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'Es muss hier weh tun, im Westen', sagt Andrea Pichl die Preisträgerin des Ernst Franz Vogel-mann-Preises 2026 für Skulptur. Der Bericht am 28.4.26 in SWR Kultur von Andreas Langen zählt denn auch die vielen Grausamkeiten auf, die Andrea Pichl sorgsam recherchiert und zur Grundlage der Erzählungen ihrer Arbeiten gemacht hat. Denn erstmals ist der renommierte Preis an eine Künstlerin vergeben worden, die in der DDR geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen ist. Für ihre Arbeit ist ihre zweigeteilte Biografie zugleich Folie für die Auseinandersetzung mit Architektur und Stadtplanung sowie dem Wechselverhältnis von öffentlichem und privatem Raum. Sie macht den 'Bedeutungswandel des öffentlichen und privaten Lebens vor und nach der deutschen Wiedervereinigung erfahrbar', so die Jury in der Begründung für die Preisvergabe. Andrea Pichl arbeitet mit architektonischen Baukörpern, in Kombination mit Fotografien und Zeichnungen, und spürt damit den Widersprüchen von Geschichte und Geschichten nach und beleuchtet zugleich wirtschaftliche, kulturelle und soziale Dimensionen, die das Verhältnis von Ost und West wesentlich bestimmt haben. Fragwürdig etwa war immer der Transfer von Kapital, Waren und Dienstleistungen zwischen den beiden deutschen Staaten. Die DDR fungierte dabei als verlängerte Werkbank der westdeutschen Möbel-, Elektro-, Haushaltswaren- und Konsumgüterindustrie. Die Recherchen der Künstlerin führen bis in die Stasi-Knäste in denen Gefangenen solcherlei Produktion abgepresst wurde - so klärt die Künstlerin über der Allgemeinheit verborgen Gebliebenes und selbstverständlich explizit Verschwiegenes auf. Für ihre erste Einzelausstellung in Süddeutschland, zugleich die Basis des Kataloges, entwickelte Andrea Pichl ein installatives Konzept mit neuen Arbeiten, das zentrale Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts ins Bewusstsein rücken soll. Drei Standardhaustypen, eines aus dem westdeutschen Baumarkt, ein NS-Behelfsheim sowie der Nachbau einer Genex-Gartenlaube beherbergen u. a. die Produkte aus dem Sortiment von Genex, einer DDR-Firma, die sich als Unternehmen für 'Geschenkdienste und Kleinexporte', unter Obhut der Staatssicherheit auf Geheiß der DDR-Staatsführung etabliert hatte und mit Quelle, Neckermann etc.pp. in den Stasi-Knästen hergestellte Waren gegen Westgeld verhökerte. Im Geschenkkatalog von Genex konnten dann auch folgerichtig Westdeutsche für ihre 'Brüder und Schwestern im Osten' die Gartenlaube und auch sonst knappe Güter bestellen, so sie diese bezahlten; da gab es dann kaum Wartezeiten. Aber Andrea Pichl lädt nicht nur den Raum psychologisch auf, während sie ein Gefühl von Enge und Mief verbreitet, ganz nach dem Slogan des Prospektes vom 'verwirklichten Wochenend-Traum', sie deponiert an den Wänden in einem der Häuschen unter dem Titel 'Blühende Landschaften' auch Fotografien, die bestenfalls als harmlos wirkende Landschaften durchgehen könnten, deren Sujet aber die Giftmülldeponien im Berliner Grenzgebiet sind, auch sie Teil des Devisengeschäfts zwischen BRD-und DDR. 'Überspitzt', sagt Sven Beckstette in seiner Preislaudatio: 'Wohlstand made in GDR. Der Ausstellungstitel 'deutsch deutsch' ohne Bindestrich betont nicht die politische Trennung, sondern die gegenseitige Abhängigkeit der beiden Staaten. Nach dem Fall der Mauer wurden dann neue Billiglohnländer gesucht und gefunden. Dies zeigt uns ein Blick in den eigenen Kleiderschrank.'
Sven Beckstette is since 2016 curator at Hamburger Bahnhof - Nationalgalerie der Gegenwart. 2010- 2016 he was Editor-in-Chief of Texte zur Kunst, and 2009- 2010 assistant curator at Lenbachhaus Munich, 2008 he did a doctorade at Freie Universitä t Berlin, after the Master of Arts at University in Mü nster. Doreen Mende is an independent curator and theorist who works on vocabularies for articulating geopolitical readings of contemporary exhibiting practices in relation to knowledge processes, archival metabolisms, unedited histories, art and display politics in the 21st century. Since November 2021 she is the Head of the cross-collection department Research at the Dresden State Art Collections and Professor of Curatorial/Politics at the CCC Research-based Master of the Visual Arts Department at HEAD Geneva/Switzerland. Andrea Pichl (*1964) lives and works in Berlin. She critically examines postmodern architecture and design. This concerns social housing complexes just as much as it does grates, fences and decorative elements from the exterior space and doors, textiles and carpets in the interior one. These anonymously designed forms define, shape or demarcate space, yet their inconspicuousness makes them hardly noticeable. Based on research, she produces installations, drawings and photographs. Using strategies of appropriation and transference, the artist directs the viewer's gaze to individual components. Carsten Probst lives in Berlin as a writer, art theorist, and critic. Besides his novel ' Trä umer' (Dreamer), for which he received the Anna Seghers Prize in 2001, he has published numerous short stories, essays, reviews, theoretical, and academic texts on art, radio features, and radio plays. As an art critic, he publishes in journals such as Texte zur Kunst. Marc Gundel is a German art historian and since 2003 director at the Stä dtische Museen Heilbronn. He initiated with the Ernst Franz Vogelmann Foundation the construction of a new modern art gallery in Heilbronn, which has focused on temporary exhibitions of modern and contemporary art since its establishing in 2010. With the Franz Ernst Vogelmann Prize for Sculpture, which has been awarded since 2007, he has also created a format that attracts international attention. Rita E. Taeuber is a German art historian and since 2010 curator at the Stä dtische Museen Heilbronn. She has organized exhibitions on Joseph Beuys and Thomas Schü tte, among others, and edited the corresponding catalogs.