Unsere Empfehlungen

Die Buchhändlerin empfiehlt im November 2022

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Mit dir bis ans andere Ende der Welt Mary Beth Keane

gebunden

Mary Beth Keane
Mit dir bis ans andere Ende der Welt

übersetzt von Heike Reissig
Eisele Verlag, 24 €

Mary Beth Keane, New Yorkerin irischer Abstammung, veröffentlichte nach einem Studium der Englischen Literatur bereits mehrere Romane. Nach dem großen Erfolg ihres dritten Buches „Wenn du mich heute wieder fragen würdest“ ist nun auch ihr Debüt von 2009 auf Deutsch erschienen.

Die Geschichte beginnt in Irland in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts. Greta, jüngstes von sechs Geschwistern, wächst in tiefer Armut auf. Der Vater ernährt die Familie durch illegalen Lachsfang, doch das geht nicht lange gut. Immer mehr Menschen aus dem Dorf verlassen Irland und auch Greta verschlägt es, ausgelöst durch eine Tragödie, nach Amerika.

Während Greta starke Probleme damit hat, Abschied von ihrer Heimat zu nehmen, stürzt sich ihre Schwester Johanna in das Abenteuer: Sie will mehr vom Leben! Die Reise der beiden nach New York, die sie gemeinsam mit dem jungen, aus einer fahrenden Kesselflicker-Familie stammenden Michael unternehmen, wird ihrer aller Leben auf den Kopf stellen.

Das Beziehungsgeflecht dieser drei Menschen wird auf eine Weise erzählt, die uns Lesende tief in diese Geschichte eintauchen lässt. Keane versteht es ausgezeichnet, das Leben dieser Menschen plastisch vor unserem inneren Auge entstehen zu lassen. Dabei gelingt ihr das Kunststück, sowohl literarisch anspruchsvoll wie auch sehr gut lesbar zu schreiben. Die intensive Darstellung der Charaktere fesselt und berührt.

Dieser Familienroman erzählt eine Geschichte über das schwierige Ankommen in einer völlig anderen Welt und ist gleichzeitig ein großer Liebesroman. Ich war stellenweise zu Tränen gerührt – gerade deshalb bewundere ich die Schriftstellerin dafür, dass ihr das ohne jeglichen Kitsch gelungen ist. Kitschig ist nur der deutsche Titel, aber nicht das Buch. Der Originaltitel, “The Walking People“, trifft es da besser.

Keine Schmonzette, sondern richtig gute Literatur!

zum Produkt € 24,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Wie die einarmige Schwester das Haus fegt Cherie Jones

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Oktober 2022

Cherie Jones
Wie die einarmige Schwester das Haus fegt

Übersetzt von Karen Gerwig
Culturbooks 25 €

Cherie Jones, Anwältin und Schriftstellerin, ist eine Schwarze Frau aus Barbados. Sie gewann schon mehrere Preise für ihre Kurzgeschichten, dieses ist ihr erster Roman. Sie gelangte damit auf die Shortlist des „Women’s Prize for Fiction“ und auf die Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur.

Man kann dieses Buch als Krimi lesen, denn es beginnt mit dem Mord an einem Strandhausbesitzer und die Folgen dieses Mordes ziehen sich durch den ganzen Roman. Dennoch habe ich das nicht nur als einen spannenden Kriminalroman gelesen, sondern viel mehr als Gesellschaftsdrama.

Die Legende um die einarmige Schwester soll eigentlich Mädchen davon abhalten, ihren Müttern zu widersprechen. Doch Lala sieht das anders, sie will frei sein.

Diese Freiheit sieht dann leider so aus, dass sie früh schwanger wird und Adan, einen Drogendealer heiratet. Die Beziehung der beiden ist geprägt durch Gewalt und Unterdrückung. Sehr bald, da verrate ich nicht zu viel, weiß man auch, dass Adan der Mörder ist.

Die Geschichte wird aus unterschiedlichsten Blickwinkeln erzählt, von Lala, Adans Freund, Lalas Großmutter, vom Polizisten und der Witwe des Ermordeten.
Was Armut aus Menschen machen kann, wie wichtig Geld ist – wenn man keines hat – ist nur eine der Erkenntnisse, die der Roman auf eindringliche Weise verdeutlicht. Die krassen Gegensätze zwischen dem Inselparadies für die Reichen und den Menschen, die in Hütten leben, ihre – auch sexuellen - Dienste den Touristen verkaufen, bilden den Hintergrund für den Text. Im Fokus steht aber das Leben der Frauen, ihre Abhängigkeit von Männern und ihr Kampf um ein eigenständiges Leben.

Gerne schließe ich mich dem Urteil des „Guardian“ an: „Ein aufsehenerregendes Werk“

Ich wünsche diesem in einem kleinen Verlag erschienenen Buch ein großes Publikum!

zum Produkt € 25,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Schön ist die Nacht Christian Baron

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im September 2022

Christian Baron „Schön ist die Nacht“
Claassen Verlag
384 Seiten. 23. €

Christian Baron, geboren 1985 in Kaiserslautern, hatte vor zwei Jahren mit „Ein Mann seiner Klasse“ einen größeren Erfolg erzielt. Nun, in „Schön ist die Nacht“ widmet er sich ebenfalls Menschen aus der Arbeiterschicht.

Er schreibt über seine eigene Familie und Herkunft. Sicherlich ist darin vieles autobiografisch, aber es handelt sich dennoch um einen Roman, einen Familienroman im besten Sinne.

Schon der Einstieg überzeugte mich: Kurz vor Kriegsende flieht Horst aus dem Kinderheim und wird von einem jungen SA Mann aufgehalten. Dieser, Willy, hilft ihm jedoch und schickt ihn zu einer Adresse, wo er sicher ist.

Horst und Willy werden nach dem Krieg beste Freunde, doch es ist eine schwierige Freundschaft, denn Willy ist ein fleißiger Arbeiter, der anständig bleiben und seine Familie ernähren möchte, während Horst eher in Richtung Kleinkriminalität tendiert. Horst nimmt Willy immer wieder finanziell aus und überredet ihn zu krummen Sachen. Doch es ist nicht so einfach, die beiden Männer in Gut und Böse einzuteilen. Gerade die fundierte Beschreibung des Milieus, aus dem beide kommen, ihre dauernden finanziellen Nöte, der zerstörerische Einfluss von Alkohol wie auch Gewaltausbrüche sorgen für eine differenzierte Wahrnehmung von uns Lesenden.

Christian Baron, der Enkel von Horst und Willy, lässt uns die 60er und 70 er Jahre mit ihren politischen Problemen bewusst werden. So etwa dem Verhältnis zwischen deutschen Arbeitern und ihren ausländischen Kollegen oder der sich langsam verändernden Rolle der Frau.

Faszinierend fand ich vor allem wie gut es ihm gelingt, die typische Sprechweise von einfachen Leuten so kenntnisreich, so echt und so detailreich einzufangen. Durch die lebendigen Charakterisierungen und die oft tragischen und bewegenden Ereignisse mochte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Das ist sicherlich kein Roman, in dem man sich voller Sympathie mit den Figuren identifizieren möchte. Dazu gibt es zu viele prügelnde Väter, saufende Mütter und zu viel Elend. Aber es ist ein kraftvolles, ein unverfälschtes, ein starkes Buch!

Und es ist ein großartiger Beweis dafür, dass literarische Helden aus jeder Schicht kommen können. Das haben auch schon Annie Ernaux, Didier Eribon, Louis Edouard und Clemens Meyer gezeigt, aber mit Christian Baron kommt eine neue und sehr überzeugende Stimme dazu.

Sehr empfehlenswert!

zum Produkt € 23,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

So forsch, so furchtlos Andrea Abreu

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im August 2022

Andrea Abreu, 1995 auf Teneriffa geboren, veröffentlichte nach mehreren Lyrikbänden mit „So forsch, so furchtlos“ 2020 ihren ersten Roman. Sie landete damit in Spanien einen Überraschungserfolg, der in 19 Sprachen übersetzt wurde.

Erzählt wird die Geschichte einer Mädchenfreundschaft, zwischen zwei sehr unterschiedlichen 10- bis 11-Jährigen in Teneriffa in den 90ern. Die intensive, aber nicht wirklich gleichberechtigte Freundschaft wird aus dem Blickwinkel der schüchternen und kindlicheren Freundin erzählt. Sie blickt auf zu Isora und folgt ihr in allem, was diese tut. Isora lebt bei ihrer Großmutter, die sie sehr schlecht behandelt, immer wieder zu Diäten zwingt und sie herbe beschimpft. Doch sie setzt sich über all das hinweg, sie ist „forsch und furchtlos“.

Wie die beiden versuchen, ihrem von Armut und auch Gewalt geprägtem Leben schöne Seiten abzugewinnen, in dem sie sich am schmutzigen und trostlosen Kanal in eine schöne Strandszene hineinträumen etwa, das ist beeindruckend.

Die Vorpubertät mit erstem Interesse an Sexualität, aber auch mit allen schmerzlichen Erfahrungen schildert Abreu in einer sehr direkten und sehr körperlichen Sprache. Es geht rauh zu – und doch klingt alles echt und nachvollziehbar.

Die Konflikte der beiden auch miteinander ebenso wie ihre große Liebe – ja, das Wort ist nicht zu hoch gegriffen – zueinander, berührten mich als Leserin sehr. Auch die Sicht von armen Inselbewohnern auf die wie Aliens wirkenden Touristen fand ich spannend.

Eine kleine Warnung muss ich dennoch aussprechen: die derbe Sprache mag manche abschrecken. Ich selbst fand es aber passend zu der Geschichte, die dadurch an Glaubhaftigkeit nur gewinnt.

Ein starkes Debüt von einer Autorin, von der man sicher noch mehr hören wird!

zum Produkt € 20,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Frei Lea Ypi

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juli 2022

Lea Ypi, Frei

Suhrkamp Verlag
Übersetzt von Eva Bonné 28 €

Lea Ypi wurde 1979 in Tirana geboren. Sie ist Politikwissenschaftlerin und Professorin für politische Philosophie. Sie lebt mit ihrer Familie in London, hatte aber auch schon eine Gastprofessur an der FU in Berlin. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in den Bereichen Demokratie, Rechtstheorien, Fragen der Migration und politische Ideen der Aufklärung, des Marxismus sowie die Geistesgeschichte des Balkans.

Mit „Frei – Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“ veröffentlichte sie zum ersten Mal ein literarisches Werk. Allerdings keinen Roman, sondern sie erzählt ihre eigene Geschichte, ihr Leben als Kind und Jugendliche in Albanien.

Ein Land, über das die meisten von uns immer noch sehr wenig wissen. Dem kann mit diesem sehr persönlichen und gleichzeitig sehr informativen Buch abgeholfen werden!

Wie sie als kleines Mädchen absolut überzeugt ist davon, dass „die Partei“ immer Recht hat, dass das was ihr in der Schule beigebracht wird über Albanien als das Land, um das alle Welt sie beneidet, richtig und gut ist. Erst nach und nach merkt sie, dass ihre Eltern und ihre Großmutter eigentlich ganz anders denken und dass es einen Grund hat, dass kein Foto von Enver Hodscha in deren Wohnung hängt.

Schlangestehen für Lebensmittel, Knappheit bei der Energieversorgung – all das ist für sie einfach normal, kein Grund zum Traurig sein.
Das Chaos, das in ihr Leben einbricht, kommt erst dann als 1990 das Regime zusammenbricht. Kommt danach die große „Freiheit“?

Was frei sein bedeutet und wer es definiert, ist eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Lea Ypi tut es auf ihre Weise – und sie tut es so, dass wir als Lesende gefesselt sind.

zum Produkt € 28,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Diplomatin Lucy Fricke

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Juni 2022

Lucy Fricke, Die Diplomatin
Claassen Verlag 22 €

Lucy Fricke, eine Berliner Autorin, legt mit ihrem fünften Buch „Die Diplomatin“ einen außerordentlich guten Roman vor.

Friederike Andermann ist eine knapp 50 Jahre alte Diplomatin. Wir lernen sie als Botschafterin zuerst in Uruguay und später in der Türkei kennen. Sie ist alleinstehend, kommt aus einer Arbeiterfamilie und hat sich durch Intelligenz und Fleiß hochgearbeitet.
Der Wille, die Welt ein wenig besser zu machen ist ihr noch nicht ganz ausgetrieben worden.

Doch langsam beginnt sie an ihrem Beruf zu zweifeln. Willkürliche Festnahmen, Prozesse, die sich ohne Anklage ewig hinziehen, an der Oberfläche gute Beziehungen zwischen den Ländern, darunter aber nur Misstrauen, Lügen und Blockaden.

Es geht um Menschen, die in der Türkei im Gefängnis sitzen oder mit einer Fußfessel ihre Wohnung nicht verlassen dürfen, um Deutsch-Türken, die wegen einer Jahre zurückliegenden Demo bei Ankunft in der Türkei in Haft kommen. Es geht um Rechtsanwältinnen, die versuchen, ihre Klienten zu vertreten, aber an der türkischen Justiz scheitern. Und es geht um eine Frau, die – trotz aller Bürokratie, trotz Desillusionierung, trotz Misserfolgen, ihren ursprünglichen Wunsch, die Welt ein wenig besser zu machen, nicht aufgibt.

Fricke schreibt mit trockenem Humor, spannend, mit großer Klarheit und so flüssig, dass ich bedauert habe, nicht noch viele Seiten weiterlesen zu dürfen.

Das Buch hat der Autorin ein Einreiseverbot in die Türkei eingebracht. Die Grenzen, aber auch die Möglichkeiten von diplomatischem Arbeiten sind nach der Lektüre verständlicher geworden.

Eine ungewöhnlich gelungene Mischung aus einem politisch-zeitkritischen Spannungsroman und einer fein gezeichneten Frauenfigur.

zum Produkt € 22,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Die Jagd Sasha Filipenko

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Mai 2022

Sasha Filipenko, Die Jagd

Übersetzt aus dem Russischen: Ruth Altenhofer
Diogenes Verlag 23 €

Sasha Filipenko, geb. 1984 in Minsk, ist ein erfolgreicher belarussischer Schriftsteller. Nach einer abgebrochenen klassischen Musikausbildung studierte er Literatur in St. Petersburg und arbeitete als Journalist, Drehbuchautor und als Fernsehmoderator. 2020 hat er Russland verlassen und lebt heute in Westeuropa, gelegentlich auch in Berlin.
Mark Smyslow ist Musiker und gibt ein Konzert in der Schweiz, kurz vorher besucht ihn überraschend sein Bruder Lew, mit dem er fast keinen Kontakt mehr hatte. Die Geschichte, die Lew ihm erzählt, verstört nicht nur ihn, sondern auch uns Lesende.

Lew wurde auf Anton Quint, einen kritischen Journalisten und jungen Familienvater angesetzt. Ein Journalist, der es wagt, für Aufklärung auch über die schmutzigen Geschäfte von Oligarchen und „dem Chef“ zu sorgen. Trotz der Bitten seiner Frau, vorsichtig zu sein, lässt er sich nicht einschüchtern. Doch die Methoden, die Lew und sein Jugendfreund Kalo nutzen, sind perfide. Eine regelrechte Jagd auf ihn beginnt.

Filipenko nutzt als äußeren Rahmen die Form einer Sonate, auch lässt er mehrere Erzählstränge nebeneinander laufen. Ich fand die Konstruktion des Romans sehr geglückt. Es gelingt ihm, alles so zusammenzufügen, dass sich offene Fragen am Ende auflösen.
Ein sehr spannender Gesellschaftsroman, aber auch ein explizit politischer Roman, der – bereits vor 6 Jahren geschrieben – sehr erhellende Schlaglichter auf die russische Gesellschaft, auf die Politik, die Probleme der freien Presse und auf das Leben der Menschen dort wirft.

Nicht verschweigen möchte ich, dass das Buch nichts für Menschen auf der Suche nach Happy-Ends und leichter Lektüre ist.

Es gilt, einen talentierten und engagierten Schriftsteller zu entdecken – ich freue mich bereits auf weitere Bücher von ihm!

zum Produkt € 23,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Müll Wolf Haas

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im April 2022

Wolf Haas, Müll
Hoffmann und Campe 24 €

Eigentlich wollte Wolf Haas keine Brenner-Krimis mehr schreiben. Er hat ja - nicht zuletzt mit „Junger Mann“ – bewiesen, dass er auch sehr gut anderes kann. Ich freue mich, dass er doch wieder zu Brenner, dem Privatdetektiv und ehemaligen Polizisten zurückgekehrt ist.

Simon Brenner arbeitet mittlerweile als „Mistler“, wie in Österreich die Müllarbeiter genannt werden. Eine Wohnung kann er nicht als sein eigen bezeichnen, er bricht in Wohnungen, deren Besitzer verreist sind, ein und übernachtet dort. Von seinem Leben als Polizeibeamter hat er sich damit ganz schön weit entfernt.

Doch Brenner ist zufrieden – zumindest so lange bis einzelne Leichenteile in unterschiedlichen Müllcontainern auftauchen. Dann ist es mit der Ruhe vorbei! Die Tochter des Toten ist sich sicher, dass die Organmafia dahintersteckt, denn alles findet sich im Müll an, nur das Herz nicht. Doch auch dieses wird wieder auftauchen…

Was sich anhört wie ein brutaler, blutrünstiger nervenaufreibender Thriller, ist in Wirklichkeit natürlich etwas ganz anderes: ein sehr lustiger Gesellschaftsroman. Selbstverständlich auch spannend, aber durch seinen unnachahmlichen trockenen Humor in erster Linie höchst amüsant.

Zwar geht es um ein ernstes Thema, um Organhandel und um Widerspruch oder Zustimmung zu Organentnahmen bei Hirntod, das arbeitet Haas auch schlüssig heraus. Doch durch die herrlichen Dialoge und die immer wieder eingestreuten Einwürfe des von außen den Brenner erklärenden Erzählers, wird das Buch sehr lustig.

Der Stil erinnert eher an gesprochene Umgangssprache, am besten stellt man sich beim Lesen einfach vor, dass einem das ein Mensch mit österreichischem Akzent vorliest, dann ist es ein echter Genuss. Brenner-Krimis kann es meiner Meinung nicht genug geben!

Ein wenig Humor tut immer gut – und jetzt gerade ganz besonders…

zum Produkt € 24,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Demut Szczepan Twardoch

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im März 2022

Szczepan Twardoch, Demut
Übersetzt von Olaf Kühl
Rowohlt Verlag 25 €

Twardoch, preisgekrönter Schriftsteller aus Oberschlesien, ist auch den deutschen Leser:innen kein unbekannter mehr. Mit „Morphin“, „Drach“ spätestens aber seit den großartigen Romanen „Der Boxer“ und „Das schwarze Königreich“ hat er sich einen Namen gemacht.
Sein neues Buch „Demut“ erzählt die Geschichte von Alois Pokora, einem jungen Soldaten, der die grauenhaften Erlebnisse während des 1. Weltkriegs nicht verwinden kann. Doch viel Zeit sich mit seinen Traumata zu beschäftigen, bleibt ihm nicht, denn in Berlin gerät er in den Strudel der Wirren der jungen Räterepublik. Er schließt sich den Spartakisten um Liebknecht und Luxemburg an. Doch so eindeutig ist seine politische Richtung nicht, auch ob er sich mehr als Deutscher oder als Pole oder gar als Schlesier fühlt, das hängt immer auch ab von den Menschen um ihn herum.

Er, aus einer armen Bergarbeiterfamilie stammend, als Kind vom Vater übersehen und von Mitschülern gemobbt, dann aber als erster der Familie Student, lässt sich oft treiben und in verschiedene Richtungen drängen. Deutsche Nationalisten wollen ihn, Träger des Eisernen Kreuzes, ebenso wie polnische für die nationale „Sache“ gewinnen – doch mehr als Politik interessiert ihn seine Jugendliebe Agnes. Man versteht bald, dass ihm diese sicher nicht guttut, doch er selbst versteht es lange nicht. Und dann als er es versteht, ist es zu spät – oder doch nicht?

Twardoch gelingt es, in seiner unnachahmlichen bildmächtigen Sprache hautnah Geschichte zu vermitteln, packende Figuren zu zeichnen und uns Lesende mitzunehmen und in einen Strudel der Gefühle, der Widersprüche zu werfen. Was Twardoch von vielen anderen Schriftstellern unterscheidet, ist seine Drastik, seine Wucht und sein kompromissloser Stil.
Ein Ausnahmetalent!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 25,00*

empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Das Versprechen Damon Galgut

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im Februar 2022

Damon Galgut, Das Versprechen
Übersetzt von Thomas Mohr
Luchterhand Verlag 24 €

Bücher, die mit dem Bookerpreis ausgezeichnet wurden, haben mich eigentlich noch nie enttäuscht. Ich kenne nicht alle, aber die ich kenne haben sich alle gelohnt. Das war ein Grund zu diesem Buch zu greifen, der andere, dass ich vor Jahren „Der gute Doktor“ von Galgut gelesen und für sehr gut befunden hatte. Und wieder bestätigt sich mein positives Vorurteil gegenüber dem Bookerpreis!

Damon Galgut, 1963 in Pretoria geboren, ein weißer südafrikanischer Schriftsteller, hat mit „The Promise“ einen Familienroman geschrieben. Es geht um die Familie Swart, aber auch um die jüngere Geschichte Südafrikas.

Mit dem frühen Tod der Mutter und deren Beerdigung setzt die Geschichte ein. Rahel hat sich am Ende ihres Lebens dem Judentum, ihrer ursprünglichen Religion, wieder zugewandt, was den christlichen Teil der Verwandschaft verärgert. Ein Streitpunkt ist auch Rahels letzter Willen. Ihr Mann hatte ihr auf dem Totenbett versprochen, dass Salome, ihr Dienst“mädchen“, eine Schwarze, das Haus, in dem sie lebt und das auf der Farm der Swarts steht, erben sollte.

Keinen von der Familie kümmert das weiter. Nur Amor, die jüngste Tochter versucht das Versprechen wach zu halten. Doch eine 13-jährige kann da nicht viel ausrichten.

Das Leben der Familienmitglieder wird nun über viele Jahrzehnte hinweg beschrieben, Amor, ihre ältere Schwester und der Bruder Anton, der Schriftsteller werden möchte, aber dem Alkohol verfällt, bilden den inneren Kern des Romans. Enttäuschte Lebenserwartungen, hoffnungsvolle Anfänge und traurige Enden verbindet Galgut mit den ebenfalls enttäuschten Erwartungen an ein besseres Südafrika nach dem Fall der Apartheid.

Ein Roman, der den Preis verdient hat, eine bereichernde Lektüre!

zum Produkt € 24,00*

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