Unsere Empfehlungen

Schutzzone
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Schutzzone Nora Bossong

gebunden

„Ich habe die Fähigkeit, binnen weniger Minuten einem Menschen zu verfallen, aber nicht wegen dieser Schwäche, sondern aus grundsätzlicheren Bedenken hatte man mich zunächst nicht fahren lassen, mir diesen Job nicht anvertrauen wollen, für den man im Auto eine Augenbinde umgebunden bekam, weil niemand, auch nicht die Vereinten Nationen, wissen durfte, wo die Treffen stattfanden, wo die Rebellen sich aufhielten, wo die Strippenzieher zu Abend aßen. Solche Jobs waren meinen männlichen Kollegen vorbehalten, doch ich hatte nicht akzeptieren wollen, dass nur Männer die Heldengeschichten erzählen dürften, die nichts mit Heldentum zu tun hatten, nur mit der Fähigkeit, nicht gleich in Panik zu geraten, und von der Dialektik der Grausamkeit zu hören, mit Milizionären auf der Ladefläche eines Ford Ranger zu lachen, mit einem Mörder am Grill zu stehen ...“

Ich habe mit anfänglicher Skepsis (weil ich keine Freundin von Menasses „Hauptstadt“ war) „Schutzzone“ von Nora Bossong gelesen (in dem es zwar nicht um die EU und Brüssel, wohl aber um die UN und Genf geht) und bin diesem Buch binnen weniger Seiten verfallen.
So melancholisch, so sprachgewandt, so rätselhaft, so vielschichtig beschreibt Nora Bossong durch die Stimme ihrer Protagonistin Mira die große, unfassbare Weltpolitik und die große, noch schwerer zu fassende Liebe.

zum Produkt € 24,00*

Laufen
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Laufen Isabel Bogdan

gebunden

Isabel Bogdan hat ein ganz außergewöhnliches Buch geschrieben. Es ist die Geschichte einer Frau, die ein Jahr nach dem Suizid ihres Lebensgefährten beginnt zu laufen. Ins Leben zurückzulaufen. Wieder frische Luft, wieder der Schmerz des Körpers, statt nur dem der Seele. Wieder atmen können, denken, nach vorn blicken. Am Anfang sind es nur kleine Strecken, die man, aus der konsequenten Perspektive eines inneren Monologs, mit ihr durch den Hamburger Frühling läuft. Dabei weckt die Umgebung Erinnerungen in ihr, wie gut er sich mit Bäumen auskannte, welche Sorte Eis er immer aß, auch - sehr bitter - der zu späte Kinderwunsch der beiden. Bogdans Erzählerin durchlebt die ganze Klaviatur der Gefühle, die diejenigen durchleben, die nach dem Freitod eines geliebten Menschen weiterleben müssen: Traurigkeit, Wut, Einsamkeit, Schuld, Selbstvorwürfe, Sehnsucht. Sogar das schlechte Gewissen bei dem Wunsch, wieder glücklich sein zu wollen. Die Erzählerin läuft wieder in ein Leben, das nicht nur aus Trauer bestehen soll.
Genau hier liegt die Stärke des Buches. Obwohl es so ein ernstes Thema verhandelt, ist es kein deprimierendes Buch. Es nimmt die Schattenseiten des Lebens ernst und wendet sich dennoch voller Kraft dem Licht zu. Der Optimismus, den die Erzählerin durch ihre Freunde, durch die Musik und die körperliche Bewegung empfindet, steckt an, er bestärkt und er spendet Zuversicht, egal mit welchem Hintergrund man dieses Buch liest. Das könnte kitschig werden, wird es aber nicht. Denn Isabel Bogdan nutzt ihr feines Gespür für sprachliche Register, um die emotionale Flughöhe sensibel zu brechen. So ist es ihr Humor, die manchmal leicht schnodderige Sprache, (Die viele schon in ihrem Roman „Der Pfau“ so gemocht haben) und der stete Rhythmus des Laufens, die die Geschichte nicht ins Sentimentale abrutschen lassen. Ich habe lange kein Buch gelesen, in dem so viel Leben steckt!

zum Produkt € 20,00*

Viga-Ljot und Vigdis
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Viga-Ljot und Vigdis Sigrid Undset

gebunden

Dieser Roman von Sigrid Undset wurde erstmals 1909 veröffentlicht – vor genau hundert Jahren. Damals war die norwegische Autorin 27 Jahre alt. 1928 erhielt sie den Literaturnobelpreis.
Die Geschichte von "Viga-Ljot und Vigdis" habe ich erst in dieser schönen Ausgabe und vor allem in der souveränen Übersetzung von Gabriele Haefs kennengelernt.
Ich bin nachhaltig beeindruckt von der einfachen, aber ungemein kraftvollen Sprache, in der Undset eine archaische Saga aus der Wikingerzeit erzählt. Dabei erweist sich dieser historische Stoff als überraschend universell, feministisch und zeitlos. Denn Undset erzählt (und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie bahnbrechend das vor hundert Jahren gewirkt haben muss), die Geschichte einer Vergewaltigung.
Ein wütendes und gleichzeitig unglaublich zart beobachtendes Buch, das seiner Zeit weit voraus gewesen sein muss und nun zurecht neue Aufmerksamkeit bekommt.

zum Produkt € 24,00*

Weißer Asphalt
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Eva Voigt

Eva Voigt

Weißer Asphalt Tobias Wilhelm

gebunden

Ein zielloser Nachtspaziergang mit Freunden.
Die Stimmung ist mittelmäßig. Man weiß nicht so recht wohin mit sich, raucht eine Zigarette nach der anderen, damit wenigstens die Hände beschäftigt sind. Plötzlich flucht jemand laut, rennt los.
Man läuft kopflos hinterher, ohne zu wissen, was geschehen ist. Bloß nicht den Anschluss verlieren.

Diese Assoziation hat "Weisser Asphalt" in mir ausgelöst, als es nach einigen Seiten Fahrt aufnahm und der namenlose Protagonist zum ersten Mal im Verlauf der Geschichte in eine gewalttätige Ausschreitung verwickelt wird. Es wird nicht die einzige bleiben.
Die Geschichte über vier befreundete, junge Männer, die in trostloser Umgebung aufwachsen und Drogenhandel als naheliegende Zukunftsperspektive ansehen, eskaliert schnell.
Das muss sie auch, denn auf 186 Seiten ist kein Platz für unnötige Ausschweifungen. Auch sprachlich verzichtet Tobias Wilhelm auf unnötige Schnörkel, dass er Drehbuch und Dramaturgie studiert hat, scheint Auswirkungen auf seinen Stil gehabt zu haben und schlägt sich auch in den starken Dialogen nieder. Die Gefühlsebene ist durch die Handlungen der Personen impliziert und schwingt höchstens im Subtext mit.
Da müssen die Lesenden schon selbst abstrahieren.

Dieser Debütroman hat zwar einige wenige Seiten gebraucht, mich zu vereinnahmen, mich dann aber restlos überzeugt. Wenn ich mir vor Veröffentlichung dieses Buches jedoch eine Sache hätte wünschen dürfen: Ein weniger vorhersehbarer Titel hätte mir noch besser gefallen.

zum Produkt € 16,00*

Augenblicke in Bernstein
empfohlen von:

Alex Bachler

Alex Bachler

Augenblicke in Bernstein Yoko Ogawa

gebunden

Was für eine Geschichte!
Ich bin bisher nie so richtig mit Yoko Ogawas Büchern warm geworden, aber ich bin froh, dass ich „Augenblicke in Bernstein“ eine Chance gegeben habe! Es ist sehr schwierig, über diese eigentlich simple Geschichte zu sprechen, ohne etwas zu verraten, das man eigentlich selbst kaum verstanden hat. Ogawa erzählt von drei Geschwisterkindern, die von ihrer Mutter auf einem von hohen Mauern umgebenen Grundstück verborgen werden. Ja, verborgen! Sie sind nicht eingesperrt, die Tore sind nicht verschlossen. Doch die drei befolgen die Regeln der ängstlichen Mutter, die als einzige, arbeitend, das Grundstück täglich verlässt und sich der gefährlichen Welt stellt. Die Kinder vergessen ihre Namen und nehmen neue an. Sich nur noch hauchend und wispernd unterhaltend, schaffen sie einen eigenen kleinen stillen Mikrokosmos, spinnen Welten aus Fantasie, lernen aus Enzyklopädien, die ihnen der Vater, der nie Teil dieser Familie war, hinterließ. Innerhalb der Mauern genießen sie allein unter sich, viele Freiheiten. Sie spielen, tanzen und erzählen sich Geschichten, rücken dicht zusammen, aus Angst vor dem bösen Hund, der da draußen lauert...

Der Text ist vielschichtig, surreal und märchenhaft. Aber bald macht sich bei den Lesenden ein mulmiges Gefühl breit, erst subtil, dann immer schwerer, die Idylle bekommt mit Fortschreiten der Zeit Risse. Die unschuldigen, fantastischen Metaphern, die Fantasiegespinste der Kinder scheinen unschöne Dinge zu verpacken… Haruki Murakamis Texte erscheinen gegen diese surreale Geschichte, die auf vielen Wirklichkeitsbenen abläuft, wie trockene, faktenreiche Sachbücher! Ein Buch, das zum Zurückblättern, Träumen und Staunen einlädt und noch lange im Kopf nachklingt!

Aus dem Japanischen übersetzt von Sabine Mangold.

zum Produkt € 22,00*

Feministisch leben!
empfohlen von:

Alex Bachler

Alex Bachler

Feministisch leben! Sara Ahmed

kartoniert

Wer sich feministisch engagiert, gilt schnell als Spaßbremse, Spielverderber*in, als wütend und unglücklich. Sara Ahmed erklärt fundiert und dennoch verständlich, wie unsere Gesellschaft die Figur der "feminist killjoy", fürchtet, sie ausgrenzt, sie aber auch emotional erschöpft. Gleichzeitig gibt Ahmed wichtige Anregungen zur Selbstfürsorge, zum Neu- und Weiterdenken in Sachen Intersektionalität und gibt vielen ausgrenzenden Vorgängen und Machtapparaten einen Namen.
Das Buch ist eine großartige und wichtige Anleitung für alle, die sich in ihrem feministischen Engagement bestärken und gleichzeitig verstehen wollen, auf welche Weise strukturelle Unterdrückung wirkt.

Für alle, die durch Passmann und Stokowski ihren Themeneinstieg fanden und jetzt einige große Schritte weitergehen möchten!

zum Produkt € 19,80*

Die Brandstifter
empfohlen von:

Magda Birkmann

Magda Birkmann

Die Brandstifter R. O. Kwon

gebunden

Will, ein mittelloser Stipendiat aus einfachen Verhältnissen, findet sich im sozialen Gefüge an der Eliteuniversität Edwards nur schwer zurecht, Halt findet er nur in seiner allseits beliebten, quirligen Freundin Phoebe. Doch auch unter Phoebes lebhafter Persönlichkeit liegen dunkle Gefühle verborgen, gibt sie sich doch die Schuld am Tod ihrer Mutter. Die Beziehung von Will und Phoebe gerät ins Wanken, als Phoebe unter den Einfluss des charismatischen wie geheimnisvollen Will Leal gerät und immer mehr Zeit in der von diesem angeführten christlichen Gemeinschaft verbringt. Hilflos muss Will, der Leal für einen Hochstapler hält, mit ansehen, wie Phoebe sich immer weiter radikalisiert. Doch die Mittel, zu denen Will greift, um Phoebe diesem Einfluss zu entziehen, sind ebenso unlauter wie die immer extremer werdenden Methoden der Sekte. Schließlich gipfelt alles in einer Katastrophe, die Will bestürzt zurückblicken lässt im Versuch, zu ergründen, wie es soweit kommen konnte. Aber ist seiner Sicht auf die Ereignisse wirklich zu trauen?

R.O. Kwon ergründet die Abgründe einer zerrütteten, von religiösem Extremismus geprägten Gesellschaft, die sich in den zwischenmenzlichen Beziehungen Einzelner fortsetzen und verstärken, und lässt dabei ihre Leserschaft immer wieder an der eigenen Wahrnehmung zweifeln. Ein starkes Debüt!

zum Produkt € 20,00*

So oder so ist das Leben
empfohlen von:

Cecilia Drain

Cecilia Drain

So oder so ist das Leben Benedikt Feiten

gebunden

„Der große Anton Lobmeier raucht eigentlich nur noch aus einem Grund. Er raucht, damit er weiß, was er als nächstes tut.“ Und solche Momente gibt es in seinem Leben gerade einige. Seine Freundin hat ihn verlassen, seine Mutter stirbt und dann verschwindet auch noch seine beste Freundin. Als noch allerhand andere Dinge schief gehen, beschließt Anton Lobmeier kurzerhand aus dem Scheitern eine Kunst zu machen, kündigt seinen guten Job und hält sich als Pizzalieferant über Wasser.
Während des Lesens habe ich darauf gewartet, dass mich dieses Buch anfängt zu nerven. Das passierte aber nicht. Stattdessen musste ich immer weiterlesen.
In diesem Roman zeigt Benedikt Feiten mit viel Witz, Ironie, einer unglaublichen Situationskomik und auch sehr traurigen und melancholischen Stellen, dass das Leben schon irgendwie weitergeht. So oder so.

zum Produkt € 20,00*

Hier sind Löwen
empfohlen von:

Maria-Christina Piwowarski

Maria-Christina Piwowarski

Hier sind Löwen Katerina Poladjan

gebunden

Wie viele Romane haben Sie schon gelesen, die in Armenien spielen? Man lernt so viel, wenn man beim Lesen reisen darf.
In "Hier sind Löwen" reist Helen nach Jerewan.
Die Buchrestauratorin möchte dort die armenische Buchbindetechnik lernen und ein altes Heilevangeliar reparieren.
Die detaillierten Beschreibungen dieses Handwerks haben mich sehr fasziniert; dieses Hantieren mit Skalpell und Laugen, Klebern, Fäden und Farben, dieses bewusste Zerstören, um etwas erhalten zu können.
Die zweite Erzählebene führt in das Jahr 1915, wo wir lesend zwei Geschwistern folgen, die dem Völkermord zu entkommen versuchen.
Das alles auf nicht einmal 300 Seiten. Kein Wort zu viel und trotzdem atmosphärisch beeindruckend dicht.
Poladjans Sprache ist wasserklar und viele ihrer Sätze unterstreichenswert klug.
Die Liebesgeschichte in diesem Buch (eigentlich habe ich sogar drei darin gefunden) ist wunderbar und ganz und gar über jeden Kitsch erhaben.
Außerdem ist dieser Roman bis in die kleinste Nebenfigur beeindruckend gut besetzt. Am liebsten hätte ich von jedem Protagonisten, jeder Protagonistin einen weiteren Roman von Katerina Poladjan gelesen. Und trotzdem bleibt nichts offen. Außer zu staunen.

zum Produkt € 22,00*

Wer wir sein könnten
empfohlen von:

Ludwig Lohmann

Ludwig Lohmann

Wer wir sein könnten Robert Habeck

gebunden

Ich wage jetzt mal eine steile These: Hätten sich führende RegierungspolitikerInnen in den letzten Jahren die Erkenntnisse dieses kleinen Buches etwas mehr zu Herzen genommen, würden wir jetzt nicht von der Krise der Volksparteien sprechen. Robert Habeck erläutert in „Wer wir sein könnten“ die Mechanismen politischen Sprechens. Dass Kompromisse keine Niederlagen bedeuten müssen, dass Zuhören eine Sache weiterbringen kann, als lautes Grölen, dass Metaphern wie „Flüchtlingswelle“ die Wahrnehmung unserer Welt verändern, dass Sprache ausschließen kann - all das sind keine neuen Erkenntnisse. Der klare, verständliche und sehr flüssige Stil in dem der Bundesvorsitzende der Grünen dieses Wissen als Praxis empfiehlt, erfrischt dennoch. Vielleicht liegt das an seinem Philosophiestudium oder seiner Vergangenheit als Schriftsteller. Seine Verweise auf Luhmann, auf die Frühromantiker und - sehr sehr klug! - auf die Theorie des Gesprächs bei Paul Celan erläutern die Probleme der aktuellen Politik mit den Mitteln der Sprachphilosophie. Aber keine Angst, er schreibt nicht zur Beweihräucherung des eigenen Wissens, sondern erklärend und um Verständnis bemüht. So wie dieses Buch sollte politisches Sprechen sein. Nach Habeck soll es die Hintergründe für Entscheidungen ebenso verdeutlichen, wie die Widersprüche und Debatten, die zu ihnen geführt haben.
Hier äußert sich ein Politiker eloquent zu den Schwierigkeiten und Chancen des Sprechens in der Demokratie. Damit liefert er auf einer Metaebene und ganz ohne parteipolitische Agenda genau jenes Narrativ, auf das viele Bürgerinnen und Bürger in den letzten Jahren verzichten mussten.

zum Produkt € 14,00*

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