Zum Buch:
"An der Garderobe des Cafés am Prenzlauer Berg, in dem mein Freund Mathieu arbeitet, hängt der gelbe Hut von Mister Biller. Ich setze ihn mir auf, als ich meine zwei Cappuccino bezahlt habe, und spaziere durch den Kiez, mit einem bösen Lächeln im Gesicht, als ob ich die Leute auf der Straße provozieren wollte."
Zufällige Begegnungen, die entscheidend sind für eine ganze Weile oder die einfach nur nerven. Reisebekanntschaften und ihre Eigenheiten. Freundschaften, die auseinandergehen, und Wiedersehen, die nicht reibungslos verlaufen. Die neuen Storys von Adrian Kasnitz sind ein fremder Hut, den man sich aufsetzt, um sich zu verwandeln und zu provozieren. Sie spielen in Köln und Berlin, sie führen nach Leipzig und Prag, sie reißen nach Albanien, Lettland, London und Shenzhen aus. Manchmal wünscht man sich, den fremden Hut nicht genommen zu haben.
Kurzbio:
Adrian Kasnitz, an der Ostsee geboren, aufgewachsen in den westfälischen Bergen, Studium in Köln und Prag, lebt als Schriftsteller, Herausgeber und Veranstalter in Köln. Neben den bislang neun Teilbänden Kalendarium #1 bis #9 erschienen von ihm zuletzt Im Sommer hatte ich eine Umarmung und Glückliche Niederlagen, der zweisprachige Prosaband Pierre Huyghe hired me sowie der Roman Bessermann. Für seine literarische Arbeit wurde er u.a. mit dem Dieter-Wellershoff-Stipendium der Stadt Köln ausgezeichnet. Seit 2019 kuratiert er im Team das Europäische Literaturfestival Köln-Kalk (ELK). Der gelbe Hut von Mister Biller ist kürzlich ind er parasitenpresse erschienen.
16.05.2026, 18:30 Uhr
Luise Straus-Ernst. Pariser Impressionen. Texte aus dem Exil
Lesung mit Eva Weissweiler
Moderation: Gabriele Ewenz
Zum Buch:
Paris 1933 bis 1938. Die Kölner Schriftstellerin und Journalistin Luise Straus-Ernst, erste Frau des berühmten Malers Max Ernst, sucht in kleinen Hotels Zuflucht vor den Nazis und hält sich, wie tausende anderer EmigrantInnen, mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs über Wasser. Französische Zeitungen haben keine "Verwendung" für sie. Eine offizielle Arbeitserlaubnis ist kaum zu bekommen. Doch dann erscheint die erste Ausgabe des deutschsprachigen "Pariser Tageblatts", das künftig vielen AutorInnen des Exils ein Forum bieten wird, Irmgard Keun, Joseph Roth, Klaus Mann und auch Luise Straus-Ernst. Sie entwickelt nach und nach ein ganz eigenes Genre für dieses Blatt: episodenhafte Kurz- und Kürzestgeschichten, Vignetten, subtile Momentaufnahmen, die an Filme von René Claire erinnern und vom täglichen Leben in Paris handeln, auf dem Flohmarkt, in der Metro, im Vorstadt-Variété, auf den Boulevards oder in Emigranten-Hotels. Die Kölner Autorin Eva Weissweiler, Verfasserin der ersten Biographie über Luise Straus-Ernst (Notre Dame de Dada, Köln 2016) hat für dieses Buch fünfzehn Texte ausgewählt, die durch ihre bildhafte, poetische Sprache bestechen. Anders als ihrem weltbekannten Ex-Mann gelang es Luise Straus-Ernst nicht, nach Amerika zu emigrieren. Sie wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Kurzbio
Die promovierte Musik-, Literatur- und Islamwissenschaftlerin Eva Weissweiler widmet sich in ihrem literarischen und wissenschaftlichen Werk vor allem den Biografien von Frauen und der Erforschung deutsch-jüdischer Lebenswege: darunter Eleanor Marx, die jüngste Tochter von Karl Marx, Dora Sophie Kellner, die geschiedene Frau Walter Benjamins, und Lisa Fittko, die vor allem als Fluchthelferin bekannt wurde.
Zum Buch:
Alles beginnt an einem Novembertag 1918. Hayim Smeké – jüdischer Arzt, Vertrauter und Freund des Walis von Mossul – ist in der Zwickmühle: Die Briten stehen vor den Toren Mossuls und wollen das Osmanische Reich endgültig in die Geschichtsbücher verbannen. Die Freundschaft zum Wali Khalil Bey gebietet ihm, diesem in die Hauptstadt Istanbul zu folgen. Doch liegt ein unausgesprochener Konflikt zwischen beiden Männern: die Liebe zu der kleinen Serafine. Wie auch immer er sich entscheidet – für die Familie Smeké stellt sich von nun an die Frage, wo in dieser Welt Platz für sie ist. »Vier Tage« erzählt – anhand jeweils eines Tages – das Leben von vier Generationen einer jüdischen Familie. Sie alle, Hayim und Ehefrau Nazli, seine Töchter Rebekka und Serafine, Rebekkas Sohn Nemir und dessen Tochter Leila, erleben radikale und einschneidende Veränderungen. Sie alle sind verwoben mit der Erfahrung und den Traumata des Exils, mit den Fragen nach Identität und innerer Zugehörigkeit.
Es sind die Frauen in der Familie, die ihr Leben in die Hand nehmen, wird Nemir als Erwachsener im Rückblick auf die Familiengeschichte sagen. Und nach Verbindungen und Antworten suchen: warum ihn seine Mutter Rebekka zurückgelassen hat, als sie 1936 in die noch junge Stadt Tel Aviv auswanderte; warum seine Tochter Leila unbedingt die »erste Uniform in der Familie« tragen wollte und erleben musste, wie 1973 an Jom Kippur die ägyptische Armee Israel in den Krieg stürzte; warum seine Tante und, nach Rebekkas Fortgang, Stiefmutter Serafine ihn und ihre Familie ebenfalls verließ und in Istanbul zu Ende führte, was vor so langer Zeit in Mossul mit Wali Khalil Bey begann. Und er wird sich fragen, was die Geschichte seiner Familie ausmacht, die – wie die fast aller jüdischen Familien der arabischen Welt – die Narben des Exils mit Entwurzelung, Anpassung und Neuorientierung unauslöschlich in sich trägt.
Kurzbio:
Mona Yahia, geb. 1954 in Bagdad, floh mit ihrer Familie 1970 in den Iran und wanderte von dort 1971 nach Israel ein. Nach ihrem Militärdienst studierte sie Psychologie und französische Literatur an der Universität Tel Aviv. In den 1980er- Jahren absolvierte sie ein Studium der Freien Kunst bei Harry Kramer an der Gesamthochschule Kassel und arbeitete im Bereich Konzeptkunst, bevor sie zum Schreiben kam. Ihr Debütroman Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom (im Original: When the Grey Beetles Took over Baghdad), erhielt 2001 in London den Jewish Quarterly Wingate Price for Fiction. Daneben veröffentlichte sie Erzählungen und Essays, u. a. in englischen und deutschen Literaturzeitschriften und Anthologien, sowie zwei Fotobände über die historische Karawansereien Istanbuls. Mona Yahia schreibt auf Englisch und lebt in Köln.
Zum Buch:
Ein Gummibärchen essen, heute den Arm, morgen ein Bein. Was sich anhört wie ein Witz, ist Alltag für die Leistungsturnerin Amik. Für sie zählt jedes Gramm, jeder Wettkampf, jede Wiederholung. Und jede überschrittene Grenze nimmt Amik dafür hin. »Die Routinen« seziert eine Welt, von der jeder ahnt, dass sie hart ist, aber niemand sieht oder sehen will, wie ausbeutend ein System ist, auf dem so viel Glitzer und Glanzspray liegt.
München. Montreal. Tokio. Wenn die olympischen Spiele anstehen, blickt die ganze Welt auf eine Stadt, auf eine Mannschaft, auf eine Leistungsturnerin. Die Mädchen und Frauen trainieren ihr gesamtes Leben auf diesen Moment hin. Aus diesem Wir der Turnerinnen, das in olympischen Jahren denkt, vom Training auf die Waage zu den Wettkämpfen gedrängt wird, entspringt ein Ich, die Turnerin Amik. Sie beugt sich den gnadenlosen Wettbewerbsprinzipien ihres Sports und mit jedem weiteren Schritt auf ein Siegerinnenpodest entfernt sie sich mehr von den Mädchen, die sie gestern noch getröstet haben. Auf kraftvolle Weise erzählt Son Lewandowski von Sport und Politik, von fragilen Beziehungen und den Grenzen des eigenen, alternden Körpers. Die Geschichten von berühmten Turnerinnen und der größte Missbrauchsskandal der Sportgeschichte werden in die Geschichte von Amik eingewebt und machen »Die Routinen« zu einer atemlosen Leseerfahrung.
Kurzbio:
Son Lewandowski lebt als Autorin und Kuratorin in Köln. 2023 wurde sie zum Klagenfurter Literaturkurs und der Autor:innenwerkstatt des LCB eingeladen. Mit Die kurzen Karrieren stand sie im selben Jahr Jahr auf der Shortlist des Edit-Essaypreises. Die Routinen ist ihr Debütroman, mit dem sie für den lit.Cologne-Debütpreis nominiert ist.