttäuschte und sie mit ihren großen Problemen alleine ließ, las ich mit großer Spannung.


Oder freue ich mich nicht vor allem über Lahiris klaren, prägnanten und intensiven Stil? Ich kann es nicht genau benennen, aber vielleicht wirkt alles zusammen um diesen Roman für mich zu einem der Highlights des Bücherherbsts 2014 zu machen.

Ein zutiefst beeindruckender Roman, der dem Leser einen faszinierenden Einblick in das politische und gesellschaftliche Leben Indiens der 60er und 70er Jahre gewährt, gleichzeitig eine feinfühlige Migrationsgeschichte sowie erzählt und dabei seine Charaktere überzeugend und lebendig zeichnet.


Ich kann nur hoffen, dass sie mit diesem grandiosen Werk endlich auch bei uns den Erfolg bekommt, den sie verdient.

zum Produkt € 10,99*

Im Schatten der Schwester
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Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Im Schatten der Schwester

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im September 2014

Leider wird hier nur das erste Buch von Frau Dentler angezeigt, das mir zwar auch gut gefallen hat, aber mein aktuelles Buch des Monats ist ihr neues:


Ina Dentler "Zerbrochenes Deutsch - Zweimal Berlin -Haifa" aus demAphorismA Verlag Das Buch kostet. 20.- Euro


Ina Dentler, ausgebildet in Schauspiel, Sozialwesen und in Supervision, leitete viele Jahre lang ein Internat für behinderte Auszubildende. Heute widmet sich die gebürtige Berlinerin in erster Linie dem Schreiben.


Die Familiengeschichte um die es in ihrem neuen Buch geht, spielt sich zwischen Deutschland und Israel, zwischen Berlin und Haifa ab.Anja, eine junge Frau aus Berlin, sieht sich durch einen überraschenden Besuch aus Israelmit einer Vergangenheit konfrontiert, über die sie bisher wenig wusste. Ihre Tante Oshrat und deren Sohn Uri bringen Anjas Leben komplett durcheinander. Einerseits beginnt sie Fragen zu stellen zu ihrer eigenen Familiengeschichte, über den Bezug zum Judentum und welche Rolle die düsterste Epoche der deutschen Geschichte für ihre Familie gespielt hat. Andererseits bahnt sich langsam aber unaufhaltsam eine zarte Liebesgeschichte zwischen Uri und Anja an und sorgt für inneren Aufruhr.


Einen erheblichen Teil des Romans nehmen die erschütternden Tagebuchaufzeichnungen von Anjas Großtante Toni ein, die 1934 zum Judentum konvertierte und mit ihrem jüdischen Ehemann nach Haifa emigrierte. "Zerbrochenes Deutsch. Zweimal Berlin - Haifa" ist die Geschichte einer Liebe des Jahres 1934 in Berlin, eine Geschichte von Vertreibung und Exil, aber auch die Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau von heute, die Pazifistin ist und einem israelischen Kampfpiloten. Auch hier gibt es jede Menge Konfliktpotential.


Der faszinierende Roman geht jedoch weit über diese beiden Liebesgeschichten hinaus.Besonders die Spurensuche in Berlin, Brandenburg und Israel nach unentdeckten Zusammenhängen und diversen Verflechtungen von Familiengeschichten sowie das Aufzeigen historischer und politischer Zusammenhänge wissen zu fesseln.


Ich möchte die Lektüre dieses - übrigens auch von der Gestaltung her sehr schönen - Buches allen Lesehungrigen anraten!


Elvira Hanemann

zum Produkt € 17,00*

Etüden im Schnee
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Etüden im Schnee

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im August 2014

Yoko Tawada

Etüden im Schnee

Konkursbuch Verlag 12,90 €



Im heißen Sommermonat August möchte ich als mein Buch des Monats einen Roman über Eisbären vorstellen.

Yoko Tawada wurde als Tochter eines Buchhändlers 1960 in Tokio geboren. Sie lebt seit 1982 in Deutschland und seit 2006 in Berlin - Friedenau. Die Literaturwissenschaftlerin, die mit vielen internationalen, japanischen und deutschen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, hat zu unserer Freude schon zweimal bei uns in der Buchhandlung gelesen.


Ihre neueste Veröffentlichung kann man als eine Familiengeschichte, als ein Migrationsepos, aber auch als Tier-Mensch-Geschichte, als Ost-West-Roman und gut und gerne auch als hochkomische Literatur lesen. Frau Tawada hat das Buch auf Japanisch geschrieben und anschließend selbst ins Deutsche übersetzt.


Das Leben einer Eisbärengroßmutter, deren Tochter und des Enkelsohns werden auf originelle Weise literarisch begleitet: ihre Zeit im Zirkus, als Artisten und im Zoo wird kritisch, witzig und sehr phantasievoll entlang einer Migrationsgeschichte von der alten Sowjetunion über die DDR bis in den West-Berliner Zoo erzählt.


Es erstaunt nur wenig, dass sich der Enkelsohn als "unser Knut", der Lieblingseisbär nicht nur der Berliner, entpuppt. Wir können hier also quasi einen Entwicklungsroman über Eisbär Knut und seine Vorfahren lesen.


Ein fulminanter Ritt durch die Zeiten vor einem politisch und zeitgeschichtlich interessanten Hintergrund, der Tierrechtsaspekte streift und letztendlich sogar Michael Jackson von den Toten auferstehen lässt um sich mit Knut über die Last, die Medienlieblinge zu ertragen haben, zu unterhalten.


Das hört sich alles absurd an? Mag sein, doch kann ich versichern, dass ich absolut fasziniert von dieser Geschichte war, mich köstlich amüsiert habe und - wie immer bei der Lektüre von Yoko Tawada - voller Bewunderung für ihren kreativen Umgang mit Sprache bin.


Ich kann diesen Roman mit bestem Gewissen jeder/jedem empfehlen, der Spaß an subtilem Witz hat und offen ist für Genre überschreitende Literatur. Genauso kann ich es aber auch jedem, der gute Unterhaltung und eine witzige Sommerlektüre sucht, ans Herz legen.


Lassen Sie sich einfach überraschen!


Elvira Hanemann

zum Produkt € 12,90*

Die Berlinreise
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Berlinreise

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juli 2014

Hanns-Josef Ortheil "Die Berlinreise"

Luchterhand Verlag 16,99 €


Hanns-Josef Ortheil geboren 1951 in Köln, ist Germanist, Drehbuchautor und Schriftsteller. Sein größter literarischer Erfolg ist der autobiografische Roman "Die Erfindung des Lebens".


Bei dem neu erschienene Band "Die Berlinreise" handelt es sich um ein Reisetagebuch, das Ortheil als 12-jähriger geschrieben hatte. 1964 fuhr er mit seinem Vater ins Nachkriegsberlin. Der Vater, der früher mit seiner Frau in Berlin lebte, hatte sich aber bislang wegen schlimmer Erinnerungen an die Kriegszeit gescheut Berlin zu besuchen.


Ortheil hat diese Reisenotizen im Nachhinein nicht bearbeitet, sondern hat sie so, wie er es damals als Kind geschrieben hatte, stehen lassen.


Anfangs empfand ich das als sonderbar, denn der Ton ist sehr einfach und schlicht gehalten. Je weiter ich jedoch las, desto klüger finde ich die Entscheidung des Schriftstellers, nichts zu ändern.


Die Unverfälschtheit der Eintragungen erzeugt einen authentisch wirkenden Einblick in diese Zeit, als Berlin noch unheimlich stolz auf Errungenschaften wie den Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche oder das Hansa-Viertel war und sich selbst gerne feierte, sei es mit Berliner Maibowle oder guter Erbsensuppe bei Aschinger.


Der "Bub", wie er sich selbst in den vielen Postkarten an seine in Köln gebliebene Mutter nennt, hat einen ganz genauen Blick auf Menschen, Orte und Ereignisse. Das wirkt nur im ersten Moment naiv, verblüfft dann aber umso mehr durch seine treffsicheren und tiefen Einsichten.


Hoch interessant finde ich auch wie unterschiedlich der Junge Ost- und West-Berlin wahrgenommen hatte!


Man erlebt als Leser eine wunderbare Vater - Sohn Beziehung mit, erfreut sich an den Beschreibungen des alten Berlins (Friedenau, das als verträumtes Idyll erscheint, kommt auch nicht zu kurz) und fühlt sich auf der ganzen Strecke bestens unterhalten.


Ein kleines, gleichzeitig großes Buch!


Elvira Hanemann

zum Produkt € 10,00*

Americanah
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Americanah

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juni 2014

Chimamanda Ngozi Adichie "Americanah"

Übersetzerin: Annette Grube Fischer Verlag 24,99 Euro

Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren, begann dort zu studieren und schloss in den USA ihr Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaften ab. Heute lebt sie in Nigeria und den USA.


Zum Inhalt:

Ifemelu lebt in den USA, ist eine bekannte Bloggerin und ist liiert mit einem gut situierten linksintellektuellen schwarzen Amerikaner. Sie hat sich in den Staaten gut eingelebt. Doch sie beschließt, alle Brücken hinter sich abzubrechen und zurück nach Afrika zu gehen. Das ist die Ausgangssituation, im weiteren Verlauf des Romans wird uns Ifemelus Leben bis zu diesem Punkt erzählt. Wenn der chronologische Ablauf in der Jetztzeit angekommen ist, werden wir auch noch mit ihr nach Afrika zurückgehen und sehen, ob sich ihre Erwartungen und Hoffnungen dort erfüllen werden.

Ifemelu kommt aus einer einfachen Familie, ihre Eltern sind borniert und konservativ. Als Ifemelu sich in Obinze verliebt, lernt sie in dessen Elternhaus ein anderes, offeneres und intellektuelleres Leben kennen und schätzen. Obinze und Ifemelu lieben sich sehr, sie sind glücklich miteinander. Doch dann bietet sich für Ifemelu die Chance, in die USA zu gehen um dort zu studieren. Diese Chance kann sie sich nicht entgehen lassen, auch Obinze unterstützt sie darin.

Die erste Zeit in den Staaten entwickelt sich allerdings als so viel schwieriger als erwartet: kein Geld, nur eine Art Halblegalität und Wohnen in beengten Löchern. Die Verzweiflung wird immer größer und dann lässt sich Ifemelu zu etwas hinreißen, was ihr zwar ein wenig Geld einbringt, sie aber innerlich so beschädigt, dass sie in tiefe Depression verfällt. Sie bricht den Kontakt mit Obinze ab, der keine Ahnung hat, was los ist, doch sie schafft es nicht, mit ihm zu sprechen.


Man könnte meinen, es handle sich in erster Linie um eine Art Liebesroman, nach dem Motto: "femelu und ihre Männer". Doch nichts könnte falscher sein als dieser Eindruck.

Ifemelu hatte irgendwann begonnen zu bloggen, in dem sie Erfahrungen einer nichtamerikanischen Schwarzen in den USA beschreibt. Große Teile des Buches bestehen aus diesem Blog, der hochinteressante Alltagserlebnisse hinterfragt. Das Verhältnis von afrikanischen und amerikanischen Schwarzen zueinander, Rassismuserfahrungen in den unterschiedlichsten Abstufungen, die Erlebniswelt von schwarzen Frauen, das Leben unter linksliberalen gemischtrassigen Amerikanern, die in der Wahl Obamas d i e große Hoffnung auf Veränderung sehen und vieles andere mehr.

Ifemelus Blog wird so erfolgreich, dass sie an Unis Vorlesungen darüber hält und intellektuell immer selbstbewusster wird. Als sie beschließt nach Nigeria zurück zukehren, werden auch hier ihre Erfahrungen mit den unterschiedlichen Lebenswelten, detailliert und präzise erzählt. Hat sich Nigeria so verändert oder ist es Ifemelu selbst?

Den Genremix zwischen Liebesgeschichte, der Geschichte von Fremdheit in einem anderen Land, einer soziologischen Studie und den Blogeinträgen fand ich stilistisch sehr gelungen. Achidie verarbeitet nahezu alles, was ihren Erfahrungshorizont streift, intellektuell.

Ein kluges und hochinteressantes Buch!

zum Produkt € 10,00*

Vielleicht Esther
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Vielleicht Esther

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Mai 2014

Katja Petrowskaja

"Vielleicht Esther"

Suhrkamp Verlag

19.95 Euro


Die Autorin wurde 1970 in Kiew geboren, studierte Literaturwissenschaft (in Estland und in Moskau) und lebt seit 1999 in Berlin.

Für einen Auszug aus diesem Roman erhielt sie 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Mit "Vielleicht Esther" stand sie auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse 2014. Für mich war sie die eindeutige Favoritin.


Katja Petrowskaja schreibt die Geschichte ihrer jüdischen Familie auf. Sie recherchiert, forscht im Internet, befragt verstreut lebende Verwandte, sie besucht Orte, sie erinnert sich.


Daraus entsteht kein geradlinig erzählter Familienroman, kein weitverzweigtes Epos und auch kein sachlicher Tatsachenroman, sondern eine ungewöhnlich facettenreiche Fülle von Geschichten, historischen Tatsachen, Reflexionen und Gefühlen.


In ihrer Familie fanden sich Attentäter und Revolutionäre, vor allem aber immer wieder Lehrer für Taubstumme.

Die Urgroßmutter, deren Name "Esther" noch nicht einmal ganz sicher ist, wurde 1941 in Babi Jar von deutschen Soldaten erschossen - noch bevor sie dem Aufruf der Nazis folgen konnte, zum Sammelort zu gehen. Wäre sie dahin gegangen, wäre sie gemeinsam mit anderen 30.000 Juden getötet worden.

Auf eine literarisch ganz und gar großartige Weise - im leichten Wechsel zwischen Tiefgründigkeit, Ironie und im Gedächtnis haften bleibenden Bildern - nimmt sie uns Leser mit auf ihre Spurensuche. Der Leser wird emotional tief berührt - gerade durch die unsentimentale Erzählweise.

Ihre liebevolle und meisterhafte Aneignung der deutschen Sprache, der "stummen" Sprache (deutsch und stumm ist das gleiche Wort in den slawischen Sprachen), hat mich mit tiefem Respekt erfüllt.

Wir dürfen alle gespannt darauf sein, was von dieser Schriftstellerin noch folgen wird -denn Katja Petrowskaja schreibt große Literatur!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 10,00*

Am Ufer
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Am Ufer

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im April 2014

Rafael Chirbes "Am Ufer"


Kunstmann Verlag


Übersetzerin: Dagmar Plötz


24,95 Euro


Rafael Chirbes wurde 1949 in der Nähe von Valencia geboren. Heute lebt er in Beniarbeig/Alicante.



In seinen Romanen wie "Der Fall von Madrid", "Der lange Marsch" oder "Der Schuss des Jägers" beschreibt er die spanische Gesellschaft während der Franco Zeit.


In seinem letzten Roman "Das Krematorium" bewegte er sich in Richtung Jetztzeit, er handelt von den gesellschaftlichen Veränderungen, die durch den Tourismusboom an den spanischen Küsten entstanden ist.


In all seinen Büchern zeigt Chirbes sich als ein politisch bewusster und sozialkritischer Autor. Er gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen spanischen Autoren, für "Krematorium" erhielt er den Premio Nacional de la Critica.


Zum Inhalt:


Esteban ist siebzig Jahre alt und Tischler, sein Handwerksbetrieb steht vor der Pleite und er muss seine zum Teil langjährigen Angestellten entlassen.


Während er abends in der Kneipe sitzt und Karten spielt, erinnert er sein Leben. An seine erste "und einzige Liebe" die er an seinen besten Freund verlor, an seine kurze wilde Zeit als Jugendlicher und an die langen Jahre, die er mit seinem Vater gemeinsam verbrachte. Erstaunt stellt er fest, dass er den größten Teil seines Lebens mit diesem Mann, mit dem er sich nicht einmal besonders versteht gelebt hat: im gleichen Haus und in der gleichen Tischlerei.


Esteban zieht Bilanz: aus seinen Träumen ist nichts geworden und selbst in seinem Beruf sieht er sich selbst nur als mittelmäßig an. Die Firma ist insolvent, die Freunde sind ihm sehr fern und "Liebe" gibt es nur noch in Form von seltenen Besuchen bei Prostituierten. Die Pflegerin seines Vaters, der er sich väterlich verbunden fühlt, zieht sich nach seinem finanziellen Ruin ebenfalls zurück.


Auch wenn Estebans Niedergang als ein sehr persönlicher erzählt wird, kann und muss man diesen Roman doch auch als einen Abgesang auf Spanien lesen. Die Wirtschaftskrise, die ganze Landstriche veröden lässt und die eine Unmenge Menschen in die Armut stürzt, ist quasi ein Hauptprotagonist des Buches.


Chirbes gelingt die großartige Kombination einer sehr berührenden privaten Lebensgeschichte und einer viel weiter greifenden subtilen Kapitalismuskritik.


Mit seiner aussagekräftigen, durchaus nicht zimperlichen, aber sich immer auf hohem Niveau bewegender Sprache zeigt der Autor sein großes literarisches Talent.


Ein zwar bereits berühmter Autor, dem ich aber ein viel größeres Lesepublikum in Deutschland wünsche!



Elvira Hanemann

zum Produkt € 10,99*

Secondhand-Zeit
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Secondhand-Zeit

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im März 2014

Swetlana Alexijewitsch "Secondhand - Zeit" Untertitel: Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Übersetzer: Ganna-Maria Braungardt Hanser Verlag 27,90 €


Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 in der Ukraine geboren. Nach einem Journalistikstudium in Minsk war sie für verschiedene Zeitungen tätig. Wegen ihrer oppositionellen Haltung hatte sie immer wieder große Probleme mit der Zensur, sie stand unter Anklage wegen Beschmutzung der Ehre des Vaterlands und ihr wurden öffentliche Auftritte untersagt. Dennoch ging sie im Jahr 2011nach längeren Aufenthalten in Europa und den USA wieder nach Minsk zurück. Für die 2013 erschienene "Secondhand- Zeit" erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.


Der Titel des Buchs erklärt sich aus Alexijewitschs Vorstellung, dass die postsowjetische Zeit eine Zeit der "gebrauchten" Ideen ist, dass nicht viel Neues oder Kreatives entstanden ist.


Alexijewitsch widmet dieses Buch den vielen Bürgern der ehemaligen Sowjetunion. In unzähligen Interviews und Gesprächen stellt sie die unterschiedlichsten Menschen, den sprichwörtlichen "kleinen Mann", alte Kommunisten, aber auch die Neureichen, die Wendegewinnler, Parteisekretäre und tadschikische Gastarbeiter vor. Man hat den Eindruck, dass aus praktisch jeder Gesellschaftschicht alle zu Wort kommen. Dieser groß angelegte Chor an Stimmen erhellt nicht nur unser Russlandbild und bildet den Leser politisch weiter, sondern es ergreift auch tief menschlich.


Die große Enttäuschung von Alten, die sich der Idee des Kommunismus verbunden fühlten über die Gorbatschow und Post-Gorbatschow Zeit wird ebenso erfahrbar wie auch der unheimliche Zwang und die Unterdrückung in der alten Sowjetunion. Junge Menschen, die heute leben, haben wiederum andere Probleme wie Armut, große Chancenungleichheit und wenig politische Freiheit.


Zitat aus ihrer Rede zur Preisverleihung

"Ich habe fünf Bücher geschrieben, doch im Grunde schreibe ich nun seit fast vierzig Jahren an einem einzigen Buch. An einer russisch-sowjetischen Chronik: Revolution, Gulag, Krieg " Tschernobyl" der Untergang des »roten Imperiums« ... Ich folgte der Sowjetzeit. Hinter uns liegen ein Meer von Blut und ein gewaltiges Brudergrab. In meinen Büchern erzählt der »kleine Mensch« von sich. Das Sandkorn der Geschichte. Er wird nie gefragt, er verschwindet spurlos, er nimmt seine Geheimnisse mit ins Grab. Ich gehe zu denen, die keine Stimme haben. Ich höre ihnen zu, höre sie an, belausche sie. Die Straße ist für mich ein Chor, eine Sinfonie. Es ist unendlich schade, wie vieles ins Nichts gesagt, geflüstert, geschrien wird. Nur einen kurzen Augenblick lang existiert. Im Menschen und im menschlichen Leben gibt es vieles, worüber die Kunst nicht nur noch nie gesprochen hat, sondern wovon sie auch nichts ahnt. Das alles blitzt nur kurz auf und verschwindet, und heute verschwindet es besonders schnell. Unser Leben ist sehr schnell geworden. Flaubert sagte von sich, er sei »ein Mensch der Feder«, ich kann von mir sagen: Ich bin ein Mensch des Ohres."


Man mag an diesem kurzen Redeausschnitt schon bemerkt haben, mit welch gewaltiger Sprache Swetlana Alexijewitsch schreibt. Auch ihre Interviews sind nicht schablonenhaft vorgeformt, sondern sie lässt ihren Gesprächspartnern Raum und Zeit, sich so auszudrücken, wie es ihnen gemäß ist.


Nach der Lektüre jedenfalls ist ein großes Verständnis entstanden, aber leider auch ein Gefühl des Pessimismus.


Ein tief beeindruckendes und bewegendes Buch!



Elvira Hanemann

zum Produkt € 11,99*

Aus dem Berliner Journal
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Aus dem Berliner Journal

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Februar 2014

Max Frisch "Aus dem Berliner Journal"

Suhrkamp Verlag

20 €

Max Frisch hatte selbst verfügt, dass seine Berliner Tagebuchnotizen erst 20 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden dürfen. Nun hat es noch 2 Jahre länger gedauert bis diese Texte dem Leser zugänglich gemacht wurden. Zwar sind nicht alle Notizen veröffentlicht worden, doch das was in dem 235 Seiten umfassenden Band steht, ist allemal lesenswert.

Da es sich um die Zeit (1973 - 1980) handelt, in der Frisch in der Sarrazinstraße wohnte, wird das Buch für Friedenauer gleich noch interessanter.

In der Akademie der Künste haben mein Mann und ich als Ausstellungsbesucher bereits 2012 einige wenige Texte daraus - hinter Glas! - lesen dürfen, unser Interesse war damals schon geweckt worden.

Neben kurzen Zitaten wie "Gestern mit Uwe und Elisabeth Johnson in einem italienischen Restaurant hier in Friedenau. Es stimmt nicht, dass im Alter keine neue Freundschaft mehr entstehe." oder "Berlin ohne eine einzige Zeitung von Rang" stehen längere Abschnitte in denen er über Literatur, über Politik und Gesellschaft, seine Gesundheit und über Menschen mit denen er näher zu tun hatte reflektiert.

Weniger als die Hälfte seiner Notizen werden in dem Buch veröffentlicht, der Rest ist ¿laut Verlag - entweder nicht bedeutsam oder verletzt Persönlichkeitsrechte. Man mag es bedauern, dass nicht alles gelesen werden kann, doch kann man in dieser schlanken Form jedenfalls sicher sein, dass kein Wort zu viel gedruckt ist. Und: Persönlichkeitsrechte sind ein hohes Gut, sie zu respektieren ebenfalls.


Die Buchhändlerin empfiehli im Februar 2014

Wie immer bei Max Frisch erfreut man sich an seiner geistreichen und gut formulierten Prosa die nie langweilig wird, auch wenn es mal nur darum geht, dass er bei Familie Grass Nieren gegessen hat.

Der Band ist eine lange erwartete und ausgezeichnete Ergänzung zu Frischs Tagebüchern, ich spreche gerne eine klare Leseempfehlung dafür aus!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 10,00*

Am zwölften Tag
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Am zwölften Tag

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Januar 2014

Denglers Sohn Jakob ist verschwunden, die Suche nach ihm führt den Ex-BKA Mitarbeiter bei seinem 7. Fall in eine Welt, mit der er sich nie beschäftigt hatte.


So hatte er auch keine Ahnung, dass Jakob einer Tierrechte - Gruppe angehört. Hauptschauplatz ist ein Bauernhof, der sich auf Putenzucht spezialisiert hat. Die Besitzer sind ein paar Tage im Urlaub, der Hof gerät zwischenzeitlich unter fremde Kontrolle - rumänische Mafia, Rockerbanden - alles drin, nur eben keine Bauern.Nun ist dies auch der Ort, an dem Jakob und seine Freunde Laura, Simon und Cem die Zustände in dem Geflügelhof filmen wollten, doch jemand hat sie verraten, jedenfalls finden sich alle eingesperrt und bedroht von finsteren Gesellen.


Dass Tierrechte und Menschenrechte miteinander zu tun haben, wird gut gezeigt durch das Licht, das Schorlau auf die Arbeitsbedingungen der 2armen Schweine2 die in Massentierhaltungsanlagen das Töten übernehmen, wirft. Viele spannende Handlungsstränge vernetzen sich zu einer rasanten Story, bei der es nur vordergründig um die bange Frage 2wer wird was wie überleben?" geht.


Es kommt zu einem furiosen Showdown auf besagtem Bauernhof, ein Showdown das einen auf die Finger beißen und den Atem anhalten lässt. Der Autor arbeitet sehr gekonnt mit spannungssteigernden Cliffhangern und kurzen Kapiteln. Da es aber immer wieder Stellengibt, etwa wenn es um die Machenschaften der Tiermafia geht, um die Motive der Jugendlichen und um objektive Hintergrundinformationen über den Zusammenhang von Massentierhaltung, Umweltschäden und der Entrechtung von Arbeitern, merkt man als Leser, dass schnelles Überfliegen des Romans ein Fehler wäre.


Schorlau trägt der Ernsthaftigkeit des Problems Rechnung, er informiert gründlich und überzeugend. Doch was wäre das alles wert, wenn er daraus einen faden Roman gebastelt hätte? Hat er aber nicht: wenn dieses Buch etwas ist, dann ist es vor allem das: extrem spannend!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 9,99*

Die Analphabetin, die rechnen konnte
empfohlen von:

Die Analphabetin, die rechnen konnte

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Dezember 2013

Jonas Jonasson: "Die Analphabetin die rechnen konnte"


Übersetzerin: Wiebke Kuhn


Verlag: carls books


19,99 Euro



Der 1961 in Växjö geborene Jonas Jonasson ist Journalist und Schriftsteller. Nach einem so durchschlagenden Erfolg wie "Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand" kann man als Autor das zweite Buch ja eigentlich nur vermasseln. Oder etwa doch nicht?

Zu meiner großen Freude vermasselt der Schwede Jonasson seinen Zweitling absolut nicht, sondern legt im Gegenteil einen rasanten, witzigen und abenteuerlichen Unterhaltungsroman hin.

Nombeko, eine junge Südafrikanerin, Vater unbekannt, Mutter drogensüchtig, Analphabetin, von Beruf Klofrau, gerät durch einen Zufall in den Besitz einer Atombombe, mit der sie dann nach Schweden flieht, sich dort in Holger 2 (der noch einen Zwillingsbruder namens Holger 1 hat) verliebt und mit diesem gemeinsam mehrere Jahre lang versucht, die vermaledeite Bombe auf elegante Weise wieder los zu werden. Doch sowohl der Mossad, wie auch China haben da noch ein Wörtchen mitzureden. Der schwedische König hingegen mag einfach nie zuhören, wenn man ihm etwas erzählen möchte...

Ganz nebenbei bemüht Nembeko sich, noch zu studieren, viele Sprachen zu lernen, legal zu werden, ein Kind zu bekommen und sich mit möglichst "normalen" Leuten zu umgeben. Einige ihrer Ziele wird sie erreichen, andere - das mit den normalen Leuten beispielsweise - nicht.

Klingt zu absurd und abgefahren, zu unrealistisch? Vollkommen richtig!

Es handelt sich hier weder um eine realitätsnahe Darstellung noch um hohe Literatur, sondern um einen fantasievollen, extrem lustigen Abenteuerroman mit herzerwärmend sympathischen Protagonisten. Wenn man nebenbei auch einiges über südafrikanische und schwedische Geschichte und über die Absurdität der unterschiedlichsten Ismen erfährt, ist das sicher kein Schaden.

Mit seinem trockenen Humor, seinen aberwitzigen Volten und schrägem Charme macht das Buch einfach gute Laune - und das sogar an nasskalten dunklen Tagen wie jetzt!


"Die Buchhändlerin" Elvira Hanemann

zum Produkt € 19,99*

Honig
empfohlen von:

Honig

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im November 2013

Ian McEwan:
"Honig"


Übersetzer: Werner Schmitz

Diogenes Verlag


22,90 €



Ian McEwan wurde 1948 in Aldershot geboren und lebt heute in London. Er ist einer der bekanntesten britischen Autoren, Träger vieler Auszeichnungen, darunter des Booker- Preises.


Der Roman spielt im London der 70erJahre. Serena, begeisterte Leseratte, wird nach einem Mathestudium in Cambridge von ihrem älteren Liebhaber und Dozenten beim britischen Geheimdienst untergebracht.


Mit der Operation Honig kommt ihre große Chance, ihre literarischen Kenntnisse mit ihren romantischen Vorstellungen vom Agentenleben zu kombinieren. ¿Honig¿ versucht, Schriftsteller und Intellektuelle zu fördern, die die ¿richtige¿ politische Einstellung haben, sie soll eines dieser jungen Talente betreuen.


Serena wird auf Tom Haley angesetzt ¿ und es kommt wie es kommen muss: die beiden verlieben sich ineinander. Anfangs konnte ihm Serena nicht die Wahrheit sagen und später ging es nicht mehr, weil sie sicher war, er würde sofort mit ihr Schluss machen, wenn er von ihrer Bespitzelung erfuhr. Also schwieg sie und hoffte auf das Beste.


Neben diesem Hauptstrang, der komplizierten Liebesgeschichte, werden noch weitere interessante Nebenschauplätze beleuchtet, etwa die Familiengeschichte Serenas, deren Vater anglikanischer Bischof ist und ihrer abtrünnigen kiffenden jüngeren Hippie-Schwester. Oder die Schwierigkeiten, die eine Freundschaft unter jungen Agentinnen mit sich bringt, wenn man nie weiß, wer wem jetzt in welchen Auftrag nachspioniert.



Erwähnenswert sind die "Geschichten in der Geschichte", denn Toms Erzählungen werden von Serena gekonnt wieder gegeben und sind so skurril und spannend, dass man als Leserin bedauert, sie nicht in voller Länge lesen zu dürfen.

Ian McEwans subtiler, unterkühlter britischer Humor macht das Buch zu einem einzigen Lesevergnügen! Die raffinierte Konstruktion des Romans ist ganz besonders zu loben, vor allem das kluge Ende. Ich finde auch die Art, wie er über Sex schreibt bewundernswert: direkt, ehrlich, witzig, ohne je peinlich zu werden - großartig!


Ich bin sicher, dass "Honig" ein Erfolg wird, ich könnte mir auch gut eine Verfilmung vorstellen.


Geistreiche und spannende Unterhaltung auf hohem Niveau!


Elvira Hanemann

zum Produkt € 13,00*

Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst
empfohlen von:

Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Oktober 2013

Shani Boianjiu wurde 1987 in Jerusalem geboren. Als Kind lebte sie in einem Dorf an der libanesischen Grenze in Westgaliläa. Nach ihrem 2-jährigen israelischen Wehrdienst studierte sie Harvard.

Drei Freundinnen aus einem Dorf nahe der libanesischen Grenze sind die Hauptpersonen des Romans. Yael, Lea und Avishag kennen sich von Kind auf, ihre Freundschaft zueinander ist einem recht herben Wechsel ausgesetzt. Das Augenmerk liegt stark auf der Wehrdienstzeit, den die jungen Frauen nicht zusammen verbringen, jede erlebt die Militärzeit vollkommen anders. Einsam fühlen sie sich allerdings alle. Ihre Strategien gegen das Gefühl der Langeweile, der Vergeblichkeit ihres Tuns, der Frage nach dem Sinn des Soldatendaseins und des Heimwehs fallen unterschiedlich aus: Sex ist immer eine gute Möglichkeit, aber auch das Errichten von Traumwelten oder ein gesteigertes Interesse an Waffen.Lea schiebt Wache an einem Grenzposten, sie kontrolliert Palästinenser. Die Willkür, mit der die Kontrollen ausgeführt werden, bekommt man beinahe wie nebenbei erzählt. Wie diese Arbeit einerseits nur durch Tagträumereien auszuhalten ist, wie sie andererseits extrem gefährlich ist, wird durch eine der markantesten Szenen des Romans illustriert.

Angst, Trauer, Depression auf der einen Seite, auf der anderen exzessives Ausleben der Gefühle - das ist ja nicht untypisch für junge Menschen, doch das Leben als junge Soldatinnen in einem Land, das sich als permanent gefährdet sieht und es objektiv auch ist unterscheidet sich doch wesentlich von dem Leben weiblicher Teenager in anderen Ländern. Terror, Geiselnahmen, gefallene Brüder, getötete Geliebte, das Leben hart an der Grenze des Erträglichen findet hier Platz neben Gedanken daran, wie man am besten mit dem Freund zu Hause Schluss macht, mit Erinnerungen an banale Schulprobleme, mit Erinnerungen an Partys und der Frage wie es weitergehen soll mit dem Leben überhaupt. Wie kann ein selbst bestimmtes Erwachsenwerden aussehen in einem Land, das immer in einem gefühlten oder echten Kriegszustand ist? Wie tief können Gefühle gehen, wenn man sich doch eher innerlich abstumpfen sollte um nicht ganz kaputt zu gehen?

Shani Boianjiu hat einen ungewöhnlichen Stil, der zwischen harten und schockierenden Betrachtungen der Umwelt und sehr eindringlicher und packender Sensibilität pendelt. Das Ganze wird gewürzt mit Stellen voll trockenem Witz, der dann aber ganz schnell zu einer Art schwarzen Humor tendiert. Die abgebrühte Lakonie verstörte mich beim Lesen immer wieder, die Distanziertheit, die Coolness der Mädchen, die ja vom Alter her noch fast Kinder sind, erwischt einen kalt.Ein echtes Highlight dieses Bücherherbstes!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 9,99*

Besser
empfohlen von:

Besser

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im September 2013

Seit 2005 erscheint im "Kurier"die Kolumne"Jetzt erst Knecht". Mit ihrem Romandebüt "Gruber geht" 2011 kam sie auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis. Einige kürzere Bücher hatte sie vorher schon in verschiedenen Verlagen veröffentlicht. Antonia ist eine junge Frau, die mit ihrem Leben nicht nur zufrieden sein könnte, sondern die es meistens auch ist. Sie, aus einer ganz anderen Gesellschaftsschicht kommend, hat mit Adam, ihrem Ehemann und dem Vater ihrer beiden kleinen Kinder einen wirklich "guten Fang" gemacht. Adam ist nicht nur wohlhabend (oder reich? Wo genau ist da die Grenze zu ziehen?) und großzügig zu ihr und ermöglicht ihr ein finanziell sorgenfreies Leben, sondern er ist auch noch freundlich, klug, ein guter Vater - und er liebt sie. Antonia, die sich zwar innerlich nie ganz zugehörig fühlt zur Wiener "Bobo"- Szene (Bourgeois Bohemiens) zu diesen arrivierten Ex-Hipstern, ist Adam dennoch unendlich dankbar, dass er sie aus ihrem früheren Leben regelrecht gerettet hat. Sie versucht alles, ihren beiden Kindern, von denen gerade der Sohn etwas schwierig ist, eine gute Mutter zu sein, sie mag ihren Mann, dennoch hat sie oft das Gefühl, ihn hereingelegt zu haben, weil sie ihm von Anfang an immer etwas vorgespielt hat und das immer noch tut. Die Tatsache, dass Antonia einen Liebhaber hat, von dem nur ihre Schwester Astrid und ihr bester Freund Moritz etwas wissen, belastet ihr Gewissen zwar auch, aber eher ist es ihre Vorgabe, eine andere zu spielen als sie wirklich ist. Die Künstlerin in ihrem Atelier, das ihr Adam gekauft hatte, die fürsorgliche Mutter, die Gastgeberin - das ist die eine Seite, doch die andere, die sich aus ihrer Vergangenheit speist, blitzt immer nur in Momenten auf. Eine Alkoholkranke Mutter, eine große Schwester, die sie hasst und verleugnet, Drogensucht und ein Mann mit einer Narbe am Hals ¿ diese Stichworte beschreiben eine dunkle Vergangenheit, die sich immer wieder in die doch eigentlich helle Gegenwart drängen. Erst als die Gegenwart sich ebenfalls verdunkelt, als in ihrem Haus eine schreckliche Gewalttat begangen wird - an der sie sich indirekt schuldig fühlt - kommt es zu einer Konfrontation, zu einer Klärung. Ein etwas überraschendes Ende setzt dann noch einmal einen interessanten Kontrapunkt zu dem Happy End, das sich vorher vage abzeichnete. Doris Knecht schreibt in einem knappen Stil, mit ironisch zugespitzten Dialogen, vielen Gedanken und inneren Monologen, eine Sprache, die sich durchaus traut, nicht einfach chronologisch eine Story hintereinander weg zu erzählen. Ich kannte die Autorin vorher nicht, aber sie ist in Österreich eine bekannte Kolumnistin, ihre Glossen ¿Alles was Knecht ist¿ scheinen einen hohen Beliebtheitsgrad zu haben. Auch hatte sie mit ihrem Vorgängerroman ¿Gruber geht¿ einen Achtungserfolg erzielt. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie eine exzellente Kolumnistin ist, denn sie schreibt scharfzüngig, bissig, dann wieder emotional und alles andere als belanglos. Mir jedenfalls gefällt ihr abwechslungsreicher und locker zu lesender Stil, der dennoch immer wieder zum Innehalten und Nachdenken anregt, sehr gut. Als ich das Buch -ohne großes Vorwissen- begann, war mir nach wenigen Seiten klar, dass ich es mochte, dass es eines der Bücher wird, die ich auch schnell durchlesen möchte. Stellenweise begeisterte es mich sogar richtiggehend. Knechts Art souverän abzuwechseln zwischen amüsanten Beschreibungen von Antonias Mitmenschen, die sie von einer distanzierten Warte aus regelrecht zerlegt und dann wieder dem depressiven Graben in ihrer dunklen Vergangenheit -das hat was! Ich fand es auch spannend, heraus zu finden, was eigentlich mit der Protagonistin früher los war, die Andeutungen die in Richtung Heroin, Gewalt und Kriminalität gehen, reizten zum Weiterlesen. Am stärksten fand ich den Roman an den Stellen, an denen Knecht ausbricht aus ihrer amüsanten Ironie und die "Bobos", die ja zum Teil ihre Freunde sind, als echte Menschen mit echten Schicksalen beschreibt.

zum Produkt € 9,99*

Gleis 4
empfohlen von:

Gleis 4

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im August 2013

Franz Hohler "Gleis 4"


Luchterhand Verlag


17,99 €



Der große alte Mann der Schweizer Literatur hat nach seinen Erzählungsband "Der Stein", aus dem er 2011 bei uns in der Buchhandlung gelesen hatte, nun wieder einen Roman herausgebracht.


Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren, er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes.

In "Gleis 4" erzählt er eine Geschichte, die einen von Anfang an fesselt und deren Verzweigungen eine weithin unbekannte Facette der Schweiz zeigt.


Ganz harmlos fängt es damit an, dass Isabelle, eine Altenpflegerin, die sich sehr auf ihren wohlverdienten Urlaub freut mit ihrem schweren Koffer am Bahnhof steht. Ein freundlicher älterer Herr bietet ihr an, den Koffer für Sie die Treppe hinauf zu tragen.

Gerne akzeptiert Isabelle diese Hilfe, doch am Bahnsteig angekommen, kippt der Mann einfach um und bleibt liegen. Herzinfarkt!

Isabelle, von einem schlechten Gewissen geplagt (vielleicht war ihr Koffer doch zu schwer?), sagt ihren Urlaub ab und nimmt Kontakt mit der Witwe auf, die in Kanada lebt und nun kurzfristig zu Isabelle zieht. Martin Blancpain, so hieß der Tote, war ursprünglich Schweizer, doch er hatte mit seiner Frau sehr wenig über seine Kindheit und Jugend gesprochen.


Nach und nach findet Isabelle mit Hilfe ihrer Tochter und der Witwe Blancpains einiges über seine Vergangenheit heraus und stößt auf eine erschütternde Familiengeschichte.


Wie der Schweizer Staat willkürlich armen Familien ihre Kinder entzogen hatte, wie wenig sie sich dagegen wehren konnten und welche Auswirkungen das manchmal hatte - ich nenne als Stichwort "Verdingkind" - und bis heute noch hat, das zeigt dieser Roman sehr eindringlich.

Auch die heutige Schweiz ist nicht unbedingt nur ein Hort von Volksdemokratie, Wohlstand und Toleranz, Isabelles Tochter, deren Vater ein Afrikaner ist, kann auch davon ein Lied singen.


Nun ist Franz Hohler kein typischer "Nestbeschmutzer", aber in dieser sehr leicht zu lesenden und locker geschriebenen Familiengeschichte wirft er ein Schlaglicht auf eine bisher unbeleuchtete Seite des Landes.

Sehr spannend, mit vielen zum Teil sehr unerwarteten Wendungen, zieht Hohler uns Leser seinen Bann und erfreut mit einer richtig guten Story und seiner eleganten leichten Sprache.


Ich hoffe, dass uns Franz Hohler noch lange erhalten bleibt!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 9,99*

Alle Toten fliegen hoch
empfohlen von:

Alle Toten fliegen hoch

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juli 2013

Joachim Meyerhoff , Alle Toten fliegen hoch - Amerika

Kiepenheuer und Witsch Verlag 9,99 €

Joachim Meyerhoff wurde 1967 in Homburg geboren, er ist Regisseur, Schauspieler (am Wiener Burgtheater) und nun auch Schriftsteller. In seinem Romandebüt, das als Trilogie angelegt ist, geht es um einen Jungen aus der Provinz, der in die große weite Welt aufbricht. Etwas prosaischer gesagt: ein 17-jähriger der sich für ein Austauschjahr in den USA bewirbt. Er landet in einem kleinen Kaff in Wyoming, bei einer recht netten Familie, deren jüngster Sohn im allerdings das Leben sehr schwer macht. Zwischen dem Bemühen, in die Basketballmannschaft aufgenommen zu werden, ein Date mit Maureen, dem Mädchen mit der Betonfrisur zu bekommen, Annäherungsversuchen an ein sich sträubendes Pferd und einem Besuch in dem Todestrakt eines Gefängnisses spielen sich jede Menge absurde, witzige, skurrile und auch stinknormale Episoden ab. Unterbrochen wird das Auslandsjahr durch ein entsetzliches Unglück: sein Bruder ist durch einen Unfall ums Leben gekommen, Joachim entschließt sich dennoch, nach der Beerdigung wieder in die USA zurückzukehren und genießt trotz der großen Trauer seine restliche Zeit dort. Ich habe das Buch unheimlich gerne gelesen und freue mich sehr auf die kürzlich im Hardcover erschienene Fortsetzung "Wann wird es endlich wieder so wie es nie war". Ein wie locker dahin geschrieben wirkender, dabei aber stellenweise sehr bewegender Entwicklungsroman, der mich häufig zum Lachen reizte. Meyerhoff ist ein prima Geschichtenerzähler, er amüsiert und unterhält ohne oberflächlich zu sein. Wer "Tschick" mochte, wird "Alle Toten fliegen hoch" lieben!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 10,99*

Das Verschwinden des Philip S.
empfohlen von:

Das Verschwinden des Philip S.

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juni 2013

Ulrike Edschmid wurde 1940 in Berlin geboren und wuchs in der Rhön auf.

Nach einem Studium der Pädagogik und Literaturwissenschaft ging sie in Berlin an die Deutsche Film- und Fernsehakademie. Seit 1977 publiziert sie und veröffentlichte einige Biographien, Sachbücher und Romane.In ihrem kürzlich erschienenen Roman "Das Verschwinden des Philip S." wird sie autobiographisch. Der Schweizer Filmemacher Philip Werner Sauber war ihr Lebensgefährte, sie lernten sich auf der Filmakademie kennen und lieben. Beide waren politisch aktive Menschen, doch nur Philip radikalisierte sich. Er kam in Kontakt mit der Bewegung 2. Juni und ging schließlich in den Untergrund. Er starb 1975 bei einem Schusswaffengefecht mit der Polizei, über dessen genauen Hergang es bis heute Unklarheiten gibt.Ein leises und sensibles Buch, eine Art Requiem für den verlorenen Freund, der den Menschen Philip in seinen unterschiedlichen Facetten zeigt: als Geliebten, als einen, der sich ihres Sohnes verantwortungsvoll und zärtlich annahm, als einen talentierten und kreativen Künstler und als jemand, der sich - als er politisch "konsequenter" wurde, Gesprächen verschließt und immer stummer wird. Sein langsames und trauriges Verschwinden aus ihrem Leben - und letztendlich auch aus seinem eigenen - wird unpathetisch und dennoch mit Gefühl erzählt. Je enger Philips Kontakte zum politischen Untergrund werden, desto weniger erzählt er von sich, desto mehr versandet die Beziehung trotz der Liebe, die auf jeden Fall vorhanden und auch tief war.Dieses hochinteressante Zeitdokument ist keine nachtragende Heldenverehrung, sondern das literarisches Protokoll einer Beziehung und einer Zeit, in der das Persönliche immer auch das Politische war.

Unbedingt lesenswert!


Elvira Hanemann

zum Produkt € 8,00*

Scherben
empfohlen von:

Scherben

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Mai 2013

Ismet Prcic "Scherben"

Übersetzerin: Conny Lösch

Suhrkamp Verlag

21,95 €


Ismet Prcic wurde 1977 in Bosnien-Herzegowina geboren. 1996 wanderte er in die USA aus. Nach einem Studium an der University of California unterrichtet er heute Theater am Clark College in Portland, Oregon.

Mit "Scherben" gelingt ihm ein eindringlicher und erstaunlich reifer Debütroman.

Ismet Prcic, nicht der Schriftsteller, aber sein Alter Ego gleichen Namens, ein Junge, der das Theaterspielen liebt, einer der unter dem jugoslawischen Bürgerkrieg leidet, flieht mit Hilfe eines ausländischen Theaterengagements in die USA. Dort heißt er Izzy, liebt Amerika und noch mehr seine Freundin und befürchtet trotzdem, dass diese ihm entgleitet. Izzy/Ismet ist traumatisiert vom Krieg und kein einfacher Zeitgenosse. Quasi als Selbsttherapie schreibt er seine Erinnerungen und Erfahrungen auf.

Dabei entsteht ein hautnahes, ein erschütterndes und grandioses Bild einer Jugend in Bosnien und ein ungewöhnlicher Blick auf diesen alles verändernden Krieg im Herzen Europas.

Es handelt sich hierbei keinesfalls um die typische Betroffenenliteratur, die zwar vielleicht dem Autor hilft aber ganz sicher nicht dem Leser, sondern um ein literarisches Werk von hohem Niveau, das durch seinen anspruchsvollen und kunstvollen Stil fasziniert.

Mit der rätselhaften Figur des Mustafa wird eine zweite Ebene mit eingebaut: Mustafa bleibt in Jugoslawien und wird Soldat, während Ismet in die Freiheit gelangt. Doch wer ist eigentlich Mustafa und wer ist Ismet?

Prcic , der das Buch auf Englisch geschrieben hat und der seinen Namen ebenfalls Englisch ausspricht (Pörsik) verblüfft durch seine reife Kunst, ein höchst kompliziertes Geflecht verschiedener stilistischer Ebenen zu einem runden Ganzen zu verbinden, bei einem Erstlingsroman erwartet man das nicht unbedingt.

So wie sein Land Jugoslawien in Scherben zerfiel, so zerfällt auch das Leben der Menschen im Krieg und eben auch Ismets Seele in Scherben. Entsprechend zersplittert zeigt sich Roman: Tagebucheinträge, fiktive Briefe an die Mutter, Kindheitserinnerungen wechseln sich ab mit der Erzählung in der Jetztzeit. Auch typographisch ist das Buch interessant und abwechslungsreich gestaltet .

Trotz dieser anspruchsvollen inhaltlichen wie äußeren Gestaltung, die durchaus das Mitdenken des Lesers fordert, handelt es sich meiner Meinung nach nicht um ein "schwieriges" Buch, sondern um einen kraftvollen und sehr lebendigen Entwicklungsroman, der uns eine sehr nahe und dennoch eigentümlich ferne Epoche europäischer Geschichte vermittelt.

Ein in jeder Beziehung großartiges Buch!


Elvira Hanemann

zum Produkt € 21,95*

Diese Dinge geschehen nicht einfach so
empfohlen von:

Diese Dinge geschehen nicht einfach so

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im April 2013

Taiye Selasi wurde in London geboren, ihre Eltern kommen aus Ghana. Sie studierte in den USA, ist Schriftstellerin,Fotografin und gilt als aufstrebendes literarisches Talent.

Die Protagonisten dieses Familienromans bewegen sich auf höchst unterschiedlichen Schauplätzen: Ghana, London, Boston und Nigeria

.Der Roman beginnt mit einem negativen Höhepunkt: Kwako, der Familienvater stirbt in Ghana mit 51 Jahren an einem Herzinfarkt. Schwenk zurück in die Vergangenheit auf eine Neugeborenenstation in Boston, Kwako ist gerade 24 Jahre alt, er und seine Frau Fola haben einen Sohn Olu und Zwillinge, den Jungen Kehinde und das Mädchen Taiwo, nun kommt Sadie zur Welt. Die Ängste um das kranke Baby verkomplizieren das Verhältnis der Geschwister zueinander.Die starke Fola und der aufstrebende Kwako haben eigentlich alles geschafft, was sie sich erhofft hatten. Eine eigene Familie, ihre Liebe zueinander, beruflichen Aufstieg und erfolgreiches "Ankommen" in den USA. Als eines Tages durch eine Intrige Kwako, dem eine Patientin nach einer Operation stirbt, die Schuld daran gegeben wird und er seine Stelle verliert, ändert sich alles. Der Wandel ist massiv, die Ehe zerbricht, die Familie driftet auseinander und Kwako geht alleine nach Afrika.Die Nachricht vom Tod des Vaters trifft die weit verstreut voneinander Lebenden sehr und zwingt sie, sich ihren Erinnerungen zu stellen. Es kommt zu einer lange gefürchteten Konfrontation der seelisch schwer beschädigten Familienmitglieder.

Ob sich dieses Treffen als ein Fiasko erweisen wird oder als neue Chance lasse ich offen. Ein fesselnder und gut geschriebener afrikanisch-britisch-amerikanischer Familienroman, den zu lesen sich lohnt!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 12,00*

Kein Fleisch macht glücklich
empfohlen von:

Kein Fleisch macht glücklich

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im März 2013

Der Biologe, Klimaexperte und Wissenschaftsjournalist lebt mit Frau und Tochter in Berlin.In seinem Buch untersucht er die Auswirkungen des Konsums von Fleisch und tierischen Produkten auf Menschen, Tier und Umwelt. Er geht dabei zwar durchaus von seinen eigenen, persönlichen Erfahrungen als Vater, als früherer -Teilzeitvegetarier-und mittlerweile als Veganer aus, doch dabei belässt er es nicht.In dem Buch mit dem - zugegeben etwas provokanten Titel - setzt er sich auseinander mit brisanten Themen wie der Massentierhaltung, dem Einfluss unseres Fleischkonsums auf die Umwelt, aber auch auf den Hunger in der Welt. Ethische und moralische Aspekte wie Tierrechte aber auch Menschenrechte werden ebenso angesprochen wie gesunde Ernährung. Grabolle informiert, aber er klagt nicht an, zumindest nicht den einzelnen Konsumenten (Fleisch produzierende Betriebe greift er durchaus an). Er setzt in seinem wirklich ausgezeichnet zu lesenden Sachbuch auf Aufklärung. Welche Schlussfolgerungen der/die Einzelne daraus zieht, bleibt letztendlich jedem selbst überlassen.Auch wer die Bücher von J.S. Foer (Tiere essen) oder von Karen Duve (Anständig essen) schon gelesen haben sollte, wird bei Grabolle noch viel Interessantes finden. Er ist in der Themenwahl breiter als diese aufgestellt und gerade in seinen Kapiteln über ethische und ökologische Aspekte geht er mehr in die Tiefe.Man kann als Konsument bei jedem Einkauf ein wenig auch die Politik mitbestimmen, sich dessen bewusst zu werden schadet sicher nichts."Kein Fleisch macht glücklich " Mit gutem Gefühl essen und genießen - ist auf jeden Fall ein Buch das eine große Verbreitung verdient hat.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 8,99*

Unsere schönen neuen Kleider
empfohlen von:

Unsere schönen neuen Kleider

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Februar 2013

Ingo Schulze

Unsere schönen neuen Kleider

Hanser Berlin 10 €

Ingo Schulze, der mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftsteller ist eher bekannt für seine erfolgreichen Romane wie "Neue Leben" oder "Simple Stories", doch mit diesem schmalen Bändchen widmet er sich einem politischen Thema.

Bei dem mit "Gegen die marktkonforme Demokratie - für demokratiekonforme Märkte" untertitelten Buch handelt es sich um eine Rede, die Schulze 2012 in Dresden gehalten hat. Er setzt sich darin mit der Frage auseinander, wie es zu der Entwicklung kommen konnte, dass der ungebremste Kapitalismus nach und nach die Demokratie entmachtet. Anhand Andersens Märchens vom Kaiser und seinen neuen Kleidern zieht er Vergleiche, die zum Nachdenken anregen. So wie das kleine Kind im Märchen eine simple aber eigentlich offensichtliche Wahrheit als einziger aussprach, so kommt Schulze sich auch manchmal vor: seht ihr nicht, dass alles gar nicht so ist wie gesagt wird? Die Finanz- und die Eurokrise, die Bankenpleite und die fehlenden Folgen daraus werden ebenso thematisiert wie die Abschaffung der Vermögenssteuer, der Abbau der sozialen Ausgaben und die - wenn auch nicht neue - aber leider immer noch wahre Tatsache, dass ein Bruchteil der Bevölkerung fast das ganze Vermögen in der Hand hält. Man spürt Schulzes Empörung darüber, dass Lobbyisten, Banken und Wirtschaftsgrößen sich über demokratische Errungenschaften hinwegsetzen und dass ihnen nahezu niemand Einhalt gebietet. Auch wenn man nicht jeder einzelnen seiner Analysen und Forderungen zustimmen muss, handelt es sich um eine treffend formulierte Parabel und um eine sehr ehrlichen und politisch notwendigen literarischen Zwischenruf, der durchaus auch als Aufruf sich zu engagieren verstanden werden darf.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 10,00*

empfohlen von:


zum Produkt € *

Das Meer am Morgen
empfohlen von:

Das Meer am Morgen

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im November 2012

Margaret Mazzantini

Das Meer am Morgen

Übersetzerin: Karin Krieger



Margaret Mazzantini, Tochter eines Italieners und einer Irin, wurde 1961 in Dublin geboren und lebt heute in Rom, sie schreibt auf Italienisch.

Der Roman versetzt uns zurück in ein aufregendes Kapitel der jüngsten Vergangenheit, nämlich in den Sommer 2011 als die Gaddafi-Regierung kurz vorm Scheitern stand und viele Libyer aus Angst aus dem Lande flohen.

Die Schicksale zweier Jungs werden gegeneinander geschnitten, der eine, Farid, ist noch ein kleines Kind, das gemeinsam mit seiner Mutter Jamila versucht nach Italien zu fliehen.

Der andere, Vito, ist ein achtzehnjähriger Teenager, Italiener, aber mit familiärem Bezug zu Libyen.

Jamilas Ehemann wurde während des Bürgerkriegs ermordet, sie sieht nur noch eine Möglichkeit: die Flucht nach Europa. Mit dem letzten Geld erkauft sie sich einen Platz auf einem Boot übers Mittelmeer. Doch es wird eine lange Reise in den Tod.

Vito hingegen sitzt am Meer in Italien, auf der "Sehnsuchtsseite" der Flüchtlinge und hängt seinen Gedanken nach. Seine in Libyen geborene Mutter Angelina musste vor langen Jahren, als Gaddafi an die Macht kam fliehen. Als sie nach Tripolis fährt um ihren früheren Geliebten Ali zu sehen, muss sie erkennen, dass dieser beim Geheimdienst ist und geht enttäuscht nach Italien zurück

Die beiden abwechselnd erzählten Geschichten ergeben eine besondere Sicht auf die Ereignisse und zeigen Schicksale, die sonst hinter Pressemeldungen verborgen bleiben.

Ohne Pathos, elegant und leichtfüßig benennt die Autorin schlimmste Ereignisse. Sie informiert nicht nur über politische Ereignisse, sondern bringt den Leser zum Mitfühlen und vielleicht auch zur Empörung gegen die Flüchtlingspolitik Europas.

Ein bewegendes Buch, das es trefflich versteht, Zeitgeschichte menschlich zu vermitteln.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 8,99*

Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux
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Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Oktober 2012:

Hilde Schramm "Meine Lehrerin Dr. Dora Lux " Nachforschungen 1882 - 1959"

Rowohlt Verlag

19,95 €


Hilde Schramm, 1936 geboren, Erziehungswissenschaftlerin, Vizepräsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses 89/90 für die Alternative Liste, engagiert in humanistischen, demokratischen und Menschenrechtsorganisationen, ist die Tochter von Albert Speer. Ihre Familiengeschichte trug zu einer ganz persönlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus bei.

Mit der Biografie ihrer Lehrerin Dr. Dora Lux setzt sie einer starken, integren und ungewöhnlichen Frau ein Denkmal.


Dora Lux war nicht nur eine der ersten Abiturientinnen in Deutschland und eine der ersten, die promovierten, sondern auch jemand, der sich für Frauenrechte und für Demokratie einsetzte. Dass sie auch jüdischer Herkunft war, bescherte ihr ab 1933 ein Berufsverbot.

Der ungeheure Mut, noch Jahre nach der Machtergreifung der Nazis regimekritische Artikel zu publizieren, sowie ihre Weigerung, sich als Jüdin registrieren zu lassen, fordert Respekt und Erstaunen ein.

Aufgrund jahrelanger Nachforschungen gelang es Hilde Schramm, das Leben dieser mutigen und fortschrittlichen Frau, die noch in hohem Alter in der Nachkriegszeit als Lehrerin tätig war, sehr lebendig nachzuzeichnen.

Die Biografie - auch durch viele Fotos bereichert - liest sich trotz großer Genauigkeit nie spröde, sondern flüssig und anregend.

Gute Biografien müssen nicht immer von berühmten Menschen handeln, oft sind es gerade die über unbekannte "Heldinnen", die uns besonders berühren.

Ich empfinde das als ein hochinteressantes Buch, das nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch gelungen ist und den Leser/die Leserin informierter und klüger hinterlässt.

Es geht eben nicht nur um die Aufarbeitung von jüdischen Schicksalen während der Nazizeit, sondern auch um die Bedeutung des Kampfes um den Zugang zu Bildung, anspruchsvoller Arbeit von Frauen, kurz gesagt: um Frauenemanzipation.

Eine klare Leseempfehlung für jede/n, der geschichtlich und politisch interessiert ist sowie für Menschen, die Interesse an Biografien herausragender Frauen haben.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 19,95*

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zum Produkt € *

Das Schicksal ist ein mieser Verräter
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Das Schicksal ist ein mieser Verräter

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im August 2012

John Green "Das Schicksal ist ein mieser Verräter"

Übersetzerin: Sophie Zeitz

John Green wurde 1977 in Indianapolis geboren. Er studierte Englisch und Vergleichende Religionswissenschaften. Seinen Plan, Pastor zu werden, gab er nach einem Praktikum in einem Kinderkrankenhaus auf. Als Rezensent von Büchern kam er auf die Idee, selbst zu schreiben. Sein erster Roman "Eine wie Alaska" war gleich ein solcher Erfolg dass er mittlerweile als "Kultautor" bezeichnet wird. Die FAZ verstieg sich sogar zu einem Vergleich John Greens mit Philip Roth und mit John Updike.

Hazel ist 16 Jahre alt und krebskrank. Wenn sie etwas nicht leiden kann, dann ist es ein sentimentaler Umgang mit dem Thema. Krebsbücher beispielsweise findet sie blöd und kitschig. Sie hat auch keine Lust auf die Selbsthilfegruppe, zu der ihre Eltern sie aber immer wieder drängen und zu der sie nur geht, um diesen einen Gefallen zu tun. Sie hält sich dort sehr zurück . Eines Tages kommt ein neuer Junge, Gus zur Gruppe. Von Anfang an empfindet sie etwas für ihn, seine Coolness, die offensive und witzige Art wie er mit dem Krebs umgeht, ziehen sie an. Gus ist aber einer der wenigen, der seinen Krebs schon nahezu überwunden hat und die besten Heilungschancen hat. Hazel hingegen kann nur mit einem Lungengerät, das an Sauerstoffflaschen angeschlossen ist, überleben. Sie weiß, dass sie keine Aussicht auf Gesundung hat und nicht mehr allzu lange leben wird. Als sie erfährt, dass schon Gus' erste Freundin an Krebs gestorben ist, beschließt sie für sich, dass man ihm diese Erfahrung auf keinen Fall ein zweites Mal zumuten darf. Auch als sie Gus' Interesse an ihr nicht mehr verleugnen kann, dauert es noch ziemlich lange, bis die beiden zu ihrer Beziehung stehen. Doch wenn man einen solchen Seelenverwandten gefunden hat, jemand mit dem man über Bücher, über Philosophie, über Lieblingsfilme und über alles, was im Leben wichtig ist, so gut reden kann, dann ist das ein Glück. Ein Glück, das man ergreifen sollte - und das tun die beiden dann auch.


Für Hazel war ein bestimmtes Buch eines niederländischen Autors richtungsweisend und unendlich wichtig. Sie hatte dieses Buch schon so oft gelesen und immer wieder verzweifelte sie daran, dass es kein richtiges Ende hat. Ihr Herzenswunsch, das Ende ihres Lieblingsbuches zu erfahren, kommt ihr selbst ein wenig absurd vor und so sprach sie - außer eben mit Gus - mit niemandem darüber. Dieser jedoch nimmt ihren Wunsch so ernst, dass er es schafft gemeinsam mit Hazel in die Niederlande zu reisen, um den Schriftsteller zu besuchen. Dort wartet jedoch eine große Enttäuschung auf sie. Dass die anstrengende Reise dennoch ein "Erfolg" war, lag eher an Gus als am Schriftsteller. In diesen Tagen erfüllte sich ihre Liebe sowohl körperlich wie auch seelisch. Als die beiden wieder zurück sind, wartet leider eine neue Überraschung auf Hazel: Bei Gus ist der Krebs wieder ausgebrochen.

Wie lebt man eine junge Liebe, wenn die Frage nicht lautet: wie sieht unsere gemeinsame Zukunft aus? Sondern eher: wer von uns beiden wird den anderen zuerst alleine lassen? Hazel und Gus leben diese Liebe - und sie leben sie gut, intensiv und ehrlich!

zum Produkt € 9,95*

Wovon wir träumten
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Wovon wir träumten

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juli 2012:

Julie Otsuka

Wovon wir träumten

Übersetzerin: Katja Scholtz


Julie Otsuka, geb. 1962, japanischer Herkunft, wuchs in Kalifornien auf, studierte in Yale. Sie arbeitet als Malerin und Schriftstellerin und lebt heute in New York. "Wovon wir träumten" - ihr zweites Buch - gewann den PEN Faulkner Award.


In diesem berührenden kleinen Roman schildert die Autorin das Schicksal von Japanerinnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts als Bräute von in den USA lebenden Japanern nach Amerika kamen. Sie kannten ihre Ehemänner nur aus Briefen und Fotografien. Aus bitterer Armut kommend erhofften sie sich ein besseres Leben, doch bald stellten sie fest, dass die harte Arbeit auf den Reisfeldern nur durch die harte Arbeit auf Erdbeer- und Maisfeldern ersetzt wurde, dass viele von ihnen von den Ehemännern als Arbeits- und Sexkräfte missbraucht und nahezu alle von den Amerikanern mit blankem Rassismus behandelt wurden.


Als dann der 2. Weltkrieg anbrach, verschlimmerte sich die Situation der in den USA lebenden Japanern drastisch, Diskriminierung, Enteignung und Unterbringung in Arbeitslagern war ihr Schicksal.


Auch wenn einem diese geschichtliche Tatsache schon bekannt war, erschüttert Otsukas Buch durch ihren ungewöhnlichen Erzählstil. Es gibt keine Hauptfiguren, keine einzelnen Heldinnen, sondern sie lässt die Japanerinnen im Kollektiv sprechen. Viele in Stichpunkten angerissene Einzelschicksale ergeben so ein Bild vom Schicksal von allen. Anfangs wundert man sich darüber, so sehr ist man gewohnt, sich mit e i n e r Frau oder e i n e r Familie zu identifizieren um etwas über die Historie zu erfahren, so dass es einem als Leser seltsam vorkommt, das mal anders präsentiert zu bekommen. Bald aber ist man fasziniert, begeistert und tief bewegt.


Ein kleines Meisterwerk, ein originelles und bemerkenswertes Buch!


Elvira Hanemann

zum Produkt € 8,99*

Radikal
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Radikal

kartoniert

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juni 2012:

Yassin Musharbash Radikal

Kiepenheuer und Witsch Verlag




Yassin Musharbash wurde 1975 geboren, er wuchs in Bad Iburg bei Osnabrück auf. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater jordanischer Abstammung. Nach einem Studium der Politikwissenschaften und der Arabistik in Göttingen, aber auch an der Bir Zeit University bei Ramallah wurde er Journalist. Er schrieb für die Neue Osnabrücker Zeitung, für die Jordan Times, für die TAZ und seit einiger Zeit vorwiegend für Spiegel Online, wo er seit 2005 Redakteur ist. Radikal ist sein erster Roman. Er ist Vater zweier Töchter und lebt in Berlin.


Lutfi Latif, ein Deutscher ägyptischer Herkunft, setzt sich für einen demokratisch geprägten offenen Islam ein, was ihm nicht nur Zustimmung, sondern auch regelrechten Hass einbringt, von den einen wird er als Verräter an seiner Religion gesehen von den anderen als ein Moslem, der Deutschland unterwandert. Als er von den Grünen zum Bundestagsabgeordneten aufgestellt wird, schafft er auf Anhieb den Sprung ins Parlament. Auch wenn ihm vom BKA Personenschutz empfohlen wird, lehnt er das ab. Dafür beauftragt er seine Assistentin Sumaya al-Shami damit, einen Experten, der sich sehr gut mit der islamistischen Terrorszene auskennt, zu Rat zu ziehen und als seinen Sicherheitsberater einzustellen.


Dieser Samson ist jemand, der sich seit Jahren genauestens auf dem Laufenden hält über die verschiedenen Strömungen in der islamistischen Internetwelt. Er spricht perfekt arabisch, gibt sich in Chatrooms als ein Bruder aus, der gegen die Kafir (die Ungläubigen) eintritt. Er ist ein Eigenbrötler. Doch warum interessiert sich ein junger deutscher Mann so sehr für diese Thematik? Die Antwort liegt vergraben in seiner Erinnerung, doch dass es irgendwie um die Ereignisse um 9/11 geht, das wird im Laufe des Romans immer klarer.


Sehr gerne nimmt er das Engagement an, nicht nur weil er sich in Sumaya verliebt hat, sondern auch weil er die liberale Position Latifs absolut teilt. Er ist einer, der die rassistisch inspirierte Unkenntnis gegenüber Muslimen und die daraus folgende Ungerechtigkeit gegenüber den in Deutschland lebenden friedliebenden Moslems ablehnt, andererseits aber auch genau Bescheid weiß über die eben gar nicht friedliebende kleine radikale Minderheit.

Bei einer TV-Talkshow mit Latif kommt es zu einem Sprengstoffanschlag, bei dem insgesamt 14 Menschen den Tod finden. Danach ist die Hölle los in Berlin!


Kurz nach dem Anschlag taucht im Netz ein Bekennervideo auf, das ernstzunehmende Quellen als von Al Quaida stammend bezeichnen. Auch Samson hält das für möglich, doch nicht für absolut gesichert. Es gibt schließlich noch andere Gruppen, die ein Interesse an Latifs Tod haben.

Durch Zufall erhält Samson Kontakt zu einer Geheimzelle von Islamhassern - wie er sie nennt - und kann teilnehmen an deren konspirativen Sitzungen.

Sehr viel mehr kann ich nicht verraten, ohne die Spannung zu nehmen, aber so viel sei gesagt: es ist eben nicht ganz klar, wer hinter dem Anschlag steckt ob Al Quaida oder die Islamhasser und auf dem Weg, die Hintergründe herauszufinden, gerät Samson in große persönliche Gefahr, die ihm von den unterschiedlichsten Seiten droht.


Musharbash gelingt es, zu zeigen, dass immer echte Menschen hinter den politischen und religiösen Positionen stecken. Menschen mit unterschiedlicher Sozialisierung, mit ihren ganz eigenen Traumata, ihren Hoffnungen und Wünschen. Wenn sich nach der Lektüre beim Leser eine etwas differenziertere Sichtweise auf Muslime einstellt, dann empfinde ich das als einen sehr positiven Nebeneffekt!

Gerne darf man Radikal aber auch einfach als einen ungemein spannenden Thriller lesen.

Spannend, aktuell und brisant, dazu noch gut geschrieben - was will man mehr?!


Elvira Hanemann

zum Produkt € 9,99*

Die Tigerfrau
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Die Tigerfrau

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Mai 2012

Téa Obreht

Die Tigerfrau

Übersetzerin: Bettina Abarbanell

Rowohlt Verlag

19,95 €


Téa Obreht wurde 1985 in Belgrad geboren. Als 12-jährige kam sie in die USA, sie lebt jetzt in Kalifornien.



Natalia arbeitet als Ärztin im Balkan im Auftrag der UNO, als sie vom Tod ihres Großvaters erfährt. Dieser Tod ist für sie Anlass, sich zu erinnern. Mit der Geschichte des Großvaters wird eine Zeitreise über 60 Jahre hinweg erzählt.

Ein Tiger im zerbombten Zoo von Belgrad der durch den Krieg freikam und eine ganz besondere Rolle im Leben des Dorfes spielt und die tragischen, oft auch mysteriösen Erlebnisse der Menschen, die dem Tiger begegnen - das ist ein Hauptstrang der Erzählung. Ein anderer rankt sich um den Mann, der nicht sterben konnte -und dem der Großvater im Laufe seines Lebens immer wieder begegnet.

Natalia und ihr Großvater hatten immer eine sehr gute Beziehung zueinander, so ist sie auch die einzige, der er sein Krebsleiden anvertraut. Als sie - die sich in Ex-Jugoslawien befindet, um an einer großen Kinder-Impf-Aktion teilzunehmen, von ihrer Großmutter telefonisch mitgeteilt bekommt, dass er gestorben ist, ist sie trotz ihres Vorwissens zutiefst geschockt. Gerade auch die Tatsache, dass ihre Großmutter der Überzeugung ist, er hätte sich auf dem Weg zu ihr befunden und sei in einem Krankenhaus ganz in der Nähe gestorben, irritiert sie.

Sie begibt sich an diesen Ort, der zwar nicht weit weg von ihrer Impfaktion ist, aber auf der anderen Seite der Grenze - sie erfährt Feindschaft und nationalistische Ressentiments auf der Suche nach seinem letzten Aufenthaltsort.

Den größten Teil des Romans nimmt allerdings gar nicht Natalias Geschichte ein, sondern die ihres Großvaters - und das ist auch völlig in Ordnung so, denn diese ist sehr spannend.



In dem Dorf in den Bergen, in dem er aufwuchs, sorgte besagter entflohener Tiger für große Aufregung und Angst. Doch es gab eine junge taubstumme Frau, ein Mädchen fast noch, die Frau des Fleischers, die einen ganz besonderen


Bezug zu diesem Tiger hat. Außenseiterin nicht nur wegen ihrer Behinderung, sondern auch wegen ihrer Religion (Muslimin) und unter der Tyrannei eines äußerst brutalen Ehemannes leidend, entwickelt sie eine innere Bindung zu diesem Tier. Der Großvater - ein Kind noch - empfindet ebenfalls Zuneigung zur "Tigerfrau" und erzählt deren Geschichte deshalb mit großer Empathie.

Neben der Figur der Tigerfrau gibt es noch eine weitere geheimnisvolle Person, die immer wieder im Leben des Großvaters auftaucht. Es handelt sich um Gavran Gailé, dem - Mann der nicht sterben konnte¿. Dessen absurde Geschichte nimmt manchmal fast schon humoristische Züge an, so wenn er im verschlossenen Sarg liegend, laut und deutlich spricht. -Wasser, bitte, Wasser!- und die Umstehenden fast in Ohnmacht fallen. Wer denkt bei den Worten Balkan, Berge, Untoter, Wiedergänger nicht gleich an etwas ganz Bestimmtes? Aber nein: keine Sorge - es wird keine Vampirgeschichte
-

Die wesentlichen Themen des Buches sind andere:

Der 2. Weltkrieg, der Bürgerkrieg in Jugoslawien und seine Folgen, Nationalismus, tiefer und schädlicher Aberglauben, Gewalt gegen Frauen und Glaubenskämpfe, all das webt Téa Obreht in eine packende, spannende aber auch melancholische Geschichte ein, in deren Mittelpunkt immer auch die Liebe der Enkelin zu ihrem Großvater steht.


Die Verflechtung von realistischem Erzählen und märchenhaften Sequenzen erfolgt auf eine ungewöhnliche, aber faszinierende Weise. Manchmal meint man, sich in einer volkstümlichen Legende zu befinden, dann wieder bekommt man hautnah die grausamen Mechanismen des Krieges mit, nur um wieder an einer zarten Liebesgeschichte teilnehmen zu dürfen.


Wortmächtig, sprachgewaltig und mit einer wunderbaren Fabulierkunst - so stellt sich dieser neue Stern am amerikanischen Literaturhimmel dar. Eine junge Frau, deren Talent so offensichtlich ist, dass man sich den Namen Téa Obreht merken werden muss.


Elvira Hanemann

zum Produkt € 19,95*

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