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Unsere Empfehlungen

GRM
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

GRM Sibylle Berg

gebunden

Dieses Buch ist düster und wütend und hart und rasant ... und sehr gut.
In ungefähr dieser Reihenfolge.
Benannt nach Grime, einer dem Rap verwandten Musikrichtung, die ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört habe, vermittelt mir Sibylle Berg durch die Verwendung aggressiver Zeilenumbrüche und äußerst dezidierter Wortwahl trotzdem ein fast ohrenbetäubendes Gefühl dafür.
Doch dieses Buch mehr als ein körperlich wirkender Übergriff.
Es ist die schonungslose Abrechnung mit unserer idiotischen Leichtgläubigkeit, mit den Folgen der Digitalisierung, die wir auf der Suche nach Likes & Clicks nur allzu schnell ignorieren und vor allem ist es ein Buch über den ewig scheinenden Krieg der Reichen gegen die Armen.

Don, Hannah, Karen und Peter sind eher eine Schicksalsgemeinschaft als Freunde. Gemeinsam versuchen sie im England nach dem Brexit zu überleben. Sie sind die Vergessenen einer schonungslosen Gesellschaft, ausgebeutet und missbraucht.
Von Rochdale im Norden Englands machen sie sich auf den Weg nach London, wo sie unter dem Radar des überwachungskapitalistischen Systems einen Rachefeldzug planen.

Zu hoffen, dass in diesem Buch Gerechtigkeit stattfinden könnte, ist genauso naiv, wie sich in dem Glauben wiegen zu wollen, dass es sich bei "GRM. Brainfuck" (und nie passte ein Untertitel besser) um eine Dystopie handelt.
Sibylle Berg schwebt als spöttische Göttin über dem Wasser.
Sie benennt das Chaos. Sie hat weder Erbarmen mit ihren ProtagonistInnen, noch mit ihren LeserInnen. Doch zwischen all der Bitterkeit und der Brutalität schimmert ihre Menschenliebe so sehr durch, dass es weh tut.

zum Produkt € 25,00*

Milchzähne
empfohlen von:

Eva Voigt

Eva Voigt

Milchzähne Helene Bukowski

gebunden

Die letzte Verbindung zur Außenwelt ist gekappt.
Seit die Betonbrücke, die über den reißenden Fluss führt, von den Inselbewohnern gesprengt wurde, verirren sich keine Fremden mehr hier her. Die letzte, die es übers Wasser schaffte, war Edith. Sie stand einfach da, triefend nass, mit ihrem silbernen Rollkoffer.
Auch heute, viele Jahre später, beäugen die Anderen sie und ihre Tochter Skalde argwöhnisch. Nur wer sich an die unausgesprochenen Regeln dieser Zweckgemeinschaft inmitten einer Welt, die sich scheinbar selbst zu zerstören scheint, hält, darf sich in Sicherheit wiegen.
Die letzten Jahre haben Edith und Skalde auf ihrem Grundstück verbracht, ohne viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das kleine Mädchen mit dem roten Haar, das eines Tages im Wald auftaucht und sofort von Skalde aufgenommen wird, droht die empfindliche Balance auf der Insel zu kippen.
Man mag hier keine Fremden. Als die Vermutung aufkommt, das Mädchen sei ein Wechselbalg, beginnt das Warten auf das Ausfallen ihrer Milchzähne, als Beweis für ihre Menschlichkeit.
Die latente Gefahr, die in der Luft liegt, fühlt sich an wie drückendes Hitzeflimmern, während alle auf den Regen warten.

Helene Bukowskis Debütroman hat mich die halbe Nacht lang wach gehalten, am liebsten hätte ich gar nicht schlafen wollen aber irgendwann wurde meine Sicht unscharf und ich legte das Buch widerwillig aus der Hand, nur um am nächsten Morgen direkt weiterzulesen.
Die Figuren waren mir ans Herz gewachsen, ich musste wissen, wie es mit ihnen weiter geht und wartete gespannt auf wackelige Zähne.

zum Produkt € 20,00*

Die Aussprache
empfohlen von:

Magda Birkmann

Magda Birkmann

Die Aussprache Miriam Toews

gebunden

Zwischen 2005 und 2009 erwachten die Mädchen und Frauen einer abgelegenen bolivischen Mennonitenkolonie regelmäßig benommen, mit Schmerzen und blutend aus dem Schlaf. Die nächtlichen Überfälle wurden Dämonen zugeschrieben, als Strafe Gottes für die sündigen Gedanken der Frauen bezeichnet, oder als Produkt der ungezügelten weiblichen Phantasie abgetan. Irgendwann stellte sich jedoch heraus, dass nicht der Teufel, sondern acht Männer aus der Kolonie die Frauen mit einem Betäubungsmittel bewusstlos gemacht und vergewaltigt hatten. 2011 verurteilte ein bolivianisches Gericht diese Männer zu längeren Gefängnisstrafen. Miriam Toews greift in ihrem Roman diese realen Ereignisse auf.

Während die Männer einer Mennonitenkolonie sich in der Stadt versammelt haben, um die Freilassung der angeklagten Männer aus der Untersuchungshaft zu erwirken, treffen sich die in der Kolonie verbliebenen Frauen heimlich, um ihre nächsten Schritte zu beraten. Sollen sie bleiben und weiterleben wie bisher? Sollen sie kämpfen? Oder sollen sie die Kolonie und die Männer hinter sich lassen und in der Außenwelt ein neues Leben beginnen? Ihnen bleiben 48 Stunden, um eine Entscheidung zu treffen, bevor die Männer aus der Stadt zurückkehren...

In diesem Roman passiert nicht viel, im Grunde besteht er nur aus den zwei Tage andauernden Gesprächen zwischen acht Frauen (und einem Mann, der diese Gespräche protokolliert). Und trotzdem steckt in diesem Buch wahnsinnig viel. Miriam Toews erzählt leise und unaufgeregt von den Traumata, die auf grausame Gewaltakte folgen, vom Dilemma, wenn die Einhaltung religiöser Grundsätze zur völligen Selbstaufgabe führen würde, erzählt schließlich von Frauen, die ihre völlige Unterordnung unter das von Männern interpretierte Wort Gottes nicht länger in Kauf nehmen wollen und können.

Dieses Buch tut weh, es macht wütend und unglaublich traurig. Gleichzeitig ist es aber ein Buch voller Hoffnung, ein Buch, das Mut macht und aufrüttelt. Kein einfaches, aber ein wichtiges Leseerlebnis, das bei mir noch lange nachwirken wird!

zum Produkt € 22,00*

M
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

M Anna Gien, Marlene Stark

gebunden

Vielleicht braucht jede Generation ihren eigenen Roman. „Im Westen nichts Neues“, „On the Road“ oder „Generation Golf“ verbindet die Leistung, den jeweiligen Zeitgeist exemplarisch zu spiegeln. Der Roman „M“ des Autorinnenduos Anna Gien und Marlene Stark ist 2019 erschienen und spielt im Berlin dieser Zeit. „M“, so heißt auch die Hauptfigur, ist Künstlerin, DJane, Quasiprostituierte, und mehr oder weniger latent abhängig von allen möglichen Substanzen, Aufmerksamkeit und Sex. Dass sie auch noch aus Süddeutschland kommt und nun in Neukölln wohnt, würde sie bereits als ideale Figur einer Postparty-Hipsterkritik qualifizieren. Mit dieser Lesart könnte man ihr weit folgen, in die Clubs, auf die Ausstellungseröffnungen und sogar - richtig heftig - zum weihnachtlichen Elternbesuch in die Provinz. Auch die schon fast obligatorische Sinnsuche unterhalb der Gürtellinie, im Körperlichen und im Fetisch, belegen, dass „M“ wohl eine von JETZT sein muss.
„M“ geht als Roman jedoch weiter, als in die Hinterzimmer der Galerien und die Darkrooms. „M“, die Figur wird auch wieder nüchtern und blickt dann erstaunlich klar auf ihre Gegenwart. Und hier liegt die Stärke des Romans, nicht im bloßen Abbilden dessen, was jede/r sehen kann, der/die einmal nachts in Berlin unterwegs war. Sondern in der Darstellung des schmerzlichen, bitteren Nachgeschmacks von mehr als einer Dekade Exzess. Der bunten Verzauberung der Bar 25, dem einfachen Leben als KünstlerIn innerhalb der Ringbahn, selbst der wundervollen Befreiung durch Drogen und Sex ist eine eklig-spätkapitalistische Nüchternheit gefolgt. „M“ durchschaut die Prozesse, die sie Umgeben und deren Teil sie ist. Und sie ist angewidert. Denn sie lösen ihr Sinnversprechen nicht ein. Das Dogma des Konsums hat auch die letzten Zipfel des Hedonismus erreicht und verbreitet dort den ekelhaften Gestank der Vernunft. Oder der Selbstaufgabe. Das muss jede/r selbst entscheiden. „M“ ist sich darüber noch nicht ganz sicher.

Ich bin mir aber sicher: Wenn die Menschen in 50 Jahren das heutige Berlin verstehen wollen, werden sie dieses Buch lesen. „M“ wird das Kultbuch seiner Generation.

zum Produkt € 20,00*

Frühlingserwachen
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Frühlingserwachen Isabelle Lehn

gebunden

Isabelle Lehn schreibt über Isabelle Lehn!
Und es kann keinen Zweifel darüber geben, dass das Ergebnis pure Literatur ist.
Gegenstand dieses Buches ist für mich ganz universell die Frage: Wie leben Frauen heute?
Welchen Widerständen, welchem Scheitern, welcher Schuld, Scham, Verzweiflung, welchem Hoffen und Bangen, welchen Ansprüchen sind sie ausgesetzt?
Dabei liest sich dieses Buch eindeutig poetisch und ganz und gar romanartig soghaft.

"Frühlingserwachen" ist nicht weniger als eine Offenbarung für mich.
Ich dachte lange, diese Art der Autofiktion erlauben sich nur Schriftstellerinnen aus den USA und Kanada, aus Skandinavien oder vielleicht noch aus Frankreich. Während deutschsprachige Autoren sich selbst ganz gern mal zum Zentrum ihrer Romane machen, konnte ich die Autorinnen in diesem Métier bisher an einer Hand abzählen.

Isabelle Lehn hat einen neuen Maßstab gesetzt:
Mutig, radikal und klug!

zum Produkt € 21,00*

Everest
empfohlen von:

Cecilia Drain

Cecilia Drain

Everest Sangma Francis

gebunden

Der Mount Everest ist nicht nur der höchste Berg der Welt, sondern wird auch als heiliger Berg verehrt und es ranken sich viele Mythen und Legenden um ihn. Einige von ihnen lernen wir in diesem Buch kennen. Neben diesen Mythen beschreibt Sangma Francis aber auch die Gebirgswelt rund um den Mount Everest, das Leben am Fuße des Berges, wann und von wem er das erste Mal bestiegen wurde und wir lernen, was man alles braucht, um einen so hohen Gipfel zu erklimmen. Durch die harten Witterungsbedingungen auf dem Mount Everest leben hier andere Tiere und Pflanzen, zum Beispiel Affen mit Stupsnasen, die bei Regen ihre Köpfe zwischen die Knie klemmen müssen, damit es ihnen nicht in die Nase regnet. Nicht zuletzt wird auch das wichtige Thema des Mülls und die Veränderungen in der Natur durch den Menschen beschrieben.

Die einzelnen Themen werden in kurzen und kurzweiligen Texten beschrieben, die teilweise auch schon allein gelesen werden können. Dieses Buch ist aber auf jeden Fall zum gemeinsamen Lesen und auch für große Leser*innen geeignet. Die Illustrationen von Lisk Feng bieten einen zusätzlichen Gesprächsanlass.

zum Produkt € 20,00*

Beale Street Blues
empfohlen von:

Magda Birkmann

Magda Birkmann

Beale Street Blues James Baldwin

kartoniert

Tish und Fonny, 19 und 22 und beste Freunde seit Kindertagen, sind frisch verliebt, haben sich gerade verlobt und endlich eine gemeinsame Wohnung gefunden, die groß genug ist, damit Fonny dort an seinen Skulpturen arbeiten kann. Alles scheint perfekt. Doch dann wird Fonny plötzlich für ein Verbrechen verhaftet, das er gar nicht begangen hat ...
"Beale Street Blues" erzählt auf schmerzhaft-poetische, absolut ehrliche Art eine tragisch-schöne Geschichte von junger Liebe, schreiender Ungerechtigkeit, bedingungslosem Familienzusammenhalt und nicht zuletzt vom tiefverwurzelten Rassismus im amerikansichen Justizsystem, der leider heute noch immer genauso präsent ist wie bei Ersterscheinen dieses Buches.

Die Wiederentdeckung von James Baldwin gehört zum Besten, was dem deutschen Buchmarkt in den letzen Jahren passieren konnte.

zum Produkt € 12,90*

Königin der Berge
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Königin der Berge Daniel Wisser

gebunden

Robert Turin, ehemaliger Geschäftsmann, ist noch keine 50 und lebt seit Jahren im Pflegeheim. Multiple Sklerose, die Krankheit hat ihm schon längst die Fähigkeiten zu stehen und aufs Klo zu gehen genommen – und macht bald, so fürchtet er, „menschliches Gemüse“ aus ihm. Früher war er Robert, ein Mann mit Lebenszielen. Jetzt ist er Herr Turin, ein Patient im Pflegeheim. Und möchte sterben. Doch das will ihm keiner gestatten, das Pflegeheim pflegt bis zum Schluss – und so plant Turin im Geheimen seinen Selbstmord.

Das ist die Ausgangssituation von Daniel Wissers großartigen Roman „Königin der Berge“ und doch so einfach nicht: Das ist kein Roman über ein entmündigtes Objekt der Pflege, kein vollständiger Abgesang auf das Leben, sondern lotet eine Ambivalenz aus, die zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Robert und Herr Turin liegt, und in der Frage, ob das Pflegeheim nun Gefängnis oder Zuhause ist - und ob und wie man darin weiterleben kann. Herr Turin, der Pflegeinsasse, ist zwar ein Objekt der Pflege geworden, aber er macht sich auch selbst zum Objekt – im Roman spricht er mal in der dritten, mal in der ersten Person von sich. Und trotzdem verfolgt Robert/Turin das Geschehen im Pflegeheim mit wachsamen, und wichtiger noch: mit liebevollen Augen, macht sich Freunde wie Feinde. Er lässt sich Robert nennen von seiner Pflegeheim-Psychologin – und ist Turin für andere. Knüpft enge Bindungen zu Teilen des Pflegepersonals – und leidet als Herr Turin unter der Willkür anderer. Und macht dabei stets auch die anderen zu Objekten, indem er sie sich (wie sich selbst) als Figuren eines Theaterstückes imaginiert, das nur er versteht, nur er unter Kontrolle hat. Oder auch nicht. Immerhin gibt es da noch seinen toten Kater Dukakis, die an diesem Theaterstück, ob nun durch Turin/Robert gewollt oder nicht, gerne immer wieder teilnimmt und ihm ständig dazwischen quatscht.
Das Pflegeheim also als kleiner Mikrokosmos, ob nun als Gefängnis oder Zuhause, in dem es Herr Turin alles in allem gar nicht so schlecht geht. Nur an einem ändern diese Ambivalenzen nichts. Herr Turin will vor allem: endlich sterben.

Dieser Roman ist ein unfassbar zärtlicher und trotzdem voller Lakonie. Er ist ebenso bitter wie warm. Und hat mich tief berührt.

zum Produkt € 24,00*

Der Umfall
empfohlen von:

Alex Bachler

Alex Bachler

Der Umfall Mikael Ross

gebunden

Ganz ausdrücklich möchte ich die wunderbare Graphic Novel „Der Umfall“ von Mikael Ross empfehlen. Erschienen 2018 beim Avant Verlag.
Ich bin so froh, diese Geschichte gelesen zu haben und fühle mich immens bereichert.
Ross hat zwei Jahre lang im Ort Neuerkerode in Niedersachsen recherchiert, ein inklusives Dorf, in dem viele unterschiedliche Menschen jeden Alters, mit und ohne Behinderungen, zusammen leben und arbeiten. Die Geschichte dreht sich um einen jungen Mann aus Berlin namens Noel, dessen Mutter nicht mehr länger für ihn sorgen kann. In Neuerkerode lernt er viele neue Bekannte und Freund*innen kennen, verliebt sich, erlebt einen ganz neuen Alltag und sehnt sich nach der baldigen Rückkehr zu "Mumsie" nach Berlin...
Der Illustrator vermittelte mir in kleinen Episoden aus Noels Leben völlig neue Eindrücke, andere Helden und Heldinnen, als ich es vom Lesen gewohnt bin und obendrein hatte ich am Ende ein beinahe trauriges Gefühl, denn ich wäre so gerne noch länger in dieser Gemeinschaft geblieben. Ich hätte so gerne mehr über die Bewohner*innen aus Ross' Feder erfahren. Ich hab gelacht, geweint, mitgefiebert, wollte den Figuren Zugtickets kaufen, den Hund streicheln und dem Autor zum Schluss für die herrliche Anspielung an den Tatortreiniger danken. Ein Comicbuch (wunderschönes, großformatiges Hardcover!), das ich gleich noch mal lesen möchte! ❤️

zum Produkt € 28,00*

Das Gedicht & sein Double
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Das Gedicht & sein Double

gebunden

Als ich „Das Gedicht und sein Double“ das erste Mal durchblätterte, gab es einen magischen Moment. Auf der Seite 198 schaute mir ein Mann in die Augen, den ich vorher noch nicht kannte: Kito Lorenc. Auf der Seite daneben ein kurzes Gedicht von und über den deutsch-sorbischen Dichter. Es trägt den kurzen Titel „Fragment“. Darin heißt es „es [das Leben] macht mich nicht ernst / noch immer lächle ich ungläubig…“. Ich denke nach über die Worte, mein Blick sucht das leise, fast nicht wahrnehmbare Lächeln des alten Mannes auf dem Bild und auf einmal ahne ich, was es heißt, zu schreiben. Die Worte zu brauchen, um sich selbst immer wieder neu zusammensetzen zu können. Es ist dieser Blick, der mir sagt, wie fragmentarisch dieses Ich auf dem Bild ist, wie wichtig es ist, es ernst zu nehmen, mit eben jenem ungläubigen Lächeln. Diesen Blick fängt Dirk Skiba genialisch oft in seinen Fotos ein, in diesem Buch, in dem seine Fotos von hundert Lyrikerinnern und Lyrikern immer einem Autopoem gegenübergestellt werden. Es ist ein Vexierspiel zwischen Inszenierung und Ich-Erkundung, ein Verhältnissetzen zur Welt, was weder allein im Gedicht noch allein in der Fotografie in dieser Form sichtbar wäre, sondern nur in der Dopplung des Ichs als Bild und Text. Hier zeigt sich das Einzigartige und das Besondere an dieser Publikation. Die Möglichkeit, durch die zweifache Intimität von sensibler Porträtfotografie und lyrischer Selbstbeobachtung einen kurzen Blick hinter den Vorhang des Schreibens von Gedichten werfen zu dürfen. Ein Schreiben, das auch immer ein sich-in-die-Welt-setzen bedeutet und sich eben dort, in dieser Öffnung, angreifbar macht.

Kito Lorenc ist gestorben, bevor das Buch gedruckt wurde. Dank des Mutes der HerausgeberIn Nancy Hünger und Helge Pfannenschmidt von der Edition Azur darf ich nun trotzdem seinen Blick sehen und lesen und begreife ein wenig die ganze Dringlichkeit lyrischen Schaffens.

zum Produkt € 34,90*

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