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Diese Biografie zeichnet Leben und Schaffen jenes DDR-Autors nach, der wie kein anderer das Thema Arbeiter und Macht ins Zentrum seines Werkes stellte. Sein erster Roman, 'Spur der Steine', machte ihn über Nacht berühmt, gleichzeitig stieß er bei maßgeblichen Funktionären auf Ablehnung: der Blick auf Alltag und Widersprüche des Sozialismus zu ungestüm, zu frei, zu anarchisch. Seinem nächsten Roman, 'Auf der Suche nach Gatt', der Geschichte eines gescheiterten Parteisekretärs, wird jahrelang die Druckgenehmigung verweigert. Lebenslang verfolgte Neutsch das Thema des Jakobinertums, eindringlich gestaltet in seiner Erzählung 'Forster in Paris'. Zerstört politische Radikalität die eigenen Ideale, oder schützt sie diese vor bloßer Beliebigkeit? Zwischen Parteitreue und Rebellion gefangen, gerät Neutsch in den Achtzigern in eine Schaffenskrise. Die Wende trifft ihn bis ins Mark - und setzt neue produktive Kräfte frei. Vom Literaturbetrieb weitgehend unbeachtet, gelingt ihm mit 'Nach dem großen Aufstand', einem Roman über den Renaissance-Maler Mathias Grünewald, ein visionäres Alterswerk von beeindruckender Intensität. Gunnar Decker hat für seine Biografie bislang unerschlossenes Archivmaterial gesichtet, das zahlreiche Aufschlüsse über die private Sphäre des Schriftstellers und seinen keinesfalls unkomplizierten Charakter liefert. Gleichzeitig analysiert er mit kundigem Blick auf die Literaturszene der DDR kulturpolitische Entwicklungen und markiert Neutschs Stellenwert: ein unbequemer Realist, leidenschaftlicher Erzähler und streitbarer Zeitgenosse.
Gunnar Decker, geboren 1965, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Der promovierte Philosoph veröffentlichte zahlreiche Biografien, so über Franz Fühmann, Gottfried Benn, Ernst Barlach, Hermann Hesse, zuletzt 'Rilke. Der ferne Magier'. Zur DDR-Geschichte legte er die Bände '1965. Der kurze Sommer der DDR' und 'Zwischen den Zeiten. Die späten Jahre der DDR' vor. 2016 erhielt er den von Akademie der Künste vergebenen Heinrich-Mann-Preis.
Erik Neutsch, Autor von Erzählungen, Reportagen und Romanen. 1931 in Schönebeck an der Elbe in einer Arbeiterfamilie geboren, geriet er als Pimpf' bei Kriegsende ins sowjetische Militärgefängnis. Nach nachgeholtem Abitur Studium der Journalistik in Leipzig, anschließend Arbeit als Redakteur. Im Autorenumfeld des 'Bitterfelder Wegs' veröffentlichte er erste Erzählungen. 1964 brachte sein Roman 'Spur der Steine' den Durchbruch und machte ihn zu einem der meistgelesenen Autoren der DDR. Das Buch stieß bei Funktionären auf Ablehnung, die es als zu anarchistisch empfanden, was in das Verbot der gleichnamigen Verfilmung mündete. Kern seines Werks war das Verhältnis von Arbeitern und politischer Macht, er thematisierte Widersprüche und Konflikte innerhalb des sozialistischen Systems, so in seinen Roman 'Auf der Suche nach Gatt', dem lange Zeit die Druckgenehmigung verweigert wurde, und in dem fünfbändigen Großprojekt 'Der Friede im Osten', dessen letzter Band nach der Wende erschien. Mit der Erzählung 'Forster in Paris' (1981) stellte er eindringlich die Frage, ob politische Radikalität die eigenen Ideale schützt oder zerstört. Vom Literaturbetrieb im vereinten Deutschland wenig beachtet, schuf er 2003 mit 'Nach dem Aufstand. Ein Mathias-Grünewald-Roman' ein bedeutsames Alterswerk. Neutsch lebte als freier Schriftsteller in Halle, gehörte der dortigen SED-Bezirksleitung an und war von 1974 bis 1990 Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Er starb 2013 im Alter von 82 Jahren.