Unsere Empfehlungen

Die Buchhändlerin empfiehlt im Dezember 2018

Mittagsstunde
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Mittagsstunde

gebunden

Dörte Hansen
Mittagsstunde
Penguin Verlag 22 €

Nach „Altes Land“ ist „Mittagsstunde“ nun der zweite Roman der Autorin.

Ingwer Feddersen ist in einem kleinen Dorf in der Nähe von Husum aufgewachsen, als einer der ganz wenigen schaffte er es, der dörflichen Enge zu entfliehen. Anstatt die Dorfwirtschaft zu übernehmen, studierte er Archäologie und wohnt, mittlerweile 50 Jahre alt, als Hochschuldozent in Kiel. Als seine Großeltern krank und dement werden, nimmt er sich ein Sabbatjahr und geht zurück um sie zu pflegen.

In zeitlichen Rückblicken erzählt Dörte Hansen die Geschichte dieses Dorfes. Sie erzählt vom Leben der Bauern, der Kaufmannsfrau, von den „Verrückten“, von den Festen und vom langsamen Verschwinden dieses – nur scheinbar- idyllischen Dorflebens. Was dieses Buch so großartig macht, ist die Art, wie die Autorin diese Charaktere, ihre Kultur, ihre Riten, die Wortkargheit und alles, was das ländliche Leben ausmacht, mit einer tiefen Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit beschreibt. Sie beschönigt nichts, wer sich hier eine romantische Idylle vorstellt in der ein Hoch aufs tolle Landleben gesungen wird, muss enttäuscht werden.

Väter misshandeln ihre Kinder, das Dorf schweigt! Gehässigkeiten, genaue Kontrolle über Tun und Treiben der Nachbarn, soziale Zwänge, wenig individuelle Freiheiten – all das wird nicht verklärt. Dennoch entwickeln wir Leser gemeinsam mit Ingwer, dem Helden des Romans, eine gewisse Melancholie bei dem Blick auf die Vergangenheit.

Diese Familien – und Dorfgeschichte geht unter die Haut, sie nimmt mit, sie macht wehmütig, doch Dörte Hansens Humor blitzt immer wieder auf – und tröstet. Die vielen plattdeutschen Einsprengsel verleihen dem Text zusätzlichen Charme.

Ein wunderschöner Roman!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,00*

Alle, außer mir
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Alle, außer mir

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im November 2018

Francesca Melandri „Alle, außer mir“
Übersetzt von Esther Hansen
Wagenbach Verlag 26 €

Francesca Melandri, gebürtige Römerin, hat mit ihrem dritten Roman einen außerordentlichen – und absolut verdienten – Erfolg erzielt.

Eine Familiengeschichte, die einen Bogen schlägt von Italiens unseliger Verstrickung in den Abessinienkrieg zu Zeiten Mussolinis bis ganz aktuell in die heutige Zeit im Hintergrund der italienischen Flüchtlingspolitik.

Ilaria, eine Lehrerin, findet eines Tages vor ihrer Wohnungstür einen Afrikaner vor, der behauptet, sie sei seine Tante. Sie und ihr Bruder beginnen daraufhin, ihre Familiengeschichte neu zu entdecken. Es stellt sich heraus, dass ihr Vater tatsächlich während der Zeit des Krieges eine Frau in Äthiopien hatte. Leider ist der alte Mann mittlerweile dement und es gestaltet sich schwierig, die ganze Wahrheit herauszufinden.

Mit wechselnden Perspektiven bei den Personen wie auch in den Zeitabläufen erzählt Melandri einen packenden Roman, der sich mit dem Thema Familie – deren Lügen, den Abhängigkeiten, aber auch der Liebe – beschäftigt.

Gleichzeitig bricht sie ein in Italien immer noch vorherrschendes Tabu, indem sie historisch verbürgte aber nicht gern gehörte Wahrheiten über Italiens Besatzung in Äthiopien thematisiert. Auch der Umgang mit den Geflüchteten heute bringt sie kritisch zur Sprache.

Ein sowohl historischer wie auch aktueller Politthriller also? Das wäre eine stark verkürzte Einordnung dieses Buches. Denn Melandri gelingt es, ihren Protagonisten absolut menschliche Züge zur verleihen, sie will nicht nur etwas „rüberbringen“, sondern ihre Charaktere haben Tiefe, sie lieben, sie atmen, sie leben. Ich bin diesmal nicht nur mit vielen Literaturkritikern, sondern auch mit vielen Lesern darin einig, dass das ein großer Wurf ist.
Gerne empfehle ich deshalb denen, die den Roman noch nicht kennen, diese engagierte, spannende und intelligente Geschichtsaufarbeitung!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 26,00*

Ein Winter in Paris
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Ein Winter in Paris

gebunden

Jean-Philippe Blondel
Ein Winter in Paris
Übersetzt: Anne Braun
Zsolnay Verlag 19 €

Von dem Schriftsteller und Lehrer Blondel, 1964 in Troyes geboren, wurden schon einige Romane ins Deutsche übersetzt, nun liegt sein neuestes Buch vor.
„Über die Auswirkungen der Grausamkeit von studentischem Konkurrenzdenken“ so könnte man sein Buch betiteln, doch das klänge nach einem sozialwissenschaftlichem Essay. Wie schön, dass Blondel diese Thematik in einem ganz großartigen und ergreifenden Roman behandelt hat und nicht in einem trockenen Bericht.
Victor, ein Junge aus der Provinz, der zu seinen Eltern eine eher distanzierte Haltung hat, zieht nach Paris um an der Hochschule an einem zweijährigen Auswahlverfahren teilzunehmen. Nur die besten dürfen danach an der Elite-Uni studieren. Victor gehört nicht zu den besten, dennoch verbeißt er sich so sehr ins Lernen, dass es für ihn keinerlei soziales Leben gibt. Seine Kommilitonen gehören einer "höheren" Gesellschaftsschicht an, sie schließen ihn aus und er schließt sich selbst aus.

Als er Matthieu, der ein Semester unter ihm ist, kennen lernt, sieht er die Chance einer ersten möglichen Beziehung zu einem anderen Studenten. Doch bevor sich diese entwickeln kann, springt Matthieu nach einem Streit mit einem sadistischen Professor aus dem Fenster.

Nach Matthieus Tod verändert sich Victors Leben, als "bester Freund des Selbstmörders" ist er plötzlich interessant.

Der Roman beginnt mit einer Szene, in der er - mittlerweile ein Mittvierziger - einen Brief von Matthieus Vater bekommt, der ihn in seine Jugendzeit zurück katapultiert und ihn diese für sein weiteres Leben so bedeutende Geschichte erzählen lässt.

Blondel, von dem ich bisher noch nie etwas gelesen habe, schreibt in einer sehr schönen literarischen Sprache über ein - in Frankreich tatsächlich noch brutaleres - Konkurrenzsystem, das sensible junge Menschen in die Verzweiflung treibt. Er schreibt über Freundschaft, über jugendliche Einsamkeit und über menschliche Beziehungen, seien es die von Studenten zu Dozenten, von Kindern zu ihren Eltern, von Männern zu Männern, von Männern zu Frauen wie auch von Erwachsenen zu Jugendlichen und über deren Komplexität und Fragilität.

Ein sehr berührendes Buch, das mich vollkommen überzeugt hat!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 19,00*

Sommer in Super 8
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Sommer in Super 8

gebunden

Anne Müller, Sommer in Super 8

Penguin Verlag 20 €


Anne Müller, aufgewachsen in Schleswig-Holstein, lebt heute in Berlin - Friedenau. Sie studierte Theater- und Literaturwissenschaften, arbeitete später als freie Radiojournalistin und Drehbuchschreiberin. „Sommer in Super 8" ist ihr erster literarischer Roman.


Clara ist die Tochter eines angesehenen Landarztes und seiner eleganten schönen Frau, sie ist eines von fünf Kindern. Urlaube, Familienfeiern, viele schöne Ereignisse wurden – meist vom Vater – mit seiner Super 8 - Kamera aufgenommen. Eine heile Familienwelt, die jedoch nur vordergründig so ausschließlich glücklich ist wie sie auf den Filmen erscheint. Mit dem zunehmenden Alkoholgenuss des Vaters zerbröckelt die Idylle immer mehr und es zeigt sich ein realistischeres Bild.


Anne Müller erzählt in ihrem Debütroman von einer Kindheit und Jugend in den 70er Jahren; eine Kindheit, in der sehr vieles typisch für die Zeit war, nicht nur die Super 8 Filme, sondern auch die ersten Disco – Besuche, die Musik und das Lebensgefühl der damaligen Jahre. Doch durch die Augen des Mädchens Clara betrachtet, öffnet sich auch ein ganz individuelles Schicksal, eine ganz eigene Geschichte.


Sehr schön finde ich den gelungenen Drahtseilakt zwischen Leichtigkeit und Gedankentiefe. So liest sich das Buch zwar einerseits heiter und beschwingt, doch hat man nie das Gefühl, es bleibe nur an der Oberfläche. Traurigkeit und stellenweise sogar Bitterkeit schleichen sich in das behütete Leben des Kindes ein.


Besonders die Charakterisierung der Eltern, die psychologische Entwicklung von Clara, aber auch des gesellschaftlichen Lebens gelingen der Autorin sehr gut und sorgen für Ausdruckskraft und Anschaulichkeit.


Man darf gespannt sein auf ein neues schriftstellerisches Talent!


Elvira Hanemann

zum Produkt € 20,00*

Das weibliche Prinzip
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Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Das weibliche Prinzip

gebunden

Meg Wolitzer
Das weibliche Prinzip

Übersetzt von Henning Ahrens
Dumont Verlag 24 €

Meg Wolitzer, 1959 geboren, ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in New York City. Großen Erfolg hatte sie mit dem Roman „Die Interessanten“ (2014).

Die junge Studentin Greer lernt bei einem Vortrag, zu dem sie ihre lesbische politisch aktive Freundin Zee mitschleppt, Faith Frank kennen. Die ältere Frau ist eine Ikone der Frauenbewegung und beeindruckt Greer tief. Bald geht Greers Traum in Erfüllung: sie arbeitet mit Faith in einer Stiftung, die sich für Frauenrechte einsetzt.

Greers bisherige glückliche Beziehung zu ihrem Freund Cory wird durch ein Trauma, das ihm widerfährt, auf eine harte Probe gestellt. Auch die Freundschaft zu Zee leidet unter Greers Ambitionen.

"Das weibliche Prinzip" liest sich trotz des hohen literarischen Anspruchs und der ernsten Themen mit leichter Hand geschrieben. Beim Lesen lebte ich mit den Charakteren so mit, dass ich mich darauf freute, morgens in der Bahn, in der Mittagspause und abends, nach getaner Arbeit, schnell wieder in das Buch versinken zu dürfen.

Ein Buch, das sowohl die Zeit der Altfeministinnen wie auch die top aktuellen Ereignisse als zeitpolitischen Hintergrund gekonnt mit einer bewegenden Roman über eine junge Frau, die ihren Weg sucht, verbindet. Liebe, Freundschaft, Verrat, Tod, enttäuschte Erwartungen. Vor allem stellt dieser Roman aber die große und wichtige Frage: Wie kann man sein Leben so führen, dass man Gutes tut - für sich und für die Welt? Eine Frage, die gerade heute in einer Zeit, in der sich viele dem Individualismus verschreiben oder aber schon resigniert haben und den Gedanken daran, dass man/frau die Welt auch ein bisschen verbessern kann, aufgegeben haben, immense Bedeutung hat. Dieses Buch ist kein politisches Pamphlet - nein, es ist einfach ein sehr gut geschriebener, einfühlsamer und spannender Roman für Menschen – Frauen und unbedingt auch für Männer! - von heute.
Absolut lesenswert!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 24,00*

Lincoln im Bardo
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Lincoln im Bardo

gebunden

George Saunders „Lincoln im Bardo“
Übersetzer: Frank Heibert
Luchterhand Verlag 25 €

George Saunders, dessen Kurzgeschichtenband „Zehnter September“ schon großes Lob erhalten hatte, legt nun seinen ersten Roman vor, der 2017 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde.

Im Jahr 1862, Lincoln ist amerikanischer Präsident, stirbt dessen 11-jähriger Sohn an einem schlimmen Fieber. Er wird auf einem Friedhof in einer Gruft beigesetzt. Dieser Friedhof ist nun der Schauplatz des Romans. Bevölkert wird er von vielen teilweise höchst sonderbaren Figuren, die sich dem Neuzugang mit großem Interesse zuwenden. Der junge Willie Lincoln wird von seinem Vater des Nachts besucht, betrauert, berührt und liebkost. Das weckt in den Nachtgestalten schmerzhafte Erinnerungen an ihr früheres Leben, an das Leben in dem sie noch nicht in den „Krankenkisten“ waren und noch nicht von den Lebenden übersehen wurden.

Ein Geistlicher, ein junger Homosexueller und ein frischverheirateter Mann sind die Haupt“personen“ oder sollte man sie eher „Stimmen“ nennen? - die auf dem Friedhof „gehschweben“. Was, so fragt man sich, bedeutet „Bardo“? Im Buddhismus nennt man so die Zeit zwischen der Lösung vom bisherigen Leben und dem Eingehen in einen neuen Zustand. Die Menschen im Bardo verweigern sich der Erkenntnis, dass sie tot sind, dass sie in Särgen liegen, dass sie verwesen, sie behaupten steif und fest, sie seien nur krank. Sie können nicht loslassen und sind ihrem früheren Leben verhaftet.

Was ist dieses Buch? Eine Gruselgeschichte? Ein Gesellschaftspanorama, das Themen wie den Bürgerkrieg und die Sklaverei behandelt? Eine Geschichte von Trauer und Liebe? Er ist all das und noch viel mehr, denn es vereinigt Witz und todernste Philosophie mit Elementen des absurden Romans. Ungewöhnlich ist die Form, vorwiegend handelt es sich um eine lebhafte Ansammlung verschiedener Stimmen sowohl der Toten, die sich wie Untote benehmen und von zeitgenössischen historischen Zitaten. Sehr schnell gewöhnt man sich an diese sonst nicht übliche Stilform und man genießt – auch dank der hervorragenden Übersetzung - den abwechslungsreichen und vielstimmigen Chor der Stimmen, die sich zu einem beeindruckenden Ganzen fügen.

Ein trauriger, zärtlicher, brutaler, skurriler, manchmal auch lustiger - vor allem aber ein sehr menschlicher Roman, der sich beglückend vom Einheitsbrei des Mainstreams abhebt und einem zeigt, wie „anders“ und geistig anregend unkonventionelle Literatur sein kann!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 25,00*

Kleine Feuer überall
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Kleine Feuer überall

gebunden

Celeste Ng „Kleine Feuer überall“
Übersetzung: Brigitte Jakobeit
Dtv 22 €

Nachdem ich so begeistert war von Ng’s letztem Roman „Was ich euch nicht erzählte“ stürzte ich mich sofort auf ihr neues Buch.

In Shaker Heights, einem schönen, friedlichen und reichen Vorort von Cleveland, Ohio leben die Richardsons.
Elena, Journalistin, ihr Mann, ein Anwalt und vier halbwüchsige Kinder. Alle wohlgeraten bis auf Izzy, die jüngste.

Elena steht vor ihrer abgebrannten Villa und starrt auf die Ruinen ihres Lebens. Der Verdacht fällt auf Izzy, die gleichzeitig mit dem Brand verschwunden ist.

Das Leben der Richardsons wird aufgerollt und in Beziehung zu der Künstlerin Mia und deren Tochter Pearl, die Mieter der Familie werden, gesetzt.
Zwei vollkommen unterschiedliche Lebensentwürfe entfalten sich: hier die freiheitsliebende, kreative, faszinierende Künstlerin und dort die nach strengen Regeln lebende, ordentlichen und wohlhabende Anwaltsfamilie. Die Kinder freunden sich stark miteinander an, bald gehört Pearl praktisch „zur Familie“.
Bei einem Konflikt, der sich um das Thema wem Kinder eigentlich „gehören“ dreht, spitzt sich das Geschehen dramatisch zu und endet in einer Art Flächenbrand.

Hervorragend und mit großer Tiefenschärfe zeichnet die amerikanische Autorin Ng (sprich: Ing) chinesischer Abstammung, die interessanterweise selbst in Shaker Heights gelebt hatte die Charaktere. Sehr gut gefiel mir, dass sie schwierige Themen wie z.B. das Aussetzen von Kindern und ob dadurch das Recht Mutter zu sein, verwirkt ist oder auch Abtreibungen so behandelt, dass es keine Seite nur „richtig“ oder „falsch“ ist. Das Handeln der Frauen wird nachvollziehbar gemacht, egal ob man nun als Leser/in damit einverstanden ist oder nicht.

Ein psychologisch sehr fein beobachteter Familienroman, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und bewegt.

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,00*

Herr Kato spielt Familie
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Herr Kato spielt Familie

gebunden

Milena Michiko Flasar
Herr Kato spielt Familie

Wagenbach Verlag 20 €

Milena Michiko Flasar, 1980 in St. Pölten als Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters geboren, hat in Wien und Berlin Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert. Nach ihrem schönen, ebenfalls im Wagenbach Verlag erschienenen „Ich nannte ihn Krawatte“ legt sie nun ihren neuen Roman vor.

Herr Kato lebt mit seiner Frau alleine in ihrem schönen Haus irgendwo in Japan auf dem Hügel, die Kinder sind aus dem Haus, er ist in Rente und weiß wenig mit sich anzufangen. Den Plan, mit seiner Frau nach Paris zu fahren verschiebt er immer weiter, die Träume von einem kleinen weißen Spitz tauchen auf und ziehen vorbei und sein Vorhaben, den alten Kollegen Ito zu besuchen – ach ja, irgendwann mal…

Während Herr Kato eigentlich mehr oder weniger gar nichts macht, belegt seine Frau einen Tanzkurs und blüht auf, während er sich noch nicht mal dazu aufraffen kann, das alte Radio zu reparieren.

Eines Tages lernt er im Park Mie, eine junge Frau kennen, die ihn durch ihre entschlossene Art nahezu überrumpelt und ihn dazu bringt, als „Stand-In“, für ihre „Happy Family“ – Agentur zu arbeiten. Er wird dort schauspielern - als Ersatzgroßvater, als Hochzeitsgast oder als Ehemann, wo er „Familie spielt“ -für andere – während seine eigene Familie ihm immer fremder wird.
Mit stilistischer Leichtigkeit und heiterer Melancholie erzählt Flasar von unterschiedlichsten Schicksalen, von Menschen die zu wenig miteinander sprechen, zu vieles verschweigen und auch vom Älterwerden.

Ein warmes, einfühlsames, unaufgeregtes, zartes und sehr schönes Buch!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 20,00*

Der Boxer
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Der Boxer

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im April 2018

Szczepan Twardoch
"Der Boxer"

Übersetzer: Olaf Kühl
Rowohlt Verlag 22,95 €

Twardoch, geb. 1979, hatte seinen Durchbruch 2012 mit „Morphin“, für seinen Roman „Drach“ erhielt er den höchsten Literaturpreis Polens „Nike“.

Sein neuer Roman „Der Boxer“ bekommt nicht nur in den Feuilletons hervorragende Besprechungen, sondern kommt auch bei den Lesern sehr gut an. Kein Wunder, denn es handelt sich um ein Buch, das ich – einmal angefangen – nicht mehr aus der Hand legen konnte und wollte.

Die Geschichte spielt in Warschau des Jahres 1937, Jakub Shapiro ist ein großartiger Boxer, Jude, ein attraktiver Mann und Mitglied einer mafiösen Bande. Beim Eintreiben der Schutzgelder befolgt er die Anweisungen des „Paten“ und tötet Naum Bernstein, einen frommen Juden, der sich weigerte, Schutzgeld zu zahlen. Dessen halbwüchsiger Sohn – der Ich-Erzähler des Romans– wird jedoch in die Familie Shapiros aufgenommen.

Neben der eigentlichen Handlung, die sich Shapiros Leben, seiner Familie, der „Arbeit“, dem Boxen und seinen Liebschaften widmet, werden auch die politischen Kämpfe im Vorkriegs-Warschau dargestellt. Das Aufkommen der faschistischen Gruppen, das Festhalten der Sozialisten an ihren Idealen, der erstarkende Zionismus, aber auch die wie selbstverständlich erscheinenden Verbindungen quasi aller politischen Gruppierungen mit kriminellen Banden vermittelt uns Twardoch mit einer unglaublichen literarischen Kraft. Eine Atmosphäre des drohenden Unheils schwebt über der Stadt, man spürt geradezu die dunkle Wolke, die sich –nicht nur – über den polnischen Juden zusammenzieht.

Es gibt hier (nahezu) keine Guten, doch sehr viele Böse, sehr viel Gewalt und Brutalität. Auch wenn das an manchen Stellen fast zu intensiv ist, zieht einen das Buch dank seiner bildmächtigen Sprache, und des sinnlich-mitreißenden Stils absolut in seinen Bann.
Durch eine kluge Erzählperspektive entstehen dann noch einige überraschende Wendungen, die verblüffen und begeistern.
Szczepan Twardoch ist eine echte Entdeckung, ein Autor von hohem Format – literarisch anspruchsvoll und extrem spannend!

Elvira Hanemann

zum Produkt € 22,95*

Unter der Drachenwand
empfohlen von:

Elvira Hanemann

Elvira Hanemann

Unter der Drachenwand

gebunden

Die Buchhändlerin empfiehlt im März 2018:

Arno Geiger
Unter der Drachenwand
Hanser Verlag 26 €

Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, arbeitete nach einem Studium der Deutschen Philologie, Alten Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien und Innsbruck als Videotechniker. Seit er 1996 zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen wurde, ist er freier Schriftsteller. Mit „Es geht uns gut“ (2005) war er der erste Träger des Deutschen Buchpreises. Nach seinem großen Erfolg mit „Der alte König in seinem Exil“ und weiteren Büchern hat er nun wieder einen neuen Roman veröffentlicht.

Wir befinden uns im Jahre 1944 in einem kleinen österreichischen Ort namens Mondsee. Ein Ort gleich neben einem Berg, der Drachenwand.
Veit Kolbe, Soldat, kehrt wegen einer schweren Verwundung auf Urlaub aus dem Russlandeinsatz zurück nach Wien. Bei seiner Familie, überzeugten Nazis, hält er es nicht aus, er zieht aufs Land nach Mondsee. Er wartet auf das Ende des Krieges, doch er hat große Angst, wieder eingezogen zu werden.

Ein möbliertes Zimmer bei einer nur vom Endsieg faselnden Zimmerwirtin, zögerliche Kontakte zu einer Lehrerin eines nahegelegenen Schullandheims, Gespräche mit einer wachen Schülerin sowie eine scheue Freundschaft mit den gärtnernden Nachbarn, dem „Brasilianer“ prägen sein Leben dort. Seine Zimmernachbarin, eine junge Mutter, deren Mann im Krieg ist, wird seine Geliebte. Veit, immer wieder von traumatischen Kriegserinnerungen heimgesucht und gegen seine Depression ankämpfend, findet in dieser Liebe Trost und so etwas wie die Ahnung von Glück und einem guten Leben.
Absolut bemerkenswert ist Arno Geigers Kunst, aus Briefen, Tagebuchnotizen und anderen Aufzeichnungen einen so „wahren“ Roman entstehen zu lassen, der mich an manchen Stellen glauben macht, ich höre meine Großeltern und deren Zeitgenossen sprechen.

Er erzählt mit einer undramatisch daherkommenden Lakonie von der Absurdität des Krieges, die gerade wegen des nüchternen Tons unheimlich berührt.

Ich fand Geiger schon immer gut, aber dieses Buch ist nochmal um vieles besser als alles was er bisher geschrieben hat. Ein echtes Meisterwerk!
Elvira Hanemann

zum Produkt € 26,00*

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