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Unsere Empfehlungen

Lied vom Abendrot
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Lied vom Abendrot

gebunden

Lewis Grassic Gibbon (1901 - 1935) ist das Pseudonym von James Leslie Mitchell, dessen "Szenen aus Schottland" ebenfalls im Guggolz Verlag vorliegen.
Ich schätze diesen Verlag seit seinem ersten Programm, den belesenen, wachen, engagierten Verleger Sebastian Guggolz, der nur Neu- und Wiederentdeckungen aus Nord- und Osteuropa veröffentlicht. Dafür arbeitet er eng mit ÜbersetzerInnen zusammen und hebt jedes Mal wahre literarische Schätze, die er in Neuübersetzungen und wunderschön gestalteten Ausgaben vor dem Vergessen bewahrt .
Diese besonderen Bücher, dieses Handschmeichlerische, dieses Genaue, dieses Umsichtige, dieses Wertvolle ist für mich einfach ein großer sinnlicher und geistiger Genuss.
Eigentlich will ich kein absolutes Lieblingsbuch unter allen Guggolz-Kostbarkeiten hervorheben, auch wenn mir natürlich manche Texte näher sind als andere - ich bewundere sie wirklich alle. Aber nun hat sich das vermutlich erledigt. Denn ich habe "Lied vom Abendrot" gelesen und wusste:
DAS ist einer der Romane, die mich mein Leben lang begleiten werden.

Im Osten Schottlands, unweit der Nordseeküste, am Fuße der rauen Mearns liegt die fiktive Ortschaft Kinraddie. Hier wächst zu Beginn des 20. Jahrhunderts Chris Guthrie auf einem Bauernhof auf.
Ihr Leben ist geprägt von harter Landarbeit, vom strengen Vater, von der ewig mit den kleinen Geschwistern und dem Vieh beschäftigten, kränkelnden Mutter – und trotzdem hat sie als älteste Tochter die Chance, das College zu besuchen, fremde Sprachen zu erlernen, die Literatur zu entdecken, über den Tellerrand zu schauen.
Nach dem Tod ihrer Eltern entscheidet sie sich aus freien Stücken, ihrer Liebe zu diesem besonderen Landstrich, seiner Sprache und seinen Menschen zu folgen. So sucht sie nicht eine Stellung als Lehrerin, sondern übernimmt die Pacht für den kleinen Hof Blawearie, sie landwirtschaftet, heiratet aus Liebe –dann bricht der erste Weltkrieg aus.
Um die scharfe Beobachtungsgabe und den feinen Humor des Autors zu spüren, empfehle ich einfach wärmstens, dieses Buch selbst zu lesen.
Nicht nur die Menschen auf den Nachbarhöfen und diese besondere Landschaft sind weitere ProtagonistInnen, die einem beim Lesen sofort ans Herz wachsen, sondern vor allem die außergewöhnliche Sprache, in der Lewis Grassic Gibbon all dies beschreibt.

Die Übersetzerin Esther Kinsky hat wirklich eine Meisterleistung vollbracht, so intuitiv und gekonnt, wie sie die wunderbare Melodie dieses Buches so klangvoll ins Deutsche übertragen hat.
Indem sie treffsicher und sensibel Anleihen bei einer Form des Plattdeutschen gemacht hat, wirkt der besondere schottische Dialekt auf ganz wunderbare Weise intensiv, ohne je zu dick aufzutragen. (Ohmdraut und fuchtig sind meine Lieblingsworte gewesen.) Nicht einmal das aufmerksame Glossar ist wirklich nötig, da die Sprachmelodie die Geschichte so natürlich trägt.

Über "Sunset Song" wurde nach dem Erscheinen 1932 gemunkelt, dass es ja von einer Autorin unter Pseudonym geschrieben sein müsse, da sich niemals ein Autor so gut in eine weibliche Protagonistin hätte versetzen können.
Chris Guthrie gehört für mich in eine Riege mit den großen Frauenfiguren der Weltliteratur, mit Jane Eyre, Elizabeth Bennett und Anna Karenina und ich wünsche diesem Juwel von einem Roman (der bisher lediglich in einer längst vergriffenen DDR-Ausgabe auf Deutsch erschienen war) durch diese wirklich meisterhaft gelungene Neuübersetzung viele ebenso begeisterte LeserInnen.

zum Produkt € 26,00*

Speicher 13
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Speicher 13

gebunden

Ein Mädchen, 13 Jahre alt, verschwindet – und versetzt ein Dorf, irgendwo in Norfolk, England, damit in Aufruhr.
Klingt wie ein Krimi, ist aber keiner. Nicht mal ansatzweise.
Stattdessen ist Jon McGregors Roman „Speicher 13“ ein auf seine ruhige Art beinahe sanftmütiger Roman über das Vergessen, über Veränderungen und darüber, dass am Ende doch alles irgendwie gleich bleibt. Über dreizehn Jahre hinweg nämlich fokussiert diese Erzählung das Leben der Dorfbewohner_innen, die kleinen und großen Umbrüche in ihrem Leben, die Entwicklung des Dorfes als Ganzes, und die immer wiederkehrenden Zyklen der Natur, die sich so gar nicht um die menschlichen Dramen schert. Und entwickelt dabei seinen ganz eigenen, ruhigen Sog.
Ein Roman, der – ebenso wie zuletzt Annie Ernaux großer Roman „die Jahre“ – die Balance zwischen einer kollektiven Erzählung und Psychogramm nicht nur schafft, sondern etwas Neues daraus macht: ein leises, manchmal zynisches, hier und da in seiner Schonungslosigkeit brutales, aber oft liebevolles Raunen, in dem doch immer wieder einzelne Stimmen herauszuhören sind.

zum Produkt € 22,00*

Der Boxer
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Der Boxer

gebunden

Wir müssen uns mehr mit Polen beschäftigen. Besonders mit dessen Gegenwartsliteratur. Weil in ihr die Möglichkeit gegeben wird, unseren direkten östlichen Nachbarn auch jenseits von tagespolitischen Ereignissen zu begreifen. Aktuell die beste Möglichkeit, sich der polnischen Literatur zu nähern, bieten die Bücher des noch recht junge Autors Szczepan Twardoch. Es ist sicher keine Übertreibung, wenn man ihn als die aufregendste literarische Stimme Polens bezeichnet. Schon in seinen letzten beiden Büchern „Morphin“ (2014) und „Drach“ (2016) verband er auf einmalige Weise sein Interesse für die Geschichte und die Befindlichkeiten Polens mit atemberaubender Erzählkunst. So auch in seinem neuen Roman „Der Boxer“.
Titelgebende Figur ist der Schwergewichtsboxer Jakub Shapiro, der im jüdischen Mafia-Milieu Warschaus Ende der 30 Jahre eine zentrale Rolle spielt. Im Stile von „Der Pate“ oder „Scarface“ geht es in „Der Boxer“ um das Brechen von Beinen und Nasen, um Prostitution, kriminelle Dekadenz, um Schutzgeld, Drogen und das Recht des Stärkeren. So weit, so banal. Twardoch will jedoch mehr, als die hundertste Mafiageschichte erzählen. Durch die Wahl des Settings erlangt die Geschichte eine enorme historische Tiefe und Komplexität. Der Konflikt zwischen Recht und Unrecht vibriert nicht nur zwischen sozial engagierten Mafiosi und korrupten Polizisten, sondern als existenzieller Kampf um die Zukunft einer Gesellschaft: aggressiv homogener Nationalstaat vs. Lebensrecht von Minderheiten jeglicher Coleur.

Wir alle wissen, was mit den Warschauer Juden nur einige Jahre später passieren wird. Diese Bedrohung schwebt als großer dunkler Wal über dem jüdischen Viertel Warschaus und gleichsam über dem gesamten Roman. So legt die Geschichte Zeugnis ab von einem Leviathan, dessen hungern, frieren und sterben dann am schmerzlichsten wird, wenn wir sein reiches Mahl, seine Wärme und sein Leben noch so frisch in Erinnerung haben.

Lange habe ich keinen so tänzelnden, geschickten, aufmerksamen, klugen und brutal zuschlagenden Roman gelesen, wie Szczepan Twardochs „Der Boxer“.

zum Produkt € 22,95*

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

gebunden

Peter Stamm ist ein Meister des subtilen Verwirrspiels. Wie in so vielen Romanen von ihm (am besten gefällt mir nach wie vor „sieben Jahre“) ist die Erzählung zwar eigentlich simpel, aber so komplex aufgebaut, dass man recht schnell weiß: hier ist nicht alles, wie es scheint. Dabei ist dieser neue Roman von Aufbau (und auch Länge) sogar außergewöhnlich reduziert: Schriftsteller und Lehrer Christopher trifft die junge Schauspielerin Lena, die ihn an seine ehemalige Freundin Magdalena erinnert. Mehr als erinnert: er meint sie sei eine frühere Version Magdalenas, liiert mit seiner eigenen früheren Version, dem jungen Schriftsteller Chris. Getrieben von der Vorstellung Lena und Chris stünde ein ähnliches Schicksal bevor wie ihm und Magdalena, beginnt er seine Beziehungsgeschichte nachzuerzählen. Lena will zwar erst nichts davon wissen, lässt sich dann aber doch auf den verwirrenden Austausch vermeintlicher Erinnerungen ein …
Ein kurzweiliger Roman, perfekt geeignet für eine lange Zugfahrt.

zum Produkt € 20,00*

Stadt der Feen und Wünsche
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Stadt der Feen und Wünsche

gebunden

„Mir wird schlecht von dieser Art, wie sie in Mitte mit den Kindern alles richtig machen. Jede Ohrfeige im Wedding sieht liebevoller aus.“
Gibt es romantische Misanthropie?
Nach dieser Lektüre kommt es mir durchaus möglich vor.
Drei Tage lang schlendern wir in diesem schmalen Bändchen mit dem Protagonisten aus „Stadt der Feen und Wünsche“ von Leander Steinkopf durch Berlin und könnten dabei kaum ferner vom eigentlichen Flanieren sein.

Eine Erzählung voller kluger Beobachtungen über diese meine Stadt, ein Anti-Hipster-Roman, der trotzdem keine kalte Abrechnung ist, ein Buch vom lustvollen Verlorengehen.
Zumindest ist es nun voller Bleistiftstriche, mit denen ich mir bemerkenswerte Sätze gekennzeichnet habe.
Noch ein Beispiel?
„Ich glaube, letztendlich ist der Kaffee schuld an allem. Ich habe so viel Kaffee in meinem Leben getrunken, vielleicht nicht mehr als die anderen, aber ich bin dabei stehengeblieben und die anderen sind weitergegangen, sie haben ‚to go‘ gesagt und ich ‚für hier‘. Deswegen bin ich dort, wo ich bin.“
Ein Buch, das weit mehr ist, als eine Aufzählung dessen, was in der Hauptstadt schief läuft. Steinkopf schreibt nicht nur zynisch, das wäre zu einfach. Zwischen seinen Zeilen leuchtet etwas. Vielleicht eine Fee und ein Wunsch?

zum Produkt € 16,00*

Farbenblind
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Eva Voigt

Eva Voigt

Farbenblind

gebunden

Trevor Noah wurde 1984 als Kind eines weißen Vaters und einer schwarzen Mutter in Südafrika geboren.
Heute lebt er in Amerika, wo er als Comedian und Moderator der „Daily Show“ Bekanntheit erlangt hat.
In „Farbenblind“ lädt er auf eine ebenso anrührende wie humorvolle Reise in seine Kindheit ein.
Die Geschichten, die er im Zuge dessen erzählt, sind politisch, ohne verbittert zu sein und eine außergewöhnliche Liebeserklärung an seine Mutter.
Die Sturheit, mit der diese sich den Gefahren und Beschränkungen, die die Apartheid mit sich bringt, entgegenstellt, hat mich tief beeindruckt.
Egal ob sie auf öffentlichen Toiletten übernachtet, sich mit ihren Kindern aus einem fahrenden Bus wirft oder aus Raupen Mahlzeiten improvisiert: All das tut sie ohne Selbstmitleid.
Immer wieder musste ich den Kopf über ihr unumstößliches Gottvertrauen schütteln und hatte doch am Ende das Gefühl einem kleinen Wunder beigewohnt zu haben.
Diese tragikomische Geschichte ist kurzweilig, lebensnah und lesenswert!

zum Produkt € 19,99*

Olga
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Olga

gebunden

Zugegeben, dies ist mein erster "Schlink".
Und dann gleich so ein Treffer, so ein Lesegenuss! Olga!
Ihre Geschichte, die in Pommern zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprachlich schön, aber thematisch eher sanft beginnt und wie die Romanbiografie der sofort sympathischen Protagonistin anmutet, entwickelt sich spätestens ab der Hälfte des Buches zu einem unfassbaren Leserausch. Und unfassbar steht hier auch für fassungslos.
Ein Buch über eine innerlich und äußerlich begrenzte und trotzdem (oder gerade deshalb?) grandiose Liebe, über die männliche Sehnsucht nach großen Taten und die stillen, aber nachwirkenden Entscheidungen der Frauen im vergangenen Jahrhundert.
Und dann blättert man zurück zu den ruhigen Anfangsseiten und fragt sich, ob es sein kann, ob es wirklich sein kann und beginnt noch einmal von vorn ...

zum Produkt € 24,00*

Oder Florida
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Oder Florida

gebunden

1998 war ich acht Jahre alt, wohnte in Kreuzberg, und hatte noch nie von Frankfurt Oder gehört. Das erste was ich dann schließlich hörte: dass es dort Läden gibt, die aktiv damit werben alte Goldzähne anzukaufen.
In diesem Frankfurt Oder von 1998 wohnt Matthias Freier aus Christian Bangels Roman „Oder Florida“ und hat eine große Vision: klar, Frankfurt ist ziemlich abgerockt und an jeder Ecke stehen Nazis, die auch gerne mal losprügeln, aber ansonsten: hier kann man noch was aufbauen, hier kann sich die Wende noch in etwas Gutes, etwas Visionäres verwandeln. Und so schmieden Freier und sein dubioser Freund „Fliege“ einen tollkühnen Plan: die Stadt übernehmen, selbst den Bürgermeister stellen und endlich mal was ändern (am Wetter, findet Fliege. An den Nazis, findet Freier). Der Plan scheint sogar banal leicht umzusetzen: Denn die SPD stellt zwar den Bürgermeister, hat aber so wenige Mitglieder, dass sie mit einem Masseneintritt durch die von Fliege angeführten Volksbewegung für gutes Wetter leicht übernommen werden kann. Und ein passender Bürgermeisterkandidat ist auch schnell gefunden: der Frankfurt-Oder-Wirtschafts-Mogul Franziskus. Freier wird, gerade mal 20, Pressesprecher und für einen Moment scheint alles möglich.

Christian Bangels Debütroman „Oder Florida“ ist ein rasanter und etwas bekloppter Coming-of-Nazis-und-Neoliberalismus Roman, quasi der erste seiner Gattung. Und das ist schreiend komisch.

zum Produkt € 18,00*

Im Herzen der Gewalt
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Im Herzen der Gewalt

gebunden

Mit seinem Roman „das Ende von Eddy“ hat der junge französische Autor Édouard Louis im vorletzten Jahr einen echten Überraschungserfolg gelandet. Darin beschreibt er sein Aufwachsen in der französischen Provinz, beschreibt das Unverständnis und die Brutalität seiner Umgebung gegenüber andersdenkend- und fühlenden und den Kampf um seine eigene Identität, auch als Homosexueller.
In seinem neuen Roman setzt er seine autobiografische Erzähltradition fort: diesmal allerdings geht es nicht um seine Kindheit und Jugend und schließlich der Flucht aus den beengenden Verhältnissen in die Großstadt – sondern um eine Nacht in eben jener Großstadt, in der ihn die „Gewalt“, wenn auch diesmal in anderer Form, am Ende doch wieder findet: Eines Weihnachtsabends wird Louis von einem jungen Mann, den er zu sich nach Hause einlädt, vergewaltigt. Der Roman ist weniger ein Bericht dieser Vergewaltigung als eher des eigenen Ringens damit, wem eigentlich solch eine Geschichte gehört: einem selbst, der Polizei oder der Familie, die sich um einen sorgt? Eindrücklich beschreibt Louis den Umgang mit dem Trauma, das eigene Ringen um Schuldzuweisungen – so sieht er doch seinen Peiniger eigentlich ebenfalls als Opfer der Verhältnisse – und wie er sich plötzlich in seiner eigenen Geschichte als Fremder wiederfindet: sei es auf dem Polizeirevier oder im Haus seiner Schwester, wo Louis, ein wirklich interessanter literarischer Kniff dieses Romans, versteckt hinter der Tür belauscht, wie seine Schwester ihrem Mann die Vorkommnisse nacherzählt.

Ein Roman, der sich wirklich zu lesen lohnt, auch, wenn man „das Ende von Eddy“ nicht gelesen hat!

zum Produkt € 20,00*

Das Inzest-Tagebuch
empfohlen von:

Julia Rothenburg

Julia Rothenburg

Das Inzest-Tagebuch

gebunden

Es ist schwierig dieses Buch zu empfehlen, denn wenn es etwas gibt, das dem Gegenteil von einer gemütlichen Sonntagsabend-Lektüre entspricht, dann findet man es wohl in diesem Text.
Schon der Titel des Buches zeigt an, dass das kein leichter „Roman“ ist, aber das, was sich dahinter verbirgt, ist wirklich explosiv: eine anonyme Erzählerinnenstimme (die Autorin möchte nicht erkannt werden und bleibt unbekannt) berichtet von einem jahrelangen physischen und emotionalen Missbrauch durch ihren Vater, den Versuchen diesen zu entkommen, dem Scheitern dieser Versuche. Und das in einer Sprache, die nicht leicht zu ertragen ist, so direkt (mitunter pornografisch), so teilweise kalt, dann wieder emotional, ist sie. Unglaublich unter die Haut gehend liest sich dieser Bericht – und gleichzeitig literarisch sehr eindrücklich: Die Autorin wählt nämlich gerade eben nicht die chronologische Form eines klassischen Berichtes (insofern ist der Titel „Tagebuch“ auch sehr irreführend), sondern lässt die Leser_in mit ihren Gedanken „mitspringen“ – und damit direkt an ihrer inneren Zerrissenheit teilhaben: zwischen der Liebe zum Vater und der Entdeckung der eigenen Sexualität (ein weiteres radikales wie verstörendes Element des Textes ist nämlich, dass die Autorin über die Verquickung ihrer Lust mit dem Missbrauch berichtet) und der Erkenntnis des Verbrechens, das an ihr begangen wurde – und dem Versuch, trotz allem weiterzuleben.

Anders gesagt: dieses Buch ist purer Schmerz. Das will man vielleicht nicht lesen. Aber wenn man es doch tut, ist man um eine wertvolle literarische Erfahrung reicher.

An dieser Stelle noch eine klare TRIGGER-Warnung: dieses Buch enthält sehr deutliche und drastische Beschreibungen sexueller Gewalt.

zum Produkt € 17,00*

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