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Unsere Empfehlungen

Miakro
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Miakro

gebunden

Nettler, Axler, Schiller und die anderen bart- wie nahezu haarlosen Männer des „mittleren Büros“ arbeiten Tag für Tag unermüdlich an ihren Tischen, an denen sie im „weichen Glas“ die Ströme lenken. Abends schlafen sie in Schlafkojen, ihr Essen beziehen sie aus den „Nährfluren“, die das Umfeld des mittleren Büros immer wieder ausbildet. Als allerdings Kollege Wehler von einem eben solchen Nährflur verschlungen wird, gerät der streng geregelte Alltag im mittleren Büro aus den Fugen. Gleichzeitig (oder auch nicht gleichzeitig – das weiß man bei diesem Text nie so genau, denn „die Zeit, die sich den Dingen und den belebten Körpern anschmiegt, ist ungleichmäßig dicht“) macht sich „Naturkontrollagentin“ Xazy daran, ein seltsames organisches Riesen-Objekt zu untersuchen, das sich immer weiter auszudehnen scheint. Einen Erkundungstrupp hat sie schon hineingeschickt. Der aber ist nicht wieder herausgekommen…

Allein bei der Zusammenfassung von Georg Kleins abstrus-genialen neuen Roman „Miakro“ muss man fast jedes Wort in Anführungszeichen setzen. Was nämlich ist ein „Nährflur“, was ein „weiches Glas“ und was verdammt nochmal eine „Naturkontrollagentin“, die außerdem noch einen unaussprechlichen Namen trägt? Und trotzdem liest sich dieser Roman wie eine Parabel auf unsere Welt (nur auf welchen Teil davon genau eigentlich?), die uns, das ahnt man auf jeder Seite, ohne dass man es wirklich versteht, Bodenloses zu erzählen weiß. Und ist neben all diesem verwirrend-tiefgründigen Boden dann auch noch – das muss man erstmal schaffen! – eine gruselig vor sich hinwachsende literarische Version der „Alien“-Filme. Erzählt in einer Sprache, so herrlich anachronistisch, elegant-umständlich, dass die Geschichte um merkwürdige Verwachsungen, Männer in Schlafkojen und Heiler in Kutten nur noch mehr funkelt.

Georg Kleins „Miakro“ wuchert und sprießt in alle Richtungen. Bei jedem Kapitel hat man das Gefühl, läse man das vorangegangene noch einmal, wären in der Zwischenzeit vielleicht noch weitere Plotausstülpungen hinzugewachsen. Für mich bisher der fulminanteste, geheimnisvollste, atemberaubendste Roman des Jahres!

zum Produkt € 24,00*

Circe
empfohlen von:

Magda Birkmann

Magda Birkmann

Circe

kartoniert

The witch Circe plays only a small role in the Odyssey, just one of many obstacles on Odysseus' journey back home to Ithaca, but in this beautiful new book by Madeline Miller, she gets center stage. In a very lyrical language that evokes Homer's ancient epics but feels very modern at the same time, Miller lets Circe tell her own tale, a story which lasts several human lifetimes. You get to meet many of your favorite characters from the Greek myths, like Prometheus, the Minotaur, Daedalus and Icarus, Jason and Medea, all connected by the powerful voice of a woman who defies her family, her gods and her fate again and again in her attempt to carve out her own path in life.

If you like Greek mythology or feminist retellings of classical stories, this is definitely the right book for you!

zum Produkt € 16,00*

Zeit der Zauberer
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Zeit der Zauberer

gebunden

Als würden man ein Bergpanorama fotografieren wollen und dabei nur die höchsten Gipfel ins Bild nehmen. So erzählt Wolfram Eilenberger die deutschsprachige Philosophiegeschichte der Weimarer Republik anhand der vier hervorragenden Köpfe dieser Zeit: Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger. Man erkennt sie gut in dieser Aufstellung, ihre Höhe und ihre Distanz zu einander. Worauf sie jedoch fußen, die Gebirgsmassive des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts, auch die fast so hohen Nebengipfel wie Gershom Scholem, Karl Jaspers, auch Wiesengrund Adorno, Siegfried Kracauer und Charles Baudelaire (lang noch ist diese Liste und nie vollständig), bleibt auf dieser Fotografie fast unsichtbar.

Ich möchte diese Verkürzung dennoch als Stärke des Buches auslegen, weil sie wesentlich zu dessen Lesbarkeit beiträgt. Sicher schneidet Eilenberger große Stücke aus dem Bild, aber was übrigbleibt, erscheint schlüssig und interessant komponiert. Er stellt vier Bruchstücke von vier Denkbiografien in der letzten Dekade großer deutschsprachiger Philosophie gegenüber. Das bedeutet nicht weniger, als die großen Errungenschaften, die weiten Möglichkeiten, die offenen Kontroversen und auch den späteren Verlust eines intellektuellen Milieus zu erfassen, wie es nach 1945 nicht wieder aufgebaut werden konnte. Die Entscheidung Eilenbergers für diese vier Protagonisten erzeugt Kontraste auf vielen Ebenen, zwischen Stadt und Land, zwischen akademischer Festanstellung und freiem Feuilleton, zwischen radikaler Logik und mystischer Metaphysik. Der wohl deutlichste - und in den 20er Jahren noch fruchtbare - Austausch lässt sich jedoch zwischen jüdischen und nicht jüdischen Denkern lesen. Weil Cassierer und Heidegger vor 1933 noch in Symposien aufeinandertrafen, weil es eine europäische Geisteswissenschaft gab, in der Religion noch keine große Rolle spielte, weil es um Erkenntnis ging und nicht um Rasse, schauen wir heute mit Eilenberger hinauf zu diesen Gipfeln mit diesem wehmütigen Blick. Was hätte es noch werden können, was ist da untergegangen!
Behält man diese Perspektive, lässt sich - ähnlich wie in Stefan Zweigs genialer Autobiografie „Die Welt von Gestern“ - die „Zeit der Zauberer“ als Geschichte eines Höhepunkts europäischen Denkens lesen. Und die ganze Fallhöhe ihres Absturzes. Über die 20er Jahre lesen heißt immer auch, über die eigene Gegenwart lesen. Nicht nur aus diesem Grund lohnt die Lektüre von Eilenbergers Buch.

zum Produkt € 25,00*

Peach
empfohlen von:

Eva Voigt

Eva Voigt

Peach

gebunden

„Mein Körper summt. Ich muss nach Hause, aber laufen tut weh. Ich lege die Hand zwischen meine Beine und fühle Blut und Fett. Mir ist übel.“

Emma Glass‘ Debütroman ist ein intensiver Text über sexuelle Gewalt.
Für mich hat sich dieses Buch angefühlt wie ein langes Gedicht, das schnell gelesen ist aber lange nachhallt.
Stellenweise mutet die Erzählweise roh und bildhaft an, aber die Empathie, mit der sich die Autorin dem Thema nähert und die Poesie ihrer Sprache schaffen den nötigen Ausgleich.
Trotzdem tut „Peach“ ein bisschen weh – Zurecht, wie ich finde.

zum Produkt € 19,90*

Die Ladenhüterin
empfohlen von:

Alex Bachler

Alex Bachler

Die Ladenhüterin

gebunden

Keiko arbeitet seit ihrer Studienzeit als Aushilfe in einem Konbini, einem 24-Stunden-Supermarkt. Seit ihrer Kindheit eckt sie mit ihrer rationalen und effizienten Art zu Denken an und wurde zu einer Außenseiterin. Die Arbeit im Konbini mit den strikten Regeln gibt ihrem Leben Struktur und einen erfüllten, zufriedenen Alltag. Da sie auch nach vielen Jahren nicht über die Position einer Aushilfskraft hinausgekommen ist und weder Ehe, noch die Aussicht auf Familiengründung vorweisen kann, erntet Keiko von ihrer Familie und Bekannten zunehmend Sorge und Unverständnis.
Shiraha, ein zynischer, unangenehmer und höchst seltsamer neuer Mitarbeiter eröffnet ihr unverhofft die Chance, einen "normalen" Lebensentwurf auszutesten...

Sayaka Murara wirft einen kritischen, klugen Blick auf die japanische Gesellschaft, in der ein angepasstes Familienleben noch immer einen hohen Stellenwert genießt. Mit einer großen Portion Humor hinterfragt die Autorin gekonnt die herrschende Norm und wirft die Frage auf, ob Lebensglück und Zufriedenheit ausschließlich von Karriere und Familie gelingen können.

zum Produkt € 18,00*

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
empfohlen von:

Magda Birkmann

Magda Birkmann

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

gebunden

Der dreizehnjährige Jojo und seine kleine Schwester leben bei ihren Großeltern an der Golfküste von Mississippi. Ihre drogenabhängige Mutter Leonie schenkt den beiden wenig Aufmerksamkeit, ihr Vater Michael sitzt wegen Drogenhandels im Gefängnis und ihre Großmutter Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt. Also ist es die Aufgabe des stillen und verlässlichen Großvaters Pop, den Haushalt aufrecht zu erhalten und die beiden Kinder großzuziehen. Als Michael aus der Haft entlassen werden soll, packt Leonie ihre beiden Kinder jedoch kurzerhand ins Auto und macht sich gemeinsam mit ihnen und einer Freundin auf den Weg, um ihn abzuholen - eine Reise voller Gefahren, aber auch voller Hoffnung beginnt.

Der Roman ist eine sprachgewaltige und emotional aufwühlende moderne Odyssee durch die Landschaft und die Geschichte des amerikanischen Südens. Jesmyn Ward schreibt feinfühlig über Armut, Rassismus, fragile Familienbande und die damit verbundenen Traumata und verleiht Menschen am Rande der Gesellschaft eine unüberhörbare Stimme. Große Kunst!

zum Produkt € 22,00*

Lied vom Abendrot
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Lied vom Abendrot

gebunden

Lewis Grassic Gibbon (1901 - 1935) ist das Pseudonym von James Leslie Mitchell, dessen "Szenen aus Schottland" ebenfalls im Guggolz Verlag vorliegen.
Ich schätze diesen Verlag seit seinem ersten Programm, den belesenen, wachen, engagierten Verleger Sebastian Guggolz, der nur Neu- und Wiederentdeckungen aus Nord- und Osteuropa veröffentlicht. Dafür arbeitet er eng mit ÜbersetzerInnen zusammen und hebt jedes Mal wahre literarische Schätze, die er in Neuübersetzungen und wunderschön gestalteten Ausgaben vor dem Vergessen bewahrt .
Diese besonderen Bücher, dieses Handschmeichlerische, dieses Genaue, dieses Umsichtige, dieses Wertvolle ist für mich einfach ein großer sinnlicher und geistiger Genuss.
Eigentlich will ich kein absolutes Lieblingsbuch unter allen Guggolz-Kostbarkeiten hervorheben, auch wenn mir natürlich manche Texte näher sind als andere - ich bewundere sie wirklich alle. Aber nun hat sich das vermutlich erledigt. Denn ich habe "Lied vom Abendrot" gelesen und wusste:
DAS ist einer der Romane, die mich mein Leben lang begleiten werden.

Im Osten Schottlands, unweit der Nordseeküste, am Fuße der rauen Mearns liegt die fiktive Ortschaft Kinraddie. Hier wächst zu Beginn des 20. Jahrhunderts Chris Guthrie auf einem Bauernhof auf.
Ihr Leben ist geprägt von harter Landarbeit, vom strengen Vater, von der ewig mit den kleinen Geschwistern und dem Vieh beschäftigten, kränkelnden Mutter – und trotzdem hat sie als älteste Tochter die Chance, das College zu besuchen, fremde Sprachen zu erlernen, die Literatur zu entdecken, über den Tellerrand zu schauen.
Nach dem Tod ihrer Eltern entscheidet sie sich aus freien Stücken, ihrer Liebe zu diesem besonderen Landstrich, seiner Sprache und seinen Menschen zu folgen. So sucht sie nicht eine Stellung als Lehrerin, sondern übernimmt die Pacht für den kleinen Hof Blawearie, sie landwirtschaftet, heiratet aus Liebe –dann bricht der erste Weltkrieg aus.
Um die scharfe Beobachtungsgabe und den feinen Humor des Autors zu spüren, empfehle ich einfach wärmstens, dieses Buch selbst zu lesen.
Nicht nur die Menschen auf den Nachbarhöfen und diese besondere Landschaft sind weitere ProtagonistInnen, die einem beim Lesen sofort ans Herz wachsen, sondern vor allem die außergewöhnliche Sprache, in der Lewis Grassic Gibbon all dies beschreibt.

Die Übersetzerin Esther Kinsky hat wirklich eine Meisterleistung vollbracht, so intuitiv und gekonnt, wie sie die wunderbare Melodie dieses Buches so klangvoll ins Deutsche übertragen hat.
Indem sie treffsicher und sensibel Anleihen bei einer Form des Plattdeutschen gemacht hat, wirkt der besondere schottische Dialekt auf ganz wunderbare Weise intensiv, ohne je zu dick aufzutragen. (Ohmdraut und fuchtig sind meine Lieblingsworte gewesen.) Nicht einmal das aufmerksame Glossar ist wirklich nötig, da die Sprachmelodie die Geschichte so natürlich trägt.

Über "Sunset Song" wurde nach dem Erscheinen 1932 gemunkelt, dass es ja von einer Autorin unter Pseudonym geschrieben sein müsse, da sich niemals ein Autor so gut in eine weibliche Protagonistin hätte versetzen können.
Chris Guthrie gehört für mich in eine Riege mit den großen Frauenfiguren der Weltliteratur, mit Jane Eyre, Elizabeth Bennett und Anna Karenina und ich wünsche diesem Juwel von einem Roman (der bisher lediglich in einer längst vergriffenen DDR-Ausgabe auf Deutsch erschienen war) durch diese wirklich meisterhaft gelungene Neuübersetzung viele ebenso begeisterte LeserInnen.

zum Produkt € 26,00*

Speicher 13
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Speicher 13

gebunden

Ein Mädchen, 13 Jahre alt, verschwindet – und versetzt ein Dorf, irgendwo in Norfolk, England, damit in Aufruhr.
Klingt wie ein Krimi, ist aber keiner. Nicht mal ansatzweise.
Stattdessen ist Jon McGregors Roman „Speicher 13“ ein auf seine ruhige Art beinahe sanftmütiger Roman über das Vergessen, über Veränderungen und darüber, dass am Ende doch alles irgendwie gleich bleibt. Über dreizehn Jahre hinweg nämlich fokussiert diese Erzählung das Leben der Dorfbewohner_innen, die kleinen und großen Umbrüche in ihrem Leben, die Entwicklung des Dorfes als Ganzes, und die immer wiederkehrenden Zyklen der Natur, die sich so gar nicht um die menschlichen Dramen schert. Und entwickelt dabei seinen ganz eigenen, ruhigen Sog.
Ein Roman, der – ebenso wie zuletzt Annie Ernaux großer Roman „die Jahre“ – die Balance zwischen einer kollektiven Erzählung und Psychogramm nicht nur schafft, sondern etwas Neues daraus macht: ein leises, manchmal zynisches, hier und da in seiner Schonungslosigkeit brutales, aber oft liebevolles Raunen, in dem doch immer wieder einzelne Stimmen herauszuhören sind.

zum Produkt € 22,00*

Der Boxer
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Der Boxer

gebunden

Wir müssen uns mehr mit Polen beschäftigen. Besonders mit dessen Gegenwartsliteratur. Weil in ihr die Möglichkeit gegeben wird, unseren direkten östlichen Nachbarn auch jenseits von tagespolitischen Ereignissen zu begreifen. Aktuell die beste Möglichkeit, sich der polnischen Literatur zu nähern, bieten die Bücher des noch recht junge Autors Szczepan Twardoch. Es ist sicher keine Übertreibung, wenn man ihn als die aufregendste literarische Stimme Polens bezeichnet. Schon in seinen letzten beiden Büchern „Morphin“ (2014) und „Drach“ (2016) verband er auf einmalige Weise sein Interesse für die Geschichte und die Befindlichkeiten Polens mit atemberaubender Erzählkunst. So auch in seinem neuen Roman „Der Boxer“.
Titelgebende Figur ist der Schwergewichtsboxer Jakub Shapiro, der im jüdischen Mafia-Milieu Warschaus Ende der 30 Jahre eine zentrale Rolle spielt. Im Stile von „Der Pate“ oder „Scarface“ geht es in „Der Boxer“ um das Brechen von Beinen und Nasen, um Prostitution, kriminelle Dekadenz, um Schutzgeld, Drogen und das Recht des Stärkeren. So weit, so banal. Twardoch will jedoch mehr, als die hundertste Mafiageschichte erzählen. Durch die Wahl des Settings erlangt die Geschichte eine enorme historische Tiefe und Komplexität. Der Konflikt zwischen Recht und Unrecht vibriert nicht nur zwischen sozial engagierten Mafiosi und korrupten Polizisten, sondern als existenzieller Kampf um die Zukunft einer Gesellschaft: aggressiv homogener Nationalstaat vs. Lebensrecht von Minderheiten jeglicher Coleur.

Wir alle wissen, was mit den Warschauer Juden nur einige Jahre später passieren wird. Diese Bedrohung schwebt als großer dunkler Wal über dem jüdischen Viertel Warschaus und gleichsam über dem gesamten Roman. So legt die Geschichte Zeugnis ab von einem Leviathan, dessen hungern, frieren und sterben dann am schmerzlichsten wird, wenn wir sein reiches Mahl, seine Wärme und sein Leben noch so frisch in Erinnerung haben.

Lange habe ich keinen so tänzelnden, geschickten, aufmerksamen, klugen und brutal zuschlagenden Roman gelesen, wie Szczepan Twardochs „Der Boxer“.

zum Produkt € 22,95*

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

gebunden

Peter Stamm ist ein Meister des subtilen Verwirrspiels. Wie in so vielen Romanen von ihm (am besten gefällt mir nach wie vor „sieben Jahre“) ist die Erzählung zwar eigentlich simpel, aber so komplex aufgebaut, dass man recht schnell weiß: hier ist nicht alles, wie es scheint. Dabei ist dieser neue Roman von Aufbau (und auch Länge) sogar außergewöhnlich reduziert: Schriftsteller und Lehrer Christopher trifft die junge Schauspielerin Lena, die ihn an seine ehemalige Freundin Magdalena erinnert. Mehr als erinnert: er meint sie sei eine frühere Version Magdalenas, liiert mit seiner eigenen früheren Version, dem jungen Schriftsteller Chris. Getrieben von der Vorstellung Lena und Chris stünde ein ähnliches Schicksal bevor wie ihm und Magdalena, beginnt er seine Beziehungsgeschichte nachzuerzählen. Lena will zwar erst nichts davon wissen, lässt sich dann aber doch auf den verwirrenden Austausch vermeintlicher Erinnerungen ein …
Ein kurzweiliger Roman, perfekt geeignet für eine lange Zugfahrt.

zum Produkt € 20,00*

Stadt der Feen und Wünsche
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Stadt der Feen und Wünsche

gebunden

„Mir wird schlecht von dieser Art, wie sie in Mitte mit den Kindern alles richtig machen. Jede Ohrfeige im Wedding sieht liebevoller aus.“
Gibt es romantische Misanthropie?
Nach dieser Lektüre kommt es mir durchaus möglich vor.
Drei Tage lang schlendern wir in diesem schmalen Bändchen mit dem Protagonisten aus „Stadt der Feen und Wünsche“ von Leander Steinkopf durch Berlin und könnten dabei kaum ferner vom eigentlichen Flanieren sein.

Eine Erzählung voller kluger Beobachtungen über diese meine Stadt, ein Anti-Hipster-Roman, der trotzdem keine kalte Abrechnung ist, ein Buch vom lustvollen Verlorengehen.
Zumindest ist es nun voller Bleistiftstriche, mit denen ich mir bemerkenswerte Sätze gekennzeichnet habe.
Noch ein Beispiel?
„Ich glaube, letztendlich ist der Kaffee schuld an allem. Ich habe so viel Kaffee in meinem Leben getrunken, vielleicht nicht mehr als die anderen, aber ich bin dabei stehengeblieben und die anderen sind weitergegangen, sie haben ‚to go‘ gesagt und ich ‚für hier‘. Deswegen bin ich dort, wo ich bin.“
Ein Buch, das weit mehr ist, als eine Aufzählung dessen, was in der Hauptstadt schief läuft. Steinkopf schreibt nicht nur zynisch, das wäre zu einfach. Zwischen seinen Zeilen leuchtet etwas. Vielleicht eine Fee und ein Wunsch?

zum Produkt € 16,00*

Farbenblind
empfohlen von:

Eva Voigt

Eva Voigt

Farbenblind

gebunden

Trevor Noah wurde 1984 als Kind eines weißen Vaters und einer schwarzen Mutter in Südafrika geboren.
Heute lebt er in Amerika, wo er als Comedian und Moderator der „Daily Show“ Bekanntheit erlangt hat.
In „Farbenblind“ lädt er auf eine ebenso anrührende wie humorvolle Reise in seine Kindheit ein.
Die Geschichten, die er im Zuge dessen erzählt, sind politisch, ohne verbittert zu sein und eine außergewöhnliche Liebeserklärung an seine Mutter.
Die Sturheit, mit der diese sich den Gefahren und Beschränkungen, die die Apartheid mit sich bringt, entgegenstellt, hat mich tief beeindruckt.
Egal ob sie auf öffentlichen Toiletten übernachtet, sich mit ihren Kindern aus einem fahrenden Bus wirft oder aus Raupen Mahlzeiten improvisiert: All das tut sie ohne Selbstmitleid.
Immer wieder musste ich den Kopf über ihr unumstößliches Gottvertrauen schütteln und hatte doch am Ende das Gefühl einem kleinen Wunder beigewohnt zu haben.
Diese tragikomische Geschichte ist kurzweilig, lebensnah und lesenswert!

zum Produkt € 19,99*

Olga
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Olga

gebunden

Zugegeben, dies ist mein erster "Schlink".
Und dann gleich so ein Treffer, so ein Lesegenuss! Olga!
Ihre Geschichte, die in Pommern zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprachlich schön, aber thematisch eher sanft beginnt und wie die Romanbiografie der sofort sympathischen Protagonistin anmutet, entwickelt sich spätestens ab der Hälfte des Buches zu einem unfassbaren Leserausch. Und unfassbar steht hier auch für fassungslos.
Ein Buch über eine innerlich und äußerlich begrenzte und trotzdem (oder gerade deshalb?) grandiose Liebe, über die männliche Sehnsucht nach großen Taten und die stillen, aber nachwirkenden Entscheidungen der Frauen im vergangenen Jahrhundert.
Und dann blättert man zurück zu den ruhigen Anfangsseiten und fragt sich, ob es sein kann, ob es wirklich sein kann und beginnt noch einmal von vorn ...

zum Produkt € 24,00*

Oder Florida
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Oder Florida

gebunden

1998 war ich acht Jahre alt, wohnte in Kreuzberg, und hatte noch nie von Frankfurt Oder gehört. Das erste was ich dann schließlich hörte: dass es dort Läden gibt, die aktiv damit werben alte Goldzähne anzukaufen.
In diesem Frankfurt Oder von 1998 wohnt Matthias Freier aus Christian Bangels Roman „Oder Florida“ und hat eine große Vision: klar, Frankfurt ist ziemlich abgerockt und an jeder Ecke stehen Nazis, die auch gerne mal losprügeln, aber ansonsten: hier kann man noch was aufbauen, hier kann sich die Wende noch in etwas Gutes, etwas Visionäres verwandeln. Und so schmieden Freier und sein dubioser Freund „Fliege“ einen tollkühnen Plan: die Stadt übernehmen, selbst den Bürgermeister stellen und endlich mal was ändern (am Wetter, findet Fliege. An den Nazis, findet Freier). Der Plan scheint sogar banal leicht umzusetzen: Denn die SPD stellt zwar den Bürgermeister, hat aber so wenige Mitglieder, dass sie mit einem Masseneintritt durch die von Fliege angeführten Volksbewegung für gutes Wetter leicht übernommen werden kann. Und ein passender Bürgermeisterkandidat ist auch schnell gefunden: der Frankfurt-Oder-Wirtschafts-Mogul Franziskus. Freier wird, gerade mal 20, Pressesprecher und für einen Moment scheint alles möglich.

Christian Bangels Debütroman „Oder Florida“ ist ein rasanter und etwas bekloppter Coming-of-Nazis-und-Neoliberalismus Roman, quasi der erste seiner Gattung. Und das ist schreiend komisch.

zum Produkt € 18,00*

Im Herzen der Gewalt
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Im Herzen der Gewalt

gebunden

Mit seinem Roman „das Ende von Eddy“ hat der junge französische Autor Édouard Louis im vorletzten Jahr einen echten Überraschungserfolg gelandet. Darin beschreibt er sein Aufwachsen in der französischen Provinz, beschreibt das Unverständnis und die Brutalität seiner Umgebung gegenüber andersdenkend- und fühlenden und den Kampf um seine eigene Identität, auch als Homosexueller.
In seinem neuen Roman setzt er seine autobiografische Erzähltradition fort: diesmal allerdings geht es nicht um seine Kindheit und Jugend und schließlich der Flucht aus den beengenden Verhältnissen in die Großstadt – sondern um eine Nacht in eben jener Großstadt, in der ihn die „Gewalt“, wenn auch diesmal in anderer Form, am Ende doch wieder findet: Eines Weihnachtsabends wird Louis von einem jungen Mann, den er zu sich nach Hause einlädt, vergewaltigt. Der Roman ist weniger ein Bericht dieser Vergewaltigung als eher des eigenen Ringens damit, wem eigentlich solch eine Geschichte gehört: einem selbst, der Polizei oder der Familie, die sich um einen sorgt? Eindrücklich beschreibt Louis den Umgang mit dem Trauma, das eigene Ringen um Schuldzuweisungen – so sieht er doch seinen Peiniger eigentlich ebenfalls als Opfer der Verhältnisse – und wie er sich plötzlich in seiner eigenen Geschichte als Fremder wiederfindet: sei es auf dem Polizeirevier oder im Haus seiner Schwester, wo Louis, ein wirklich interessanter literarischer Kniff dieses Romans, versteckt hinter der Tür belauscht, wie seine Schwester ihrem Mann die Vorkommnisse nacherzählt.

Ein Roman, der sich wirklich zu lesen lohnt, auch, wenn man „das Ende von Eddy“ nicht gelesen hat!

zum Produkt € 20,00*

Das Inzest-Tagebuch
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Das Inzest-Tagebuch

gebunden

Es ist schwierig dieses Buch zu empfehlen, denn wenn es etwas gibt, das dem Gegenteil von einer gemütlichen Sonntagsabend-Lektüre entspricht, dann findet man es wohl in diesem Text.
Schon der Titel des Buches zeigt an, dass das kein leichter „Roman“ ist, aber das, was sich dahinter verbirgt, ist wirklich explosiv: eine anonyme Erzählerinnenstimme (die Autorin möchte nicht erkannt werden und bleibt unbekannt) berichtet von einem jahrelangen physischen und emotionalen Missbrauch durch ihren Vater, den Versuchen diesen zu entkommen, dem Scheitern dieser Versuche. Und das in einer Sprache, die nicht leicht zu ertragen ist, so direkt (mitunter pornografisch), so teilweise kalt, dann wieder emotional, ist sie. Unglaublich unter die Haut gehend liest sich dieser Bericht – und gleichzeitig literarisch sehr eindrücklich: Die Autorin wählt nämlich gerade eben nicht die chronologische Form eines klassischen Berichtes (insofern ist der Titel „Tagebuch“ auch sehr irreführend), sondern lässt die Leser_in mit ihren Gedanken „mitspringen“ – und damit direkt an ihrer inneren Zerrissenheit teilhaben: zwischen der Liebe zum Vater und der Entdeckung der eigenen Sexualität (ein weiteres radikales wie verstörendes Element des Textes ist nämlich, dass die Autorin über die Verquickung ihrer Lust mit dem Missbrauch berichtet) und der Erkenntnis des Verbrechens, das an ihr begangen wurde – und dem Versuch, trotz allem weiterzuleben.

Anders gesagt: dieses Buch ist purer Schmerz. Das will man vielleicht nicht lesen. Aber wenn man es doch tut, ist man um eine wertvolle literarische Erfahrung reicher.

An dieser Stelle noch eine klare TRIGGER-Warnung: dieses Buch enthält sehr deutliche und drastische Beschreibungen sexueller Gewalt.

zum Produkt € 17,00*

The Bathroom Chronicles
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

The Bathroom Chronicles

gebunden

Ich bin knallverliebt in dieses Buch!
100 wirklich spannende Frauen haben der Lektorin Friederike Schilbach kleine Einblicke in ihre Badezimmer gewährt.
Ihr wisst schon, dieses Allerheiligste, in dem wir morgens den Tag an- und abends wieder ablegen; dieser private Raum (vielleicht der letzte wirkliche), der so viel mehr über uns verraten kann, als unser Schlafzimmer.
Dieses wunderschön gestaltete Buch ist ein Hort an Bildern und Anekdoten, die wunderbar viel Luft und Inspiration hinterlassen und oft gerade durch das faszinieren, was nicht erzählt und gezeigt wird.
Ich muss es sofort allen meinen Freundinnen schenken!

zum Produkt € 18,00*

Underground Railroad
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Underground Railroad

gebunden

Ich finde ein Buch dann gut, wenn es mich emotional UND intellektuell berührt. Colson Whitehead gelingt dies in seiner Geschichte um eine Untergrundbahn zur Befreiuung der Sklaven im Amerika des 19. Jahrhunderts meisterhaft. Ich leide mit den Protagonisten, wenn sie gefoltert werden, ich spüre ihre Hoffnung wenn sie durch die dunklen Wälder fliehen, ich trauere mit ihnen, wenn sie ihre getöteten Verwandten in den Armen halten.
Gleichzeitig begreife ich durch diesen Roman das System des globalen Sklavenhandels, sehe die Aporien der amerikanischen Verfassung vor über 150 Jahren und ziehe düstere Parallelen zu unserer Gegenwart.
"Underground Railroad" ist ein großer, spannender und kluger Roman der uns die Conditio Humana näher zu bringen vermag, als es die Lektüre unzähliger Zeitungen je könnte.

zum Produkt € 24,00*

Kirchberg
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Kirchberg

gebunden

In Hannas Kopf stimmt etwas nicht. Mit Ende dreißig trifft sie im wahrsten Sinne des Wortes der Schlag. Sie, die immer eine Frau präziser, schöner Worte war, hat nun urplötzlich ihre Sprache verloren.
Ihrer gewohnten gedanklichen und körperlichen Beweglichkeit beraubt, zieht die Weltbürgerin sich in das Haus ihrer Großeltern im Schwäbischen zurück. Hier ist sie von der Mutter verlassen aufgewachsen, hier will sie sich wieder heimisch fühlen, zur Ruhe kommen, ihre unsichtbare Wunde heilen lassen.
Wer nun aber eine Geschichte des Leidens oder des Welthaderns erwartet wird auf wundersame Weise eines Besseren belehrt.
Verena Boos feiert mit diesem Buch nichts weniger als das Leben und die Liebe.
In wunderschönen Sätzen und ebenso tiefklugen wie leichtfliegenden Gedanken erinnert sie uns LeserInnen daran, dass die Wunder auf die wir so oft verzweifelt warten, nicht weiter als direkt vor unseren Füßen liegen.

zum Produkt € 22,00*

Losfahren
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Losfahren

gebunden

Es gibt Bücher, die sind viel mehr, als nur der Text zwischen zwei Buchdeckeln. Bücher, die eine Zäsur markieren, nicht nur in der Literatur, sondern in der Welt. Bücher, die nicht absehbare Veränderung im Denken und im Handeln vieler Menschen provozieren. Auch bei denen, die diese Bücher vielleicht gar nicht gelesen haben.
So ein Buch ist Manal al-Sharifs „Losfahren“. Seitdem dieses Buch erschienen ist, ist die Rolle der Frau in Saudi-Arabien nie wieder so wie vorher. Sie erzählt darin die Geschichte einer eigentlich völlig banalen Handlung: Eine Frau setzt sich in ein Auto, fährt eine Runde durch die Stadt und lässt sich dabei filmen. Nur dass diese Stadt eben in Saudi-Arabien liegt, wo Frauen nicht Autofahren dürfen. Was Frauen in Saudi-Arabien noch alles nicht dürfen, berichtet Manal al-Sharif in einer Rückschau auf ihr Leben, vom Spielen mit den Nachbarsjungen, das irgendwann verboten wurde über die ultrastrengen Kleidungsvorschriften bis zu der fast schon kafkaesken Schikane von Frauen bei sämtlichen Behördengängen. Ich dachte, ich wäre recht gut über den Status der Gleichberechtigung der Frau im arabischen Raum informiert, aber al-Sharifs Lebensbericht schien mir zeitweilen wie ein Roman aus einer anderen Zeit: spannend, weil ich viel Neues gelernt habe und erschreckend zugleich, weil ich es für schlicht unmöglich hielt, wie krass Frauen auch heute noch unterdrückt werden.
Al-Sharifs Buch gewinnt seine Stärke jedoch nicht durch das Beschreiben der vielen Verbote. Ihre Entschlossenheit, dieses mittelalterliche System zu ändern, die Energie die sie dafür aufbringt, das Risiko, das sie eingeht und ihre Fähigkeit, Menschen für ihre Sache zu begeistern, fügen der sachlich hochinteressanten noch eine mitreißend emotionale Lektüreebene hinzu. Ich kenne Manal al-Sharif nicht persönlich, aber durch die Art und Weise, wie sie schreibt, wurde sie mir als Erzählerin sympathisch, wie es selten geschieht.
Seit Manal al-Sharifs Aktion des zivilen Ungehorsams hat sich für Frauen in Saudi-Arabien übrigens einiges verändert. Wahrscheinlich wird man dort bald mehr Frauen am Steuer eines Wagens sehen…

Ohne Frage, „Losfahren“ ist DAS feministische Buch der Stunde.

zum Produkt € 25,00*

Dagny oder Ein Fest der Liebe
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Dagny oder Ein Fest der Liebe

kartoniert

In der Literaturwissenschaft gibt es den Begriff der Intertextualität. Dieser bedeutet, dass ein einzelner Text nie für sich stehen kann, sondern durch Referenzen und Zitate immer auch auf andere Texte verweist. Der georgische Autor Zurab Karumidze treibt in „Dagny oder Ein Fest der Liebe“ das Prinzip der Intertextualität auf eine funken- und geistessprühende Spitze. Keine Seite dieses - im besten Sinne - Roman-Wahnsinns kommt ohne direkte oder indirekte Zitate aus. Vom Alten Testament über das tibetanische Totenbuch zur göttlichen Komödie bis Freuds Psychoanalyse werden alle großen Schriften der Weltliteratur für die Konstruktion seiner aberwitzigen Story verwendet. Selbst musikwissenschaftliche Deutungen der Matthäuspassion und die Biografie Stalins spielen eine wichtige Rolle. Das klingt nach viel Holz und ist es auch. Aber Karumidze schafft es, dieses überbordende Textgeflecht zu einer in sich doch logischen Geschichte zu stricken und zu einem brillanten Ende zu führen. Auch wenn der Roman die Biografie der historischen Dagny Juel leider nur tangiert, ist das ein großes Lesevergnügen. Wer Bulgakows „Meister und Margarita“ oder Rushdies „Die satanischen Verse“ gemocht hat, wird hier voll auf seine Kosten kommen.

Und noch eins: Wenn Stefan Weidle für diese Übersetzung nicht mindestens EINEN Preis bekommt, weiß ich auch nicht, wofür derlei Preise gut sein sollen.

zum Produkt € 23,00*

Die Wunden unserer Brüder
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Die Wunden unserer Brüder

gebunden

Der Franzose Fernand Iveton wurde im Jahr 1956 von einem französischen Gericht zum Tode verurteilt, weil er im algerischen Unabhängigkeitskrieg eine Bombe gelegt hatte. Die ist nicht explodiert und hat so weder Personen- noch Sachschaden verursacht. Dennoch sollte an Iveton ein Exempel statuiert und die Macht der französischen Regierung in Nordafrika demonstriert werden. Diese wahre Geschichte ist für sich allein schon unfassbar.
Was Joseph Andras in seinem (wohlgemerkt ersten!) Roman daraus macht, lässt mich allerdings ganz stumm zurück. Er geht extrem nah an die historische Figur heran, sodass wir als Leser ebenfalls verliebt sind in seine Freundin, ebenfalls nicht verstehen, warum er verhaftet wird, ebenfalls grenzenlose Wut spüren und auch diese bittere Hoffnung in uns tragen bis zum Schluss. Dafür nutzt er eine Sprache, die ein klares politisches Anliegen in poetischste Literatur transformiert.
In dieser Saison erscheinen viele, sehr gute Übersetzungen aus dem Französischen. Doch aus ihnen sticht „Die Wunden unserer Brüder“ dennoch heraus. Wegen Texten wie diesem glaube ich an die Kraft der Literatur.

Übersetzung: Claudia Hamm!

zum Produkt € 18,00*

Stadt aus Rauch
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Stadt aus Rauch

gebunden

Es gibt sie, diese Bücher, die sich beim ersten Satz bereits unabänderlich in meine Lesebiografie fräsen, die mich dazu bringen, mir die ohnehin zu kurzen Nächte um die Ohren zu schlagen, die mich nicht loslassen, die ich nahezu inhalieren muss und trotzdem niemals beenden will.
Bücher, bei denen ich mich nie entscheiden könnte, ob mich die grandiose Sprache oder die unfassbar gute Geschichte mehr begeistert.

Svealena Kutschke hat mit "Stadt aus Rauch" genau so ein Buch geschrieben.
Bereits nach dem zweiten Satz war mir das klar: "Magdalena stand am Ufer der Trave und schaute auf die schwarzen Wellen, die an ihren Füßen leckten. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, älter als das 20.Jahrhundert, nicht alt genug, dem Teufel gegenüberzutreten."

Ein Lübecker Jahrhundertroman, ein Buch über alten und neuen Faschismus und eine Geschichte, in der der Teufel die tragischste aller Figuren ist.
Ein Buch, nach dessen Lektüre man der Autorin fürs Schreiben danken will.

zum Produkt € 24,00*

Quecke
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Quecke

gebunden

"Quecke" von Petre M. Andreevski (1934-2006) wurde erstmals 1980 veröffentlicht und zählt bis heute zu den meistgelesenen Büchern in Mazedonien. Mazedonien, dieses südosteuropäische Land, über dessen (von großen Mächten durchgerüttelte) Geschichte wir hierzulande viel zu wenig wissen.

In "Quecke" lässt Andreevski in wechselseitigen, kurzen Kapiteln das Ehepaar Jon und Velika zu Wort kommen. Sie leben zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in einem mazedonischen Bergdorf und teilen mit uns die Nöte ihres harschen, kargen Lebens, geprägt von bitterer Armut und harter Arbeit, Dürre, Krankheiten und dem Versuch des Überlebens der scheinbar nicht enden wollenden, eiskalten Winter.
Als Jon zwangsrekrutiert wird, erfahren wir in den Grauen des Balkan- und Ersten Weltkrieges, als er nicht einmal weiß, für wen er da gerade an der Front stehen muss, viel über die politischen Wirrnisse dieser Zeit.
Doch wie die Quecke, dieses allgegenwärtige Unkraut, das Hitze, Kälte und Trockenheit mühelos übersteht, ja überwuchert und selbst ausgerissen wieder zum Leben erwacht, sobald es mit der Erde in Berührung kommt, erzählt dieses Buch auch von der unbändigen Liebe zum Leben, die den Menschen den Mut gibt, nach jedem noch so harten Schicksalschlag wieder offenen Auges einem neuen Tag entgegenzusehen.

Dank der wirklich gelungenen Übersetzung von Benjamin Langer liegt dieses grandiose Buch nun endlich zum ersten Mal auf deutsch vor.
Wie bei allen Bücher aus dem wunderbaren Guggolz Verlag, könnte ich jetzt seitenlang in der Bewunderung dieser (wie immer) ausgezeichneten Buchgestaltung schwelgen: Die feine Typografie, die stimmigen Illustrationen von Valeria Gordeew, das schöne Vorsatzpapier, der perfekte Buchsatz, die hilfreichen, aber niemals ausufernden Anhänge - es stimmt mal wieder alles bei Guggolz.

Doch auch inhaltlich hat mich "Quecke" zutiefst berührt und gebannt und von allen Guggolz-Büchern, die mir ohnehin immer sehr zu den liebsten jeder Saison gehören, ist dieses hier nun besonders nah an meinem Herzen. Es hat sich tief verankert, eingequeckt.

zum Produkt € 24,00*

American War
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

American War

gebunden

Das Amerika der Zukunft ist ein naturkatastrophengepeitschter Landstrich auf dem ein jahrzehntelanger, erbitterter Bürgerkrieg tobt: Der solarbetriebene Norden kämpft gegen die rückständigen Südstaaten, die partout nicht auf die Nutzung von Benzin verzichten wollen. Mexiko hat zum eigenen Schutz längst die Mauer hochgezogen und die arabischen Staaten haben sich in einer großen Allianz zusammengeschlossen, die regelmässig Hilfspakete nach Amerika schickt.
Drohnenangriffe und Selbstmordattentate gehören genauso zum täglichen Überlebenskampf des Südens, wie die riesigen Flüchtlingslager an der Grenze zum Norden.
Doch der Autor Omar El Akkad setzt uns nicht allein diesem Endzeit-Drama aus. Er schenkt den LerserInnen eine Protagonistin, die mit allen ihren Ecken und Kanten sofort zu unserer Heldin wird: Sarat Chestnut.

zum Produkt € 24,00*

Koslik ist krank
empfohlen von:

Jane Stemmler

Jane Stemmler

Koslik ist krank

gebunden

Wer wie ich gerade einen Krankenhausaufenthalt hinter sich hat, wird sich in Julia Rothenburgs Roman „Koslik ist krank“ sofort wiederfinden.
Sehr anschaulich beschreibt die Autorin mit einer Portion Humor den Alltag in diesem abgeschlossenen Kosmos. Dabei trifft ihr Protagonist nicht nur auf seine Vergangenheit, sondern wird zudem mit seinen Lebensängsten konfrontiert.

zum Produkt € 20,00*

Das achte Leben (Für Brilka)
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Das achte Leben (Für Brilka)

kartoniert

Mein absoultes Herzensbuch erscheint im September in der Taschenbuchvariante. (Ihr dürft aber auch sehr gern die gebundene Ausgabe von der Frankfurter Verlagsanstalt bestellen. Glaubt mir, es lohnt sich! Aber gerade als Geschenk - und auch dieses Buch verschenke ich privat quasi ständig - ist das Taschenbuch ideal.)
Manchmal sage ich meinen KundInnen: "Wenn ich jetzt nur EIN Buch aus diesem Laden mitnehmen dürfte, wäre es DAS hier." und ich reiche "Das achte Leben - für Brilka" herüber.
Ich lese tatsächlich eine ganze Menge und auch viele Bücher, die mich wirklich begeistern, aber dieser Roman ist, seit seinem Erscheinen 2014, das Buch, das mich am tiefsten ins Herz getroffen und am nachhaltigsten meinen Geist befeuert hat. Und es ist bisher die einzige Empfehlung, für die ich dankbare Urlaubspostkarten von seligen LeserInnen bekomme.
"Das achte Leben" ist ein 1200-Seiten-Opus, der einen wirklich meisterhaften, schicksalsgepeitschten Bogen von Georgien um 1900 über das Rote Jahrhundert der Sowjetunion bis in das Berlin der heutigen Zeit beschreibt.
Aber bitte keine Scheu: Nino Haratischwili schreibt hürdenlos. Dieser Wälzer liest sich so soghaft, dass es scheint, als wiege er nichts. Und schafft es trotzdem, lange, lange im Herzen und im Kopf zu bleiben.

Nino Haratischwili hat die schier unglaubliche Gabe, exzellente Recherche der historischen Zusammenhänge mit dem Schönsten zu verbinden, das Sprache kann: Sie kann erzählen! Und zwar ebenso glasklar und filigran, wie fesselnd und mitreißend. Von starken Frauen im tosenden Sturm des vergangenen Jahrhunderts.

zum Produkt € 18,00*

Immer ist alles schön
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Immer ist alles schön

gebunden

Immer ist alles schön in Anais Welt: draußen die Bäume, Blätter, der Wind, oder der heimlich bewunderte Klassenkamerad Peter, und drinnen ist ihre hübsche Mutter eigentlich auch immer ganz harmonisch versunken (Zehen eincremen, Wein trinken, hübsche Dinge sammeln und aus dem Fenster gucken) und hat ihre „Tierchen“, wie sie Anais und ihren jüngeren Bruder Bruno nennt, furchtbar lieb.
Wie ein Märchen liest sich diese Geschichte um das Geschwisterpaar Bruno und Anais und ihre Mutter bisweilen – so schön ist das alles, zumindest wird dieser Anspruch von Anais, aus deren Perspektive die Geschichte zumeist erzählt wird, permanent aktualisiert und in der Sprache, so metaphern- und bildreich sie ist, auf märchenhafte Weise umgesetzt. Und trotzdem lauert unter dieser kindlich wahrgenommenen Schönheit, das spürt man von der ersten Seite an, irgendetwas, das überhaupt nicht schön ist, aber nie entblößt und ausgestellt wird, eben deshalb: weil Anais nicht von ihrer Position abweicht, dass es trotz des Alkoholkonsums und des Stripperjobs der Mutter, unter denen vor allem Bruno sehr leidet, eben immer auch schön ist in ihrer Familienkeimzelle - bis sich dieser Anspruch irgendwann nicht mehr aufrechterhalten lässt.

Das Besondere an diesem Roman ist der Sog, den er ausübt, die Sprache, die in ihrer märchenhaften Verschrobenheit (sehr ähnlich zu Matthias Nawrats großartigem Roman „Unternehmer“) der Perspektive Anais gerecht wird, ohne die Mutter auflaufen zu lassen und dann die Figur der Mutter selbst, die bisweilen – hier wechselt der Roman (anders als die meisten Romane aus Kinderperspektive!) sogar ein paar Mal die Perspektive – sprechen darf, nie aber ihr Verhalten rechtfertigen muss. Ein Buch, das jede_r lesen sollte, der/die sich fragt, wie etwas schön und nicht schön sein kann, denn „Immer ist alles schön“ ist sehr sehr schön und sehr sehr berührend, aber darin eben auch sehr sehr grausam. Auf eine schöne Art.

zum Produkt € 24,00*

Was man von hier aus sehen kann
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Was man von hier aus sehen kann

gebunden

Ganz unter uns: Vor nichts habe ich so sehr Respekt, wie vor KundInnen, die jetzt sofort ein "richtig schönes Buch" als Geschenk brauchen.
Auf Anhieb fallen mir haufenweise Bücher ein, die ich in die Kategorie lebensverändernd einstufen möchte; Bücher, die thematische Abgründe eröffnen oder sprachlich herausfordern, Bücher die polarisieren, Wunden reißen oder einfach sonstwie wunderbar und anregend bis anstrengend sind.
Aber richtig schön? Und dann auch noch für jemanden, der gerade nicht im Laden, eben nicht dabei ist? Also lieber alles eventuell Polarisierende sicherheitshalber weiträumig umschiffen. In keinen Fettnapf treten, bloß kein Krieg, kein Schicksal, keine Krankheit, kein verlorenes Kind, keine deutsch-deutsche Geschichte, keine Politik. Da wird es meistens eng bei mir. Denn ich liebe sie so, die Bücher, die uns an Grenzen treiben. Vieles andere springt für mich dann entweder über die Klinge weil ich es kitschig oder eben weil ich es trivial finde.

Jetzt ist meine mühsam erlesene kleine Herde an richtig schönen Romanen um ein Okapi reicher.
Denn ich habe das neue Buch von Mariana Leky gelesen und dachte immer nur: IST DAS SCHÖN! Ist das richtig, richtig schön!
"Was man von hier aus sehen kann" ist eine im Wortsinn wundervolle Geschichte über die Aufgabe, seinen Platz zu finden in dieser Welt.
Dabei ist sie herrlich einfach, oft zum Brüllen komisch und wirklich bis in den kleinsten Nebensatz herzenswarm. Lange habe ich nichts mehr gelesen, das so viel Lebensklugheit so leichtfüßig transportiert. Zweimal kamen mir die Tränen: einmal vor Lachen und einmal, weil es so richtig, richtig schön war.
Ein Buch, das bis in die scheinbar unwichtigste Nebenfigur vor Menschenliebe nur so strotzt. Das voller Geheimnisse ist und voller wundersamer Verrücktheiten und doch in allem nur bejahend und warm ohne je in Albernheiten oder Schnulzigkeit abzudriften.
Ein Buch, das in diesem Sommer alle lesen werden, vom kleinen Bruder bis zur Großmutter. So richtig, richtig schön ist es!

zum Produkt € 20,00*

Invasionen des Privaten
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Invasionen des Privaten

kartoniert

Nicht ganz neu, aber sehr gut.

Vor einigen Jahren hielt sich die Autorin Anna Kim dank eines Stipendiums mehrere Wochen in Grönland auf. Aus dieser Reise sind zwei höchst lesenswerte Bücher hervorgegangen, der Selbstmörder-Roman „Anatomie einer Nacht“ und der Essay „Invasionen des Privaten“. Mit „Anatomie einer Nacht“ wurde Anna Kim berühmt, aber auch der Essay verdient Lektüre und Empfehlung. Nur, warum? Thema dieses Buches ist die Auswirkung der dänischen Kolonisation auf die grönländische Bevölkerung. Zugegeben, eher ein randständiges Thema, wenn man beachtet, dass auf Grönland nur ca. 60.000 Menschen leben. Anhand dieser Menschen analysiert Kim nahezu mustergültig die Probleme hegemonialer Herrschaft, Verlust von vertrauten Kulturtechniken, Verlorensein in anderen Sprachen und hochproblematische Identitätszuweisungen durch Fremde. Ohne dabei ihr Wissen über den Kanon der Postkolonialismuskritik von Said über Bhabha bis Kristeva explizit herauszustellen, gelingt es ihr, anhand einzelner Schicksale auf sehr große, universale Probleme unserer Zeit zu verweisen. Ihre Sprache dafür ist weder staubig-theoretisch noch unterkühlt-rational, sondern empathisch und durch sehr treffende Metaphern auch für Laien des Themas in höchstem Maße verständlich. Vielleicht ist es das, was ich an Anna Kims Texten so mag. Sie analysiert extrem klug, bleibt aber einfühlsam. Sie weiß viel, lässt sich aber ebenso von sinnlicher Schönheit leiten. Etwa in der Passage, wo sie auf das Inlandeis wandert. Die Schilderung dieser Landschaft wird bei Kim zu reiner Poesie.

Anna Kim gelingt etwas, was nur wenigen in ihrer Generation gelingt. Sie denkt und fühlt kritisch, ohne überzogenen Pathos oder distanzierte Ironie. Ich bin mir sicher, sie wird das, was wir in den nächsten Jahren von Literatur erwarten, entscheidend mit prägen.

zum Produkt € 15,00*

Mein Freund Pax
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Mein Freund Pax

gebunden

Eine grandiose Freundschaftsgeschichte, wie aus der Zeit gefallen, so wunderbar, so herzergreifend.
In beeindruckender, sehr ruhiger und punktgenauer Sprache erzählt die amerikanische Kinderbuchautorin Sara Pennypacker (Clementine!!!) die Geschichte von Peter und seinem Fuchs Pax.
Nachdem Peter den Fuchs als Welpen vor dem sicheren Tod bewahrt hat, sind sie innige Freunde. Doch in den Wirren eines ausbrechenden Krieges verlieren sich die beiden.
Ein Buch über Heimat und Sehnsucht, mit einem wunderbaren Gespür fürs Menschliche und das Füchsische.
Ein Buch, das tief im Inneren berührt, ohne je kitschig zu werden.
Es gibt diese besonderen Bücher, die man auch älteren Kindern vorlesen will, die schon (lange) selber lesen: "Die unendliche Geschichte" von Ende "Krabat" von Preußler oder Lindgrens "Ronja" zum Beispiel.
Pax gehört für mich ab sofort in genau diese grandiose Liga.
Schon deshalb, damit man gemeinsam über die zwölf Illustrationen von Jon Klassen staunen kann.

zum Produkt € 16,99*

Vom Ende an
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Vom Ende an

gebunden

Oft stehen auf Buchrücken gewagte Vergleiche oder gar reißerisch anmutende Voraussagen, welche Gefühle die Lektüre beim Lesenden auslösen wird.
Der Vergleich dieses schmalen Debüts mit "Die Straße" von Cormac McCarthy ist jedoch absolut treffend.
Der Untergang unserer Welt durch eine Naturkatastrophe geht einher mit der Geburt eines Kindes.
Panik und Todesangst entwickeln sich im gleichen Rausch, wie zärtlichste Mutterliebe und Geborgenheit.
Megan Hunter schreibt eindrücklich, poetisch und sehr knapp, fast telegrafisch. Sie benötigt kein Wort zu viel, um beklemmendste Bilder und größtes Glück heraufzubeschwören.
Und obwohl ich für diese 150 Seiten kaum einen Abend brauchte (während ich betont langsam jedes Wort wirken ließ), arbeitet diese Geschichte beeindruckend intensiv in mir weiter..

zum Produkt € 16,00*

3511 Zwetajewa
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

3511 Zwetajewa

gebunden

Das ist ein Lyrikband ganz nach meinem Geschmack. In drei Zyklen zeichnet Levin Westermann die Kulisse einer untergehenden Welt. Da gibt es das Paar, das am Ende einer Nacht in die Tiefe einer Höhle steigt. Im zweiten Teil ist es der Hund Tschechow, der scheinbar von Strugatzkis Stalker McCarthys Straße entlanggeführt wird. Oder im dritten Teil die Annäherung an Leben und Sterben der russischen Dichterin Marina Zwetajewa - immer führt der Weg in den traurigen Abgrund. In Westermanns Lyrik regiert sattes Schwarz als sinnliche Erfahrung, in den Gerüchen der Leichen, im Geschmack der Asche und in der Farbe des Himmels. Diese Welt bezieht ihre Schönheit nur noch aus dem langsamen Verschwinden des Menschen. Und wie melodisch klingen diese sanften Schritte des Abgangs:

‚wie immer: schlechte Sicht. seit Jahren / schwere Wolken, keine Sonne, nie ein licht:‘

[…]

‚Was wiegt dein schmerz? verrate mir, Teiresias: / wie lang ist im Winter eine Nacht?‘

zum Produkt € 18,00*

Das Tierreich
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Das Tierreich

gebunden

Warum habe ich diesen großartigen Autor erst jetzt entdeckt? Seit mehr als 20 Jahren werden die Bücher Albaharis, der zu den renommiertesten Schriftstellern Serbiens gehört, ins Deutsche übersetzt - und leider zu wenig gelesen! Dabei bringt der 1948 im Kosovo geborene Schriftsteller alles mit, was ihn zum großen Romancier qualifiziert: sprachliches Feingefühl, Zeitgeistbewusstsein, die Fähigkeit zu kürzen und eine brillante psychologische Reflexionstiefe. So auch in seinem aktuellen Buch „Das Tierreich“ - was sich für alle Zuspätgekommenen (wie mich) bestens als Einstieg in Albaharis Werk eignet. Setting ist ein Militärlager der jugoslawischen Volksarmee Anfang der 90er Jahre, indem vier zum Teil zwangsrekrutierte Soldaten ihren Wehrdienst ableisten müssen. Sie bilden eine Gruppe, das „Tierreich“, die nach außen Geschlossenheit und Stärke behauptet, im Inneren jedoch politisch, moralisch und intellektuell weit auseinander driftet. Im Gegensatz zu DEM großen Freundschaftsroman des Jahres (Yanagiharas „Ein wenig Leben“) wird Freundschaft hier als System subtiler Überwachungs- und Gewaltstrukturen konstruiert. Der Lauteste, Dümmste und Stärkste bestimmt das Handeln der ganzen Gruppe, statt Freiheit und Loyalität wächst Angst und stille Mordlust. Welche brutalen Auswirkungen die Diktatur der kleinen Gruppe auf den Einzelnen haben kann, müssen alle Figuren auf ihre Art erfahren. Entkommen wird keiner, auch wenn nicht alle sterben.

Albaharis Roman hat nur 130 Seiten und erzählt trotzdem eine große Geschichte. Das liegt an seiner Fähigkeit, extrem auf den Punkt zu formulieren (hier wieder im Gegensatz zu Yanagihara).Wer das nicht glaubt, muss nur den ersten Satz des Buches lesen. In diesem Frühjahr wurde keine Geschichte besser begonnen.

zum Produkt € 20,00*

Good Night Stories for Rebel Girls
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Good Night Stories for Rebel Girls

gebunden

Was für ein grandioses Buch!
100 Frauen aus allen vergangenen Zeiten und der Gegenwart und aus (fast) allen Bereichen, die unsere Welt in irgendeiner Weise durch ihre Arbeit, ihr Leben und Denken verändert oder bereichert haben werden hier vorgestellt.
Politikerinnen, Models, Wissenschaftlerinnen, Autorinnen, Entdeckerinnen, Musikerinnen, Journalistinnen, Spioninnen, Dirigentinnen ... ich könnte die Liste erfreulicherweise noch fortsetzen.
Je auf einer Doppelseite gibt es eine Kurzbiographie in Form einer kleinen Geschichte und ein wunderschönes Portrait mit einem wohl gewählten Zitat.
Die wunderschönen Bilder stammen von 60 Künstlerinnen aus aller Welt. Ein rundum gelungenes, informatives Kunstwerk.
Definitiv nicht nur für junge LeserInnen.
Wer auf die deutschsprachige Ausgabe warten möchte: Sie erscheint noch in diesem Herbst bei Hanser.

zum Produkt € 21,49*

Zuhause
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Zuhause

gebunden

Daniel Schreiber ist für mich DIE Entdeckung des Jahres! (Ja, ich weiß, ich bin spät dran.)
Vor einigen Wochen war ich privat bei einer Lesung von Hanya Yanagihara, die er moderiert hat.
Während die Autorin wie erwartet grandios war, hat er mich überraschenderweise hingerissen. Seine authentische Art, seine klugen Fragen, seine sichere Moderation durch (ihrem Roman "Ein wenig Leben" entsprechend) komplexe Themen war schlicht beeindruckend.
Also habe ich sofort seine beiden letzten Bücher (dieses hier und "Nüchtern - Über das Trinken und das Glück") gelesen, ja geradezu inhaliert, und bin restlos begeistert von seinem essayistischen Stil.
In "Zuhause" denkt Schreiber über genau das nach. Über Herkommen und Hinsehnen und über die Veränderung, die dieser Begriff im Laufe der Jahre erfahren hat. Zuhause hat heute weniger mit einem Ort, als mit einem Gefühl oder einem Suchen zu tun. Und ein Nachdenken sind seine Bücher wirklich. Es macht große Freude, ihm dabei quasi über die Schulter sehen zu dürfen. Sie sind aber auch eine Anregung zum Selbstdenken, ein Gesprächsangebot. Kauft es zwei Mal. Verschenkt es an Eure besten FreundInnen.

zum Produkt € 18,00*

Lieben muss man unfrisiert
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Lieben muss man unfrisiert

gebunden

40 Jahre nach Maxie Wanders "Guten Morgen, du Schöne" bringt Nadine Kegele neue Protokolle nach Tonband heraus.

Die literarischen Portraits von 19 Frauen und Tansgender geben mehr als nur Einblicke in das, was uns heute umtreibt.
Sie öffnen ganze (Lebens-)Welten. Gerade das Selbsterzählte ermöglicht uns einen respektvollen und doch sehr genauen Mitschnitt von Empfindungen und Erfahrungen der Frauen*, die alle verschiedene Hintergründe, Alter, Orientierungen und Lebenseinstellungen haben. Sie zeigen jedoch in all ihrer Diversität, wie politisch das Private (immer noch) ist. Inspirierende und erschütternde Themen wecken beim Lesen vor allem einen Wunsch: Mehr Feminismus! Dieses Buch ist ein guter Anfang.

zum Produkt € 22,90*

Der Club
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Der Club

gebunden

Was für ein gelungenes Debüt!
Leicht und dabei tiefsinnig. Fein gezeichnet und trotzdem soghaft spannend. Ein Roman über das Sichfinden und das Sichtreubleiben, über die Liebe, das Boxen und das Sezieren der Eliten.

Der schlagartig sympathische Protagonist Hans verliert sehr früh seine Eltern und lebt fortan, finanziert von der kühl wirkenden Tante, in einem Internat.
Nach dem Abitur holt sie ihn überraschenderweise zu sich nach Cambridge.
Doch statt der erhofften familiären Wärme, erwartet ihn ein rätselhafter Auftrag.

zum Produkt € 22,00*

Tierchen unlimited
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Tierchen unlimited

gebunden

Die Geschichte vom bosnischen Jungen, der mit seinen Eltern während des Krieges nach Deutschland flieht und dort Probleme mit Neonazis bekommt, ist extrem brutal - und sehr komisch.
Empfehle ich allen, die die Geschwindigkeit und den Sound von "Tschick" gemocht haben und seit dem etwas älter geworden sind.

zum Produkt € 18,00*

Das kalte Blut
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Das kalte Blut

gebunden

Dieses Buch ist fast eine Zumutung, so unverschämt ist es, so abgründig und so großartig.
Die Geschichte Konstantin Solms gleicht einem wilden, politisch völlig unkorrekten Ritt durch das vergangene Jahrhundert:
In Riga geboren wird der kunstsinnige Koja, beeinflusst durch seinen älteren Bruder Hubertus, Offizier der Nazis.
Dennoch ist er weit entfernt davon, ein Opfer seiner Zeit zu sein. Oder doch nicht?

Chris Kraus, der Autor von "Scherbentanz" und Regisseur von Filmen wie "Poll" und "Vier Minuten" schickt seinen Protagonisten auf eine Reise an den Puls der Geheimdienstgeschichte, die Entstehung von NS-Sicherheitsdienst, CIA, BND und Mossad.
Über fast ein ganzes Jahrhundert dürfen wir lesend dabei sein - lachen, hoffen, verzweifeln und vor allem ungläubig den Kopf schütteln über die irren Wendungen, die dieser Roman nimmt.

zum Produkt € 32,00*

Der Spaziergänger von Aleppo
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Der Spaziergänger von Aleppo

kartoniert

"Ich weiß, daß meine Briefe Dich nicht erreichen. Dennoch schreibe ich Dir jeden Abend, um Dir zu sagen, wie sehr Du mir fehlst."
Der syrische Schriftsteller Niroz Malek tut das Unfassbare und doch so ungemein Verständliche: Er will Aleppo nicht verlassen.

Trotz der täglich wachsenden Gefahr durch detonierende Bomben, drohende Verhaftung, diese permanente, für uns unvorstellbare Bedrohung von Leib und Leben, will der Siebzigjährige genau dort bleiben, wo seine Seele wohnt, wo Tausende seiner Bücher und seine Schallplatten sind.
Und so lebt er umgeben von den Werken Shakespeares und Mahfuz', zwischen den Klängen Tschaikowskys und Beethovens in der Zuhur-Straße in Aleppo und hält aus, hält aus in dieser Welt, die er nicht verloren geben kann.

Niroz Malek nimmt uns in oft sehr knappen Texten mit in seine Gedanken, seine Beobachtungen, seine Träume, seine Erinnerungen an die Toten, in sein Aleppo. Allein diese Kurzform suggeriert eine unsichere Umgebung. Wer weiß, wie lang der Strom heute verfügbar ist? Wann die nächste Erschütterung ein Weiterschreiben unmöglich macht. Viele dieser Texte sind ursprünglich auf Facebook erschienen. Lebenszeichen. Aber nicht nur: Es sind literarische Überlebenszeichen eines großen Intellektuellen, der sich existentiellen Ängsten stellt, die all unser Jammern ins rechte Licht rücken könnten.
Maleks Miniaturen muten oft luftig und poetisch an, und dann trifft uns der letzte Satz wie ein Schlag, der zum Beispiel offenbart, dass der vermeintlich friedliche Spaziergänger längst selbst zu den Toten gehört. Es sind kluge Texte von großer Zärtlichkeit, die das Grauen dieses wahnsinnigen Krieges trotzdem oder gerade deswegen markerschütternd spürbar machen.
Es ist wunderbar, dass Maleks Worte und sein Erleben uns durch den Weidle Verlag jetzt zugänglich gemacht wurden.
Niroz Malek wird bleiben, in seinem Aleppo. Ich hoffe. Für ihn und alle anderen.

zum Produkt € 17,00*

Schlafen werden wir später
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Schlafen werden wir später

gebunden

In letzter Zeit wurden viele Romane als "das Buch über Frauenfreundschaft" beworben.
Hier habe ich es tatsächlich gefunden. Und mehr als das: Zsuzsa Bánk hat zwei Protagonistinnen erschaffen, die Seite um Seite auch meine Freundinnen wurden.

Márta und Johanna kennen sich schon seit Kindertagen.
Während die Autorin Márta mit drei Kindern in Frankfurt verzweifelt versucht, Ihrem Schreiben auf der Spur zu bleiben und nach ihrem Lyrikband (!) endlich ihre Erzählungen fertigzustellen, lebt die Lehrerin Johanna im Schwarzwald und arbeitet nach überstandener Krankheit und verlorener Liebe wie im Wahn an ihrer Promotion über Annette von Droste-Hülshoff.
In E-Mails halten sie Kontakt. Sie schreiben sich elektronische Briefe, die sich lesen, wie auf Büttenpapier geschrieben, die durchzogen sind von klugen Gedanken, von schönen und schrecklichen Alltäglichkeiten, vor allem aber von der Liebe zu Literatur, von der Besessenheit fürs Wort.
Dass dieses Projekt als Briefroman über 600 Seiten so ausgesprochen gut funktioniert hat mich wirklich überrascht. Die Gedanken der beiden strotzen vor purem Leben. Trotzdem kommt man sich beim Lesen nie voyeuristisch vor, weil nichts unmittelbar beobachtet wird, sondern jeder Gedanke immer die Besinnung und Ordnung durch die Verschriftlichung findet, man immer in der Rückschau und mit gutem Abstand teilnimmt.

Dieses Buch feiert das Leben und die Herzensmenschen, die wir uns selbst als Familie wählen. Es schönt nichts, es schont nicht und trotzdem ist man beim Lesen ganz verliebt in sich selbst, in sein kinderreiches oder kinderfreies Leben, in Wortspiele und Gedichtzeilen und die deutsche Grammatik. Ich wünsche jeder Johanna eine Márta und andersherum.

zum Produkt € 24,00*

Die Geschichte eines neuen Namens
empfohlen von:

Jane Stemmler

Jane Stemmler

Die Geschichte eines neuen Namens

gebunden

Die Neapel-Reihe:
Meine geniale Freundin
Geschichte eines neuen Namens
Geschichte der getrennten Wege
Geschichte des verlorenen Kindes

Elena Ferrantes vierbändiger Roman ist gehobene Unterhaltungsliteratur in der Tradition des 19. Jahrhunderts.
Anhand der Freundschaft und Rivalität zwischen den beiden Freundinnen Lila und Elena beschreibt die Autorin das Heranwachsen in einem Neapolitanischen Armutsviertel der 50er / 60er Jahre - nüchtern und klar.
Elena, die rückblickend Erzählende, versucht durch Bildung dem klassischen Muster eines Frauenlebens dieser Zeit zu entfliehen.
Lila rebelliert auf eine andere, eigene Weise.
Die Bücher haben Suchtcharakter!
Im Frühjahr und Herbst erscheinen Band 3 und Band 4 auf Deutsch.

zum Produkt € 25,00*

Siegfried Kracauer
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Siegfried Kracauer

gebunden

Siegfried Kracauer hat heute nicht mehr die Popularität seiner Freunde Adorno oder Benjamin. Der langjährige Feuilletonist der Frankfurter Zeitung ist heute oft nur noch Filmliebhabern wegen seiner Filmkritiken und seines Buches „From Caligari to Hitler“ bekannt. Dabei war Kracauer eine Schlüsselfigur im deutschsprachigen Geistesleben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese zentrale Position arbeitet der Freiburger Historiker Jörg Später in dieser (ersten!) Kracauer-Biografie heraus. Er berichtet weniger vom Menschen Kracauer, seinem Seelenleben, Marotten, Liebschaften etc. als von seinem unfassbar großen intellektuellem Netzwerk. Schon als junger Student pflegte Kracauer Kontakt zu dem bedeutenden Soziologen Georg Simmel. Ab dem Ende des 1. Weltkrieges traf er sich jeden Samstag mit Teddy Wiesengrund zur Kant-Lektüre. In den 20er Jahren öffnete sich dieser Zirkel für Ernst Bloch und Walter Benjamin, das ‚philosophische Quartett‘ war geboren. Gemeinsam diskutierten sie das, was später als Kritische Theorie alle Bereiche der Geisteswissenschaft nachhaltig prägen würde. Da Kracauer (ebenso wie Adorno, Bloch, Benjamin) Jude war, lässt sich an seiner Biografie exemplarisch nachvollziehen, was ein durch Emigration erzwungener Verlust von Sprache, Arbeitsplatz, Sicherheit und Zukunft für Intellektuelle bedeutete: Flucht, Hunger und Angst statt Forschung, Abstraktion und Werk. Erst in den 50er Jahren in New York verfügt ‚Krac‘ wieder über ein eigenes Zimmer mit Schreibtisch. Von hier aus knüpft er erneut ein umfangreiches Netzwerk. Über das ISR hält er Kontakt zu Löwenthal, Horkheimer und Co. Aber auch die transatlantischen Beziehungen entwickeln sich. So wird er noch in seinen letzten Lebensjahren von der Gruppe Poetik und Hermeneutik eingeladen. Hier diskutieren junge, aufstrebende Wissenschaftler wie Peter Szondi, Jürgen Habermas, Hans Robert Jauß oder Hans Blumenberg mit ihm. Ich nenne hier nur die Namen, als Schlaglichter großer, sich gegenseitig beeinflussender Gedanken.

Später erzählt Kracauers Leben vom Denken her, von seinen umfangreichen Konversationen und seiner intellektuellen Genese. Auch wenn Kracauer historisch gesehen eher ein Mann der 2. Reihe geworden ist, war er stets am geisteswissenschaftlichen Puls der Zeit. Das Aufzeigen dieser Position und der fatale Bruch in der Biografie, den die Emigration für jüdische Intellektuelle bedeutete, ist die Leistung dieses Buches. Anhand eines Lebens wird dadurch ein halbes Jahrhundert Geisteswissenschaft greifbar - Ein Gewinn.

zum Produkt € 39,95*

Ich schreibe Ihnen im Dunkeln
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

gebunden

Der Roman basiert auf der wahren Geschichte von Pauline Dubuisson, von der ich bis zum Roman noch nie gehört hatte, die aber Anfang der 60er Jahre von Clouzot verflmt wurde, mit Brigitte Bardot in der Hauptrolle.
Ein überaus intelligentes junges Mädchen wird im besetzten Frankreich die Geliebte eines deutschen Chefarztes.
Sie wird nach dem Krieg, nicht einmal siebzehnjährig, von der Résistance dafür auf unvorstellbare Weise bestraft. Jahre später gesteht sie ihre Vergangenheit ihrem Verlobten - den sie nach seiner Reaktion im Affekt erschießt.
Ein wunderbar kurzer, sehr poetischer Roman über Väter und Töchter, Schuld und Justiz, Liebe und (Selbst-)Mord, der von Seite zu Seite faszinierender und feministischer wird. Ein kluges, gutes Buch!

zum Produkt € 19,95*

Formbewusstsein
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Formbewusstsein

gebunden

Nachdem "Psychologie für Designer" eine sehr dezidierte Zielgruppe hatte und sich "Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen" vornehmlich an tatsächlich kreative Köpfe, Herzen, Hände richtete (auch, wenn z.B. ich es mit großem Genuss gelesen habe), hat sich Frank Berzbach nun erfreulicherweise eines Themas angenommen, das uns alle angeht.
Er sagt: "Während wir uns an den abstrakten Sinnfragen des Lebens abarbeiten, übersehen wir die überschaubare und gestaltbare Wirklichkeit."
Sein neuestes Werk "Formbewusstsein – Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge" beschäftigt sich genau mit dem, was uns ausnahmslos alle betrifft: dem vermeintlich kleinen Tagtäglichen. Dinge die wir vielleicht gar nicht wahrnehmen, die aber einen entscheidenden Einfluss auf unser Befinden, unser Wirken, unser ganzes Leben haben.
Das Buch ist eine inspirierende Einladung, uns ganz bewusst unsere Gewohnheiten anzusehen (wie leben wir, wie essen wir, wie kleiden wir uns, wie lieben wir) und das, was uns oft als gegeben oder gar von äußeren Umständen diktiert vorkommt, wieder in unsere Hand zu nehmen, bewusst und gegenwärtig und vor allem verantwortlich zu sein.

zum Produkt € 29,80*

Du sagst es
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Du sagst es

gebunden

Die grandiose niederländische Schrifstellerin Connie Palmen ("Die Gesetze", "I.M.", "Logbuch eines unbarmerzigen Jahres") nimmt sich in diesem Roman auf besondere Weise der sagenumwobenen, dramatischen Liebe des wohl berühmtesten Autorenpaares der modernen Literatur an: Sylvia Plath und Ted Hughes.
Dabei gelingt Ihr gekonnt die Gratwanderung, selbstbewusst und fast wie selbstverständlich die Perspektive Hughes' einzunehmen, ohne die Mythologie der beiden Protagonisten vollends zu sezieren.
Ein bewegendes Buch, das automatisch in der weiterführenden Lektüre der großen Werke von Plath und Hughes mündet.

zum Produkt € 22,00*

Mova
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Mova

gebunden

Endlich ist das zweite Buch des weißrussischen Autors Viktor Martinowitsch auf deutsch erschienen. Schon sein erster Roman „Paranoia“ hat mich begeistert und auch sein neues Buch „Mova“ ist eine Entdeckung. Handlungsort dieser an Orwell oder Huxley erinnernden Dystopie ist Minsk Mitte des 21. Jahrhunderts. Eine Union aus Russland und China beherrscht die Welt, Westeuropa ist verarmt und alle sind verrückt nach einer seltsamen, nichtmateriellen Droge namens „Mova“. Ausgelöst wird der Rausch von kurzen Texten, die man in kleinen Briefchen kaufen und dann nur einmal lesen kann. In diese undurchsichtige Welt aus Rausch und Sprache schickt Martinowitsch zwei Figuren, einen Dealer und einen Junkie, und schildert in schnellem Wechsel deren Aufstieg und Untergang. Im Laufe Lektüre wird klar, dass es dabei um mehr geht als das übliche Schwarzmarkt-Drogenspiel. Es geht um den Zugang zu toxischen Texten, deren Besitz Identität und deren Verlust den Tod bedeuten kann. Oder umgedreht. Und auf einmal schimmern hinter der brutalen Tarantino-Gangster-Realität Erkenntnisse der Sprachphilosophie und Psychoanalyse durch. Diese Mischung aus bis an den Trash grenzender Popkultur und subtilem Intellekt verstärkt meine Begeisterung für diesen in Deutschland noch viel zu unbekannten Autor.

zum Produkt € 25,00*

Weg sein - hier sein
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Weg sein - hier sein

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Seit über einem Jahr ist das Wort ‚Flüchtling‘ omnipräsent in den deutschen Medien. Selten wird es allerdings im Kontext individueller Not verwendet, sondern meist als Polarisierungsvokabel in politisch-nationalistischen Argumentationen. Dass hinter dem politischen Schlagwort einzelne Biografien stehen, geht in der täglichen Nachrichtenflut zwischen Bombardierungen, Grenzschließungen und Landtagswahlen oft unter.
Schon immer ist es (auch) eine Aufgabe der Literatur gewesen, allgemeine gesellschaftliche Problemlagen anhand individueller Schicksale emotional erfahrbar zu machen. (Was wüssten wir über die Leiden der Frau im 19. Jahrhundert ohne Madame Bovary? Woher wüssten wir um das Grauen der Schützengräben ohne Paul Bäumer?) Doch welche Stimme haben diejenigen, die nur mit dem nötigsten aus Aleppo oder Homs geflohen sind, im deutschsprachigen Flüchtlingsdiskurs? Was wissen wir von denen, die da kommen? Was bedeuten die gesellschaftliche Problemlagen im Mittleren Osten für jeden Einzelnen? In Syrien, dem Jemen oder im Irak werden kritische Autorinnen und Autoren nicht verlegt, sondern verfolgt. In Deutschland angekommen, hindert die Sprachbarriere sie daran, verstanden zu werden.
Dank des Secession Verlag für Literatur ist nun ein Buch erschienen, in dem jene vormals abstrakten Flüchtlinge zu konkreten Stimmen werden. 19 Autorinnen und Autoren nutzen ihr Mittel, das der Literatur, um von dem zu erzählen, was in den Nachrichten verborgen bleibt. Sie erfinden Figuren, die aufgrund ihrer Empfindungen und Entwicklung plastisch werden für uns. Und deren Leid darum nachfühlbar wird. Jedem AfD-Mitglied, jedem Pegida-Anhäger, jedem, der jenen Hilfe verwehren will, die aus der schlimmsten Not geflohen sind, wünsche ich die Lektüre dieses wichtigen Buches. Auch allen klugen Menschen empfehle ich diese Texte, als Bereicherung in dieser wichtigen Auseinandersetzung mit unserer Wirklichkeit. Nicht nur Schreiben kann ein politischer Akt sein - auch Lesen wird hier zu einem.

zum Produkt € 24,00*

Der Alkohol und die Wehmut
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Der Alkohol und die Wehmut

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Ein Mann setzt sich in Moskau in einen Zug Richtung Osten. Während der Fahrt trinkt er, viel. Und er erinnert sich an seine Lebenslieben, eine Frau, einen Mann, das Opium, die russische Literatur. Von all dem sieht er nur die letzten Reste, wie die verbrannten Birken in der vorbeiziehenden Landschaft. Diese Zugfahrt ist eine Erinnerungsbewegung, die verschiedene Stationen passiert und auf Schienen dem unausweichlichen Ziel zusteuert. Die Erkenntnis unwiederbringlich verlorener Zeit.

Der Prix Goncourt Preisträger Mathias Ènard hat ein Buch geschrieben, an dem alles stimmt: Titel, Sprache, Handlung. Genial.

zum Produkt € 16,00*

Ich beiße Dich zum Abschied ganz zart
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Ich beiße Dich zum Abschied ganz zart

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Der Schriftsteller Hubert Fichte lebte seine Homosexualität ganz offen. Besonders für die diesbezüglich ja noch völlig widersächlichen frühen 60er Jahre wäre das allein schon Grund genug, mehr über und von ihm zu lesen.
Doch er verliebte sich zudem in die knapp zwanzig Jahre ältere, verheiratete Fotografin Leonore Mau, ohne seinen Hang zu Männern je aufzugeben oder zu leugnen.
Die innige Liebe, an der sie beide gegen alle Konventionen festhielten, und der sie ihre verschiedenen Leidenschaften und ihre Kreativität doch nie unterordneten, die aber immer auch der Realität verhaftet und auf weiten Ebenen auch eine sehr fruchtbare Arbeitsgemeinschaft war, ist sicherlich eines der spannendsten Beziehungsgeflechte des letzten Jahrhunderts.
Leider sind nur noch Fichtes Briefe an Mau erhalten. Es wäre hochinteressant, könnten wir (auch) ihre Empfindung der Dinge unmittelbarer nachvollziehen. Die aufmerksamen Erklärungen in den Anmerkungen von Herausgeber Peter Braun, helfen jedoch dabei, die Zusammenhänge zu verstehen.

zum Produkt € 26,00*

Der kleine Warumwolf
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Der kleine Warumwolf

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Das ist das perfekte Vorlesebuch für die Zeit nach dem Schulanfang.
Finn läuft nämlich jeden Tag zur Schule und ist total gelangweilt, weil seine Mutter ihm auseinandergesetzt hat, warum sie es noch nicht für sinnvoll hält, dass er schon in der zweiten Klasse täglich mit dem Roller losrast.
Der Weg ist öde, die Minuten werden ihm lang, aber alles ändert sich schlagartig, als ihm eines Morgens der Warumwolf zuläuft.
Der begleitet ihn nämlich von nun an und die beiden besprechen unterwegs so allerhand. Der Warumwolf stellt kluge Fragen und Finn erfindet in wirklich erfrischenden Geschichten die Realität neu.
Das ganze Buch ist kindgerecht und trotzdem nicht oberlehrerhaft.
Es ist witzig ohne lächerlich zu werden. Es ist fantasievoll, ohne zu übertreiben.
Und hier und da fallen mir als Vorleserin pädagogisch angenehme Konstellationen auf. (Zum Beispiel dass Finns Papa nicht sein leiblicher Vater ist oder dass der Schulhausmeister nicht wirklich ein böser Mensch ist, sondern einfach schrecklich überarbeitet.)
Außerdem sind die Geschichten wunderbar kurz und trotzdem perfekt in sich abgeschlossen.
Man lacht sich vor dem Einschlafen nochmal gemeinsam ein bisschen scheckig und hofft, dass dem eigenen Kind bald auch mal ein Warumwolf zuläuft.

zum Produkt € 13,00*

Jean Batten, Pilotin
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Jean Batten, Pilotin

kartoniert

Fiona Kidman zeichnet höchst unterhaltsam, vor allem aber mit einem großem Gespür für Zwischentöne, das Leben der Flugpionierin Jean Batten nach.
(Die umwerfend schöne Coverillustration stammt übrigens von Kat Menschik.)
1936 flog die gebürtige Neuseeländerin als erste Frau überhaupt solo von England nach Neuseeland und hielt über lange Zeit den Rekord für beide Strecken.
Doch wer war diese Frau wirklich, die wegen des weißen Seidenkleids, das sie stets im (ansonsten wirklich strikt überlebensorientierten) Fluggepäck hatte, die "Garbo der Lüfte" genannt wurde? Woher nahm sie, ein Mädchen aus einer sogenannten gescheiterten, unbegüterten Familie den Mut ihrem Traum zu folgen und die Kraft, den unzähligen Widerständen zu trotzen?
Kidman legt mit "Jean Batten, Pilotin" ein wunderbar detailiertes, interessantes Porträt einer willensstarken Persönlichkeit vor. Zugleich ist es aber auch ein Buch über die Macht von Mutter-Tochter-Beziehungen, ein Buch vom Fliegen, Lieben und (sich) Versagen.

zum Produkt € 25,00*

Foc/Feuer
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Foc/Feuer

gebunden

Sebastian Rether zeichnet in seinem Graphic Novel Debüt „Foc Feuer“ die Erlebnisse seines Großvaters während des 2. Weltkrieges nach. Dieser wurde an alle großen Kriegsschauplätze geschickt, von Rumänien an die Westfront, an die Ostfront und bis nach Italien. Die bis aufs äußerste reduzierten Bleistiftzeichnungen erzeugen dabei eine Komplexität, Farbigkeit und emotionale Tiefe, dass ich nachhaltig beeindruckt zurückbleibe.

zum Produkt € 24,95*

Die Vegetarierin
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Die Vegetarierin

gebunden

Dieser Roman ist im besten Sinne unfassbar:
In drei Strängen wird die Geschichte der Südkoreanerin Yeong-Hye erzählt, die aufgrund eines wirren Traumes urplötzlich beschließt, kein Fleisch mehr zu essen.
War sie bis eben noch unauffällige, sogar langweilige Ehefrau und Schwester, entwickelt sie sich durch ihre Verweigerung zu einem regelrechten Störfall der Gemeinschaft.

Im ersten Part kommt Yeong-Hyes Ehemann zu Wort. Die geradezu abfälligen Beschreibungen seiner Frau sind fast unerträglich. Trotzdem entsteht ein Sog, der eine Unterbrechung der Lektüre unmöglich macht.
Im Gegesatz zur Grobheit des Ehemanns steht der verzauberte Blick von Yeong-Hyes Schwager, der mit einer Art künslerischem Fetisch ein ganz neues Licht auf die "Vegetarierin" wirft.
Das Schlusswort hat die Schwester, durch deren Augen wir sehen, wie Yeong-Hye ihrer gewünschten Verwandlung zur Pflanze entgegenhungert.

Es ist ein überaus interessanter Kunstgriff der Autorin, dass Yeong-Hye selbst nie zu Wort kommt, sondern nur durch die Reflektionen ihrer nächsten Umgebung gespiegelt wird. Ohnehin lässt Han Kang wunderbarerweise vieles unausgesprochen und überlässt es dem Leser, Antworten zu erahnen oder schlicht ohne sie auszukommen.
Die Sprachmacht des Romans ist groß; mit wenigen Skizzen setzt sie komplexe Szenen in Gang. Ein wirklich beindruckendes, verstörendes Buch, das völlig zu Recht mit dem Man Booker International Prize 2016 ausgezeichnet wurde.

PS: Hier mussten Lia Nordmann und ich uns fast darum streiten, wer die Rezension schreiben darf. Ich hab gewonnen, dafür durfte sie im Laden die Banderole für das Buch machen. Wir unterschreiben beide beides.

zum Produkt € 18,95*

Princeton 66
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Princeton 66

gebunden

Jörg Magenau hat ein Buch über die größte Klassenfahrt der deutschen Literaturgeschichte geschrieben. Im Frühling 1966 wurde das jährliche Treffen der Gruppe 47 nicht in einem deutschen Provinzgasthof, sondern in den Hallen der amerikanischen Princeton University abgehalten. Das Schema blieb gleich: Autoren lesen ihre neuen Texte vor und Kritiker und Autorenkollegen erörtern danach Form und Inhalt.
Für mich, als weit nach der großen Zeit der Gruppe 47 Geborenen, war die Lektüre dieses Buches deshalb so spannend, weil Magenau kenntnisreich und kurzweilig die gewaltigen Bruchlinien innerhalb der Gruppe herausarbeitet. Da gab es zum Beispiel den Streit zwischen dem jüdischen Exilanten Peter Weiss und dem daheim gebliebenen (SS-Flakhelfer) Günther Grass über das angemessene Verhalten von Autoren während des Krieges. Oder das Aufbegehren gegen die ältere Autorengenerationen, das Peter Handke durch seine Performance in Princeton maßgeblich heraufbeschwor.
All das ist nicht wirklich neu, aber durch Magenaus Zugriff, über ein kurzes Ereignis ganze Jahrzehnte deutscher Literaturgeschichte zu rekapitulieren, fügen sich bekannte und weniger bekannte Versatzstücke dieser Geschichte zu einer schlüssigen Erzählung zusammen. Dadurch gelingt es Magenau, zentrale Strömungen (west-)deutscher Geistesentwicklung aus der Perspektive der Literatur zu erklären. Das ist – ähnlich wie in Philipp Felschs Buch „Der lange Sommer der Theorie“ – besonders ergiebig, weil es eben oft die Schriftsteller und Verleger sind, die politische, ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen auch für folgende Generationen festhalten.
„Princeton 66“ ist eine Empfehlung für alle, die gern hinter die Kulissen des Literaturbetriebs blicken möchten. Es ist auch ein Buch für jene, die Geschichte durch die Augen sich selbst inszenierender, hoch intelligenter, kritischer, zart fühlender, engagierter, störrischer Einzelgänger sehen wollen: Als Bühne, als Spielplatz, als Jahrmarkt der Eitelkeiten.

zum Produkt € 19,95*

Duell
empfohlen von:

Jane Stemmler

Jane Stemmler

Duell

kartoniert

Eine wunderbar kenntnisreiche Satire über den Kunstbetrieb.
Zwagerman (1963 - 2015) als einer der bedeutendsten niederländischen Autoren gehört für mich zu DEN Entdeckungen in diesem Jahr, in dem die Niederlande und Flandern Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sind.

zum Produkt € 17,00*

Die himmlische Tafel
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Die himmlische Tafel

gebunden

Es gibt wenige Bücher, die so wunderbar in ihrer Hoffnungslos- und Heldenlosigkeit sind, wie die von Donald Ray Pollock.
Immer spielen seine Geschichten in einöden mittelamerikanischen Käffern, immer strotzen sie vor Verzweiflung, Aggressionen, Inzest, Korruption, Alkohol- und sonstigem Missbrauch, religiösem Fanatismus und daraus resultierenden Bluttaten.
Und immer ist es ein sprachlich betörendes, kluges, aber rauschhaftes Vergnügen, sie zu lesen.
Diesmal verschlägt es uns ins Georgia von 1917, wo die drei Söhne des gerade verstorbenen Farmers Pearl Jewett auf den Spuren von "Bloody Bill Buckett" plündernd ihrer Wege ziehen und einsehen müssen, dass die vom Vater so oft beschworene "Himmlische Tafel" nicht für jede Seele Platz hat.

zum Produkt € 22,00*

The Girls
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

The Girls

gebunden

Eigentlich wollte ich dieses Buch nur lesen, um fundiert gegen den vermeintlichen Aufriss um eine 25 jährige Debütantin mit einem 2 Millionen Autorenvertrags-Vorschuss argumentieren zu können.
Weit gefehlt! Danke für die Lektion in Demut, Emma Cline.

Aus Sicht der erwachsenen, irgendwie überreif und desillusioniert wirkenden Protagnonistin Evie Boyd erfahren wir die Geschichte des Sommer, in dem sie 14 Jahre alt war:
Ihre geschiedene Mutter ist auf ständig wechselnden Selbsterfahrungstripps, die beste Freundin langweilig und gefallsüchtig - Evie Boyd sucht mehr.
Sie gerät in den Bann der faszinierend frei wirkenden, wilden Suzanne, die einer durchaus als Manson-Family zu identifizierenden Truppe angehört.
Was am Ende dieses Sommers Düsteres geschieht, ist keine Überraschung, aber Emma Cline entwickelt einen beeindruckenden Sog, der uns unbedingt erfahren lassen will, wie genau Evie in die Ereignisse verstrickt ist.

Das Buch IST großartig! Vor allem sprachlich absolut überzeugend!
Und weit mehr, als nur ein Trittbrettfahren auf dem okkulten Hype um Charles Manson und die Geschehnisse im kalifornischen Sommer 69.

zum Produkt € 22,00*

Wir Flüchtlinge
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Wir Flüchtlinge

kartoniert

„Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. […] Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind. […] und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.“

1943 veröffentlichte die damals in den USA als sog. „Staatenlose“ lebende Hannah Arendt einen Aufsatz mit dem Titel „Wir Flüchtlinge“. Darin analysiert sie die rechtsfreie Position all Jener, „die das Pech hatten, mittellos in einem neuen Land anzukommen und auf die Hilfe der Flüchtlingskomitees [angewiesen] waren.“ Als Beispiel nennt sie dafür die Flucht der europäischen Juden vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Dabei spricht sie auch aus eigener Erfahrung. Heute zeigen sich die Ergebnisse ihrer Analyse nahezu schmerzhaft vernachlässigt und dennoch hochaktuell. Ihre Absage an die „absolutistische“ Idee des Nationalstaates sollten die Herren Sloterdijk und Safranski unbedingt nachholen zu lesen. Allen anderen empfehle ich diesen Höhepunkt philosophisch-politischen Denkens auch wegen des bestens informierten und sehr klugen Nachworts des Schweizer Autors Thomas Meyer.

zum Produkt € 6,00*

Das fahle Pferd
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Das fahle Pferd

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Ich habe Boris Sawinkows „Das fahle Pferd“ am letzten Sonntag gelesen. An diesem Tag gingen die schrecklichen Bilder von dem Terroranschlag in Orlando um die Welt. Das war eine einerseits sehr befremdliche, andererseits aber auch eine sehr interessante Leseerfahrung, denn „Das fahle Pferd“ trägt den Untertitel „Roman eines Terroristen“ und ist komplett aus der Perspektive eines solchen geschrieben. Ich konnte also die Rückseite der in den Nachrichten gezeigten Bilder lesen: nicht die Folgen des Anschlags, die Trauer der Angehörigen, die Aussagen der Polizei, sondern die Vorbereitung, die Gedanken eines Täters, seine sozialen Interaktionen. Diese Perspektive wird in den Nachrichten – und auch in der Literatur – selten eingenommen.
Im Gegensatz zu dem vermutlich religiös motivierten Anschlag in Orlando sind die Motive zur Lebzeit Boris Sawinkows in der Regel politisch. Sawinkow galt in den Jahren zwischen 1905 und der Oktoberrevolution als einer der Topterroristen des russischen Zarenreichs. Als kreativer Kopf der Kampfabteilung der Sozialrevolutionäre organisierte er mehrere erfolgreiche Attentate auf hochrangige Politiker. Ziel dieser Anschläge waren die Destabilisierung des autokratisch-orthodoxen Herrschaftssystems, die Revolution und schließlich die Befreiung des einfachen Menschen von staatlicher Repression. Um die politischen Verhältnisse zu ändern, galt Terror als probates Mittel in der damaligen Zeit. Auch Künstler und Intellektuelle befürworteten – anders als heute – den Einsatz von Gewalt. Es hieß: Der Umbau der Gesellschaft erfordert Opfer. Aufseiten der Gegner sowieso, aber auch aufseiten der Terroristen, die entweder direkt bei den Anschlägen ums Leben kamen oder in den darauffolgenden Gerichtsprozessen rasch zum Tode verurteilt wurden.
Anhand des Protagonisten George, der leicht als Alter Ego des Autors zu identifizieren ist, blickt der Leser hinter die Kulissen des sozialrevolutionären Terrorismus. Wir können nicht nur lesen, was es an Vorbereitung bedarf, einen Anschlag auszuführen, vom Bombenbauen über Beschattung bis zur Personalplanung, sondern werden auch mitgenommen in die gedanklichen Hintergründe. George zweifelt, ob ein Mord an einem anderen Menschen durch den eigenen Tod gesühnt werden kann (wodurch sich Sawinkow in eine deutliche Traditionslinie zu Dostojewski einschreibt) und ob das Töten überhaupt jemals moralisch legitim sein kann. Sawinkow zeichnet die Clique von Terroristen, mit denen George die Anschläge plant, nicht als gefühlskalte Tötungsmaschine, sondern lässt sie ihre Pläne immer wieder hinterfragen. Dabei kommen die verschiedensten Legitimationsfolien zum Einsatz, von der Religion über die Politik bis hin zu der ‚wahren‘ Liebe. Der Zweifel jedoch, und diese Erkenntnis ist ein Höhepunkt des Romans, lässt sich nie ganz ausschalten. Obwohl sich George immer wieder und sehr poetisch einredet „Nennt eine Laus in deinem Hemd dich einen Floh, geh hinaus und töte!“
Georgs Scheitern ist der Grund, warum es überhaupt moralisch möglich ist, diesen Roman empfehlen zu können. Nicht am terroristischen Ziel, denn der zu tötende Generalgouverneur wird im Laufe des Romans von Georges Komplizen in die Luft gesprengt. Er selbst überlebt zwar, aber er scheitert als Sinnwesen. Durch die Morde verliert er zwangsläufig seinen Standpunkt im Leben. Ständig muss er Adressen und Identitäten wechseln, er fühlt sich verfolgt und vertraut niemanden. Die empfindsame Liebe zu einer Frau, also das größte Gegenargument zum menschenverachtenden Töten, scheint unmöglich. Obwohl er als Figur im Roman am Leben bleibt, opfert er all das, was ihn im Leben verwurzelt – und das streng genommen bereits vor den Anschlägen.
Hier schließt sich auch der Kreis zu dem Attentäter in Orlando. Um moralisch und intellektuell eine Ideologie so zu verinnerlichen, dass man in der Lage ist für diese Ideologie andere Menschen zu töten, muss man als Mensch gescheitert sein. Terroristen agierenmental und physisch in einer Scheinwelt, die in der Konsequenz jede Welthaftigkeit, jede Logik, jeden Bezug zum Mitmenschen ausschalten muss. Das ist ein armseliges, trauriges Existieren – heute wie vor 100 Jahren.

Nicht nur für diese Erkenntnis lohnt die Lektüre von Sawinkows „Das fahle Pferd“. Auch die dem Chaos des Anschlags diametral gegenüberstehende Eleganz der Sprache und deren auffällige Kunstfertigkeit zeichnen Sawinkow als großen Schriftsteller aus. Die Klarheit seiner meist kurzen Sätze lassen viel Raum für eigene Assoziationen und überschreiten oft die Grenzen zur Lyrik. Selbst dort, wo er Leichenteile in den Straßen Moskaus verteilt, geschieht das formvollendet poetisch. In den Genuss dieser Sprache kommen wir durch den Übersetzer Alexander Nitzberg. Nach seinen fulminanten Bulgakow-Übersetzungen ist ihm erneut etwas Außergewöhnliches gelungen: die Seele der russischen Sprache, ihre Melodie und Melancholie auch im Deutschen Klingen zu lassen. Für mich gehört er neben Swetlana Geier zu den wichtigsten und fähigsten Botschaftern der russischen Literatur. Dafür steht neben der Übersetzung übrigens auch sein äußerst erhellendes Nachwort.

Sawinkows „Das fahle Pferd“ ist ein zentrales Werk der russischen Literaturgeschichte, es ist sehr gut lesbar und aufgrund des Themas von unbedingter Aktualität. Lesen Sie das mal!

zum Produkt € 22,99*

Einen Körper haben
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Einen Körper haben

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Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich auf so ein Buch gewartet habe - bis ich die ersten fünf Zeilen las.
Eine kluge, mutige, ehrliche Frau schreibt in einer bestechend ungekünstelten Sprache sehr wahr und unmittelbar und intensiv, dabei gänzlich unprätentiös, einen Roman, dessen Hauptfigur ihr eigener Körper zu sein scheint.
Konsequent ohne wörtliche Rede oder anderen Schnickschnack, in der 1. Person singular, im Präsens, ohne schützende Schichten, quasi hüllenlos. Die Autorin hat was zu sagen, sie kann es und sie tut es. So simpel, so großartig!

zum Produkt € 19,99*

Opos Reise
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Opos Reise

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Bei Matthes & Seitz erscheint dank der fabelhaften Esther Kinsky das erste Kinderbuch des Verlages. NATURKUNDEN für die Kleinen quasi. Vielleicht bleibt das Projekt ein Solitär, aber eigentlich wünsche ich mir viel mehr so klug und gut erzählte, toll illustrierte (Falk Nordmann!) Tier-Kinderbücher.
Die Geschichte um eine Pilotwal-Schule (ja, das heißt wirklich so) hat verhältnismäßig viel Text, wird aber in einer so wunderbar aufmerksamen Sprache erzählt, dass es Kinder (ab fünf) wie Vorlesende gleichermaßen bezaubert.
Wenn es nicht so abgedroschen klänge, würde ich gern sagen: Kinsky beschreibt am Beispiel zweier neugieriger, liebenswerter Pilotwalkinder und des weisen alten Pilotwals OpO den Kreislauf des Lebens, den Zusammenhang zwischen uns und der Natur, den Tieren, dem Meer.
Ich musste schwer schlucken am Ende der Erzählung, meine Söhne auch.
Trotzdem ist das Buch unrührig und unpathetisch und hinterlässt ein dankbares, fröhliches Pilotwal-Kuss-Gefühl.
Grandios ist auch der "naturkundliche" Anhang. Bitte, mehr davon!

zum Produkt € 19,90*

Szenen aus Schottland
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Szenen aus Schottland

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Es ist schier unglaublich wie der Guggolz-Verlag es schafft, mir mit jedem Programm neue Jubelschreie über seine Bücher zu entlocken.
Eigentlich hatte ich mich in diesem Frühjahr vor allem auf das Erscheinen von Amalie Skram gefreut: Endlich eine AutorIN, dachte ich mir und auch die Thematik um den 450-Seiten-Wälzer "Professor Hieronimus" erschien mir höchst interessant.
(Das ist sie auch, zum Beweis dessen komme ich demnächst an dieser Stelle.)
Wie ist es nun passiert, dass ich doch erstmal so schwärmerisch auf James Leslie Mitchell und seine "Szenen aus Schottland" eingehen muss?
Ich versuche das zu rekonstruieren: Der Verleger Sebastian Guggolz kam im März hier im Laden vorbei und brachte die beiden neuen Titel und die neu gedruckten Gesamtverzeichnisse über die mittlerweile acht Bücher des Verlages.
Während ich mich einfach auf den Titel von Amalie Skram stürzen wollte, blätterten wir gemeinsam durch das andere neue Buch der Frühjahrssaison "Szenen aus Schottland" und je mehr er darüber erzählte, desto mehr war es um mich geschehen.

Guggolz-Werke bestechen alle durch die gleiche aufmerksame, wunderschöne Gestaltung. Darüber habe ich schon mehrfach geschrieben und brühe das jetzt nicht schon wieder auf. Kommt einfach vorbei, nehmt sie in die Hand, streichelt über die achtsam gestalteten Siebdruck-Cover, bewundert die Farbe des Vorsatzpapiers, der Lesebändchen - es ist so leicht ein Buch optisch und haptisch zu etwas Besonderem zu machen. Gestalterisch die richtigen Entscheidungen zu treffen. Zumindest lässt Guggolz es so leicht scheinen. Aber es sind nicht nur die Äußerlichkeiten. Es fängt schon bei der Auswahl der Texte an, den aufwändigen Neuübersetzungen der Bücher, die Guggolz so nicht nur vor dem Vergessen rettet, sondern vielmehr völlig neu mit Leben füllt. Und die Nachworte, die Anmerkungen, es ist alles so passend, so durchdacht.

Die "Szenen aus Schottland" nun also. Den vier Erzählungen und drei Essays sind wunderbar stimmige Illustrationen von Valeria Gordeew vorangestellt. Sebastian Guggolz sprach mit solcher Begeisterung über die grandiose Übersetzungsarbeit von Esther Kinsky, dass ich tatsächlich Lust hatte, wenigstens eine Geschichte aus den "Szenen" zu lesen, bevor ich mich dem "Professor Hieronimus" widmen wollte.
Es war unmöglich. Ich versank so in diesem Buch, in diesen Erählungen, die so rau und existenziell wirkten, wie die beschriebene Landschaft, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte. Obwohl es nicht einfach soghaft ist, sondern Aufmerksamkeit einfordert. Weil es eine Sprache benutzt, die selbst beim Lesen umsichtig zu machen scheint. Natürlich hatte Guggolz recht: Die Übersetzungsarbeit ist herausragend.
Das ganze Buch ist eine Wohltat.

zum Produkt € 19,00*

Tagesanbruch
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Tagesanbruch

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Ein schmales Bändchen, fürwahr.
Trotzdem gehört es für mich zu den vielleicht gewichtigsten Neuerscheinungen in diesem Frühjahr.
Treichel hatte es noch nie nötig zu schwafeln, doch diese Reduziertheit ist ein großer Wurf.
Der Monolog einer Mutter über ihrem gerade verstorbenen (erwachsenen) Sohn ist unsentimental, bewegend - und wunderschön. Und kratzt vielleicht gerade deshalb so wohltuend an den tieferen Schichten der Seele.

zum Produkt € 17,95*

Kleider machen Leute
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Kleider machen Leute

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Gottfried Keller, der große Schweizer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, fristet derzeit eine etwas unpopuläre Existenz in den Lektürelisten der Oberstufe und den ersten Germanistiksemestern. Titel wie „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ etwa wecken bei vielen nur Erinnerungen an längst verdrängte Lesezwänge statt Wiederentdeckungslust. Das ist bedauerlich, vermochte es Keller doch besonders in seinem Novellenzyklus „Die Leute von Seldwyla“ (vollendet 1875) in der kleinen Form menschliche Parabeln mit zeitloser Aussagekraft zu entwickeln. Man kann seine Sujets produktiv in andere Zeiten und Orte versetzen, ohne dass ihre Botschaften antiquiert wirken.
In herausragender Weise hat sich Martin Krusche nun einem der bedeutendsten Texte Kellers angenommen, der Novelle „Kleider machen Leute“. Der Berliner Künstler und Illustrator versetzt Kellers Geschichte um Wenzel Strapinski, der ohne Geld, aber adrett gekleidet, zufällig von einer prunkvollen Kutsche bis in die nächste Ortschaft mitgenommen und dort ob seiner äußeren Erscheinung für einen reichen Fürsten gehalten wird, in die Gegenwart. Strapinski arbeitet hier Angestellter in einem Supermarkt, die Kutsche ist eine teure Limousine und er wird nicht für einen Fürst, sondern entsprechend der kapitalistischen Machtordnung, für einen Geschäftsmann gehalten. In der Grundstruktur des Plots bleibt Krusche dennoch nah bei Keller. Strapinski wird überhäuft mit Geschenken, Einladungen, üppigen Speisen, will sich der Verwechslung entziehen, verliebt sich und gerät in das bekannte Dilemma: Lüge und Genuss oder Wahrheit und Ausgrenzung.
Kunstvoll erfrischend ist Krusches Zugang zum Stoff. Er erzählt die Geschichte um den schönen trügerischen Schein als Graphic Novel. Dabei bedient er sich einer Formsprache, die an gegenwärtige Tattooästhetik ebenso erinnert wie an die urbanen Prints auf Kleidung und Plattencovern. Krusche, der mit seinem Label Yackfou ebensolche auch entwirft und vertreibt, besitzt großes Talent für effektvolle Kontraste, klare Linien und den satten Einsatz von Farbe. Im Fall von „Kleider machen Leute“ sind das besonders die Farben Rot und Blau, die in der wunderschönen Ausgabe der Edition Büchergilde durch kontrastive Stimmungen die Botschaft des Textes herausarbeiten. Die bedruckte Wildseide des Umschlags, die Fadenheftung und das spezielle Druckverfahren lassen das Buch auch unter anderen Graphic Novels zu einem herausragenden Kunstwerk werden.
Für alle, die nach dem Lesen und Schauen Lust bekommen, Kellers Originaltext wiederzulesen, ist dieser dankenswerterweise im Anhang vollständig abgedruckt.

Mein Fazit: Bei Krusches Keller-Adaption trügt der Schein nicht. Das ist Kunst und Können.

zum Produkt € 28,00*

Am Ende bleiben die Zedern
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Am Ende bleiben die Zedern

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„Wer glaubt, er habe den Libanon verstanden, dem hat man ihn nicht richtig erklärt.“

Meine Altersgenossen assoziieren mit dem Libanon ein Krisengebiet. Beirut wird weniger als Stadt, denn als Symbol für Bürgerkrieg, zerbombte Häuser und schlimmste Massaker gedacht. Die andere Seite des Landes, die imposanten Berge, die mächtigen Bäume, die einzigartige religiöse Vielfalt, die jahrtausendealte Kultur, das Nachtleben oder das funkelnde Meer in der Abendsonne wird von den Schreckensmeldungen aus den Nachrichten nahezu vollständig überlagert. Aktuell scheint der Libanon nicht viel mehr zu sein als eines der größten Flüchtlingslager der Welt. (Jeder vierte Einwohner des Libanon ist ein Flüchtling.) Auch der Vater von Pierre Jarawan floh vor dem libanesischen Bürgerkrieg, erst nach Jordanien und dann nach Deutschland. Sicher lag es auch an seinen Wurzeln, die den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meister dazu brachten, mehr über das Land seiner Vorfahren erfahren zu wollen. Vielleicht war es aber auch der Wunsch, die Geschichte durch Geschichten verständlich und nachfühlbar zu machen. Ein Wunsch, der ihn schließlich vor einigen Jahren in die Archive führte. Dort begann eine Suche nach historischen Konflikten, Schicksalen und Fluchtbewegungen, die ihn hinter die Bilder aus den Nachrichten blicken ließen. Das Ergebnis dieser Recherche liegt nun als ein in allen Dimensionen außergewöhnlichem Roman vor. Außergewöhnlich, weil er bereits als Debüt von einer poetologischen Reife zeugt, die selbst bei erfahrenen Schriftstellern nicht oft zu finden ist. Außergewöhnlich, weil „Am Ende bleiben die Zedern“ eben nicht nur ein fiktionsgewordenes Rechercheergebnis ist, sondern den Leser mitnimmt auf diese Suche, auf die Irrwege, ihn hoffen lässt, enttäuscht und überrascht. Außergewöhnlich auch, weil die Waage zwischen Fakt und Fiktion so meisterhaft gehalten wird, dass ich als Leser emotional und intellektuell stets nah an der Handlung bleibe und doch das große Ganze nicht aus dem Blick verliere. Doch wie gelingt das Jarawan? Als narrativen Trick nutzt er die Aufspaltung der Chronologie in zwei Erzählstränge. Einer beginnt noch vor der Geburt des Protagonisten Samir und folgt ihm bis ins junge Erwachsenenalter. Der zweite setzt ein, wenn er als Erwachsener kurz vor seiner Hochzeit in den Libanon reist, um dort seinen verschollenen Vater zu finden. Beide Erzählstränge wechseln sich in kurzen Kapiteln ständig ab, sodass durch gezielte Querverweise und Cliffhänger ein wahrer Lesesog entsteht.

Was den beiden Samirs in der Auseinandersetzung mit dem Vater-Phantom widerfährt, lässt sich in Härte und Brutalität kaum Erahnen. Umso wirkungsvoller ist die Zuneigung und Bewunderung, die seitens der doppelten Hauptfigur dem Vater entgegengebracht wird. Die hintergründige Liebe, die Samir für ihn empfindet, überträgt sich auf das Land seiner Herkunft und offenbart den besonderen Kunstgriff des Romans. Die Faszination für die Vaterfigur verbindet sich mit der Faszination für den Libanon: Beide sind rätselhaft, beide versperren sich klaren Deutungen. Diese elegante Vielschichtigkeit muss Jarawan erst einmal jemand nachmachen.

zum Produkt € 22,00*

Der neue Chef
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Der neue Chef

gebunden

Der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann starb im Jahr 1998. Nun ist bei Suhrkamp ein neues Buch von ihm erschienen. Das könnte eine wahre Entdeckung sein oder die Verwertung von Manuskripten, die besser in der Schublade geblieben wären. Im Falle von „Der neue Chef“ liegt der Schlüssel zum Urteil in der Perspektive. Zwei der drei Texte in diesem schmalen Bändchen sind bereits vor vielen Jahren in Publikationen mit den vielversprechenden Namen „Verwaltungsarchiv“ (1962) oder „Verwaltung. Eine einführende Darstellung“ (1965) veröffentlicht wurden. Der dritte Text mit dem Titel „Unterwachung oder die Kunst, Vorgesetzte zu lenken“ ist ein bisher nicht publiziertes Typoskript aus dem Nachlass Luhmanns, überarbeitet von dem FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube.

Thema aller 3 Texte sind Kommunikationsstrukturen und -strategien unter dem „Gesetz des Wiedersehens“: die tägliche Arbeit in hierarchisch organisierten Institutionen. Angesichts der rasanten Entwicklung von Coaching, Human Resource Management und Führungstheorie in den letzten Jahren scheint Luhmanns Untersuchungsgegenstand etwas antiquiert und für aktuelle Anwendung unzureichend. Aber das muss es auch nicht. „Der neue Chef“ ist kein Lehrbuch. Was Luhmann in diesen drei kurzen Texten meisterhaft zeigt, ist die Fähigkeit durch präzise Beobachtung vom Alltag auf Theorie zu abstrahieren. Seine schon in den 60er Jahren bemerkenswerte Belesenheit, seine Lakonie und seine (für mich bis heute) beispiellose sprachliche Begabung lassen „Der neue Chef“ zu einem kleinen Kunststück des ausformulierten Denkens werden. Um das schätzen zu können, bedarf es auch nicht zwingend die Beherrschung systemtheoretischer Terminologie. Eine kleine, latente Respektlosigkeit gegenüber starren Denkmustern (oder dem eigenen Chef) genügt.

Die beste Stelle:

„Jede Organisation besteht aus Handlungen. Kein Mensch aber kann handeln, ohne selbst dabei zu sein. Er bringt sich selbst, seine Persönlichkeit, mit an die Arbeitsstelle. Die Organisation fordert ihm jedoch nur spezifische Leistungen ab. Seine Gefühle und seine Selbstdarstellungsinteressen werden dabei kaum beansprucht. Sie lungern während der Arbeit funktionslos herum und stiften Schaden, wenn sie nicht unter Kontrolle gehalten werden.“ (S. 43)

zum Produkt € 10,00*

Das Reich Gottes
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Das Reich Gottes

gebunden

An Carrères neuestem Werk arbeite ich mich noch immer ab. Ich ackere regelrecht. Denn es ist so großartig, wie komplex.
Neben Espedal und Knausgård gehört er für mich zur heiligen Dreifaltigkeit der autobiografischen Schriftsteller und er wird in meinen Augen immer besser, aber auch immer vielschichtiger, immer komplizierter.
"Das Reich Gottes" ist weit mehr, als ein Roman über Glaubens- und Unglaubenskrisen. Carrère schreibt die Anfangsgeschichte des Christentums neu.
Dabei ist er so philosophisch, so politisch, so literarisch, so wahr und so pointiert, dass es unmöglich ist, dieses Buch in das Korsett eines Genres zu pressen.

zum Produkt € 24,90*

Glückskind mit Vater
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Glückskind mit Vater

gebunden

Christoph Hein hat einen sehr ruhigen und vielleicht gerade deshalb so kraftvollen Roman über das Erbe unserer Geschichte geschrieben. Über Schatten werfende tote Väter. Über Söhne und Mütter. Der Erzählton ist unaufgeregt, fast beiläufig, lässt aber niemals den ernst einer Situation vermissen und schafft gerade durch seine Sachlichkeit eine hohe Dramatik. Ich mochte den Protagonisten Konstantin Boggosch sofort. Ein in bester Tradition gekonntes Buch.

zum Produkt € 22,95*

Unorthodox
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Unorthodox

gebunden

Trotz dieses eigentlich erschütternd ernsten Themas, ist Deborah Feldman ein spritziges, literarisch prickelndes Buch gelungen. Feldman wirkt an keiner Stelle verbittert oder gar selbstmitleidig, sondern offenbart uns eher mit Staunen eine schier unglaubliche Welt orthodoxen Judentums in einer chassidischen Satmar-Gemeinde in New York.

zum Produkt € 22,00*

Die Installation der Angst
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Die Installation der Angst

kartoniert

Schon der Titel von Rui Zinks Erzählung ist vielversprechend: Die Installation der Angst. Wenn es Aufgabe der Kunst ist, mit Gewohnheiten zu brechen und Sichtweisen infrage zu stellen, gelingt dies durch die Verbindung der Worte „Installation“ und „Angst“ exemplarisch. Bei „Installation“ denkt man an Heizungsrohre, an Computerprogramme, an Schrauben, Zangen, Werkzeug. Auf der anderen Seite steht die Angst: ein starkes Gefühl, diffus, nicht greifbar, nicht steuerbar, seelisch.
Was ist das also für ein Text, der einer intensiven emotionalen Regung mit technischem Werkzeug beizukommen sucht? Im besten Sinne unerhört, eine Novelle also, die in deutlicher Traditionslinie zu Kafkas Strafkolonie zwei verschiedene Akteure in ein surreales Kammerspiel schickt. Eine Frau, Mutter eines Kindes, erhält Besuch von zwei staatlich beauftragten Installateuren die „zum Wohl aller“ die Angst bei ihr installieren sollen. Statt Zangen und Schrauben sind es allerdings Geschichten, kleine Episoden und gesellschaftskritische Abhandlungen, die die beiden, wie aus einem Mund sprechenden, Installateure als Instrumente nutzen. In diesen Geschichten werden durch gezielte Polemik, durch Zweifel und Verunsicherung verschiedenste Ängste geschürt: die Angst vor den „Märkten“, die Angst vor epidemischen Krankheiten, die Angst vor Flüchtlingen. Und warum das alles? Um den sozialen Frieden zu sichern und den Mensch als Bürger von der staatlichen Unterdrückung abzulenken. („Mehr Angst = weniger Störung“, „Mehr Angst = mehr Unterhaltung“)

Das liest sich als recht offensichtliche Kritik an totalitären Regimen, als Globalisierungskritik und als kleine Lehrstunde in der Psychoanalyse. Interessant dabei ist, dass Zink durch die Verwendung von unzähligen Phrasen a lá „Es gibt keine Alternative“ oder „Ja, die wirtschaftliche Situation ist besorgniserregend“ auf jene sprachliche Realität referiert, die uns täglich in den Nachrichten begegnet. Auch wenn diese Kritik an medialer Politik zu simpel ausbuchstabiert wird und dem Leser die Schlussfolgerung regelrecht aufgeschwatzt wird, bleibt dennoch eine produktive Störung zurück. Wenn mit Wittgenstein im Gepäck behauptet wird, „Etwas zu benennen heißt, dessen Existenz anzuerkennen“, lernen wir zwar nichts Neues, rufen jedoch Erkenntnisse der Sprachphilosophie auf, die im Winter 2016 aktueller nicht sein können. Die Gefahr, die vermeintlich von den Flüchtlingen ausgeht, wird zur realen Angst, weil sie formuliert und verbreitet wird. Jeden Tag, in den Nachrichten, in den Zeitungen, in den Talkshows.

Weil Rui Zink uns diesen Crash-Kurs Propaganda-Psychologie in eine kurze, nachhallende Geschichte packt, lohnt es sich „Die Installation der Angst“ zu lesen. Und weil das Ende dramaturgisch genial gemacht ist, aber hier ich hab Angst, zu viel zu verraten.

zum Produkt € 18,00*

Der Flaneur
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Der Flaneur

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Nach New York streifen wir nun also mit Edmund White durch die französische Hauptstadt.
Wir wandeln gemeinsam mit ihm auf den Spuren der ganz Großen, wie Balzac, Baudelaire oder Hemingway, folgen aber auch unbekannten Pfaden und lernen zu staunen und zu genießen.
Sein wacher Blick und sein offener Geist sind mir die liebsten Begleiter auf literarischen Reisen.

zum Produkt € 19,99*

Bestimmt wird alles gut
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Bestimmt wird alles gut

gebunden

Eine Herzenssache!

Kauft dieses Buch! Lest es Euren Kindern vor.
Lest es in den Kitas und Schulen Eurer Kinder vor.
Verschenkt es an alle Kinder, die Ihr kennt.
Vielleicht auch an die, die Ihr nicht kennt.
Lasst es in den Hausfluren liegen. Tragt es in die Welt!!!

Verzeiht, dass ich so im Imperativ unterwegs bin, aber dieses Buch ist wirklich so unglaublich wichtig, so richtig und so grandios liebevoll und umsichtig gemacht, dass es den Keim des Verständnisses für anderer Menschen Leid und Hoffnung in uns alle legen kann.

Die wahre Flucht-Geschichte einer syrischen Familie, nacherzählt von Kirsten Boie, illustriert von Jan Birck auf Deutsch und Arabisch, erschienen im wunderbaren Klett Kinderbuch Verlag.
Ein Buch, das die Welt besser machen wird!
Danke an Euch, die Ihr es gemacht habt!
Danke an Euch, die Ihr es kauft!

zum Produkt € 9,95*

Trauer ist das Ding mit Federn
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Trauer ist das Ding mit Federn

gebunden

Die Ausgangssituation: Eine junge Familie, Mutter, Vater und die Zwillingssöhne, Reihenhäuschen alles friedlich. Dann die Katastrophe: Die Mutter stürzt die Treppe hinunter, Hirnblutung, tot. Das ändert ALLES. Das Leben der drei Hinterbliebenen wird zur surrealen Bewährungsprobe, denn unbewusst war es stets die Mutter, die alles zusammenhält, nicht nur im Haushalt, sondern auch im seelischen Gleichgewicht der ganzen Familie.
In dieses emotionale Chaos hinein ertönt plötzlich ein Klingeln an der Tür, aber statt der erwarteten Freunde steht da eine riesige Krähe und verschafft sich Zutritt zum Haus. Sie läuft durch die Räume, verliert hier und da ihre schwarzen Federn („Auf deinem Kopfkissen liegt auch eine Feder.“) und spricht, krächzend zwar, aber verständlich:

„In anderen Versionen bin ich Arzt oder Geist. Ideale Vehikel: Ärzte, Geister und Krähen. Wir können Dinge, die andere Figuren nicht können, etwa Traurigkeit essen, Geheimnisse zuhüllen und dramatisch mit Sprache und Gott ringen. Ich war Freund, Vorwand, Deus ex Machina, Scherz, Symptom, Erfindung, Schrecken, Krücke, Spielzeug, Phantom, Gag, Analytiker, Babysitter.
Ich war schließlich ein zentraler Vogel… bis an die äußersten Grenzen. Ich bin Schablone. Ich weiß es. Ein Mythos, der manipuliert, der manipuliert wird.“

Mit dem Besuch der Krähe öffnet sich ein beeindruckender Kosmos. Die Referenz auf Poes Raben Nevermore ist offensichtlich. Der schwarze Vogel als Allegorie der Trauer, der erst geht, wenn der Schmerz überwunden ist. Der die Trauer frisst. Der Vogel weiß, dass er nur eine Metapher ist, aber das spielt keine Rolle, denn durch die Vogelfiktion wird ein unbegreifliches Gefühl greifbar, gegenständlicher und damit auch irgendwie händelbar. Und darum geht es in diesem Roman: wie gehe ich mit einer Situation um, die vollkommen überfordert, die im Skript meiner Vorstellungskraft bisher nicht vorhanden war, die weit über die Grenzen des Möglichkeitsinns hinausreicht? In dieser taumelnden Entrücktheit treffen sich die Wahrscheinlichkeiten vom Besuch einer sprechenden Krähe und das Sterben einer jungen Frau, Mutter, Geliebten, mit der man noch ein ganzes Leben geplant hatte.
Porters Roman ist nicht lang, aber auf den wenigen Seiten entfaltet er die ganze Kraft der Literatur. Metaphern können uns die Welt nicht nur erklären, sondern manchmal überhaupt erst erträglich machen. Aus diffusen Gefühlen werden so konkrete Bilder zu denen schließlich eine Distanz aufgebaut werden kann.
Sprachlich ist das brilliant umgesetzt, denn Porter (beziehungsweise seine genialen Übersetzer Uda Strätling und Matthias Göritz) beherrscht das lautmalerische Krächzen der Krähe ebenso wie den naiven Blick von sechsjährigen Jungen auf eine viel zu große Welt. Da werden souverän Perspektiven, Register, Zeitebenen gewechselt, um zu einem erstaunlich kohärenten Bild zu gelangen.

Nach der Lektüre bleibe ich zurück, zutiefst erschüttert von der Kraft dieser Prosa.

zum Produkt € 16,90*

adibas
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

adibas

gebunden

Im materialistisch strukturierten Mitteleuropäer hedonistischer Konditionierung ist der Impetus umfassender Arroganz tief verwurzelt. Eine Arroganz, die es erlaubt, die großen Probleme der Menschheit, wie Hunger, Armut, Ausbeutung und Krieg elegant zu ignorieren. Eine erstaunliche Fähigkeit, die besonders dort zutage tritt, wo Mitteleuropa an seine soziologischen und geografischen Grenzen gerät: am Hintereingang des Konsumtempels, an den Peripherien der medialen Aufmerksamkeitsspanne, in der bigotten Demokratie eines weltweiten Glücksversprechens. Dieses Phänomen lässt sich mitunter recht signifikant verorten. In der georgischen Hauptstadt Tiflis zum Beispiel, (obgleich es auch Baku, Warschau oder Bali sein könnte) in Biografien die mit ihrer eigenen Globalisierung nicht klarkommen und auch in guter Literatur.
Tiflis ist Handlungsort des ersten ins Deutsche übersetzten Romans "Adibas" von Zaza Burchuladze. Die Protagonisten sind markengeschulte Großstadthipster (was ich hier nicht als Schimpfwort verwende!), die sich vom, bis an die Stadtgrenzen reichenden, Russisch-Georgischen Krieg nicht irritieren lassen möchten. Sie trinken, feiern, konsumieren und vögeln sich durch Ihren Alltag und leben so, als würden sie in London, Paris oder Berlin leben. Ein interessanter Kontrast, der besonders dem als Terrorismus getarnten Krieg auch in den westlichen Hauptstädten ein doppeltes Gewicht – oder müsste man sagen, eine besonders zynische Botschaft? – mitgibt. In diesem Feld der Provokation entwickelt Burchuladze ein Tableau des urbanen 21. Jahrhunderts, das all jene anspricht, die sich nach den Anschlägen von Paris wundern, warum wieder feiern kurz nach den Anschlägen die dringlichste Handlungsoption zu sein scheint. Um diesen Kontrast ästhetisch zu dramatisieren, bedient sich Burchuladze einer Vielfalt poetologischer Mittel, die von der soziologischen Studie über lyrische Elemente bis zu Chat-Mitschnitten reicht. Dadurch wird eine Nähe zu den Protagonisten hergestellt, die jedoch nie Gefahr läuft, als authentisch durchzugehen. Sprachlich erinnert das mitunter an Irvine Welsh´ "Trainspotting". Die Figuren stolpern ähnlich orientierungslos durch ihre Gegenwart wie jene in Olga Grjasnowas Romanen und wenn es an das geschickte Einflechten von historischem Hintergrundwissen in den (leider etwas dünnen) Plot geht, entdecke ich auch Parallelen zu Nino Haratischwilis "Das 8. Leben (für Brilka)".

"Adibas" ist laut, polternd, rotzig, pervers. Und, was mir am meisten gefällt, es ist hintergründig klug. Darum, liebe Menschen: Lest georgische Literatur, lest "Adibas" von Zaza Burchuladze.

zum Produkt € 18,00*

Play it again
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Play it again

gebunden

Ein Mann nimmt sich vor, ein Klavierstück zu lernen und schreibt darüber ein Buch. Nichts könnte auf den ersten Blick langweiliger sein. Wenn dieser Mann allerdings Chefredakteur des britischen Guardian ist, Träger des alternativen Nobelpreises und einer der einflussreichsten Journalisten der westlichen Hemisphäre, wird es schon spannender. Wenn es sich bei dem Klavierstück auch noch um die Ballade Nr. 1 in g Moll op. 23 von Chopin handelt, eines der schwersten Stücke der Klavierliteratur, ist man geneigt in die ersten Seiten hineinzulesen. Und wenn man dann bemerkt, dass sich dieser Mann sehr elegant, klug und unterhaltsam ausdrücken kann, ist man schließlich drin in einem aus allen Perspektiven außergewöhnlichen (und größenwahnsinnigen?) Projekt. Man wird von Rusbridgers Art über Fingersätze und Tonleitern zu schreiben, ebenso gefesselt wie von seinen beruflichen Aufgaben: Da sind die Veröffentlichungen der Wikileaks-Dokumente, Treffen mit Julian Assange, Geiselnahmeverhandlungen in Lybien, der Umbau von Print auf Digital einer Traditionszeitung, der Abhörskandal von News of the World. Nur wenige Schlaglichter, die doch umso deutlicher die Frage stellen, wie man das alles unter einen Hut bekommen kann. Rusbridger will jeden Tag 20 Minuten üben. Ob er das schafft, will ich nicht verraten. Auch nicht, welche Tipps ihm Condoleezza Rice oder Daniel Barenboim mit auf den Weg geben. Nur soviel darf ich nach der Lektüre, die mich sehr bereichert hat, vorwegnehmen: Es geht in „Play it again“ nicht um ein Kunstwerk, sondern um drei. Da ist sicher diese wunderschöne Klavierballade, die das ganze Spektrum menschlicher Emotionen zu berühren scheint. Da ist aber auch das Kunstwerk, dass es ein Mann von dieser Stellung, in einer Branche, die von Aktualität, Schnelligkeit und unvorhergesehenen Ereignissen lebt, es schafft, kontinuierlich Zeit für die Muse aufzubringen. Und dann schließlich das Kunstwerk, über all das in einer Art und Weise schreiben zu können, die auch musikalische Laien völlig in den Bann zieht. „Play it again“ ist eine lesenswerte Aufforderung Kunst in den Alltag zu integrieren. Die Lektüre dieses Buches wäre dafür der erste Schritt.

zum Produkt € 25,00*

Die Großwäscherei
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Die Großwäscherei

gebunden

Ich habe neulich ein Wochenende in der
"Großwäscherei" von Andor Endre Gelléri verbracht.

Donnerlittchen, und jetzt stehe ich vor dem Problem, dass ich kaum über das Buch sprechen kann, ohne wie ein verknallter Teenager zu klingen. Also seht mir die Schwärmerei mal kurz nach, es geht wirklich nicht anders.

Wie bei allen Büchern aus dem Guggolz Verlag fängt es schon mit Optik und Haptik an: Handschmeichler ist ein schrecklich abgedroschenes Wort, aber irgendwie liegen alle Bücher aus diesem Haus nahezu unverschämt angenehm in den Händen. Fast seidig und weich, dabei ohne künstlichen Schnickschnack, mit bestechend schlichter Gestaltung, feiner Typografie, gutem Papier, Fadenheftung, in der perfekten Größe ...
Man merkt diesen Büchern vom Coverdesign bis zum Text auf dem Rücken einfach an, dass sie rundum klug und liebevoll gedacht und gemacht sind.

Nun zu Gelléri, dieser ungarischen Wiederentdeckung:
Der Autor starb 1945 mit nur 39 Jahren an einer Typhusinfektion im damals gerade befreiten KZ Mauthausen.
"Die Großwäscherei" ist sein einziger Roman und erschien erstmals 1931. Gelléri hat bereits als junger Erwachsener eine beachtliche Anzahl Erzählungen und Novellen geschrieben, stets in dem Gefühl, das abbilden zu müssen, was er gerade vor Augen hatte. Und da er immer auch Brotberufen nachgehen musste, strotzen sie vom prallen Leben der arbeitenden Schicht.

So auch das gerade erschienene Buch "Die Großwäscherei", das bunt schillernd, eine Budapester Arbeiterszene in ihrem eigenen, kleinen Kosmos vor unseren Augen heraufbeschwört. Und vielleicht liegt es daran, dass Gelléri tatsächlich mal in einem solchen Betrieb hat schuften müssen, dass die Gerüche, die Geräusche, der Gestank, der Dampf, die beißenden Laugen, die Hoffnungen und Leiden der Kragenwäscher-Mädchen, der Färber und Waschjungen, der Bügelfrauen und Vorarbeiter tatsächlich vom ersten Satz an so mitreißend beschrieben sind.
Vielleicht liegt es aber auch schlicht und ergreifend an Gelléris erzählerischem Talent.
Und spätestens wenn man das Nachwort der Übersetzerin Timea Tankó liest, wird klar, wie viel kluge Überlegung und übersetzerisches Geschick auch hierbei am Werk waren.

zum Produkt € 22,00*

Wider die Natur
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Wider die Natur

gebunden

Espedal lesen erzeugt in mir immer das Gefühl, einem alten Freund zuzuhören. So auch in "Wider die Natur", in dem der Erzähler den Tod seiner Frau und seiner Mutter thematisiert und den Verlust seiner größten Liebe beklagt. Dieser nachdenkliche Plauderton, die Anekdoten aus der Vergangenheit, diese Lebensweisheit, die aus einem scheinbar unmittelbaren Sprachfluss heraus entstehen, lassen zu mir, als Leser, eine sehr große Nähe entstehen. Ich fühle mich eingeweiht. Trotz ihrer fließenden Leichtigkeit verliert die Unterhaltung, dieser als Gespräch imaginierte Monolog nie seine Ernsthaftigkeit. Jedes Wort zählt. Jede Erinnerung ist wichtig. Und während der Unterhaltung frage ich mich: Wie war das bei mir damals? Was war und ist für mich wichtig? Wie erhalten Momente ihre Bedeutung? Bin ich in der Lage, Glück zu erkennen? Oder ist es wirklich so, wie es Espedal hart bilanziert?: „Man kann fast nichts über das Glück sagen. Es ist in allem, was wir sagen und tun, und wir wissen nicht einmal von ihm.“ – Ich hoffe nicht.

Dieses Buch hat mich aufmerksamer gemacht gegenüber dem eigenen Glück. Bereichert warte ich auf die nächsten Übersetzungen.

zum Produkt € 19,90*

Der Sohn
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Der Sohn

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Andrej Nikolaidis: Der Sohn (Voland & Quist 2015)

Liebe Freunde der gesunden Misanthropie, liebe Tischgenossen von Antoine Roquentin, verehrte Liebhaber moralischer Abwesenheit a lá Camus, schließlich: Auch ihr Gefährten Bernhards auf den Wanderungen zu den Gipfeln menschlicher Abscheu – euch ward „Der Sohn“ geboren! Nein, kein Epigone im Schatten mit zu kleinen Füßen, sondern ein würdiger Nachfolger. Einer der schreiben kann, herzhaft gemein, abgründig und schnell. Verfolgt die Geschichte von Konstantin, der von seiner Frau – vollkommen zu Recht – verlassen wurde und nun durch eine Balkan-Touristenstadt irrt. Der den schlimmsten aller Kreaturen begegnet, den Kreisen der Hölle gleich bis an den tiefsten Punkt menschlicher Existenz vordringt und dort sich selbst erkennt. Was für eine Nacht, die wir da dank Nikolaidis miterleben dürfen, was für Gedanken, wieviel schwärzesten Humor und bitterstern Zynismus. Kostprobe?

„Auch die Nachbarn waren natürlich hier, mit ihren ausgemergelten und dazu räudigen Kühen, die an Unterernährung krepierten, mit gleichermaßen ausgemergelten und dazu räudigen Hunden und letztlich mit ihren unterernährten, schmutzigen und überdies dummen Kindern, aus deren Augen Primitivität und Verdorbenheit blitzten – die gefährlichste aller verheerenden Kombinationen menschlicher Eigenschaften.“ (52 f.)

Ich will mehr davon!

(Und allen, die meine Begeisterung teilen, empfehle ich auch die anderen Bücher der Sonar-Reihe des Voland & Quist Verlages. Hier wird seit schon seit einigen Jahren der Maßstab gesetzt für junge (süd-) osteuropäische Literatur.)

zum Produkt € 16,90*

Im Frühling sterben
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Im Frühling sterben

gebunden

Der Deutsche Buchpreis ist nicht Alles.

Bereits im Juli 2015 hat der Autor Ralf Rothmann die Nominierung seines Romans "Im Frühling sterben" für den Deutschen Buchpreis abgelehnt. Nicht nur die poetische Absage mit den Worten „Ich möchte lieber nicht“ (ein Zitat aus Melvilles Bartleby, dass ich in der wundervoll illustrierten Ausgabe des Verlags Jacoby & Stuart empfehle) verdient dabei Beachtung, sondern viel mehr noch einer der besten deutschen Romane des Jahres, der nun, wo alle von Frank Witzels "„Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ sprechen, leider aus dem Fokus gerät. Witzel erhält den Buchpreis völlig zu Recht, denn die Prämierung seines irrwitzigen Romans ist ein unbedingtes Bekenntnis zur Vielfalt und Fantasie literarischen Schaffens. An dieser Stelle möchte ich allerdings um den Blick ins Dunkle bitten, jenseits des Rampenlichts dieser Tage.

„Und was ist mit dem, der schießen muss? Was vererbt der?“

Nur wenige Romane habe ich bisher gelesen, in denen (fast) keine Metaphern vorkommen. Rothmann erzählt die Geschichte von zwei Jungen, die in den letzten Kriegstagen 1945 zwangsrekrutiert werden und dann die ganze Grausamkeit des sinnlosen Tötens erfahren mit den Mitteln eines radikalen Realismus. Keine auktorialen Wertungen, keine Euphemismen, keine schillernden Bilder. Und doch liegt in seinen Schilderungen etwas sehr Poetisches. In den sinnlichen Beschreibungen der Natur, den Gerüchen, den Lichtverhältnissen werden Momente der Schönheit gefeiert die dann in einem krassen und schmerzhaften Gegensatz stehen zum Handeln der Figuren. Der einzelne Mensch in Im Frühling sterben ist fremdbestimmt und immer Teil einer alles zerstörenden Maschinerie. Jeder der sich dagegen aufbegehrt und Selbstbestimmung sucht wird zermahlen. Und eben weil Rothmann auf die Mittel der Verfremdung so konsequent verzichtet, entsteht eine Fatalität des Dargestellten, die einerseits hoch spannend ist – auch dort, wo es ‚nur‘ um den Alltag auf einen Bauernhof geht – und andererseits entsetzt, traurig stimmt und verzweifeln lässt.

Romane wie dieser müssen immer wieder geschrieben (und gelesen!) werden, weil sie durch die Erzählungen vom Krieg starke Argumente für einen fundierten Pazifismus darstellen. Rothmann hat mit "Im Frühling sterben" ein herausragendes Beispiel dafür vorgelegt.

zum Produkt € 19,95*

Gebunden
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Gebunden

gebunden

„Gebunden“ an die Realität.
Stellen sie sich vor, sie sind ein/e Autorin, haben bereits einige Romane veröffentlicht, sind schon etwas bekannt und haben nun ein neues Buch geschrieben. Mit diesem Buch gehen sie zu ihrem Verleger, dem größten und einflussreichsten des Landes. Diesem gefällt auch Ihr neuer Text. Er ist bereit zu publizieren. Gemeinsam geben sie dem Werk den letzten Feinschliff: Lektorat, Korrektorat, Satz und schließlich der Druck. Dann folgt der spannendste Tag: die Auslieferung in die Buchläden. Die ersten Leser/innen halten nun ihren neuesten Roman in den Händen. Einige sind begeistert, wie vielschichtig, schonungslos offen, kritisch ihr neues Werk geworden ist. Einige sind es nicht. Nur zwei Wochen nach der Veröffentlichung bekommt ihr Verleger Besuch von einer Gruppe selbst ernannter Hüter des Rechts, die ihm raten, das Buch zurückzuziehen, sonst wäre sein Leben in Gefahr, das seiner Familie, die Existenz seiner Verlage und Buchhandlungen. Ihr Verleger, dem auch die meisten Buchhandlungen des Landes gehören (also kein kleiner Akteur in der Branche!), hat Angst und ruft die komplette Auflage zurück. Dann bittet er sie in sein Büro und verkündet, dass das Buch nur erscheinen kann, wenn sie bestimmte Stellen streichen, nämlich genau die, in denen die selbst ernannten Hüter des Rechts kritisiert werden. Nun haben sie die Wahl: Entweder sie fügen sich und ihr Roman wird in gekürzter Form seine Leser/innen erreichen oder sie weigern sich und das Buch erscheint nicht.
Vor diesem Dilemma stand die indonesische Autorin Okky Madasari im Jahr 2012. In ihrem Roman erhob sie eine kritische Stimme gegenüber einer kleinen Gruppe gewaltbereiter Islamisten, die in Ihrem Heimatland fast 20 Jahre nach dem Ende der Suharto-Diktatur eine religiös-fanatische Zensur etablieren (wollen). Dies setzen sie mit allen Mitteln durch, mit dem Schutz der Regierung, trotz staatlich verbrieften Recht auf freie Meinungsäußerung.
Okky Madasari wollte, dass ihr Buch veröffentlicht wurde und kürzte ihren Roman.
Szenenwechsel: Stellen sie sich vor, sie kommen aus einer einflussreichen Verlegerfamilie. Ihr Vater war Verleger, ihr Großvater war Verleger. Auch sie möchten die Tradition ihrer Familie fortführen und freigeistige, vielseitige Bücher herausbringen, die die kulturelle und philosophische Vielfalt ihres Landes widerspiegeln. Noch vor erscheinen des ersten Buches im eigenen Verlag lesen Sie jedoch in den Zeitungen, wie in ihrem Land staatliche Institutionen errichtet werden, die jegliche kulturelle Äußerung auf Konformität gegenüber streng religiösen Dogmen prüfen. Eine Zensur, die Literatur, Film, Kunst und Musik gleichermaßen betrifft und die bei Zuwiderhandlungen zu Strafen führt, die auf mittelalterlichen Rechtssprechungen beruhen. Nun haben sie die Wahl: Entweder sie fügen sich der Zensur und veröffentlichen nur „harmlose“ Bücher oder sie riskieren eine sichere Zukunft indem sie im Untergrund publizieren oder emigrieren.
Vor diesem Dilemma stand der iranische Verleger Madjid Mohit Anfang der 1990er Jahre. Er entschied sich, auszuwandern, nach Kanada, um dort einen Verlag zu gründen. Es wurde nicht Kanada, sondern Deutschland, nicht Montreal, sondern Bremen. Den Verlag hat er trotzdem gegründet. Der „Sujet-Verlag“ ist spezialisiert auf „Luftwurzelliteratur“, eine Literatur von Menschen, die nicht in ihrem Heimatland leben, von Flüchtlingen, von Kosmopoliten, die die Überschreitung von Grenzen, Traditionen und Sprachen in ihren Seelen und Büchern ständig nachspüren.
Und hier kreuzen sich die beiden Geschichten. Madjid Mohit hörte die Geschichte von Okky Madasari. Er las die englische – ungekürzte! – Fassung ihres Romans und entschied sich, diesen auch ins Deutsche übersetzen zu lassen. Mit dem Erscheinen des Romans „Gebunden – Stimmen der Trommel“ pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2015 materialisiert sich schließlich der Wunsch zweier mutiger Menschen, sich staatlichen und religiösen Systemen der Zensur zu widersetzen. Damit erzählt nicht nur Madasaris Roman von der Unterdrückung und Freischlagung ihrer Protagonisten, sondern sie wird selbst zur Protagonistin einer Geschichte, in der auch Madjid Mohit eine wichtige Figur ist.
Bei der Lesung von Okky Madasari am 22. Oktober in unserem Buchladen konnten wir erfahren, wie spannend beide Geschichten sind: die des Romans und die der Realität. Und wir haben wieder einmal gelernt, wie lebensnah Literatur sein kann, wie politisch, wie ernst. Und weil in der Fiktion die Realität mit hinterfragt wird, empfehlen wir die deutsche, ungekürzte Fassung von „Gebunden – Stimmen der Trommel“!

Außerdem möchten wir allen Protagonisten für diesen erkenntnisreichen Abend danken.

zum Produkt € 19,80*

Fragmente einer Sprache der Liebe
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Fragmente einer Sprache der Liebe

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Pünktlich zum 100. Geburtstag von Roland Barthes im November legt Suhrkamp "Fragmente einer Sprache der Liebe" in einer wunderschön gebundenen, erweiterten Ausgabe vor.
Vor 38 Jahren erstmals erschienen, kann man Barthes Werk mittlerweile als einen Klassiker bezeichnen, an dem sich ganze Generationen von Liebenden philosophisch abgearbeitet haben mögen.
Von A wie Abhängigkeit, über E wie Erwartung, bis Z wie Zugrundegehen widmet Barthes 70 Begriffen des Gefühlslebens sezierende, infragestellende oder erklärende Texte.
20 bisher unveröffentlichte Worte sind in Barthes berühmten Pariser Seminaren hinzugekommen und liegen nun zum ersten Mal öffentlich vor.
Eine fabelhafte Gelegenheit, Barthes (wiederzu)entdecken, zu verschenken und immer, immer wieder neu zu denken.

zum Produkt € 24,95*

Winternähe
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Winternähe

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Dieses Debüt ist meine ganz klare Empfehlung für alle, die zeitgenössische Literatur mit dem Puls der Hauptstadt suchen.
Nicht nur (Verzeihung, aber ich finde es ebenso trivial, wie genial), weil die Geschichte gleich hier um die Ecke von ocelot, auf der Polizeiwache in der Brunnenstraße ihren Anfang nimmt. Wesentlicheres bewegt an diesem Roman: Lesen Sie die Geschichte von Lola, die urplötzlich im toleranten Mitte-Berlin mit Antisemitismus konfrontiert wird und sich unbequemen Fragen stellen muss. Wie jüdisch ist sie wirklich, als Tochter eines jüdischen Vaters und einer nicht jüdischen Mutter? Wer bestimmt über unsere Identität? Und inwieweit tragen wir die Spuren vorhergehender Generationen und ihrer Biographien in uns, selbst wenn wir vielleicht nicht merklich unter ihrem Einfluss standen?
Mirna Funk findet für all das und für weitaus mehr spannende Erzählwege, leichte Ironien, tiefe Wahrheiten und nimmt den Leser von Berlin aus über Tel Aviv und Bangkok mit zu einer vielleicht für uns alle längst überfälligen Reise. Dabei zeitgeschichtlich so nah am israelisch-palästinensischen Konflikt, wie lange kein Roman mehr, ist "Winternähe" vor allem ein Buch über das Suchen, das Lieben und das Recht, genau so zu sein, wie man eben ist. Der Holocaust ist kein Menschenleben her. Mirna Funk macht uns das auf wunderbar unsentimentale Weise noch mal gegenwärtig.

zum Produkt € 19,99*

Ich bin China
empfohlen von:

Alex Bachler

Alex Bachler

Ich bin China

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Xiaolu Guo schuf mit "Ich bin China" eine kritische und dennoch liebevolle Auseinandersetzung mit Chinas jüngerer Geschichte, Sprache, Kunst und Zensur.
Das Buch erzählt die spannende und berührende Beinahe-Dreiecksgeschichte rund um die introvertierte Londoner Übersetzerin Iona, die einen unsortierten Stapel Briefe und Tagebucheinträge des chinesischen Paares Miu und Jiang ins Englische zu übersetzen versucht und sich auf die Spuren einer zerbrochenen Liebe rund um den Globus begibt und dabei tief in die persönlichen Gedanken und Ängste moderner, junger Chinesischen eintaucht.

zum Produkt € 19,99*

Erschlagt die Armen!
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Erschlagt die Armen!

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Ich empfehle aus aktuellem Anlass und ganz unbedingt „Erschlagt die Armen!“ der indisch-französischen Autorin Shumona Sinha.
Jeden Tag sehen wir in den Medien die Flüchtlingsströme, hören von scheiternder Asylpolitik und von Fremdenhass, von Wasserwerfern gegen Wehrlose und brennenden Baracken, von Terror und Bürgerkriegen, von Quoten und immer wieder von Toten.
Ein weites, komplexes Feld, das in seiner politischen Brisanz zum zentralen Thema unserer Zeit avanciert. In diesen Bienenstock der Kontroversen, Deutungen und Hilferufe sticht Shumona Sinha mit ihrer Erzählung "Erschlagt die Armen!".
Sie erzählt die Geschichte einer Dolmetscherin in einer Asylbehörde, die nicht nur zwischen die Sprachen von Antragsteller und Zielland gerät, sondern zermahlen wird durch die Unentscheidbarkeit von Wahrheit und Fiktion, von menschlicher Empathie und systemrelevantem Pragmatismus. Durch eine folgenschwere Kurzschlussreaktion bekommen diese Ambivalenzen eine dramaturgische Dringlichkeit, die die Leserin/ den Leser direkt hineinführt in den Konflikt einer niemals nur einseitig zu beantwortenden Frage.
Getragen werden diese Reflexionen, von eine äußerst bildhafte Sprache. Durch die Verwendung einer fantasievollen und sinnlichen Metaphorik erreicht es S. Sinha den Deutungsspielraum zu vervielfachen und auch jene Gefühle greifbar zu machen, die für die Protagonistin so nebulös, mythisch und zerstörerisch erscheinen. So werden die sprachlichen Bilder zu einem Instrument der Selbst- und Fremderkundung. Keine schlechte Technik, um mit diesem Bienenstock umzugehen.
Mein Fazit: Dieses Buch wird die Debatte um Asylpolitik nicht auflösen. Aber durch die Lektüre werden wichtige Fragen aufgeworfen, die vielleicht zu mehr Verständnis und einer besseren Urteilsfähigkeit innerhalb dieser Thematik beitragen. Das ist ein großer Gewinn.

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