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Unsere Empfehlungen

Am Ende bleiben die Zedern
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Am Ende bleiben die Zedern

gebunden

„Wer glaubt, er habe den Libanon verstanden, dem hat man ihn nicht richtig erklärt.“

Meine Altersgenossen assoziieren mit dem Libanon ein Krisengebiet. Beirut wird weniger als Stadt, denn als Symbol für Bürgerkrieg, zerbombte Häuser und schlimmste Massaker gedacht. Die andere Seite des Landes, die imposanten Berge, die mächtigen Bäume, die einzigartige religiöse Vielfalt, die jahrtausendealte Kultur, das Nachtleben oder das funkelnde Meer in der Abendsonne wird von den Schreckensmeldungen aus den Nachrichten nahezu vollständig überlagert. Aktuell scheint der Libanon nicht viel mehr zu sein als eines der größten Flüchtlingslager der Welt. (Jeder vierte Einwohner des Libanon ist ein Flüchtling.) Auch der Vater von Pierre Jarawan floh vor dem libanesischen Bürgerkrieg, erst nach Jordanien und dann nach Deutschland. Sicher lag es auch an seinen Wurzeln, die den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meister dazu brachten, mehr über das Land seiner Vorfahren erfahren zu wollen. Vielleicht war es aber auch der Wunsch, die Geschichte durch Geschichten verständlich und nachfühlbar zu machen. Ein Wunsch, der ihn schließlich vor einigen Jahren in die Archive führte. Dort begann eine Suche nach historischen Konflikten, Schicksalen und Fluchtbewegungen, die ihn hinter die Bilder aus den Nachrichten blicken ließen. Das Ergebnis dieser Recherche liegt nun als ein in allen Dimensionen außergewöhnlichem Roman vor. Außergewöhnlich, weil er bereits als Debüt von einer poetologischen Reife zeugt, die selbst bei erfahrenen Schriftstellern nicht oft zu finden ist. Außergewöhnlich, weil „Am Ende bleiben die Zedern“ eben nicht nur ein fiktionsgewordenes Rechercheergebnis ist, sondern den Leser mitnimmt auf diese Suche, auf die Irrwege, ihn hoffen lässt, enttäuscht und überrascht. Außergewöhnlich auch, weil die Waage zwischen Fakt und Fiktion so meisterhaft gehalten wird, dass ich als Leser emotional und intellektuell stets nah an der Handlung bleibe und doch das große Ganze nicht aus dem Blick verliere. Doch wie gelingt das Jarawan? Als narrativen Trick nutzt er die Aufspaltung der Chronologie in zwei Erzählstränge. Einer beginnt noch vor der Geburt des Protagonisten Samir und folgt ihm bis ins junge Erwachsenenalter. Der zweite setzt ein, wenn er als Erwachsener kurz vor seiner Hochzeit in den Libanon reist, um dort seinen verschollenen Vater zu finden. Beide Erzählstränge wechseln sich in kurzen Kapiteln ständig ab, sodass durch gezielte Querverweise und Cliffhänger ein wahrer Lesesog entsteht.

Was den beiden Samirs in der Auseinandersetzung mit dem Vater-Phantom widerfährt, lässt sich in Härte und Brutalität kaum Erahnen. Umso wirkungsvoller ist die Zuneigung und Bewunderung, die seitens der doppelten Hauptfigur dem Vater entgegengebracht wird. Die hintergründige Liebe, die Samir für ihn empfindet, überträgt sich auf das Land seiner Herkunft und offenbart den besonderen Kunstgriff des Romans. Die Faszination für die Vaterfigur verbindet sich mit der Faszination für den Libanon: Beide sind rätselhaft, beide versperren sich klaren Deutungen. Diese elegante Vielschichtigkeit muss Jarawan erst einmal jemand nachmachen.

zum Produkt € 22,00*

Der neue Chef
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Der neue Chef

gebunden

Der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann starb im Jahr 1998. Nun ist bei Suhrkamp ein neues Buch von ihm erschienen. Das könnte eine wahre Entdeckung sein oder die Verwertung von Manuskripten, die besser in der Schublade geblieben wären. Im Falle von „Der neue Chef“ liegt der Schlüssel zum Urteil in der Perspektive. Zwei der drei Texte in diesem schmalen Bändchen sind bereits vor vielen Jahren in Publikationen mit den vielversprechenden Namen „Verwaltungsarchiv“ (1962) oder „Verwaltung. Eine einführende Darstellung“ (1965) veröffentlicht wurden. Der dritte Text mit dem Titel „Unterwachung oder die Kunst, Vorgesetzte zu lenken“ ist ein bisher nicht publiziertes Typoskript aus dem Nachlass Luhmanns, überarbeitet von dem FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube.

Thema aller 3 Texte sind Kommunikationsstrukturen und -strategien unter dem „Gesetz des Wiedersehens“: die tägliche Arbeit in hierarchisch organisierten Institutionen. Angesichts der rasanten Entwicklung von Coaching, Human Resource Management und Führungstheorie in den letzten Jahren scheint Luhmanns Untersuchungsgegenstand etwas antiquiert und für aktuelle Anwendung unzureichend. Aber das muss es auch nicht. „Der neue Chef“ ist kein Lehrbuch. Was Luhmann in diesen drei kurzen Texten meisterhaft zeigt, ist die Fähigkeit durch präzise Beobachtung vom Alltag auf Theorie zu abstrahieren. Seine schon in den 60er Jahren bemerkenswerte Belesenheit, seine Lakonie und seine (für mich bis heute) beispiellose sprachliche Begabung lassen „Der neue Chef“ zu einem kleinen Kunststück des ausformulierten Denkens werden. Um das schätzen zu können, bedarf es auch nicht zwingend die Beherrschung systemtheoretischer Terminologie. Eine kleine, latente Respektlosigkeit gegenüber starren Denkmustern (oder dem eigenen Chef) genügt.

Die beste Stelle:

„Jede Organisation besteht aus Handlungen. Kein Mensch aber kann handeln, ohne selbst dabei zu sein. Er bringt sich selbst, seine Persönlichkeit, mit an die Arbeitsstelle. Die Organisation fordert ihm jedoch nur spezifische Leistungen ab. Seine Gefühle und seine Selbstdarstellungsinteressen werden dabei kaum beansprucht. Sie lungern während der Arbeit funktionslos herum und stiften Schaden, wenn sie nicht unter Kontrolle gehalten werden.“ (S. 43)

zum Produkt € 10,00*

Das Reich Gottes
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Das Reich Gottes

gebunden

An Carrères neuestem Werk arbeite ich mich noch immer ab. Ich ackere regelrecht. Denn es ist so großartig, wie komplex.
Neben Espedal und Knausgård gehört er für mich zur heiligen Dreifaltigkeit der autobiografischen Schriftsteller und er wird in meinen Augen immer besser, aber auch immer vielschichtiger, immer komplizierter.
"Das Reich Gottes" ist weit mehr, als ein Roman über Glaubens- und Unglaubenskrisen. Carrère schreibt die Anfangsgeschichte des Christentums neu.
Dabei ist er so philosophisch, so politisch, so literarisch, so wahr und so pointiert, dass es unmöglich ist, dieses Buch in das Korsett eines Genres zu pressen.

zum Produkt € 24,90*

Glückskind mit Vater
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Glückskind mit Vater

gebunden

Christoph Hein hat einen sehr ruhigen und vielleicht gerade deshalb so kraftvollen Roman über das Erbe unserer Geschichte geschrieben. Über Schatten werfende tote Väter. Über Söhne und Mütter. Der Erzählton ist unaufgeregt, fast beiläufig, lässt aber niemals den ernst einer Situation vermissen und schafft gerade durch seine Sachlichkeit eine hohe Dramatik. Ich mochte den Protagonisten Konstantin Boggosch sofort. Ein in bester Tradition gekonntes Buch.

zum Produkt € 22,95*

Unorthodox
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Unorthodox

gebunden

Trotz dieses eigentlich erschütternd ernsten Themas, ist Deborah Feldman ein spritziges, literarisch prickelndes Buch gelungen. Feldman wirkt an keiner Stelle verbittert oder gar selbstmitleidig, sondern offenbart uns eher mit Staunen eine schier unglaubliche Welt orthodoxen Judentums in einer chassidischen Satmar-Gemeinde in New York.

zum Produkt € 22,00*

Die Installation der Angst
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Die Installation der Angst

kartoniert

Schon der Titel von Rui Zinks Erzählung ist vielversprechend: Die Installation der Angst. Wenn es Aufgabe der Kunst ist, mit Gewohnheiten zu brechen und Sichtweisen infrage zu stellen, gelingt dies durch die Verbindung der Worte „Installation“ und „Angst“ exemplarisch. Bei „Installation“ denkt man an Heizungsrohre, an Computerprogramme, an Schrauben, Zangen, Werkzeug. Auf der anderen Seite steht die Angst: ein starkes Gefühl, diffus, nicht greifbar, nicht steuerbar, seelisch.
Was ist das also für ein Text, der einer intensiven emotionalen Regung mit technischem Werkzeug beizukommen sucht? Im besten Sinne unerhört, eine Novelle also, die in deutlicher Traditionslinie zu Kafkas Strafkolonie zwei verschiedene Akteure in ein surreales Kammerspiel schickt. Eine Frau, Mutter eines Kindes, erhält Besuch von zwei staatlich beauftragten Installateuren die „zum Wohl aller“ die Angst bei ihr installieren sollen. Statt Zangen und Schrauben sind es allerdings Geschichten, kleine Episoden und gesellschaftskritische Abhandlungen, die die beiden, wie aus einem Mund sprechenden, Installateure als Instrumente nutzen. In diesen Geschichten werden durch gezielte Polemik, durch Zweifel und Verunsicherung verschiedenste Ängste geschürt: die Angst vor den „Märkten“, die Angst vor epidemischen Krankheiten, die Angst vor Flüchtlingen. Und warum das alles? Um den sozialen Frieden zu sichern und den Mensch als Bürger von der staatlichen Unterdrückung abzulenken. („Mehr Angst = weniger Störung“, „Mehr Angst = mehr Unterhaltung“)

Das liest sich als recht offensichtliche Kritik an totalitären Regimen, als Globalisierungskritik und als kleine Lehrstunde in der Psychoanalyse. Interessant dabei ist, dass Zink durch die Verwendung von unzähligen Phrasen a lá „Es gibt keine Alternative“ oder „Ja, die wirtschaftliche Situation ist besorgniserregend“ auf jene sprachliche Realität referiert, die uns täglich in den Nachrichten begegnet. Auch wenn diese Kritik an medialer Politik zu simpel ausbuchstabiert wird und dem Leser die Schlussfolgerung regelrecht aufgeschwatzt wird, bleibt dennoch eine produktive Störung zurück. Wenn mit Wittgenstein im Gepäck behauptet wird, „Etwas zu benennen heißt, dessen Existenz anzuerkennen“, lernen wir zwar nichts Neues, rufen jedoch Erkenntnisse der Sprachphilosophie auf, die im Winter 2016 aktueller nicht sein können. Die Gefahr, die vermeintlich von den Flüchtlingen ausgeht, wird zur realen Angst, weil sie formuliert und verbreitet wird. Jeden Tag, in den Nachrichten, in den Zeitungen, in den Talkshows.

Weil Rui Zink uns diesen Crash-Kurs Propaganda-Psychologie in eine kurze, nachhallende Geschichte packt, lohnt es sich „Die Installation der Angst“ zu lesen. Und weil das Ende dramaturgisch genial gemacht ist, aber hier ich hab Angst, zu viel zu verraten.

zum Produkt € 18,00*

Der Flaneur
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Der Flaneur

gebunden

Nach New York streifen wir nun also mit Edmund White durch die französische Hauptstadt.
Wir wandeln gemeinsam mit ihm auf den Spuren der ganz Großen, wie Balzac, Baudelaire oder Hemingway, folgen aber auch unbekannten Pfaden und lernen zu staunen und zu genießen.
Sein wacher Blick und sein offener Geist sind mir die liebsten Begleiter auf literarischen Reisen.

zum Produkt € 19,99*

Bestimmt wird alles gut
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Bestimmt wird alles gut

gebunden

Eine Herzenssache!

Kauft dieses Buch! Lest es Euren Kindern vor.
Lest es in den Kitas und Schulen Eurer Kinder vor.
Verschenkt es an alle Kinder, die Ihr kennt.
Vielleicht auch an die, die Ihr nicht kennt.
Lasst es in den Hausfluren liegen. Tragt es in die Welt!!!

Verzeiht, dass ich so im Imperativ unterwegs bin, aber dieses Buch ist wirklich so unglaublich wichtig, so richtig und so grandios liebevoll und umsichtig gemacht, dass es den Keim des Verständnisses für anderer Menschen Leid und Hoffnung in uns alle legen kann.

Die wahre Flucht-Geschichte einer syrischen Familie, nacherzählt von Kirsten Boie, illustriert von Jan Birck auf Deutsch und Arabisch, erschienen im wunderbaren Klett Kinderbuch Verlag.
Ein Buch, das die Welt besser machen wird!
Danke an Euch, die Ihr es gemacht habt!
Danke an Euch, die Ihr es kauft!

zum Produkt € 9,95*

Trauer ist das Ding mit Federn
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Trauer ist das Ding mit Federn

gebunden

Die Ausgangssituation: Eine junge Familie, Mutter, Vater und die Zwillingssöhne, Reihenhäuschen alles friedlich. Dann die Katastrophe: Die Mutter stürzt die Treppe hinunter, Hirnblutung, tot. Das ändert ALLES. Das Leben der drei Hinterbliebenen wird zur surrealen Bewährungsprobe, denn unbewusst war es stets die Mutter, die alles zusammenhält, nicht nur im Haushalt, sondern auch im seelischen Gleichgewicht der ganzen Familie.
In dieses emotionale Chaos hinein ertönt plötzlich ein Klingeln an der Tür, aber statt der erwarteten Freunde steht da eine riesige Krähe und verschafft sich Zutritt zum Haus. Sie läuft durch die Räume, verliert hier und da ihre schwarzen Federn („Auf deinem Kopfkissen liegt auch eine Feder.“) und spricht, krächzend zwar, aber verständlich:

„In anderen Versionen bin ich Arzt oder Geist. Ideale Vehikel: Ärzte, Geister und Krähen. Wir können Dinge, die andere Figuren nicht können, etwa Traurigkeit essen, Geheimnisse zuhüllen und dramatisch mit Sprache und Gott ringen. Ich war Freund, Vorwand, Deus ex Machina, Scherz, Symptom, Erfindung, Schrecken, Krücke, Spielzeug, Phantom, Gag, Analytiker, Babysitter.
Ich war schließlich ein zentraler Vogel… bis an die äußersten Grenzen. Ich bin Schablone. Ich weiß es. Ein Mythos, der manipuliert, der manipuliert wird.“

Mit dem Besuch der Krähe öffnet sich ein beeindruckender Kosmos. Die Referenz auf Poes Raben Nevermore ist offensichtlich. Der schwarze Vogel als Allegorie der Trauer, der erst geht, wenn der Schmerz überwunden ist. Der die Trauer frisst. Der Vogel weiß, dass er nur eine Metapher ist, aber das spielt keine Rolle, denn durch die Vogelfiktion wird ein unbegreifliches Gefühl greifbar, gegenständlicher und damit auch irgendwie händelbar. Und darum geht es in diesem Roman: wie gehe ich mit einer Situation um, die vollkommen überfordert, die im Skript meiner Vorstellungskraft bisher nicht vorhanden war, die weit über die Grenzen des Möglichkeitsinns hinausreicht? In dieser taumelnden Entrücktheit treffen sich die Wahrscheinlichkeiten vom Besuch einer sprechenden Krähe und das Sterben einer jungen Frau, Mutter, Geliebten, mit der man noch ein ganzes Leben geplant hatte.
Porters Roman ist nicht lang, aber auf den wenigen Seiten entfaltet er die ganze Kraft der Literatur. Metaphern können uns die Welt nicht nur erklären, sondern manchmal überhaupt erst erträglich machen. Aus diffusen Gefühlen werden so konkrete Bilder zu denen schließlich eine Distanz aufgebaut werden kann.
Sprachlich ist das brilliant umgesetzt, denn Porter (beziehungsweise seine genialen Übersetzer Uda Strätling und Matthias Göritz) beherrscht das lautmalerische Krächzen der Krähe ebenso wie den naiven Blick von sechsjährigen Jungen auf eine viel zu große Welt. Da werden souverän Perspektiven, Register, Zeitebenen gewechselt, um zu einem erstaunlich kohärenten Bild zu gelangen.

Nach der Lektüre bleibe ich zurück, zutiefst erschüttert von der Kraft dieser Prosa.

zum Produkt € 16,90*

adibas
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

adibas

gebunden

Im materialistisch strukturierten Mitteleuropäer hedonistischer Konditionierung ist der Impetus umfassender Arroganz tief verwurzelt. Eine Arroganz, die es erlaubt, die großen Probleme der Menschheit, wie Hunger, Armut, Ausbeutung und Krieg elegant zu ignorieren. Eine erstaunliche Fähigkeit, die besonders dort zutage tritt, wo Mitteleuropa an seine soziologischen und geografischen Grenzen gerät: am Hintereingang des Konsumtempels, an den Peripherien der medialen Aufmerksamkeitsspanne, in der bigotten Demokratie eines weltweiten Glücksversprechens. Dieses Phänomen lässt sich mitunter recht signifikant verorten. In der georgischen Hauptstadt Tiflis zum Beispiel, (obgleich es auch Baku, Warschau oder Bali sein könnte) in Biografien die mit ihrer eigenen Globalisierung nicht klarkommen und auch in guter Literatur.
Tiflis ist Handlungsort des ersten ins Deutsche übersetzten Romans "Adibas" von Zaza Burchuladze. Die Protagonisten sind markengeschulte Großstadthipster (was ich hier nicht als Schimpfwort verwende!), die sich vom, bis an die Stadtgrenzen reichenden, Russisch-Georgischen Krieg nicht irritieren lassen möchten. Sie trinken, feiern, konsumieren und vögeln sich durch Ihren Alltag und leben so, als würden sie in London, Paris oder Berlin leben. Ein interessanter Kontrast, der besonders dem als Terrorismus getarnten Krieg auch in den westlichen Hauptstädten ein doppeltes Gewicht – oder müsste man sagen, eine besonders zynische Botschaft? – mitgibt. In diesem Feld der Provokation entwickelt Burchuladze ein Tableau des urbanen 21. Jahrhunderts, das all jene anspricht, die sich nach den Anschlägen von Paris wundern, warum wieder feiern kurz nach den Anschlägen die dringlichste Handlungsoption zu sein scheint. Um diesen Kontrast ästhetisch zu dramatisieren, bedient sich Burchuladze einer Vielfalt poetologischer Mittel, die von der soziologischen Studie über lyrische Elemente bis zu Chat-Mitschnitten reicht. Dadurch wird eine Nähe zu den Protagonisten hergestellt, die jedoch nie Gefahr läuft, als authentisch durchzugehen. Sprachlich erinnert das mitunter an Irvine Welsh´ "Trainspotting". Die Figuren stolpern ähnlich orientierungslos durch ihre Gegenwart wie jene in Olga Grjasnowas Romanen und wenn es an das geschickte Einflechten von historischem Hintergrundwissen in den (leider etwas dünnen) Plot geht, entdecke ich auch Parallelen zu Nino Haratischwilis "Das 8. Leben (für Brilka)".

"Adibas" ist laut, polternd, rotzig, pervers. Und, was mir am meisten gefällt, es ist hintergründig klug. Darum, liebe Menschen: Lest georgische Literatur, lest "Adibas" von Zaza Burchuladze.

zum Produkt € 18,00*

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