Unsere Empfehlungen

Die Scham
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Die Scham Annie Ernaux

gebunden

Annie Ernaux. Das ist für mich ein Synonym für literarische Relevanz.
Ich bin so dankbar, dass wir in den grandiosen Übersetzungen von Sonja Finck immer mehr von dieser brillanten Autorin lesen dürfen.
Bisher war ich in Fragen der Reihenfolge eher dogmatisch: Ernaux wird so gelesen, wie Finck sie übersetzt.
„Die Jahre“ zeigen das Gesamtbild. „Erinnerung eines Mädchens“ seziert unterm Mikroskop in einem ganzen Buch, was in „Die Jahre“ auf wenigen Zeilen wie nebenbei erwähnt wird. (Natürlich erwähnt Annie Ernaux niemals etwas nebenbei!)
In „Der Platz“ beleuchtet sie die Perspektive zum Vater.
„Eine Frau“ wirft ein Schlaglicht auf die Mutter. Doch immer ist Ernaux ihr eigenes Zentrum.
Jedes Buch von ihr verdichtet meinen Eindruck des vorherigen, lässt Verbindungen entstehen.
Das Ernauxversum gewährt mir mit jedem Buch ein tieferes Verstehen seiner Beschaffenheit. Und zeigt mir genau, wo ich Teil davon bin, wo es Teil von mir ist - und von den Frauen um mich herum.
Nun ist „Die Scham“ erschienen und ich gerate mit meiner Überzeugung der Reihenfolge zum ersten Mal ins Wanken.
Vielleicht ist das eine Finck-Übersetzung, die sich auch als Einstieg in das Werk von Annie Ernaux eignet? In diesem Buch, das sie bereits Mitte der 90er schrieb, findet sie erstmals Worte für eine Begebenheit aus dem Jahr 1952: Am Küchentisch eskaliert ein elterlicher Streit und der Vater droht, die Mutter zu erschlagen.
Für Ernaux beginnt in diesem Jahr eine Zeit „ ... in der ich mich ununterbrochen schämen würde.“ Hier geht es im Zuge des Erwachsenwerdens der damals zwölfjährigen Annie D. vor allem um Religion und Milieu.
Die Ausgangsszene am Küchentisch bleibt der entscheidende Zündungsmoment, aber Ernaux geht gewohnt soziologisch weiter voran, arbeitet sich tiefer vor in die Entstehung ihrer Scham, die zwischen Privatschule und Katholizismus Nahrung fand.
Ernaux betrachtet sich und die damaligen Umstände völlig unaufgeregt, gewohnt ruhig und analytisch, und beeindruckt mich mal wieder tief in ihrer Ehrlichkeit und in ihrer Unbedingtheit: Es ist für sie ganz klar, dass sie diese Begebenheit in der literarischen Form erzählen, genaue Worte für sie finden muss, weil sonst diese Küchentischszene als ewig Heiliges, Unbenennbares und damit enorm Machtvolles in ihr bleibt. Als Stimmung, als Szene vor allem aber als ein Auslöser für ein Gefühl, das für so viele Frauen so viele verschiedene Anfänge hat.
Und das ist der Einstieg in den Dialog, den ich nach jedem Ernaux-Buch mit mir selbst führe: Hier beginnt das Erinnern, die Selbstermächtigung über eigene Gefühle und eigene Episoden, die Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit, das Michwichtignehmen, auch rückwirkend und auch in vermeintlichen Lapalien, das in protestantischen Haushalten ebenso als eher unerwünschtes Umsichselbstkreisen verpönt war. Das zu initiieren und zwar mit Sätzen und Bildern, die universell sind und hochliterarisch, das ist für mich bei jedem Buch von Annie Ernaux eine Offenbarung.
Ich kann „Die Scham“ nicht lesen, ohne die vier vorherigen Bücher mitzudenken und ich kann es nicht lesen, ohne mich auf weitere Ernaux-Übersetzungen von Sonja Finck zu freuen.
Aber falls Ihr, wie auch immer das möglich sein kann, noch nichts von Annie Ernaux gelesen habt, gibt es jetzt einen Grund mehr. Und vielleicht sogar einen alternativen Einstieg in ihr Werk.

zum Produkt € 18,00*

Tschudi
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Tschudi Mariam Kühsel-Hussaini

gebunden

1896, als die Romanhandlung einsetzt, übernimmt der Schweizer Kunsthistoriker Hugo von Tschudi gerade die Leitung der Nationalgalerie hier in Berlin. Nicht nur die Augen der Kunstwelt liegen auf ihm; er gilt als freier Geist, als charismatische Persönlichkeit und als enorm moderner Kunstversteher, der die angestaubte Nationalgalerie regelrecht stoßlüften wird.
Tschudi etabliert völlig neue Ausstellungstechniken und experimentiert nahezu waghalsig mit der Wirkung von Licht und Fläche. Gemeinsam mit seinem Freund Max Liebermann hat er gerade in Frankreich im großen Stil die Impressionisten fürs kaiserliche Berlin eingekauft: Renoir, Monet, Cezanne - das ist für Berliner Verhältnisse fast vulgär farbenfroh, spektakulär neumodisch und vor allem viel zu französisch für ein Kaiserreich, das den deutsch-französischen Krieg ja noch peinlich in den Knochen spürt.
Nicht nur dem Kaiser gefällt Tschudis weltoffenes Treiben so gar nicht, auch der Kollege Wilhelm von Bode aus dem Museum nebenan, der bis vor kurzem noch ein Förderer des jungen Schweizers war, stellt gerade entsetzt fest, dass Tschudi die Aufmerksamkeit des spendenwilligen Kunstpublikums völlig auf seine Nationalgalerie zieht.

Mariam Kühsel-Hussaini hat auch beim Schreiben ordentlich in den Farbtopf gegriffen. Wir lesen hier überirdisch lange, wunderbar bunt schillernde Satzkonstruktionen, da wird von Liebermann aufs dollste berlinert, es kommen aber auch Cosima von Wagner, Gerhart Hauptmann und Wassily Kandinsky zu Wort. Ich lese da genialen Humor, eine kluge Fabulierlust und eine überbordende Freude an diesem tollen Thema heraus. Die Autorin hat eine enorme Rechercheleistung vollbracht und verwebt das leichtfüßig und spielerisch in eine besondere Geschichte, da darf sie gern auch mal dick auftragen. Aber in den Zwischentönen arbeitet sie ganz klar z.B. den Antisemitismus und die Homophobie dieser Zeit heraus. Für diese 300 Seiten liebte ich die Sprache sehr und hätte das nicht anders lesen wollen.
Es gibt aber neben der sprachlichen Experimentierlust klare Gründe für dieses Buch:
Der einfache ist: Passion! Wir lernen hier eine Figur kennen, die liebt, was sie tut und das enorm gut kann und damit auch inspirieren würde, wenn es um Pferdezucht geht oder um Bergsteigen. Aber nach diesem Buch will man tatsächlich ins Museum oder sich zumindest virtuell nochmal all die Bilder anschauen, um die es im Roman geht.
Und: Das Drama des Hugo von Tschudi ist ja die einer höchst tragischen Figur. Ein blitzgescheiter, charismatischer Mann, visionär und seiner Zeit weit voraus, umgeben von Kunst und Schönheit. Aber er leidet an Lupus, an einer für alle Welt sichtbaren, eiternden, furunkelnden Gesichtstuberkulose, für die Rudolf von Virchow ihm irgendwann eine Maske anfertigt, damit bei offiziellen Anlässen und internationalen Empfängen endlich mal das Getuschel aufhört, obwohl Tschudi unglaublich souverän damit umgeht.
Wir begegnen hier also einer höchst dramatischen Figur, die trotzdem nie bemitleidenswert, sondern beeindruckend und beflügelnd wirkt und mit diesem Buch ein grandioses literarisches Denkmal gesetzt bekommen hat.

zum Produkt € 24,00*

Monster wie wir
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Jacqueline Masuck

Jacqueline Masuck

Monster wie wir Ulrike Almut Sandig

gebunden

Viktor, Ruth und ihr Bruder Fly erleben eine nicht ganz typische DDR-Kindheit in einem Dorf nahe bei Leipzig.
Victors Mutter kommt aus der Ukraine, der Vater von Ruth ist Pfarrer.
Bis in die heutige Zeit reicht diese Geschichte, in welcher das Thema Gewalt und Kindesmißbrauch in der Familie immer wieder aufploppt. Und wo die Kinder glauben, dass man echte Kloppe auch immer sehen kann, sonst ist es nur "Poklatsche". Victor und Ruth müssen noch viel schlimmere Sachen erleben als Kloppe und das ist auch der Grund, warum Ruth keine Vampire mag ...
Weitere Themen sind verschwindende Dörfer, Braunkohleabbau, rechte Jugendszene und Baumhaus-Rebellen im Hambacher Forst.

Ein schmaler Roman mit wahnsinnig viel Inhalt und mit Charakteren, die im Kopf und im Herzen bleiben. So schön und so stark erzählt! Jeder Satz dabei gestochen scharf und radikal gut mit vielen zarten Zwischentönen. Keine Ost-Klischees, kein humoriger Blick auf die ehemalige DDR. Dennoch kritisch und ohne zu beschönigen.
Für mich ist dieser Roman eine echte Überraschung. Und das Cover ist einfach grandios.

zum Produkt € 22,00*

Hintergrund für Liebe
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Hintergrund für Liebe Helen Wolff

kartoniert

Im Gegensatz zu bestimmten Reisezielen verschleißen Bücher nicht dadurch, dass man sie empfiehlt. Und dieses Buch ist wie die geheime Bucht mit perfektem Strand, das winzige Restaurant in der Seitenstraße, der unverstellte Blick aufs Meer. 90 Jahre nach seiner Entstehung können wir dank des Weidle Verlages nun endlich „Hintergrund für Liebe“ entdecken, den einzigen Roman der großen Verlegerin Helen Wolff. In dieser sommerlich flirrenden Geschichte begleitet eine junge Frau einen älteren, sehr wohlhabenden Mann an die französische Mittelmeerküste. Schnell merken die beiden, wie unterschiedlich ihre Vorstellungen des gemeinsamen Urlaubs sind, sie trennen sich und damit beginnt für die Frau eine wundervoll lebensbejahende, sinnliche Zeit in einer simplen Hütte in den Dünen. Und so, wie sich die junge Frau von allen Konventionen befreit, so möchte man auch beim Lesen alles liegen lassen und sofort aufbrechen. Wie Helen Wolff vom nächtlich-warmen Wind schreibt, von den duftenden Blumen, dem Rauschen des Meeres und immer wieder vom Essen, da kann man nur Hunger bekommen und Fernweh, nach südlicheren Tagen.

Ergänzt wird dieses großartig von Kat Menschik illustrierte Buch durch einen biographischen Essay von Marion Detjen.

zum Produkt € 20,00*

Arbeit
empfohlen von:

Jacqueline Masuck

Jacqueline Masuck

Arbeit Thorsten Nagelschmidt

gebunden

Tarek und Tanja, zwei Sanitäter, rasen im Rettungswagen durch das nächtliche Berlin. Der Moritzplatz, das Huxleys, der Görli - das sind so ihre Strecken.
Und so gehetzt und atemlos wie diese beiden auf ihrer Tour, so ist die gesamte Story.
Ganz egal, ob der Türsteher Ten, die Spätifrau Anna oder die zynische Buchhändlerin - sie alle sind das echte Berlin.
Nicht zu vergessen Bederitzky in seinem Nachttaxi.
Jede Nacht kämpfen sie alle in miesen Jobs auf einsamen Posten und sind doch auf sehr differenzierte Weise miteinander verknüpft. Eine genial gemachte Story mit tiefen Einblicken in die verschiedensten Milieus. Ein sprachliches Feuerwerk..

zum Produkt € 22,00*

Der Defekt
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Der Defekt Leona Stahlmann

gebunden

Hauptfigur Mina, zu Beginn des Romans 16 Jahre alt, spürt eine Anziehung zu dem ein Jahr älteren Vetko. Im Gegensatz zu den ersten sexuellen Erfahrungen ihrer KlassenkameradInnen verbindet die beiden eine von Unterdrückung und Schmerz geleitete Körperlichkeit. Vetko bringt Mina immer wieder an die Grenzen des Erträglichen: „Vetkos Hand hob sich, noch einmal, wieder, blieb in der Schwebe und fiel, fiel, fiel auf ihre Rücken, ihre Beine, und sie kippte aus der Weltzeit und ihrem Körper entgegen.“ Diesen Wunsch, aus der Weltzeit zu fallen, diese Lust am Schmerz nimmt Mina als Defekt war. Als wäre sie ein Unkraut im hübschen Blumenbeet ihrer Peergroup. Mit der überall im Dorf wuchernden Brennnessel, die erst als unerwünschtes Gewächs, dann als Heilpflanze betrachtet wird und sich bestens eignet um junge, weiche Haut zu verletzen, nutzt Stahlmann ein (zugegeben sehr naheliegendes) Leitmotiv, um den Begriff des Natürlichen in Frage zu stellen. Der Mensch greift in die Natur ein, er verändert die Schönheit des Urwüchsigen, Wilden, domestiziert sie und macht sie damit hässlich, langweilig und reizlos. So wird in „Der Defekt“ jeder Vorgarten zu einem Symbol der unterdrückten Natur, jedes elterliche Ehebett zum Schauplatz einer von Einrichtungskatalogen verödeten Welt und selbst der Wunsch, im fernen Indien Sinn zu finden muss scheitern an der beschissenen Brutalität des Menschlichen. Wo aber hin, wenn der Mensch sich seine eigene Existenz so widersinnig verbaut? In die Natur? Zu Vetko? Die wilden Wälder, der knackende Schnee, die Käferlarven und die mal feuchte, mal harte, mal aufgewühlte Erde rahmen nicht nur das Dorfleben, sondern bieten der Autorin einen permanenten, stilistischen Fluchtpunkt. Darum schickt sie Mina nach ihrem Studium in der großen Stadt auch zurück ins Dorf, um in einer verklärten „zurück-zum-Ursprung“-Ideologie die Versöhnung mit der Natur zu finden. Das ufert in langen und zum Teil großartigen Nature-Writing Passagen, verdeckt mit dieser wuchernden Blattgrünbildsprache jedoch etwas zu oft den Glutkern des Romans: die besondere Beziehung zwischen Mina und Vetko. Wer also einen tieferen Einblick in ein Begehren mit vereinbartem Machtgefälle erwartet, (wie es der Klappentext andeutet) wird von diesem Roman wahrscheinlich enttäuscht werden. Wer sich jedoch einlässt auf das Verlassen zivilisatorischer Einbahnstraßen und bereit ist, barfuß über Tannenwaldboden zu laufen, wird mit diesem sprachlich herausragenden Debüt sicher literarische Lust empfinden.

zum Produkt € 22,00*

Ich erwarte die Ankunft des Teufels
empfohlen von:

Magda Birkmann

Magda Birkmann

Ich erwarte die Ankunft des Teufels Mary Maclane

gebunden

Im Jahr 1901 beschloss eine junge Frau aus einer Bergbaustadt in Montana, dass sie nur eine Möglichkeit habe, um der beengten Atmosphäre ihrer Umgebung, in der sie sich unverstanden und einsam fühlte, zu entfliehen: sie musste ein Buch schreiben und damit berühmt werden. Also setzte sich die 19jährige Mary MacLane an den Schreibtisch und verfasste innerhalb von drei Monaten ein Manuskript, das kurze Zeit später tatsächlich zur literarischen Sensation werden und sie zum großen Star machen würde. Jetzt ist das Buch nach über 100 Jahren erstmals auch auf Deutsch erschienen - in einer Übersetzung von Ann Cotten.

MacLane erklärt sich in diesem Buch selbstbewusst zum Genie und nimmt keinerlei Rücksicht auf die Befindlichkeiten ihrer Leser*innen. Zu einer Zeit, in der jungen Mädchen von der Gesellschaft keine Ambitionen, keine
Sinnlichkeit und schon gar keine selbstbestimmte Sexualität zugestanden werden, berichtet sie offen von ihrer Faszination für ihren eigenen Körper, schildert freimütig ihre Liebe zu und ihr sexuelles Verlangen nach einer ehemaligen Lehrerin, verschweigt ihre Abneigung gegenüber dem Konzept der heterosexuellen Ehe genauso wenig wie ihr angebliches Hobby des gelegentlichen Diebstahls. Und immer wieder bringt Mary MacLane den Teufel ins Spiel, nach dem sie sich als einem Befreier sehnt, der sie aus der intellektuellen Beschränktheit von Butte und aus der für sie vorgesehenen gesellschaftlichen Rolle retten, aber ihr auch ihre geheimsten sexuellen Wünsche erfüllen soll.
Das Buch sorgte bei seiner Erstveröffentlichung für einen großen Skandal, Kritiker*innen und Moralapostel waren entsetzt, junge Mädchen traten scharenweise Mary MacLane-Gesellschaften bei. Auch wenn uns heutzutage Mary MacLanes schonungslose Offenheit weitaus weniger erschüttert als die damaligen Leser*innen, bleibt dieses selbsterklärte Genie aus Montana dennoch eine unglaublich faszinierende Person und die lyrische Sprache, mit der sie ihren Wunsch nach einem Ausbruch aus der intellektuellen Ödnis und Einsamkeit schildert, reißt uns heute kein bisschen weniger mit als damals.

zum Produkt € 18,00*

Aufzeichnungen eines Serienmörders
empfohlen von:

Cecilia Drain

Cecilia Drain

Aufzeichnungen eines Serienmörders Young-Ha Kim

gebunden

Byongsu Kim, ein pensionierter Tierarzt, verbringt seine Zeit damit Klassiker zu lesen und Gedichte zu schreiben. Allerdings ist er nicht nur pensionierter Tierarzt, sondern auch „pensionierter“ Serienmörder. Die Morde sind inzwischen alle verjährt, der letzte ist mehr als 25 Jahre her.
Byongsu Kim wohnt mit seiner Tochter in einem beschaulichen Dorf, in dem nun erneut ein Serienmörder sein Unwesen treibt und junge Frauen tötet. Durch Zufall trifft Byongsu Kim auf einen Mann, bei dem er dieselbe Mordlust erkennt, die auch ihn damals antrieb. Sofort wird ihm klar, dass er seine Tochter schützen und folglich einen letzten Mord planen muss. Doch das ist gar nicht so einfach. Byongsu Kim leidet an einer beginnenden Demenz, in die er immer weiter hineintaumelt.
Tragisch-komisch schildert Young-Ha Kim, wie Byongsu Kim mit Notizen und Voicerecorder gegen die Vergesslichkeit ankämpft und es ihm doch nicht gelingt. Das passiert so geschickt und geht soweit, dass ich am Ende des Buches selbst nicht mehr wusste, ob nun Byongsu Kims Version der Geschichte oder doch die der ermittelnden Polizei stimmt.


Aus dem Koreanischen von Inwon Park.

zum Produkt € 20,00*

Dankbarkeiten
empfohlen von:

Jacqueline Masuck

Jacqueline Masuck

Dankbarkeiten Delphine de Vigan

gebunden

Mischka ist eine ältere Dame, die ihre Sprache langsam verliert. Sie leidet an beginnender Aphasie, fühlt sich "zerlöchert" und "ausgeschöpft". Regelmäßig sagt sie "Dante" statt "Danke".
An ihrer Seite - die junge Marie und ihr Logopäde Jérôme.
In wechselnden Perspektiven sind wir abwechselnd bei Mischka oder diesen beiden Menschen. Als Mischka einem alten Ehepaar, das ihr einmal sehr geholfen hat, noch ein spätes Dankeschön sagen möchte, unterstützt besonders Jérôme sie aktiv bei diesem Wunsch. Ein Wettlauf mit der Zeit!
Mit wenigen Worten erzählt Delphine de Vigan diese große Geschichte, erschüttert und berührt gleichermaßen.
Großen Respekt habe ich vor der Leistung der Übersetzerin Doris Heinemann. Sicher brauchte es besondere Akribie und Sorgfalt, um Mischkas verdrehte Sprache in einen gut lesbaren Text zu verwandeln. Ein wundervolles Buch.
Und was könnte besser passen in diese Zeit, als ein Roman über Dankbarkeit, Respekt und Achtsamkeit.

zum Produkt € 20,00*

Flexen in Miami
empfohlen von:

Eva Voigt

Eva Voigt

Flexen in Miami Joshua Groß

gebunden

"Ich ahnte überall Glitches, das geht zurück auf meine Mutter.
Ein Misstrauen gegenüber dem Wirklichen, eine parawissenschaftliche Wachheit bezüglich der Instabilität. Ich wurde von Immersionen gemartert und meine eigene Existenz war eine entsetzliche Mühsal.
Deshalb rauchte ich so viel Marihuana. Es entspannte mich und gleichzeitig kam ich mir vor, als würde ich schlafwandeln. Das war erträglicher als meine innere Gefangenschaft, als das klarsichtige Ausgesetztsein in der Trap, umgeben von Außerirdischen und meiner Niedergeschlagenheit. Trotzdem kam ich nicht runter und war nervös und glaubte, mein Herz sei kurz davor, zu explodieren. Ich redete mit ihm und murmelte Beschwörungsformeln. Um meinen Hals hingen zwielichtige Amulette."

In diesem schmalen, atmosphärischen Roman lässt Joshua Groß die digitale und reale Welt ineinanderfließen, bis sie sich kaum noch voneinander trennen lassen. Dieser Prozess geht angenehm unaufgeregt voran und fühlt sich beim Lesen, vor allem für digital natives, fast natürlich an.
Seinen gleichnamigen Protagonisten hat der Autor in einem kleinen Appartement in Miami platziert. Versorgt wird dieser von der Rhoxus Foundation, die ihn via Drohne mit Bargeld und Astronautennahrung beliefert und ihm automatisch seinen sprechenden Kühlschrank füllt. Im Gegenzug wird er von ihnen überwacht.
In diesem Zustand der einsetzenden Paranoia und geistiger Umnachtung lernt er die Meeresbiologin Charlotte kennen und beginnt mit ihr eine fragwürdige Romanze. Sie begegnen sich sowohl in der echten(?) Welt, als auch in der digitalen Welt von Cloud Control, einem Computerspiel, das nach und nach einen größeren Stellenwert in Joshuas Leben einnimmt. Als Charlotte schwanger wird, lernt Joshua den überdrehten Rapper Jellyfish P kennen, der, neben ihm, als möglicher Vater des ungeborenen Kindes in Frage kommt.
Gemeinsam gehen die beiden Ungereimtheiten nach, die vermehrt in Cloud Control auftreten und verlieren sich in einem wabernden Zerrbild.
Die zurechnungsfähigste Figur in diesem Roman ist zweifelsfrei der Kühlschrank.

Ich mag's!

zum Produkt € 20,00*

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