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Unsere Empfehlungen

Wir Flüchtlinge
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Wir Flüchtlinge

kartoniert

„Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. […] Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind. […] und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.“

1943 veröffentlichte die damals in den USA als sog. „Staatenlose“ lebende Hannah Arendt einen Aufsatz mit dem Titel „Wir Flüchtlinge“. Darin analysiert sie die rechtsfreie Position all Jener, „die das Pech hatten, mittellos in einem neuen Land anzukommen und auf die Hilfe der Flüchtlingskomitees [angewiesen] waren.“ Als Beispiel nennt sie dafür die Flucht der europäischen Juden vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Dabei spricht sie auch aus eigener Erfahrung. Heute zeigen sich die Ergebnisse ihrer Analyse nahezu schmerzhaft vernachlässigt und dennoch hochaktuell. Ihre Absage an die „absolutistische“ Idee des Nationalstaates sollten die Herren Sloterdijk und Safranski unbedingt nachholen zu lesen. Allen anderen empfehle ich diesen Höhepunkt philosophisch-politischen Denkens auch wegen des bestens informierten und sehr klugen Nachworts des Schweizer Autors Thomas Meyer.

zum Produkt € 6,00*

Das fahle Pferd
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Das fahle Pferd

gebunden

Ich habe Boris Sawinkows „Das fahle Pferd“ am letzten Sonntag gelesen. An diesem Tag gingen die schrecklichen Bilder von dem Terroranschlag in Orlando um die Welt. Das war eine einerseits sehr befremdliche, andererseits aber auch eine sehr interessante Leseerfahrung, denn „Das fahle Pferd“ trägt den Untertitel „Roman eines Terroristen“ und ist komplett aus der Perspektive eines solchen geschrieben. Ich konnte also die Rückseite der in den Nachrichten gezeigten Bilder lesen: nicht die Folgen des Anschlags, die Trauer der Angehörigen, die Aussagen der Polizei, sondern die Vorbereitung, die Gedanken eines Täters, seine sozialen Interaktionen. Diese Perspektive wird in den Nachrichten – und auch in der Literatur – selten eingenommen.
Im Gegensatz zu dem vermutlich religiös motivierten Anschlag in Orlando sind die Motive zur Lebzeit Boris Sawinkows in der Regel politisch. Sawinkow galt in den Jahren zwischen 1905 und der Oktoberrevolution als einer der Topterroristen des russischen Zarenreichs. Als kreativer Kopf der Kampfabteilung der Sozialrevolutionäre organisierte er mehrere erfolgreiche Attentate auf hochrangige Politiker. Ziel dieser Anschläge waren die Destabilisierung des autokratisch-orthodoxen Herrschaftssystems, die Revolution und schließlich die Befreiung des einfachen Menschen von staatlicher Repression. Um die politischen Verhältnisse zu ändern, galt Terror als probates Mittel in der damaligen Zeit. Auch Künstler und Intellektuelle befürworteten – anders als heute – den Einsatz von Gewalt. Es hieß: Der Umbau der Gesellschaft erfordert Opfer. Aufseiten der Gegner sowieso, aber auch aufseiten der Terroristen, die entweder direkt bei den Anschlägen ums Leben kamen oder in den darauffolgenden Gerichtsprozessen rasch zum Tode verurteilt wurden.
Anhand des Protagonisten George, der leicht als Alter Ego des Autors zu identifizieren ist, blickt der Leser hinter die Kulissen des sozialrevolutionären Terrorismus. Wir können nicht nur lesen, was es an Vorbereitung bedarf, einen Anschlag auszuführen, vom Bombenbauen über Beschattung bis zur Personalplanung, sondern werden auch mitgenommen in die gedanklichen Hintergründe. George zweifelt, ob ein Mord an einem anderen Menschen durch den eigenen Tod gesühnt werden kann (wodurch sich Sawinkow in eine deutliche Traditionslinie zu Dostojewski einschreibt) und ob das Töten überhaupt jemals moralisch legitim sein kann. Sawinkow zeichnet die Clique von Terroristen, mit denen George die Anschläge plant, nicht als gefühlskalte Tötungsmaschine, sondern lässt sie ihre Pläne immer wieder hinterfragen. Dabei kommen die verschiedensten Legitimationsfolien zum Einsatz, von der Religion über die Politik bis hin zu der ‚wahren‘ Liebe. Der Zweifel jedoch, und diese Erkenntnis ist ein Höhepunkt des Romans, lässt sich nie ganz ausschalten. Obwohl sich George immer wieder und sehr poetisch einredet „Nennt eine Laus in deinem Hemd dich einen Floh, geh hinaus und töte!“
Georgs Scheitern ist der Grund, warum es überhaupt moralisch möglich ist, diesen Roman empfehlen zu können. Nicht am terroristischen Ziel, denn der zu tötende Generalgouverneur wird im Laufe des Romans von Georges Komplizen in die Luft gesprengt. Er selbst überlebt zwar, aber er scheitert als Sinnwesen. Durch die Morde verliert er zwangsläufig seinen Standpunkt im Leben. Ständig muss er Adressen und Identitäten wechseln, er fühlt sich verfolgt und vertraut niemanden. Die empfindsame Liebe zu einer Frau, also das größte Gegenargument zum menschenverachtenden Töten, scheint unmöglich. Obwohl er als Figur im Roman am Leben bleibt, opfert er all das, was ihn im Leben verwurzelt – und das streng genommen bereits vor den Anschlägen.
Hier schließt sich auch der Kreis zu dem Attentäter in Orlando. Um moralisch und intellektuell eine Ideologie so zu verinnerlichen, dass man in der Lage ist für diese Ideologie andere Menschen zu töten, muss man als Mensch gescheitert sein. Terroristen agierenmental und physisch in einer Scheinwelt, die in der Konsequenz jede Welthaftigkeit, jede Logik, jeden Bezug zum Mitmenschen ausschalten muss. Das ist ein armseliges, trauriges Existieren – heute wie vor 100 Jahren.

Nicht nur für diese Erkenntnis lohnt die Lektüre von Sawinkows „Das fahle Pferd“. Auch die dem Chaos des Anschlags diametral gegenüberstehende Eleganz der Sprache und deren auffällige Kunstfertigkeit zeichnen Sawinkow als großen Schriftsteller aus. Die Klarheit seiner meist kurzen Sätze lassen viel Raum für eigene Assoziationen und überschreiten oft die Grenzen zur Lyrik. Selbst dort, wo er Leichenteile in den Straßen Moskaus verteilt, geschieht das formvollendet poetisch. In den Genuss dieser Sprache kommen wir durch den Übersetzer Alexander Nitzberg. Nach seinen fulminanten Bulgakow-Übersetzungen ist ihm erneut etwas Außergewöhnliches gelungen: die Seele der russischen Sprache, ihre Melodie und Melancholie auch im Deutschen Klingen zu lassen. Für mich gehört er neben Swetlana Geier zu den wichtigsten und fähigsten Botschaftern der russischen Literatur. Dafür steht neben der Übersetzung übrigens auch sein äußerst erhellendes Nachwort.

Sawinkows „Das fahle Pferd“ ist ein zentrales Werk der russischen Literaturgeschichte, es ist sehr gut lesbar und aufgrund des Themas von unbedingter Aktualität. Lesen Sie das mal!

zum Produkt € 22,99*

Einen Körper haben
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Einen Körper haben

gebunden

Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich auf so ein Buch gewartet habe - bis ich die ersten fünf Zeilen las.
Eine kluge, mutige, ehrliche Frau schreibt in einer bestechend ungekünstelten Sprache sehr wahr und unmittelbar und intensiv, dabei gänzlich unprätentiös, einen Roman, dessen Hauptfigur ihr eigener Körper zu sein scheint.
Konsequent ohne wörtliche Rede oder anderen Schnickschnack, in der 1. Person singular, im Präsens, ohne schützende Schichten, quasi hüllenlos. Die Autorin hat was zu sagen, sie kann es und sie tut es. So simpel, so großartig!

zum Produkt € 19,99*

Opos Reise
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Opos Reise

gebunden

Bei Matthes & Seitz erscheint dank der fabelhaften Esther Kinsky das erste Kinderbuch des Verlages. NATURKUNDEN für die Kleinen quasi. Vielleicht bleibt das Projekt ein Solitär, aber eigentlich wünsche ich mir viel mehr so klug und gut erzählte, toll illustrierte (Falk Nordmann!) Tier-Kinderbücher.
Die Geschichte um eine Pilotwal-Schule (ja, das heißt wirklich so) hat verhältnismäßig viel Text, wird aber in einer so wunderbar aufmerksamen Sprache erzählt, dass es Kinder (ab fünf) wie Vorlesende gleichermaßen bezaubert.
Wenn es nicht so abgedroschen klänge, würde ich gern sagen: Kinsky beschreibt am Beispiel zweier neugieriger, liebenswerter Pilotwalkinder und des weisen alten Pilotwals OpO den Kreislauf des Lebens, den Zusammenhang zwischen uns und der Natur, den Tieren, dem Meer.
Ich musste schwer schlucken am Ende der Erzählung, meine Söhne auch.
Trotzdem ist das Buch unrührig und unpathetisch und hinterlässt ein dankbares, fröhliches Pilotwal-Kuss-Gefühl.
Grandios ist auch der "naturkundliche" Anhang. Bitte, mehr davon!

zum Produkt € 19,90*

Szenen aus Schottland
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Szenen aus Schottland

gebunden

Es ist schier unglaublich wie der Guggolz-Verlag es schafft, mir mit jedem Programm neue Jubelschreie über seine Bücher zu entlocken.
Eigentlich hatte ich mich in diesem Frühjahr vor allem auf das Erscheinen von Amalie Skram gefreut: Endlich eine AutorIN, dachte ich mir und auch die Thematik um den 450-Seiten-Wälzer "Professor Hieronimus" erschien mir höchst interessant.
(Das ist sie auch, zum Beweis dessen komme ich demnächst an dieser Stelle.)
Wie ist es nun passiert, dass ich doch erstmal so schwärmerisch auf James Leslie Mitchell und seine "Szenen aus Schottland" eingehen muss?
Ich versuche das zu rekonstruieren: Der Verleger Sebastian Guggolz kam im März hier im Laden vorbei und brachte die beiden neuen Titel und die neu gedruckten Gesamtverzeichnisse über die mittlerweile acht Bücher des Verlages.
Während ich mich einfach auf den Titel von Amalie Skram stürzen wollte, blätterten wir gemeinsam durch das andere neue Buch der Frühjahrssaison "Szenen aus Schottland" und je mehr er darüber erzählte, desto mehr war es um mich geschehen.

Guggolz-Werke bestechen alle durch die gleiche aufmerksame, wunderschöne Gestaltung. Darüber habe ich schon mehrfach geschrieben und brühe das jetzt nicht schon wieder auf. Kommt einfach vorbei, nehmt sie in die Hand, streichelt über die achtsam gestalteten Siebdruck-Cover, bewundert die Farbe des Vorsatzpapiers, der Lesebändchen - es ist so leicht ein Buch optisch und haptisch zu etwas Besonderem zu machen. Gestalterisch die richtigen Entscheidungen zu treffen. Zumindest lässt Guggolz es so leicht scheinen. Aber es sind nicht nur die Äußerlichkeiten. Es fängt schon bei der Auswahl der Texte an, den aufwändigen Neuübersetzungen der Bücher, die Guggolz so nicht nur vor dem Vergessen rettet, sondern vielmehr völlig neu mit Leben füllt. Und die Nachworte, die Anmerkungen, es ist alles so passend, so durchdacht.

Die "Szenen aus Schottland" nun also. Den vier Erzählungen und drei Essays sind wunderbar stimmige Illustrationen von Valeria Gordeew vorangestellt. Sebastian Guggolz sprach mit solcher Begeisterung über die grandiose Übersetzungsarbeit von Esther Kinsky, dass ich tatsächlich Lust hatte, wenigstens eine Geschichte aus den "Szenen" zu lesen, bevor ich mich dem "Professor Hieronimus" widmen wollte.
Es war unmöglich. Ich versank so in diesem Buch, in diesen Erählungen, die so rau und existenziell wirkten, wie die beschriebene Landschaft, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte. Obwohl es nicht einfach soghaft ist, sondern Aufmerksamkeit einfordert. Weil es eine Sprache benutzt, die selbst beim Lesen umsichtig zu machen scheint. Natürlich hatte Guggolz recht: Die Übersetzungsarbeit ist herausragend.
Das ganze Buch ist eine Wohltat.

zum Produkt € 19,00*

Tagesanbruch
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Tagesanbruch

gebunden

Ein schmales Bändchen, fürwahr.
Trotzdem gehört es für mich zu den vielleicht gewichtigsten Neuerscheinungen in diesem Frühjahr.
Treichel hatte es noch nie nötig zu schwafeln, doch diese Reduziertheit ist ein großer Wurf.
Der Monolog einer Mutter über ihrem gerade verstorbenen (erwachsenen) Sohn ist unsentimental, bewegend - und wunderschön. Und kratzt vielleicht gerade deshalb so wohltuend an den tieferen Schichten der Seele.

zum Produkt € 17,95*

Kleider machen Leute
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Kleider machen Leute

gebunden

Gottfried Keller, der große Schweizer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, fristet derzeit eine etwas unpopuläre Existenz in den Lektürelisten der Oberstufe und den ersten Germanistiksemestern. Titel wie „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ etwa wecken bei vielen nur Erinnerungen an längst verdrängte Lesezwänge statt Wiederentdeckungslust. Das ist bedauerlich, vermochte es Keller doch besonders in seinem Novellenzyklus „Die Leute von Seldwyla“ (vollendet 1875) in der kleinen Form menschliche Parabeln mit zeitloser Aussagekraft zu entwickeln. Man kann seine Sujets produktiv in andere Zeiten und Orte versetzen, ohne dass ihre Botschaften antiquiert wirken.
In herausragender Weise hat sich Martin Krusche nun einem der bedeutendsten Texte Kellers angenommen, der Novelle „Kleider machen Leute“. Der Berliner Künstler und Illustrator versetzt Kellers Geschichte um Wenzel Strapinski, der ohne Geld, aber adrett gekleidet, zufällig von einer prunkvollen Kutsche bis in die nächste Ortschaft mitgenommen und dort ob seiner äußeren Erscheinung für einen reichen Fürsten gehalten wird, in die Gegenwart. Strapinski arbeitet hier Angestellter in einem Supermarkt, die Kutsche ist eine teure Limousine und er wird nicht für einen Fürst, sondern entsprechend der kapitalistischen Machtordnung, für einen Geschäftsmann gehalten. In der Grundstruktur des Plots bleibt Krusche dennoch nah bei Keller. Strapinski wird überhäuft mit Geschenken, Einladungen, üppigen Speisen, will sich der Verwechslung entziehen, verliebt sich und gerät in das bekannte Dilemma: Lüge und Genuss oder Wahrheit und Ausgrenzung.
Kunstvoll erfrischend ist Krusches Zugang zum Stoff. Er erzählt die Geschichte um den schönen trügerischen Schein als Graphic Novel. Dabei bedient er sich einer Formsprache, die an gegenwärtige Tattooästhetik ebenso erinnert wie an die urbanen Prints auf Kleidung und Plattencovern. Krusche, der mit seinem Label Yackfou ebensolche auch entwirft und vertreibt, besitzt großes Talent für effektvolle Kontraste, klare Linien und den satten Einsatz von Farbe. Im Fall von „Kleider machen Leute“ sind das besonders die Farben Rot und Blau, die in der wunderschönen Ausgabe der Edition Büchergilde durch kontrastive Stimmungen die Botschaft des Textes herausarbeiten. Die bedruckte Wildseide des Umschlags, die Fadenheftung und das spezielle Druckverfahren lassen das Buch auch unter anderen Graphic Novels zu einem herausragenden Kunstwerk werden.
Für alle, die nach dem Lesen und Schauen Lust bekommen, Kellers Originaltext wiederzulesen, ist dieser dankenswerterweise im Anhang vollständig abgedruckt.

Mein Fazit: Bei Krusches Keller-Adaption trügt der Schein nicht. Das ist Kunst und Können.

zum Produkt € 28,00*

Am Ende bleiben die Zedern
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Am Ende bleiben die Zedern

gebunden

„Wer glaubt, er habe den Libanon verstanden, dem hat man ihn nicht richtig erklärt.“

Meine Altersgenossen assoziieren mit dem Libanon ein Krisengebiet. Beirut wird weniger als Stadt, denn als Symbol für Bürgerkrieg, zerbombte Häuser und schlimmste Massaker gedacht. Die andere Seite des Landes, die imposanten Berge, die mächtigen Bäume, die einzigartige religiöse Vielfalt, die jahrtausendealte Kultur, das Nachtleben oder das funkelnde Meer in der Abendsonne wird von den Schreckensmeldungen aus den Nachrichten nahezu vollständig überlagert. Aktuell scheint der Libanon nicht viel mehr zu sein als eines der größten Flüchtlingslager der Welt. (Jeder vierte Einwohner des Libanon ist ein Flüchtling.) Auch der Vater von Pierre Jarawan floh vor dem libanesischen Bürgerkrieg, erst nach Jordanien und dann nach Deutschland. Sicher lag es auch an seinen Wurzeln, die den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meister dazu brachten, mehr über das Land seiner Vorfahren erfahren zu wollen. Vielleicht war es aber auch der Wunsch, die Geschichte durch Geschichten verständlich und nachfühlbar zu machen. Ein Wunsch, der ihn schließlich vor einigen Jahren in die Archive führte. Dort begann eine Suche nach historischen Konflikten, Schicksalen und Fluchtbewegungen, die ihn hinter die Bilder aus den Nachrichten blicken ließen. Das Ergebnis dieser Recherche liegt nun als ein in allen Dimensionen außergewöhnlichem Roman vor. Außergewöhnlich, weil er bereits als Debüt von einer poetologischen Reife zeugt, die selbst bei erfahrenen Schriftstellern nicht oft zu finden ist. Außergewöhnlich, weil „Am Ende bleiben die Zedern“ eben nicht nur ein fiktionsgewordenes Rechercheergebnis ist, sondern den Leser mitnimmt auf diese Suche, auf die Irrwege, ihn hoffen lässt, enttäuscht und überrascht. Außergewöhnlich auch, weil die Waage zwischen Fakt und Fiktion so meisterhaft gehalten wird, dass ich als Leser emotional und intellektuell stets nah an der Handlung bleibe und doch das große Ganze nicht aus dem Blick verliere. Doch wie gelingt das Jarawan? Als narrativen Trick nutzt er die Aufspaltung der Chronologie in zwei Erzählstränge. Einer beginnt noch vor der Geburt des Protagonisten Samir und folgt ihm bis ins junge Erwachsenenalter. Der zweite setzt ein, wenn er als Erwachsener kurz vor seiner Hochzeit in den Libanon reist, um dort seinen verschollenen Vater zu finden. Beide Erzählstränge wechseln sich in kurzen Kapiteln ständig ab, sodass durch gezielte Querverweise und Cliffhänger ein wahrer Lesesog entsteht.

Was den beiden Samirs in der Auseinandersetzung mit dem Vater-Phantom widerfährt, lässt sich in Härte und Brutalität kaum Erahnen. Umso wirkungsvoller ist die Zuneigung und Bewunderung, die seitens der doppelten Hauptfigur dem Vater entgegengebracht wird. Die hintergründige Liebe, die Samir für ihn empfindet, überträgt sich auf das Land seiner Herkunft und offenbart den besonderen Kunstgriff des Romans. Die Faszination für die Vaterfigur verbindet sich mit der Faszination für den Libanon: Beide sind rätselhaft, beide versperren sich klaren Deutungen. Diese elegante Vielschichtigkeit muss Jarawan erst einmal jemand nachmachen.

zum Produkt € 22,00*

Der neue Chef
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Der neue Chef

gebunden

Der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann starb im Jahr 1998. Nun ist bei Suhrkamp ein neues Buch von ihm erschienen. Das könnte eine wahre Entdeckung sein oder die Verwertung von Manuskripten, die besser in der Schublade geblieben wären. Im Falle von „Der neue Chef“ liegt der Schlüssel zum Urteil in der Perspektive. Zwei der drei Texte in diesem schmalen Bändchen sind bereits vor vielen Jahren in Publikationen mit den vielversprechenden Namen „Verwaltungsarchiv“ (1962) oder „Verwaltung. Eine einführende Darstellung“ (1965) veröffentlicht wurden. Der dritte Text mit dem Titel „Unterwachung oder die Kunst, Vorgesetzte zu lenken“ ist ein bisher nicht publiziertes Typoskript aus dem Nachlass Luhmanns, überarbeitet von dem FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube.

Thema aller 3 Texte sind Kommunikationsstrukturen und -strategien unter dem „Gesetz des Wiedersehens“: die tägliche Arbeit in hierarchisch organisierten Institutionen. Angesichts der rasanten Entwicklung von Coaching, Human Resource Management und Führungstheorie in den letzten Jahren scheint Luhmanns Untersuchungsgegenstand etwas antiquiert und für aktuelle Anwendung unzureichend. Aber das muss es auch nicht. „Der neue Chef“ ist kein Lehrbuch. Was Luhmann in diesen drei kurzen Texten meisterhaft zeigt, ist die Fähigkeit durch präzise Beobachtung vom Alltag auf Theorie zu abstrahieren. Seine schon in den 60er Jahren bemerkenswerte Belesenheit, seine Lakonie und seine (für mich bis heute) beispiellose sprachliche Begabung lassen „Der neue Chef“ zu einem kleinen Kunststück des ausformulierten Denkens werden. Um das schätzen zu können, bedarf es auch nicht zwingend die Beherrschung systemtheoretischer Terminologie. Eine kleine, latente Respektlosigkeit gegenüber starren Denkmustern (oder dem eigenen Chef) genügt.

Die beste Stelle:

„Jede Organisation besteht aus Handlungen. Kein Mensch aber kann handeln, ohne selbst dabei zu sein. Er bringt sich selbst, seine Persönlichkeit, mit an die Arbeitsstelle. Die Organisation fordert ihm jedoch nur spezifische Leistungen ab. Seine Gefühle und seine Selbstdarstellungsinteressen werden dabei kaum beansprucht. Sie lungern während der Arbeit funktionslos herum und stiften Schaden, wenn sie nicht unter Kontrolle gehalten werden.“ (S. 43)

zum Produkt € 10,00*

Das Reich Gottes
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Das Reich Gottes

gebunden

An Carrères neuestem Werk arbeite ich mich noch immer ab. Ich ackere regelrecht. Denn es ist so großartig, wie komplex.
Neben Espedal und Knausgård gehört er für mich zur heiligen Dreifaltigkeit der autobiografischen Schriftsteller und er wird in meinen Augen immer besser, aber auch immer vielschichtiger, immer komplizierter.
"Das Reich Gottes" ist weit mehr, als ein Roman über Glaubens- und Unglaubenskrisen. Carrère schreibt die Anfangsgeschichte des Christentums neu.
Dabei ist er so philosophisch, so politisch, so literarisch, so wahr und so pointiert, dass es unmöglich ist, dieses Buch in das Korsett eines Genres zu pressen.

zum Produkt € 24,90*

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