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Unsere Empfehlungen

Play it again
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Play it again

gebunden

Ein Mann nimmt sich vor, ein Klavierstück zu lernen und schreibt darüber ein Buch. Nichts könnte auf den ersten Blick langweiliger sein. Wenn dieser Mann allerdings Chefredakteur des britischen Guardian ist, Träger des alternativen Nobelpreises und einer der einflussreichsten Journalisten der westlichen Hemisphäre, wird es schon spannender. Wenn es sich bei dem Klavierstück auch noch um die Ballade Nr. 1 in g Moll op. 23 von Chopin handelt, eines der schwersten Stücke der Klavierliteratur, ist man geneigt in die ersten Seiten hineinzulesen. Und wenn man dann bemerkt, dass sich dieser Mann sehr elegant, klug und unterhaltsam ausdrücken kann, ist man schließlich drin in einem aus allen Perspektiven außergewöhnlichen (und größenwahnsinnigen?) Projekt. Man wird von Rusbridgers Art über Fingersätze und Tonleitern zu schreiben, ebenso gefesselt wie von seinen beruflichen Aufgaben: Da sind die Veröffentlichungen der Wikileaks-Dokumente, Treffen mit Julian Assange, Geiselnahmeverhandlungen in Lybien, der Umbau von Print auf Digital einer Traditionszeitung, der Abhörskandal von News of the World. Nur wenige Schlaglichter, die doch umso deutlicher die Frage stellen, wie man das alles unter einen Hut bekommen kann. Rusbridger will jeden Tag 20 Minuten üben. Ob er das schafft, will ich nicht verraten. Auch nicht, welche Tipps ihm Condoleezza Rice oder Daniel Barenboim mit auf den Weg geben. Nur soviel darf ich nach der Lektüre, die mich sehr bereichert hat, vorwegnehmen: Es geht in „Play it again“ nicht um ein Kunstwerk, sondern um drei. Da ist sicher diese wunderschöne Klavierballade, die das ganze Spektrum menschlicher Emotionen zu berühren scheint. Da ist aber auch das Kunstwerk, dass es ein Mann von dieser Stellung, in einer Branche, die von Aktualität, Schnelligkeit und unvorhergesehenen Ereignissen lebt, es schafft, kontinuierlich Zeit für die Muse aufzubringen. Und dann schließlich das Kunstwerk, über all das in einer Art und Weise schreiben zu können, die auch musikalische Laien völlig in den Bann zieht. „Play it again“ ist eine lesenswerte Aufforderung Kunst in den Alltag zu integrieren. Die Lektüre dieses Buches wäre dafür der erste Schritt.

zum Produkt € 25,00*

Die Großwäscherei
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Die Großwäscherei

gebunden

Ich habe neulich ein Wochenende in der
"Großwäscherei" von Andor Endre Gelléri verbracht.

Donnerlittchen, und jetzt stehe ich vor dem Problem, dass ich kaum über das Buch sprechen kann, ohne wie ein verknallter Teenager zu klingen. Also seht mir die Schwärmerei mal kurz nach, es geht wirklich nicht anders.

Wie bei allen Büchern aus dem Guggolz Verlag fängt es schon mit Optik und Haptik an: Handschmeichler ist ein schrecklich abgedroschenes Wort, aber irgendwie liegen alle Bücher aus diesem Haus nahezu unverschämt angenehm in den Händen. Fast seidig und weich, dabei ohne künstlichen Schnickschnack, mit bestechend schlichter Gestaltung, feiner Typografie, gutem Papier, Fadenheftung, in der perfekten Größe ...
Man merkt diesen Büchern vom Coverdesign bis zum Text auf dem Rücken einfach an, dass sie rundum klug und liebevoll gedacht und gemacht sind.

Nun zu Gelléri, dieser ungarischen Wiederentdeckung:
Der Autor starb 1945 mit nur 39 Jahren an einer Typhusinfektion im damals gerade befreiten KZ Mauthausen.
"Die Großwäscherei" ist sein einziger Roman und erschien erstmals 1931. Gelléri hat bereits als junger Erwachsener eine beachtliche Anzahl Erzählungen und Novellen geschrieben, stets in dem Gefühl, das abbilden zu müssen, was er gerade vor Augen hatte. Und da er immer auch Brotberufen nachgehen musste, strotzen sie vom prallen Leben der arbeitenden Schicht.

So auch das gerade erschienene Buch "Die Großwäscherei", das bunt schillernd, eine Budapester Arbeiterszene in ihrem eigenen, kleinen Kosmos vor unseren Augen heraufbeschwört. Und vielleicht liegt es daran, dass Gelléri tatsächlich mal in einem solchen Betrieb hat schuften müssen, dass die Gerüche, die Geräusche, der Gestank, der Dampf, die beißenden Laugen, die Hoffnungen und Leiden der Kragenwäscher-Mädchen, der Färber und Waschjungen, der Bügelfrauen und Vorarbeiter tatsächlich vom ersten Satz an so mitreißend beschrieben sind.
Vielleicht liegt es aber auch schlicht und ergreifend an Gelléris erzählerischem Talent.
Und spätestens wenn man das Nachwort der Übersetzerin Timea Tankó liest, wird klar, wie viel kluge Überlegung und übersetzerisches Geschick auch hierbei am Werk waren.

zum Produkt € 22,00*

Wider die Natur
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Wider die Natur

gebunden

Espedal lesen erzeugt in mir immer das Gefühl, einem alten Freund zuzuhören. So auch in "Wider die Natur", in dem der Erzähler den Tod seiner Frau und seiner Mutter thematisiert und den Verlust seiner größten Liebe beklagt. Dieser nachdenkliche Plauderton, die Anekdoten aus der Vergangenheit, diese Lebensweisheit, die aus einem scheinbar unmittelbaren Sprachfluss heraus entstehen, lassen zu mir, als Leser, eine sehr große Nähe entstehen. Ich fühle mich eingeweiht. Trotz ihrer fließenden Leichtigkeit verliert die Unterhaltung, dieser als Gespräch imaginierte Monolog nie seine Ernsthaftigkeit. Jedes Wort zählt. Jede Erinnerung ist wichtig. Und während der Unterhaltung frage ich mich: Wie war das bei mir damals? Was war und ist für mich wichtig? Wie erhalten Momente ihre Bedeutung? Bin ich in der Lage, Glück zu erkennen? Oder ist es wirklich so, wie es Espedal hart bilanziert?: „Man kann fast nichts über das Glück sagen. Es ist in allem, was wir sagen und tun, und wir wissen nicht einmal von ihm.“ – Ich hoffe nicht.

Dieses Buch hat mich aufmerksamer gemacht gegenüber dem eigenen Glück. Bereichert warte ich auf die nächsten Übersetzungen.

zum Produkt € 19,90*

Der Sohn
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Der Sohn

gebunden

Andrej Nikolaidis: Der Sohn (Voland & Quist 2015)

Liebe Freunde der gesunden Misanthropie, liebe Tischgenossen von Antoine Roquentin, verehrte Liebhaber moralischer Abwesenheit a lá Camus, schließlich: Auch ihr Gefährten Bernhards auf den Wanderungen zu den Gipfeln menschlicher Abscheu – euch ward „Der Sohn“ geboren! Nein, kein Epigone im Schatten mit zu kleinen Füßen, sondern ein würdiger Nachfolger. Einer der schreiben kann, herzhaft gemein, abgründig und schnell. Verfolgt die Geschichte von Konstantin, der von seiner Frau – vollkommen zu Recht – verlassen wurde und nun durch eine Balkan-Touristenstadt irrt. Der den schlimmsten aller Kreaturen begegnet, den Kreisen der Hölle gleich bis an den tiefsten Punkt menschlicher Existenz vordringt und dort sich selbst erkennt. Was für eine Nacht, die wir da dank Nikolaidis miterleben dürfen, was für Gedanken, wieviel schwärzesten Humor und bitterstern Zynismus. Kostprobe?

„Auch die Nachbarn waren natürlich hier, mit ihren ausgemergelten und dazu räudigen Kühen, die an Unterernährung krepierten, mit gleichermaßen ausgemergelten und dazu räudigen Hunden und letztlich mit ihren unterernährten, schmutzigen und überdies dummen Kindern, aus deren Augen Primitivität und Verdorbenheit blitzten – die gefährlichste aller verheerenden Kombinationen menschlicher Eigenschaften.“ (52 f.)

Ich will mehr davon!

(Und allen, die meine Begeisterung teilen, empfehle ich auch die anderen Bücher der Sonar-Reihe des Voland & Quist Verlages. Hier wird seit schon seit einigen Jahren der Maßstab gesetzt für junge (süd-) osteuropäische Literatur.)

zum Produkt € 16,90*

Im Frühling sterben
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Im Frühling sterben

gebunden

Der Deutsche Buchpreis ist nicht Alles.

Bereits im Juli 2015 hat der Autor Ralf Rothmann die Nominierung seines Romans "Im Frühling sterben" für den Deutschen Buchpreis abgelehnt. Nicht nur die poetische Absage mit den Worten „Ich möchte lieber nicht“ (ein Zitat aus Melvilles Bartleby, dass ich in der wundervoll illustrierten Ausgabe des Verlags Jacoby & Stuart empfehle) verdient dabei Beachtung, sondern viel mehr noch einer der besten deutschen Romane des Jahres, der nun, wo alle von Frank Witzels "„Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ sprechen, leider aus dem Fokus gerät. Witzel erhält den Buchpreis völlig zu Recht, denn die Prämierung seines irrwitzigen Romans ist ein unbedingtes Bekenntnis zur Vielfalt und Fantasie literarischen Schaffens. An dieser Stelle möchte ich allerdings um den Blick ins Dunkle bitten, jenseits des Rampenlichts dieser Tage.

„Und was ist mit dem, der schießen muss? Was vererbt der?“

Nur wenige Romane habe ich bisher gelesen, in denen (fast) keine Metaphern vorkommen. Rothmann erzählt die Geschichte von zwei Jungen, die in den letzten Kriegstagen 1945 zwangsrekrutiert werden und dann die ganze Grausamkeit des sinnlosen Tötens erfahren mit den Mitteln eines radikalen Realismus. Keine auktorialen Wertungen, keine Euphemismen, keine schillernden Bilder. Und doch liegt in seinen Schilderungen etwas sehr Poetisches. In den sinnlichen Beschreibungen der Natur, den Gerüchen, den Lichtverhältnissen werden Momente der Schönheit gefeiert die dann in einem krassen und schmerzhaften Gegensatz stehen zum Handeln der Figuren. Der einzelne Mensch in Im Frühling sterben ist fremdbestimmt und immer Teil einer alles zerstörenden Maschinerie. Jeder der sich dagegen aufbegehrt und Selbstbestimmung sucht wird zermahlen. Und eben weil Rothmann auf die Mittel der Verfremdung so konsequent verzichtet, entsteht eine Fatalität des Dargestellten, die einerseits hoch spannend ist – auch dort, wo es ‚nur‘ um den Alltag auf einen Bauernhof geht – und andererseits entsetzt, traurig stimmt und verzweifeln lässt.

Romane wie dieser müssen immer wieder geschrieben (und gelesen!) werden, weil sie durch die Erzählungen vom Krieg starke Argumente für einen fundierten Pazifismus darstellen. Rothmann hat mit "Im Frühling sterben" ein herausragendes Beispiel dafür vorgelegt.

zum Produkt € 19,95*

Gebunden
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Gebunden

gebunden

„Gebunden“ an die Realität.
Stellen sie sich vor, sie sind ein/e Autorin, haben bereits einige Romane veröffentlicht, sind schon etwas bekannt und haben nun ein neues Buch geschrieben. Mit diesem Buch gehen sie zu ihrem Verleger, dem größten und einflussreichsten des Landes. Diesem gefällt auch Ihr neuer Text. Er ist bereit zu publizieren. Gemeinsam geben sie dem Werk den letzten Feinschliff: Lektorat, Korrektorat, Satz und schließlich der Druck. Dann folgt der spannendste Tag: die Auslieferung in die Buchläden. Die ersten Leser/innen halten nun ihren neuesten Roman in den Händen. Einige sind begeistert, wie vielschichtig, schonungslos offen, kritisch ihr neues Werk geworden ist. Einige sind es nicht. Nur zwei Wochen nach der Veröffentlichung bekommt ihr Verleger Besuch von einer Gruppe selbst ernannter Hüter des Rechts, die ihm raten, das Buch zurückzuziehen, sonst wäre sein Leben in Gefahr, das seiner Familie, die Existenz seiner Verlage und Buchhandlungen. Ihr Verleger, dem auch die meisten Buchhandlungen des Landes gehören (also kein kleiner Akteur in der Branche!), hat Angst und ruft die komplette Auflage zurück. Dann bittet er sie in sein Büro und verkündet, dass das Buch nur erscheinen kann, wenn sie bestimmte Stellen streichen, nämlich genau die, in denen die selbst ernannten Hüter des Rechts kritisiert werden. Nun haben sie die Wahl: Entweder sie fügen sich und ihr Roman wird in gekürzter Form seine Leser/innen erreichen oder sie weigern sich und das Buch erscheint nicht.
Vor diesem Dilemma stand die indonesische Autorin Okky Madasari im Jahr 2012. In ihrem Roman erhob sie eine kritische Stimme gegenüber einer kleinen Gruppe gewaltbereiter Islamisten, die in Ihrem Heimatland fast 20 Jahre nach dem Ende der Suharto-Diktatur eine religiös-fanatische Zensur etablieren (wollen). Dies setzen sie mit allen Mitteln durch, mit dem Schutz der Regierung, trotz staatlich verbrieften Recht auf freie Meinungsäußerung.
Okky Madasari wollte, dass ihr Buch veröffentlicht wurde und kürzte ihren Roman.
Szenenwechsel: Stellen sie sich vor, sie kommen aus einer einflussreichen Verlegerfamilie. Ihr Vater war Verleger, ihr Großvater war Verleger. Auch sie möchten die Tradition ihrer Familie fortführen und freigeistige, vielseitige Bücher herausbringen, die die kulturelle und philosophische Vielfalt ihres Landes widerspiegeln. Noch vor erscheinen des ersten Buches im eigenen Verlag lesen Sie jedoch in den Zeitungen, wie in ihrem Land staatliche Institutionen errichtet werden, die jegliche kulturelle Äußerung auf Konformität gegenüber streng religiösen Dogmen prüfen. Eine Zensur, die Literatur, Film, Kunst und Musik gleichermaßen betrifft und die bei Zuwiderhandlungen zu Strafen führt, die auf mittelalterlichen Rechtssprechungen beruhen. Nun haben sie die Wahl: Entweder sie fügen sich der Zensur und veröffentlichen nur „harmlose“ Bücher oder sie riskieren eine sichere Zukunft indem sie im Untergrund publizieren oder emigrieren.
Vor diesem Dilemma stand der iranische Verleger Madjid Mohit Anfang der 1990er Jahre. Er entschied sich, auszuwandern, nach Kanada, um dort einen Verlag zu gründen. Es wurde nicht Kanada, sondern Deutschland, nicht Montreal, sondern Bremen. Den Verlag hat er trotzdem gegründet. Der „Sujet-Verlag“ ist spezialisiert auf „Luftwurzelliteratur“, eine Literatur von Menschen, die nicht in ihrem Heimatland leben, von Flüchtlingen, von Kosmopoliten, die die Überschreitung von Grenzen, Traditionen und Sprachen in ihren Seelen und Büchern ständig nachspüren.
Und hier kreuzen sich die beiden Geschichten. Madjid Mohit hörte die Geschichte von Okky Madasari. Er las die englische – ungekürzte! – Fassung ihres Romans und entschied sich, diesen auch ins Deutsche übersetzen zu lassen. Mit dem Erscheinen des Romans „Gebunden – Stimmen der Trommel“ pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2015 materialisiert sich schließlich der Wunsch zweier mutiger Menschen, sich staatlichen und religiösen Systemen der Zensur zu widersetzen. Damit erzählt nicht nur Madasaris Roman von der Unterdrückung und Freischlagung ihrer Protagonisten, sondern sie wird selbst zur Protagonistin einer Geschichte, in der auch Madjid Mohit eine wichtige Figur ist.
Bei der Lesung von Okky Madasari am 22. Oktober in unserem Buchladen konnten wir erfahren, wie spannend beide Geschichten sind: die des Romans und die der Realität. Und wir haben wieder einmal gelernt, wie lebensnah Literatur sein kann, wie politisch, wie ernst. Und weil in der Fiktion die Realität mit hinterfragt wird, empfehlen wir die deutsche, ungekürzte Fassung von „Gebunden – Stimmen der Trommel“!

Außerdem möchten wir allen Protagonisten für diesen erkenntnisreichen Abend danken.

zum Produkt € 19,80*

Fragmente einer Sprache der Liebe
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Fragmente einer Sprache der Liebe

gebunden

Pünktlich zum 100. Geburtstag von Roland Barthes im November legt Suhrkamp "Fragmente einer Sprache der Liebe" in einer wunderschön gebundenen, erweiterten Ausgabe vor.
Vor 38 Jahren erstmals erschienen, kann man Barthes Werk mittlerweile als einen Klassiker bezeichnen, an dem sich ganze Generationen von Liebenden philosophisch abgearbeitet haben mögen.
Von A wie Abhängigkeit, über E wie Erwartung, bis Z wie Zugrundegehen widmet Barthes 70 Begriffen des Gefühlslebens sezierende, infragestellende oder erklärende Texte.
20 bisher unveröffentlichte Worte sind in Barthes berühmten Pariser Seminaren hinzugekommen und liegen nun zum ersten Mal öffentlich vor.
Eine fabelhafte Gelegenheit, Barthes (wiederzu)entdecken, zu verschenken und immer, immer wieder neu zu denken.

zum Produkt € 24,95*

Winternähe
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Winternähe

gebunden

Dieses Debüt ist meine ganz klare Empfehlung für alle, die zeitgenössische Literatur mit dem Puls der Hauptstadt suchen.
Nicht nur (Verzeihung, aber ich finde es ebenso trivial, wie genial), weil die Geschichte gleich hier um die Ecke von ocelot, auf der Polizeiwache in der Brunnenstraße ihren Anfang nimmt. Wesentlicheres bewegt an diesem Roman: Lesen Sie die Geschichte von Lola, die urplötzlich im toleranten Mitte-Berlin mit Antisemitismus konfrontiert wird und sich unbequemen Fragen stellen muss. Wie jüdisch ist sie wirklich, als Tochter eines jüdischen Vaters und einer nicht jüdischen Mutter? Wer bestimmt über unsere Identität? Und inwieweit tragen wir die Spuren vorhergehender Generationen und ihrer Biographien in uns, selbst wenn wir vielleicht nicht merklich unter ihrem Einfluss standen?
Mirna Funk findet für all das und für weitaus mehr spannende Erzählwege, leichte Ironien, tiefe Wahrheiten und nimmt den Leser von Berlin aus über Tel Aviv und Bangkok mit zu einer vielleicht für uns alle längst überfälligen Reise. Dabei zeitgeschichtlich so nah am israelisch-palästinensischen Konflikt, wie lange kein Roman mehr, ist "Winternähe" vor allem ein Buch über das Suchen, das Lieben und das Recht, genau so zu sein, wie man eben ist. Der Holocaust ist kein Menschenleben her. Mirna Funk macht uns das auf wunderbar unsentimentale Weise noch mal gegenwärtig.

zum Produkt € 19,99*

Ich bin China
empfohlen von:

Alex Bachler

Alex Bachler

Ich bin China

gebunden

Xiaolu Guo schuf mit "Ich bin China" eine kritische und dennoch liebevolle Auseinandersetzung mit Chinas jüngerer Geschichte, Sprache, Kunst und Zensur.
Das Buch erzählt die spannende und berührende Beinahe-Dreiecksgeschichte rund um die introvertierte Londoner Übersetzerin Iona, die einen unsortierten Stapel Briefe und Tagebucheinträge des chinesischen Paares Miu und Jiang ins Englische zu übersetzen versucht und sich auf die Spuren einer zerbrochenen Liebe rund um den Globus begibt und dabei tief in die persönlichen Gedanken und Ängste moderner, junger Chinesischen eintaucht.

zum Produkt € 19,99*

Erschlagt die Armen!
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Erschlagt die Armen!

gebunden

Ich empfehle aus aktuellem Anlass und ganz unbedingt „Erschlagt die Armen!“ der indisch-französischen Autorin Shumona Sinha.
Jeden Tag sehen wir in den Medien die Flüchtlingsströme, hören von scheiternder Asylpolitik und von Fremdenhass, von Wasserwerfern gegen Wehrlose und brennenden Baracken, von Terror und Bürgerkriegen, von Quoten und immer wieder von Toten.
Ein weites, komplexes Feld, das in seiner politischen Brisanz zum zentralen Thema unserer Zeit avanciert. In diesen Bienenstock der Kontroversen, Deutungen und Hilferufe sticht Shumona Sinha mit ihrer Erzählung "Erschlagt die Armen!".
Sie erzählt die Geschichte einer Dolmetscherin in einer Asylbehörde, die nicht nur zwischen die Sprachen von Antragsteller und Zielland gerät, sondern zermahlen wird durch die Unentscheidbarkeit von Wahrheit und Fiktion, von menschlicher Empathie und systemrelevantem Pragmatismus. Durch eine folgenschwere Kurzschlussreaktion bekommen diese Ambivalenzen eine dramaturgische Dringlichkeit, die die Leserin/ den Leser direkt hineinführt in den Konflikt einer niemals nur einseitig zu beantwortenden Frage.
Getragen werden diese Reflexionen, von eine äußerst bildhafte Sprache. Durch die Verwendung einer fantasievollen und sinnlichen Metaphorik erreicht es S. Sinha den Deutungsspielraum zu vervielfachen und auch jene Gefühle greifbar zu machen, die für die Protagonistin so nebulös, mythisch und zerstörerisch erscheinen. So werden die sprachlichen Bilder zu einem Instrument der Selbst- und Fremderkundung. Keine schlechte Technik, um mit diesem Bienenstock umzugehen.
Mein Fazit: Dieses Buch wird die Debatte um Asylpolitik nicht auflösen. Aber durch die Lektüre werden wichtige Fragen aufgeworfen, die vielleicht zu mehr Verständnis und einer besseren Urteilsfähigkeit innerhalb dieser Thematik beitragen. Das ist ein großer Gewinn.

zum Produkt € 18,00*

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